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Die „Reform“ bleibt nichtsnutzig  Quelltag:
31.07.2009
Verfasser/Eintrager:
Dankwart Guratzsch/Sigmar Salzburg
Quelle:
DIE WELT online
Die Leidtragenden sind die Schüler
Von Dankwart Guratzsch
Unterschiede in den Neuausgaben von Duden und Wahrig zeigen: Die Rechtschreibreform ist gescheitert

Im verflixten 13. Jahr nach der umstrittenen Rechtschreibreform legen Duden und Wahrig parallel zwei neue deutsche Wörterbücher vor - und bescheinigen damit ungewollt der größten Umstellung der deutschen Schriftsprache seit Konrad Duden ihr völliges Scheitern. Denn statt einer gemeinsamen Orthographie - also Richtigschreibung - für das Deutsche präsentieren sie zwei. Das bereits bestehende Rechtschreibchaos wird dadurch fortgeschrieben - und der von der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Koordination eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung schweigt.

Das Pikante an der Sache: Wahrig und Duden erscheinen neuerdings quasi unter einem Dach: Der neue Herr im Bibliographischen Institut, dem Hausverlag des Duden, ist derselbe Verlag Cornelsen, der mit Bertelsmann auch den Wahrig herausbringt. Wenn also hätte bewiesen werden sollen, dass die linke Hand nicht mehr weiß wie die rechte schreibt, dann hätte man kein besseres Arrangement dafür erdenken können. Doch der Vorsitzende des Rates, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, hat von den Diskrepanzen zwischen beiden Wörterbüchern offenbar noch nichts gemerkt. "Gibt es die?", fragte er unlängst in einem Zeitungsinterview - und bewies damit, dass er die Arbeit der Wörterbuchredaktionen keineswegs verfolgt hat.

Denn es gibt diese Diskrepanzen zuhauf, und das, obwohl dem Rat vor drei Jahren aufgetragen worden war, das durch die Reform angerichtete Chaos zu entwirren. Wenn sich der "Rat" damit überfordert fühlt, so hätte er sich Hilfe holen müssen, etwa bei der Berliner Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die in einer ersten Übersicht 350 Abweichungen aufgelistet hat.

Soll man laut Duden zum Beispiel "bei Weitem" schreiben, so schließt sich Wahrig "bei weitem" noch nicht an. Hält der Duden an der "bismarckschen" Sozialgesetzgebung fest, meint man bei Wahrig, mit den amerikanisch verfremdeten "Bismarck'schen" Sozialgesetzen besser zu fahren. Und so geht es munter weiter: "Schimäre" oder "Chimäre", "tschau!" oder "ciao!", "Kortison" oder "Cortison", "dahin gehend" oder "dahingehend", "Kakofonie" oder "Kakophonie!", "seit Neuestem" oder "seit neuestem", "Play-back" oder "Playback", "Große Koalition" (für den Duden immer, für Wahrig nur von 1966-196, "große Koalition" (für den Duden nie, für Wahrig von 1928-1930) - in beiden Redaktionen herrscht offenbar vollkommene Konfusion über das, was laut Rechtschreibreform "richtig" oder "falsch" ist und was, ganz unabhängig von richtig und falsch "allgemeiner Usus" (also Schriftgebrauch) ist. Aber Ratschef Zehetmair findet "kein Unbehagen" dabei. "Ich habe kein Problem mit Wahrig, der den jetzigen Stand der Orthografie wiedergibt."

Tut er das wirklich? Der "Münchner Merkur" rät zu einem Blick ins Internet: 69 Prozent der Internet-Nutzer schreiben Gemse - und nicht Gämse, wie die Reformer wollten; 72 Prozent ziehen "selbständig" dem reformierten "selbstständig" vor, "und wer das neudeutsche 'Spagetti' eingibt, wird vom Computer wie selbstverständlich gefragt: ,Meinten Sie: Spaghetti?'"

Wenn die KMK dem famosen Rat die Aufgabe gestellt hat, die Schreibweise dem Schriftgebrauch anzupassen, hätte Zehetmair unverzüglich tätig werden und die neuen Unsinnsschreibungen diesem "allgemeinen" Gebrauch anpassen (also zurücknehmen) müssen. Stattdessen bekennt sich der Oberverweser der neuen deutschen Schriftsprache zur altersweisen Untätigkeit: "Der Rat wird intensiv in der Stille arbeiten und die Sprache beobachten - ohne zeitliche und inhaltliche Aufgeregtheit. Er wird nicht durch Beschlüsse weitere offizielle Empfehlungen abgeben." Das heißt aber mit anderen Worten, er gibt seinen Auftrag zurück. Müsste die KMK da nicht unverzüglich die Konsequenz ziehen und die Finanzmittel für diese Rechtschreibvoyeure streichen. Untersucht man die Abweichungen näher, kommt eine interessante Tatsache zutage: Nicht der Rechtschreibrat scheint eine erkennbare Funktion auszuüben, wohl aber die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als Sachwalterin des gedruckten Deutsch. Zumindest Wahrig stützt sich mit seinen Schreibweisen weitgehend auf ihre Empfehlungen.

Damit wiederholt sich ein Phänomen, mit dem sich schon der Schöpfer der deutschen Einheitsrechtschreibung, Konrad Duden, konfrontiert gesehen hatte: Mehrfachschreibweisen ließen sich nicht durchsetzen. Der Widerstand ging von den Buchdruckern aus. Auf einer Tagung in Konstanz 1902 "gaben sie ganz unverhohlen ihrer Missstimmung über die durch die neuen Regelbücher nur noch vermehrte Unsicherheit in der Rechtschreibung Ausdruck". Und so waren es schon damals die gedruckten Medien, die im Kampf um eine einheitliche Schreibweise letztlich obsiegten.

1903 lieferte Duden erstmals einen "Buchdruckerduden" aus, der später mit dem "normalen" Duden verschmolz. Im Untertitel wurde darauf hingewiesen, dass er "auf Anregung und unter Mitwirkung des Deutschen Buchdruckervereins, des Reichsverbandes Österreichischer Buchdruckereibesitzer und des Vereins Schweizerischer Buchdruckereibesitzer" entstand.

Ganz auf diese Linie scheint der neue Wahrig eingeschwenkt zu sein, der sich über weite Strecken an die von dpa vorgeschlagene Gemeinschaftsschreibweise der gedruckten Medien hält. Getreu der Regel, dass in Zweifelsfällen die herkömmliche Schreibweise gelten soll, macht er so manche Eskapaden der Schreibreform nicht mehr mit. Der neue Duden hingegen wirkt wie eine Kampfansage an dieses Konzept. Dabei setzt er jeweils eigene Schreibweisen an die erste Stelle seines Variantensalats und verzichtet auch noch darauf, die Schreibweisen wie bisher je nach Quelle farbig voneinander abzuheben. Der Benutzer soll nicht mehr erfahren, ob er sich in den Ruinen der alten Rechtschreibung oder im Niemandsland der neuen bewegt.

Unterstützung für Wahrig kommt von "Anwendern der Presse und der Verlage" in der Schweiz. Wie die Kollegen in Deutschland unter Führung der dpa, haben auch sie sich auf die Ausarbeitung eigener Rechtschreibregeln geeinigt. Auch hier heißt die Generalregel: "Bei Varianten die herkömmliche", auch hier ist das Ziel, die von den Rechtschreibreformern um den Siegener Linguisten Gerhard Augst zerstörte Einheitlichkeit der Rechtschreibung zurückzugewinnen.

Aber anders als der untätige deutsche "Rat" bietet die "Schweizer Orthographische Konferenz (SOK)" dazu auch Sprachwissenschaftler auf, die sich als kooperativ erweisen.

Als Hauptleidtragende der inzwischen mehrmals nachgebesserten Rechtschreibreform macht die Redaktion der reformkritischen Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" die Schüler aus. "Nicht die Schüler sind zu dumm für die Neuregelung, sondern umgekehrt ist die Rechtschreibreform zu dumm für die Schüler", so Chefredakteur Thomas Paulwitz. Tatsächlich hat der saarländische Germanist Uwe Grund jüngst nachweisen können, dass die Reform ihren Hauptzweck, die Vereinfachung der Rechtschreibung, gerade bei den Heranwachsenden verfehlt.

In einer umfangreichen Studie, in der die Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform verglichen werden, kommt Uwe Grund zu dem Befund, dass die Fehlerquote nicht abgenommen, sondern zugenommen hat: "1. Nach der Rechtschreibreform werden in der Schule erheblich mehr orthographische Fehler gemacht als davor. 2. Die Fehler haben sich - möglicherweise sogar überproportional - in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben. 3. Die Vermehrung der Fehler hat Konsequenzen, die vor allem die Lehrenden und Lernenden schlechter stellen, also jene Sprachteilnehmer, um deretwillen das Reformwerk angeblich geschaffen wurde."

Als Resümee stellt der Germanist Grund die rhetorische Frage: "Gibt es Auswege aus dem ,nationalen Desaster'?" Seine Antwort fällt bildkräftig aus: "Der Teufel muss, wie der Volksmund weiß, zu dem Loch wieder hinaus, zu dem er hereingekommen ist. Das gilt auch für den Fehlerteufel."

welt.de 31.7.09

ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 31.07.2009, 13:30

Reiner Kunzes Rede vor der Friedrich-Naumann-Stiftung  Quelltag:
01.03.2009
Verfasser/Eintrager:
Reiner Kunze/Sigmar Salzburg
Quelle:
WELT ONLINE
Was die Rechtschreibreform mit der Freiheit zu tun hat
 
Reiner Kunze beklagt die Ignoranz der Politiker. Mit ihrer Machtarroganz arbeiten sie jenen in die Hände, die die Freiheit nicht achten und ein anderes System wollen

Was ich Ihnen zu Beginn erzählen werde, betrifft die Sprache. Ich erzähle es Ihnen der Einblicke wegen, die in den vergangenen Jahren manchem die Sprache verschlugen. Als das inzwischen herrschende Orthographieelend noch nicht völlig unabwendbar zu sein schien, fragte ich einen Ministerpräsidenten, der am Rande eines Empfangs meine Frau und mich eines längeren Gesprächs gewürdigt hatte, wie er zur Rechtschreibreform stehe. Er antwortete: "Herr Kunze, ich habe keine Ahnung, worum es da geht." Vielleicht war es diese Ehrlichkeit, der er seine landesväterliche Popularität verdankte. Zwei, drei Tage später hörten wir ihn im Radio mit staatstragender Bestimmtheit sagen, die Rechtschreibreform werde ohne jede Änderung eingeführt, denn sie halte "allen Einwänden stand". Ich werde hier nicht aussprechen, was ich in diesem Augenblick empfand. Nur dies: Für uns, meine Frau und mich, hatte der Mann seine Glaubwürdigkeit verloren.

Anfang 2006 sagte eine Kultusministerin im persönlichen Gespräch, die Rechtschreibreform werde am 1. August kommen, und was danach an der Rechtschreibung geändert werde, interessiere sie nicht mehr. Diese Skrupellosigkeit war mit der Amtsmacht ausgestattet, der Sprache von 100 Millionen Menschen eine jahrzehntelange, vielleicht eine ein Jahrhundert währende Leidenszeit zuzufügen.

Ein führender Parteipolitiker nannte jene, die bis zuletzt darauf gedrängt hatten, wenigstens von den grammatisch falschen und das Sprachgefühl außer Kraft setzenden Regelungen abzusehen, "nur einige Hochwohlgeborene", die meinten, "aus ästhetischen oder sonstigen Gründen" noch immer Einspruch erheben zu müssen. Da schlug Machtarroganz in Herabwürdigung um, und als hochwohlgeborener Bergarbeitersohn entsann ich mich nostalgisch der Finsternis unter Tage, die sich mit der Grubenlampe aufhellen ließ.

Der Bürger, der über Jahre solche oder ähnliche Erfahrungen macht und sich einem Establishment der Gesichts- und Amtsstandswahrung gegenübersieht, das dem Sachargument keine Chance läßt, dieser Bürger kann zu unterschiedlichen Schlüssen gelangen. Derjenige, der weiß, daß die Demokratie nicht besser sein kann als die Menschen, die jeweils für sie verantwortlich sind, wird sich in sein Los schicken, auf unbestimmte Zeit zum stillgelegten gesellschaftlichen Potential zu gehören, vielleicht resigniert, vielleicht aber auch auf das Selbstwehrpotential der Wirklichkeit vertrauend. Wo Sachargumente auf dem toten Gleis stehen, steht Wirklichkeit auf totem Gleis, was sich irgendwann rächen wird, denn jener Teil der Wirklichkeit, in dem von Menschen unabhängige Gesetze gelten, gehorcht uns bekanntlich nicht, ehe nicht wir ihm gehorchen. Der Schluß, den der Bürger zieht, kann aber auch darin bestehen, über Alternativen zu einem Staatswesen nachzudenken, das in bestimmten Bereichen dem Mißbrauch der demokratisch verfaßten Freiheit nicht nur ausgeliefert zu sein scheint, sondern in ihn involviert ist - unbelangbar.

Das jedoch ist die Stunde derer, die, obwohl widerlegt durch ein Jahrhundert systemimmanenter Verweigerung von Grundfreiheiten und Ausrottung ganzer gesellschaftlicher Klassen und Schichten, auf die rechtsstaatliche parlamentarische Demokratie als System verweisen und vorgeben, über den besseren und einzig gerechten Gesellschaftsentwurf zu verfügen. Dabei lassen sie weder über ihr Ziel noch über ihre Strategie im unklaren. Schon 1990 sagte ein in Ost-Berlin lebender Geheimdienstoberstleutnant a. D. einem westdeutschen Reporter: "Die Partei, die ist noch da. Die KPD hat unter viel schwierigeren Umstanden gekämpft. Sie hat nie aufgegeben. Sie gibt vielleicht ihren Namen auf, heißt SED oder PDS, aber sie gibt nie ihr Ziel auf. Warten Sie ab. Das, was hier in der DDR passiert, ist noch lange nicht fertig ... Die darauf hoffen, daß der Kommunismus am Ende ist, hoffen vergebens."
Eine Kernideologin äußerte vor kurzem, es gebe keinen Grund, die Partei "Die Linke" vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Die "Linke" habe es nicht nötig, gegen die Verfassung zu verstoßen, denn diese biete ihr alle Möglichkeiten, den Systemwechsel herbeizuführen. Gefragt, warum er zur Bundespräsidentenwahl antrete, antwortete der Kandidat der Partei "Die Linke" am 15. Oktober 2008 im Sender MDR-info, sein Herz habe schon immer links geschlagen, und er wolle "der 'Linken' helfen, das Haus zu bauen, das sie gern haben möchte". Die nicht ganz unerhebliche Minderheit, die in einem solchen Haus nicht leben möchte, hatte der Kandidat in diesem offenherzigen Augenblick ausgeblendet.

Das Establishment der anderen Parteien geht aber nicht etwa geschlossen auf Distanz zu jener Partei, sondern um eines mehr oder weniger kurzzeitigen Machtgewinns willen umwerben sie Politiker unterschiedlicher Parteiebenen und werten sie Schritt für Schritt auf. Gewiß, man argumentiert, das Gros der Umworbenen hätte sich vom Stalinismus distanziert, und ich bin überzeugt, daß das ehrlich ist. Nur würde man nach der Machtübernahme auf dieses Gros keine Rücksicht nehmen - im Gegenteil. Die Vorstellung, auf welcher Seite dann Demokraten stehen könnten, die heute Parteitagsbeifall spenden, wenn einer "Abweichlerin" gewünscht wird, ihr mögen "die Beine abfaulen", läßt mich schaudern. Nicht wenige Demokraten waren und sind auf einem Auge ideologisch blind und in bestimmter Hinsicht auf beiden Ohren historisch taub, was bereits Lenin 1922 in einem Brief an Tschitscherin in sein internationales politisches Kalkül einbezog. Der Arbeitstitel dieses Kongresses lautet: "Freiheit ein Luxus? Der Arbeiter-und-Bauern-Staat als Paradies in den Köpfen."

Die Frage, wie man "den Freiheitsgedanken attraktiver machen" kann, klingt mir zu sehr nach Herrenausstatter. Es kommt nicht darauf an, den Freiheitsgedanken attraktiver zu machen, sondern es käme - ich bediene mich bewußt des Konjunktivs - darauf an, in der freiheitlichen Demokratie so zu leben und, was das politische, ökonomische und im weitesten Sinne intellektuelle Establishment betrifft, die Demokratie so vorzuleben, daß die Bürger auf den Gedanken kommen, es gibt im Zusammenleben der Menschen Gleichwertiges, aber nichts Wertvolleres als die Freiheit.

Der Autor ist Schriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken zählten "Die wunderbaren Jahre". Er hielt die Rede während des Freiheitskongresses der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im Januar in Berlin

WELT online 1.3.2009

ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 07.03.2009, 14:39

Neue Untersuchung zur Reformeffektivität  Quelltag:
28.07.2008
Verfasser/Eintrager:
Buchmarkt.de/Sigmar Salzburg
Quelle:
Buchmarkt.de
10 Jahre Rechtschreibreform:
Schüler machen doppelt so viele Fehler

Schüler an deutschen Schulen machen seit dem Inkrafttreten der Rechtschreibreform vor zehn Jahren annähernd doppelt so viele Fehler wie zuvor.

Das ist das Ergebnis von vergleichenden Studien, die Dr. Uwe Grund auf der Jahrestagung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) am Wochenende in den Räumen des Ernst Klett Verlags in Stuttgart vorstellte. „Die Fehler haben sich gerade in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben“, so der Dozent an der Universität des Saarlands weiter. Dies entspreche bei gleichen Bewertungsmaßstäben einer Absenkung um eine ganze Note. „Diese Untersuchung leistet, was man von den Kultusministerien hätte erwarten müssen: eine objektive Erfolgskontrolle der Reform“, sagte dazu Reinhard Markner, der Vorsitzende der FDS.

Die Schweizer Buch- und Zeitungsverlage sind im Begriff, eine einheitliche, sprachrichtige und leserfreundliche Rechtschreibung einzuführen. Das berichtete Dr. Urs Breitenstein, der die von der Schweizer Orthographischen Konferenz verabschiedeten Empfehlungen in ihren Grundzügen vorstellte. „Wir haben die Reparaturarbeit fortgesetzt, die der Rat für deutsche Rechtschreibung auf Geheiß der deutschen Politiker abgebrochen hatte“, erklärte der Basler Verleger: „Es wäre sehr zu wünschen, daß sich in Deutschland eine ähnliche Initiative bildet.“



http://www.buchmarkt.de/index.php?mod=news&page=32993
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 30.07.2008, 18:33

Zehetmairs Qual  Quelltag:
29.07.2008 20:04 Uhr
Verfasser/Eintrager:
Steffen Habit /Sigmar Salzburg
Quelle:
Merkur Online
Zehn Jahre Rechtschreibreform:
Spaghetti künftig nur noch ohne „h”?
München - Vor zehn Jahren trat die neue Rechtschreibung an deutschen Schulen in Kraft. Seitdem wurde die umstrittene Reform mehrfach korrigiert. Wir sprachen mit Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rechtschreibrates, über weitere Änderungen, sein schwierigstes Amt und den Unterschied zwischen „pleitegehen” und „Pleite machen”.

- Zum zehnjährigen Jubiläum präsentiert die reformkritische Forschungsgruppe Deutsche Sprache unangenehme Zahlen. Danach hat sich die Fehlerquote bei Schülern drastisch erhöht. Hat die Reform ihr Ziel verfehlt?

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit diese Zahlen zutreffen. Die Untersuchungen, die ich kenne, belegen, dass es an den Schulen keine Probleme gibt. Grundsätzlich gilt aber: Wenn so weitreichende Änderungen wie bei der Rechtschreibreform vorgenommen werden, dauert es natürlich einige Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat.

- Die Rechtschreibreform Fluch oder Segen?

Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen. Das ist aber Schnee von gestern. Ich habe die Verantwortung zu einem Zeitpunkt übernehmen müssen, als die Reform ziemlich unbefriedigende Ergebnisse aufwies. Es ist dann gelungen, einen Konsens herbeizuführen und vieles in die alte Regelung zurückzuführen. Für die Aufregung heute gibt es daher keinen Grund.

- Auf Druck des Rates für deutsche Rechtschreibung wurden einige umstrittene Schreibweisen wieder korrigiert. Sind weitere Änderungen zu erwarten?

Im Mittelpunkt stehen seit zwei Jahren nicht mehr Korrekturen, sondern die Beobachtung der deutschen Sprache. Zum Beispiel schauen wir, ob sich bei den Fremdwörtern gewisse Eindeutschungen durchsetzen. Ich denke da etwa an die „Spaghetti” ohne „h”.

- Korrekturen sind aber nicht ausgeschlossen?

Änderungen sind möglich. Wir werden uns mit den Wörterbuchverlagen unterhalten, ob sie in der nächsten Ausgabe einzelne Änderungen übernehmen. Das ist ein ganz normaler Prozess.

- Die Schweizer Buch- und Zeitungsverlage gehen offenbar einen Schritt weiter. Sie denken über weitreichende Korrekturen nach.

Das mag sein. Ich selbst werde daran nicht mehr beteiligt sein. Sie können mir glauben: Noch einmal nehme ich diese Qual nicht auf mich.

- War der Vorsitz des Rechtschreibrates eine der schwierigsten politischen Aufgaben, die Sie bisher übernommen haben?

Wenn ich es nüchtern betrachte, war es wohl die verantwortungsvollste Aufgabe. Schließlich war der gesamte deutsche Sprachraum betroffen. Außerdem war die Situation, als ich 2004 das Amt übernahm, sehr verfahren.

- Werden Sie persönlich wegen der Reform noch angefeindet?
Nein. Natürlich gibt es noch Kritiker. Im Prinzip herrscht aber Zufriedenheit, dass wir wieder Ruhe haben.

- Können Sie mir kurz erklären: Warum schreibt man „pleitegehen” zusammen und „Pleite machen” auseinander?

Bei „Pleite machen” beinhaltet das „machen” die Frage: Was machen? Dagegen lautet die Frage bei „pleitegehen”: Wie geht man? Das ist ein adjektivisches Verhältnis.

- Das klingt sehr kompliziert.

Es hat aber eine Logik. Das können Sie mir glauben.

- Schreiben Sie selbst nach der neuen oder alten Rechtschreibung?

Ich schreibe nach der neuen Rechtschreibung.

- Wie lange hat es gedauert?

Da ich an vorderster Front mit dem Thema befasst war, ging es relativ schnell.

- Wie lange bleiben Sie noch Vorsitzender des Rechtschreibrates?

Zunächst hat man mir bis 2010 die Bürde auferlegt. So lange muss ich auch noch am Steuer bleiben.

Das Interview führte Steffen Habit


http://www.merkur-online.de/politik/art8808,947827

ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 30.07.2008, 18:26

Zehnjahresrückschau   Quelltag:
30.07.2008
Verfasser/Eintrager:
AFP/Sigmar Salzburg
Quelle:
AFP
Erschöpfte Ruhe nach jahrelangem Streit
 
Frankfurt/Main (AFP) — Der Rat für deutsche Rechtschreibung arbeitet noch - nur nimmt davon kaum noch jemand Notiz. Denn die Zeiten des erbitterten Streits um die Rechtschreibreform scheinen vorbei zu sein. Vor zehn Jahren, am 1. August 1998, wurde das Regelwerk an Deutschlands Schulen eingeführt - begleitet von heftigen Kontroversen und großem Unmut.

Ersehnte FriedhofsruheSchlichtend wirkte erst die Arbeit des Rechtschreibrates, dessen Empfehlungen vor zwei Jahren zu erneuten Änderungen an der Reform führten. Heute herrscht an den Schulen eine erschöpfte Ruhe. Zwar ist kaum jemand wirklich glücklich mit der Reform, aber eine erneute Auseinandersetzung wünscht sich auch niemand.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung wurde als Konsequenz aus der anhaltenden Kritik an der Reform eingerichtet. Die Expertenrunde um ihren Vorsitzenden Hans Zehetmair erarbeitete Nachbesserungsvorschläge, die schließlich am 1. August 2006 an den Schulen eingeführt wurden. Zwei Jahre später ist der Rechtschreibrat zwar nicht abgeschafft, erfüllt seine Aufgaben aber ohne großes öffentliches Interesse. Dabei sollen Schreibweisen nun keineswegs ewig in Stein gemeißelt bleiben. "Änderungen sind möglich", sagte Zehetmair dem "Münchner Merkur". Das sei allerdings ein ganz normaler Prozess. Denkbar sind unter anderem Eindeutschungen von Fremdwörtern. Er denke da etwa an Spaghetti ohne h, nennt der frühere bayerische Kultusminister ein Beispiel.

In der Öffentlichkeit und an den Schulen wird das vermutlich nicht mehr für große Aufregung sorgen. "Das Thema ist an den Schulen vollständig durch, da kräht kein Hahn mehr nach", sagt die Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer. Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, meint, dass sich die große Aufregung um die Reform längst gelegt habe.

Diese Gelassenheit liegt aber nicht in der Überzeugungskraft der Reform begründet, sondern vor allem in der Wirkung der jahrelangen Auseinandersetzung. An den Schulen sei man des Streits müde, sagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Lehrer und Schüler seien des Themas überdrüssig, pflichtet die stellvertretende GEW-Vorsitzende Demmer bei.

Eine rundum positive Bilanz zieht nach zehn Jahren Rechtschreibreform niemand. Auch Zehetmair blickt kritisch zurück: "Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen. Das ist aber Schnee von gestern." Meidinger kritisiert, dass nach wie vor einige Dinge unbefriedigend geregelt seien und es noch eine Menge Widersprüche gebe.

Unabhängig von der Kritik an einzelnen Änderungen sind die Lehrer aber vor allem über das jahrelange Wirrwarr und die lähmende Wirkung der Auseinandersetzung verärgert. In dieser Zeit wären an den Schulen wichtigere Dinge zu tun gewesen, erzürnt sich Lehrerverbandspräsident Kraus. So werde etwa in keinem Industrieland der Muttersprache im Unterricht so wenig Gewicht beigemessen wie in Deutschland.

Die Debatte darum und um andere Probleme an Deutschlands Schulen wird weitergehen. Ein erneuter Streit um die Rechtschreibung ist dagegen nicht in Sicht. Niemand werde Energie und Mut aufbringen, diese Reform noch einmal anzupacken, sagt Kraus. Wer dies dennoch wagt, wird nach Ansicht Demmers nur auf "ungläubiges Staunen" stoßen. Das Thema habe sich "wahrscheinlich für eine ganze Generation erledigt."



http://afp.google.com/article/ALeqM5g3UpPaCLTLe9hA-vvCln2zVD_Dpw
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 30.07.2008, 18:20

Peter Hahne, unterschätzt  Quelltag:
19.04.2008
Verfasser/Eintrager:
Peter Hahne/Sigmar Salzburg
Quelle:
BILD am Sonntag
Über unsere Rechtschreibung und eine Reform gegen das Volk
Gedanken am Sonntag von Peter Hahne
An unsinnige Neuerungen kann ich mich nur schwer gewöhnen. Ich bin erleichtert, dass ich da nicht der Einzige bin. Die BamS-Sonntagsfrage heute auf der letzten Seite bestätigt mir, dass zwei Drittel meiner Altersgenossen genauso denken wie ich: „An die neue Rechtschreibung, die seit August 2006 gilt, haben wir uns nicht gewöhnt.“ Von allen Befragten sind es 62 Prozent, die sich damit schwertun.
Die von unseren Volksvertretern umjubelte Reform ist am Volk vorbeigerauscht. Es geht ja nicht um die Frage, ob man die neuen Regeln akzeptiert. Aber wenn sich nach eineinhalb Jahren die Mehrheit noch nicht einmal daran gewöhnt hat, ist das Jahrhundertwerk eine Pleite.
Dabei hatte man es doch so gut gemeint. Wollte das Schriftbild dem Klang der Sprache anpassen, schwierige Schreibweisen erleichtern und komplizierte Kommaregeln korrigieren. Das ist gründlich danebengegangen.
Sprache bleibt durch Schreiben lebendig, nicht durch die toten Buchstaben von Regeln. Wenn man blödsinnige Buchstabenhaufen à la Flussschifffahrt sieht oder Majonäse und Ketschup schreiben kann, dann sehe ich, was dabei herauskommt, wenn sich Bürokraten unserer Sprache bemächtigen.
Die eingedeutschte Schreibweise von Fremdwörtern ist lächerlich, die neuen Getrennt- und Zusammenschreibungen unverständlich, und warum „überschwänglich behände Gämse“ plötzlich mit „ä“ geschrieben werden, aber Eltern nicht auch vom Wortstamm her „Ältern“ heißen, wer soll sich daran schon gewöhnen?
Hätte man nur vorher auf Volkes Stimme gehört, als man Volkes Schreibe regelte! Sprache und Schreibe gehören zu den wenigen Gemeinsamkeiten, die ein Volk einen. Diese Gemeinsamkeit hat man uns ohne Not genommen, indem nun Alte und Junge, Dichter und Schüler nach unterschiedlichen Regeln und Gewohnheiten schreiben, und jeder schließlich macht, was er will.
Wenn Sprache nicht mehr verbindlich ist, verbindet uns auch nichts mehr. Sprache gilt es zu pflegen, zu kultivieren. Die Bürokraten, die sich mit wirrer Regelwut an der Schreibe versündigten, hätten auf Loriot hören sollen: „Die Pflege der Sprache ist so wichtig wie Umweltschutz.“

BILD am Sonntag, 19.04.2008

BILD
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 28.04.2008, 22:43

   Quelltag:
22.04.2008
Verfasser/Eintrager:
Schweizerische Bundesbehörden/Sigmar Salzburg
Quelle:
http://www.bk.admin.ch
Bundeskanzlei veröffentlicht
\\
Bern, 22.04.2008 - Soeben ist die 3., vollständig überarbeitete Auflage des "Leitfadens zur deutschen Rechtschreibung" erschienen. Dieser will Schreiberinnen und Schreibern in öffentlichen Verwaltungen, aber auch darüber hinaus eine Orientierung geben in der "wichtigsten Nebensächlichkeit" bei der Verwendung der geschriebenen Sprache: der Orthografie. Er legt zudem die "Hausorthografie" für die Bundesverwaltung fest.

Der "Leitfaden zur deutschen Rechtschreibung" setzt das amtliche Regelwerk um, wie es 2006 vom Rat für deutsche Rechtschreibung verabschiedet wurde und von der überwiegenden Zahl der Akteurinnen und Akteure in diesem Gebiet - Schulen, Verlage, Nachrichtenagenturen, öffentliche Verwaltungen - akzeptiert wurde. Erarbeitet und herausgegeben hat ihn die Bundeskanzlei, in Absprache mit dem Präsidium der Staatsschreiberkonferenz.

Der Leitfaden besteht aus einem Regelteil und einem Wörterverzeichnis: Im Regelteil werden die besonders schwierigen Bereiche der deutschen Orthografie in einfacher und verständlicher Weise dargestellt und mit zahlreichen Beispielen illustriert. Wo das amtliche Regelwerk Variantenschreibungen vorsieht, entscheidet sich der Leitfaden manchmal für die eine oder für die andere Variante. Er legt damit die "Hausorthografie" der Bundesverwaltung fest, dürfte aber auch weit über die Bundesverwaltung hinaus ein hilfreiches Instrument sein.
Dazu trägt das Wörterverzeichnis viel bei. Es wurde gegenüber den früheren Auflagen massiv erweitert. Es bietet Orientierung in Zweifelsfällen der Rechtschreibung, sowohl im Bereich der Alltagssprache wie auch - als einem besonderen Akzent - im Bereich des Wortschatzes von Recht, Verwaltung und Politik. Über Verweise aus dem Wörterverzeichnis auf die Randziffern des Regelteils finden die Benutzerinnen und Benutzer die Begründung für eine bestimmte Schreibung.

Der "Leitfaden zur deutschen Rechtschreibung" ist beim Bundesamt für Bauten und Logistik (www.bundespublikationen.admin.ch , Artikel-Nr.104.627 d) erhältlich. Im Internet ist er verfügbar unter http://www.bk.admin.ch > Themen > Sprachen > Hilfsmittel für die Textredaktion und Übersetzung > Leitfäden
Adresse für Rückfragen:
Margret Schiedt, Deutscher Sprachdienst BK
Tel. 031 324 11 07 Mailto:margret.schiedt@bk.admin.ch
Herausgeber:
Bundeskanzlei
Internet: http://www.bk.admin.ch

Die Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft


ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 22.04.2008, 10:25

   Quelltag:
09.02.2008
Verfasser/Eintrager:
dsw/Sigmar Salzburg
Quelle:
Deutsche Sprachwelt
„Narrenfreiheit für die Kultusminister“
 
Am 6. Februar fällte das Verwaltungsgericht Schleswig ein neues Urteil zur Rechtschreibreform, wie die Initiative „WIR gegen die Rechtschreibreform“, Schleswig-Holstein, berichtet. Das Gericht wies in erster Instanz die Klage einer Schülerin ab, für Wörter in traditioneller Rechtschreibung keinen Fehler angerechnet zu erhalten. Es interpretierte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1998 so, daß auch fehlerhafte Regelungen der Kultusminister unangreifbar seien. „Narrenfreiheit für die Kultusminister“ kommentierte der Vater der Schülerin das Urteil. Er will in die Revision gehen. (Klage Az.: 9 A 301/05)
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 10.02.2008, 21:25

So hätten sie die Liste der Einzelfallregelungen allein mit der Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, ausgehandelt. „Der Rat hat dieses Wörterverzeichnis nicht mehr gesehen.“  Quelltag:
24.2.2006
Verfasser/Eintrager:
(APA/dpa)/DS
Quelle:
derStandard.at
Rechtschreibrat minus 1
 
derStandard.at | Kultur | Literatur
24. Februar 2006 12:20

Rechtschreibrat minus 1

Germanist und Reform-Gegner Theodor Ickler steigt aus und prophezeit „enorme Verwirrung“

Darmstadt/Erlangen - Der Germanist und Rechtschreibreform-Gegner Theodor Ickler steigt aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung aus. "Ich bin der Überzeugung, dass sich dort nichts mehr bewegen lässt", sagte Ickler, der bisher für den Schriftstellerverband PEN im Rechtschreibrat saß. Die Vorschläge zur Korrektur der Rechtschreibreform, die der Rat am Montag der Kultusministerkonferenz (KMK) übergeben werde, seien völlig unzureichend. „Große Teile der Reform sind überhaupt nicht mehr behandelt worden“, kritisierte Ickler.
So seien die Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung (Gräuel/Greuel) und zur Schreibung von Fremdwörtern überhaupt nicht mehr zur Sprache gekommen. „Die Groß- und Kleinschreibung ist nur etwa zur Hälfte bearbeitet worden“, bemängelte der Erlanger Hochschulprofessor. Die vorgesehene Anhörung zu diesem Thema habe gar nicht stattgefunden.

„Machwerk“

„Es ist unvermeidlich, dass jetzt eine enorme Verwirrung ausbricht, weil dieses Machwerk völlig unausgegoren ist“, sagte der Wissenschafter. Viele der beibehaltenen Regeln aus dem Reformwerk seien irreführend und fehlerträchtig. „Zehetmair soll nicht sagen können: Die Schriftsteller haben das mitgetragen und sind dabei“, sagte Ickler mit Blick auf den Ratsvorsitzenden, den früheren bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU). Das PEN-Zentrum werde allerdings weiter im Rat mitarbeiten und möglicherweise einen neuen Vertreter entsenden.

„Es war einfach der Wunsch der KMK, zum März ein Ergebnis zu haben“, sagte Ickler. Dahinter stünden nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen: „Der Druck der Schulbuch- und Wörterbuchlobby ist enorm.“ Besonders die großen Wörterbuchverlage hätten im Rat „eine Funktion übernommen, die ihnen gar nicht zusteht“. So hätten sie die Liste der Einzelfallregelungen allein mit der Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, ausgehandelt. „Der Rat hat dieses Wörterverzeichnis nicht mehr gesehen.“

Was für Ickler eine „unglaubliche Verfehlung“ ist:

Besonders verärgert zeigte sich Ickler über die Beibehaltung der umstrittenen Reformen bei der Trennung von Fremdwörtern wie „Di-/agnose“ oder „Bi-/otop“. Diese missachte völlig die Herkunft der Wörter. „Das halte ich für eine unglaubliche Verfehlung und auch für eine Geringschätzung und Verachtung der Schüler, denen man das als gleichwertig vorsetzt.“ Unzureichend nannte Ickler außerdem die Änderungsvorschläge zur Zeichensetzung.

Entscheidend könnte nach Ansicht Icklers nun die Reaktion reformkritischer Medien wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Blätter des Springer-Verlags sein. „Am besten wäre es, wenn sich jetzt die Medien zusammenfänden und sagten, wir bleiben einfach bei der alten Rechtschreibung.“ Möglicherweise werde sich auch trotz einer offiziellen Billigung der Vorschläge „in der Praxis eine konservative Schreibung“ durchsetzen. „Das halte ich auch für wahrscheinlich“, sagte Ickler. (APA/dpa)
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 24.02.2006, 16:49

Spieglein  Quelltag:
29.7.2005
Verfasser/Eintrager:
Susanne Gabriel, AP/1
Quelle:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,367302,00.html

 
RECHTSCHREIBREFORM
Der Countdown läuft
Schüler und Beamte, die muß schreiben, können dies nur noch bis kommenden Montag tun. Dann werden die neuen Schreibungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz verbindlich. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen ist die Reform kein Muss. Rück- und Ausblick auf eine Debatte ohne Punkt und Komma.

Frankfurt/Main – Eigentlich sollte der Streit über die Rechtschreibreform am 1. August zumindest vorläufig beendet sein: An diesem Tag, so war mehrfach entschieden worden, sollten die 1996 beschlossenen Änderungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbindlich in Kraft treten. Nun sind Bayern und Nordrhein-Westfalen ausgeschert - sie wollen abwarten, bis noch strittige Punkte geklärt sind. Gegner der Rechtschreibreform frohlockten; Politiker zeigten sich schockiert, weil sich Edmund Stoiber und Jürgen Rüttgers über einen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz hinwegsetzten.

Was muss, das muss

Für die Schulen, in denen zum Teil schon seit sieben Jahren die neue Rechtschreibung unterrichtet wird, bedeutet die Entscheidung der zwei Regierungschefs konkret: Schüler in Bayern und Nordrhein-Westfalen dürfen das Wort "muss" weiterhin als "muß" schreiben - es wird rot angestrichen, aber nicht als Fehler gewertet. Anders in den übrigen Bundesländern - hier wird ein Großteil der neuen Regeln von Montag an für alle Schüler konsequent umgesetzt, Verstöße werden geahndet.

Auch die Verwaltungen sind ab dem 1. August verpflichtet, die Rechtschreibreform zu beachten. Davon ausgenommen sind die Bereiche, in denen der Rat für deutsche Rechtschreibung Neuerungsvorschläge angekündigt hat, nämlich die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Worttrennung am Zeilenende und die Zeichensetzung.

Auf eben diese Vorschläge wollen Bayern und Nordrhein-Westfalen warten, bevor sie die neuen Rechtschreibregeln verpflichtend einführen. Für die Schüler sei es verlässlicher, die bisherige "Phase des Übens" andauern zu lassen, sagte die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer.

Möglicherweise komme ja nach der Ratsentscheidung in ein oder zwei Jahren wieder eine Änderung, man wolle kein Hin und Her. Der von der Kultusministerkonferenz (KMK) eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung hat auf seiner letzten Sitzung Anfang Juli empfohlen, wieder mehr Wörter zusammenzuschreiben. Das Thema Worttrennung soll bei der nächsten Sitzung Ende Oktober auf der Tagesordnung stehen. Auch in anderen Punkten sind die neuen Regeln bereits revidiert worden.

Gerangel ohne Punkt und Komma

Die extrem wechselhafte Geschichte der Rechtschreibreform reicht inzwischen 13 Jahre zurück. Erstmals 1992 von Sprachwissenschaftlern vorgelegt, unterzeichneten 1996 Vertreter der deutschsprachigen Staaten in Wien eine gemeinsame Absichtserklärung. Danach sollten die neuen Regeln ab 1. August 1998 in Schulen und Behörden gelten. Bis August 2005 wollte man die alten Schreibweisen dulden.

Die Gegner der Reform bemühten daraufhin die Gerichte bis in die obersten Instanzen von Bundesverfassungs- und Bundesverwaltungsgericht. In Schleswig-Holstein wehrten sich die Bürger sogar per Volksentscheid gegen die neuen Regeln, bevor eine neue Landesregierung sie dann doch an den Schulen einführte. Schon ein Jahr nach der Umstellung der Rechtschreibung bei den deutschen Nachrichtenagenturen und damit auch im deutschen Zeitungswesen im August 1999 kehrte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Mitte 2000 zu den alten Regeln zurück.

Ebenfalls 2004 beschlossen KMK und Ministerpräsidentenkonferenz endgültig die verbindliche Einführung zum 1. August 2005. Zugleich wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt. Als diesem Gremium in der ersten Jahreshälfte 2005 mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einer der prominentesten Gegner der Reform beigetreten war, freute sich der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair: "Damit ist der von den Kultusministern zur Wiederherstellung des Rechtschreibfriedens eingesetzte Rat endgültig komplett."

Aber allen Beschlüssen und Vereinbarungen zum Trotz: Der Streit über die neuen Regeln ist noch lange nicht beigelegt, wie die Positionen Bayerns und Nordrhein-Westfalens zeigen. Auch zahlreiche Schriftsteller halten, ebenso wie mehrere Verlage, an der alten Orthografie fest.

Wie unbeschwert ging dagegen vor mehr als 200 Jahren ihr berühmter Kollege Johann Wolfgang von Goethe das Problem der korrekten Schreibweise an: "Mir war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig", erklärte er. "Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte."

Susanne Gabriel, AP
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 29.07.2005, 18:11

Ein Journalist macht Günter Grass für das Rechtschreibchaos verantwortlich  Quelltag:
23.07.2005
Verfasser/Eintrager:
Günter Loew/Günter Loew
Quelle:
Hanauer Anzeiger Nr. 169
Ein argumentativer Salto mortale
Leserbrief zum Kommentar im HA von Jürgen Harde \\
Leserbrief zu:
Noch mehr Chaos
Von Joachim Harde
Hanauer Anzeiger Nr. 164, 18.7.2005, S. 2


Wenn man es nicht schwarz auf weiß vor sich sähe, würde man’s nicht glauben, daß ein Journalist auf die Wahnsinnsidee verfallen könnte, ausgerechnet Günter Grass für das von der Rechtschreibreform angerichtete Chaos mitverantwortlich zu machen. In dem „Kommentar“ von Joachim Harde zu der dpa-Meldung, daß Bayern und Nordrhein-Westfalen die Rechtschreibreform (vorerst) aussetzen, liest sich dieser argumentative Salto mortale so: „Aber nicht nur Politiker und Fachleute sind für das Chaos verantwortlich, sondern auch Prominente wie Günter Grass, der sich nicht an die neuen Regeln halten will. Auch das kommt bei den Schülern nicht gut an. Was sollen die davon halten, wenn von ihnen verlangt wird, aufwändig mit „ä“ zu schreiben, es aber in den Büchern des Literaturnobelpreisträgers weiterhin mit „e“ steht.“

Joachim Harde scheint tatsächlich zu glauben, daß die KMK als länderübergreifendes Organ der deutschen Kultusminister die Regelungsgewalt über die deutsche Orthographie besäße und sich auch die deutschen Schriftsteller als gehorsame Staatsbürger nach den Vorschriften dieses Gremiums richten müßten. Die KMK ist aber ein Organ der exekutiven Gewalt und besitzt als solches keinerlei legislative Kompetenz. Daran hat sich auch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 14.7.1998 nichts geändert. Das Bundesverfassungsgericht hat der KMK lediglich das Recht zugebilligt, daß sie ohne vorherige Ermächtigung durch die Parlamente, die nach Artikel 80 des Grundgesetzes für eine Rechtsverordnung nötig gewesen wäre, einen orthographischen Regelungsversuch vornehmen durfte, weil die Rechtschreibung im deutschen Sprachraum „nicht auf Rechtsnormen, sondern auf sprachlichen und damit außerrechtlichen Regeln“ beruhe, „die auf Akzeptanz angewiesen seien“ (im Urteil auf S. 21/22). Weil es sich dabei also gar nicht um eine Rechtsverordnung handelte, hat das Gericht auch Wert auf die folgende Klarstellung gelegt: „Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt.“ (S. 59)

Nur wer von diesem Hintergrund keine Ahnung hat oder total obrigkeitshörig ist, wird auf die Schnapsidee verfallen können, die deutschsprachigen Schriftsteller dafür verantwortlich zu machen, daß die Schüler in der von ihnen gelesenen Literatur auf ganz andere Schreibungen stoßen, als sie sie von der Schule her kennen. Die Verantwortung für diesen skandalösen Tatbestand tragen einzig und allein die Kultusminister, die als kompetente Politiker und verantwortungsbewußte Menschen diese verheerende Folge ihrer Eingriffe in die deutsche Orthographie natürlich unbedingt hätten vorhersehen müssen. Da sie aber weder auf die Proteste der Bevölkerung und der kulturellen Eliten der Nation etwas gaben noch sich durch den Volksentscheid in Schleswig-Holstein von ihrem sprach- und kulturzerstörerischen Tun abbringen ließen und noch nicht einmal auf die weltweit anerkannten deutschen Schriftsteller, darunter die Nobelpreisträger Günter Grass und Elfriede Jelinek, hören mochten, haben sie sich jetzt durch eigenes Verschulden selbst die Qualifikation für ihr Amt abgesprochen: Ministern, die nicht einmal gemerkt haben, daß in dem von ihnen für „unstrittig“ erklärten Kapitel der Groß- und Kleinschreibung dicke Grammatikfehler enthalten sind, oder die sich mit der Arroganz der Macht sogar einfach darüber hinwegsetzen wollten und beschlossen haben, diese fehlerhaften Schreibungen vom 1. August an für verbindlich zu erklären und somit notenrelevant zu machen, kann man die Verantwortung für die deutsche Kultur nicht mehr anvertrauen.

Die Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen haben jetzt die Notbremse gezogen und ihnen die Sache kraft ihrer eigenen Verantwortung für die deutsche Sprachkultur aus der Hand genommen

ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 23.07.2005, 12:30

„Verbohrtheit“  Quelltag:
17.7.2005
Verfasser/Eintrager:
Johannes Breckner/1
Quelle:
http://www.echo-online.de/unsere_meinung/meinung_detail.php3?id=312700
„Rechtschreibreform: Ein gutes Beispiel
 
Die Geschichte der deutschen Rechtschreibreform hat viele kuriose Kapitel. Mit der Entscheidung mehrerer Bundesländer, die endgültige Einführung der neuen Rechtschreibung weiter hinauszuzögern, ist ein weiteres hinzugekommen.

Zwar hatten die Kultusminister einstimmig beschlossen, die unstrittigen Teile der Reform zum 1. August an den Schulen verbindlich zu machen. Wenigstens in Bayern und Nordrhein-Westfalen sind ihnen jetzt die Regierungschefs in den Rücken gefallen.

Niedersachsen wackelt noch mit seiner Entscheidung, Hessen will den beschlossenen Weg fortsetzen. Man kann also sicher sein, dass das deutsche Rechtschreib-Durcheinander auch nach dem 1. August noch fortgesetzt wird. Was dem Darmstädter Schüler als Fehler angestrichen wird, wird in München weiterhin toleriert.

Dabei spricht einiges dafür, abzuwarten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Beratungen abgeschlossen hat. Er hat seine Arbeit ja erst begonnen und von Anfang an durch kluge Sacharbeit überzeugt.

Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair hat deutlich gemacht, dass das Gremium sich weder den Zeitplan noch seine Tagesordnung vorschreiben lassen will. Die Formulierung der Kultusminister, man wolle nur die „unstrittigen“ Teile der Reform verbindlich werden lassen, weist auf den Kern des Problems. Denn welches die unstrittigen Teile sind, ist umstritten.

Mit den Vorschlägen zur Getrennt- und Zusammenschreibung hat der Rechtschreibrat seine Arbeit ja erst begonnen. Und seine Mitglieder sind beispielsweise mit der Reform der Groß- und Kleinschreibung keineswegs so einverstanden, wie es die Kultusminister behaupten.

Die Kultusminister haben den Rechtschreibrat eingesetzt, als sie sahen, dass ihr Reformwerk ohne Veränderungen keine Chance hat, akzeptiert zu werden. Aber kurz nach der Einsetzung haben sie versucht, einen Teil der Regeln verbindlich zu zementieren.

Das mag aus ihrer Sicht ja verständlich sein: Je länger der Rat tagt, desto weniger wird von der ursprünglichen Reform noch übrig bleiben. Erst die Kompetenz von Experten zu bemühen, um sich dann darüber hinwegzusetzen, zeigt freilich eine gewisse Verbohrtheit.

In der Geschichte der Rechtschreibreform haben schon mehrfach einsame Entscheidungen rasch Nachahmer gefunden. Es wäre gut, wenn die anderen Bundesländer dem Beispiel aus München und Düsseldorf folgten und die Übergangsfrist verlängerten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Arbeit erledigt hat. Sie riskieren nichts, aber sie gewinnen die Chance auf eine vernünftige, von Schreibern und Lesern akzeptierte Reform.“
Johannes Breckner
17.7.2005
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 17.07.2005, 21:11

Argumente- und zielschwacher Lehrerverbandpräsident, der bei krank schreiben nicht aufmerkt  Quelltag:
3.6.2005
Verfasser/Eintrager:
Sagenschneider, Kraus/1
Quelle:
Deutschlandfunk
Lehrerverband kritisiert Rechtschreibreform
Kraus fordert langfristige Regelungen
Lehrerverband kritisiert Rechtschreibreform
Kraus fordert langfristige Regelungen
Moderation: Marie Sagenschneider
Der Deutsche Lehrerverband hält seine Kritik an der geplanten Rechtschreibreform aufrecht. Auch die nun vorliegenden Pläne seien "wieder nichts Fertiges", sagte Verbandspräsident Josef Kraus. Man hätte dem Rat für Rechtschreibung ein Jahr länger Zeit geben sollen.

Sagenschneider: "Eis laufen", "voll quatschen", "auseinander setzen" - das hat erst mal gar nichts miteinander zu tun, außer dass man dies nach den neuen Rechtschreibregeln nicht mehr zusammenschreibt, sondern trennt. Eis laufen, voll quatschen, auseinander setzen - und da wird es dann schon schwierig. Ob dies wieder rückgängig gemacht werden soll, auch darüber wird heute das zuständige Expertengremium, der Rat für deutsche Rechtschreibung, beraten - gestern schon hatte die KMK, die Kultusministerkonferenz, beschlossen, die mittlerweile unstrittigen Teile der Rechtschreibreform ab dem 1. August in Kraft zu setzen, was bedeutet: Nach einer Übergangsfrist von sieben Jahren, denn 1998 wurde die Reform in den Schulen eingeführt, ist das Neue richtig, das Alte wird rot angestrichen, als Fehler. Da brechen also härtere Zeiten an für die Schüler und auch darüber wollen wir nun hier im Deutschlandradio Kultur mit Josef Kraus sprechen, er ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Was ist denn eigentlich unstrittig? Welche Neuerungen sollen jetzt ab dem 1. August dann wirklich gelten?

Kraus: Also im Wesentlichen ist das natürlich die s-Schreibung, das ist ja der Kernbestand des ganzen Reformpaketes, nämlich dass man in weiten Bereichen das herkömmliche scharfe s nach kurzem Vokal abgeschafft hat und hier ein Doppel-s macht ...

Sagenschneider: ... "Fluss" und "dass" und so.

Kraus: Ja, richtig, also die Konjunktion "dass" beispielsweise, wobei man allerdings dazu sagen muss, es ist dadurch nicht unbedingt leichter geworden. Aber das ist unstrittig, das hat sich in weiten Bereichen durchgesetzt und auch die Lehrer haben da keine Klagen - es ist nicht leichter geworden, aber es ist in sich schlüssig und systematisch und da will niemand mehr dran.

Sagenschneider: Und das, was ich vorher angesprochen habe, das Aufeinandertreffen von Adverbien und Verben, also "auseinander setzen", "krank schreiben", das ist noch umstritten?

Kraus: Das ist noch umstritten, sowohl im Schulbereich wie auch im Bereich der professionellen Schreiber, weil man einfach festgestellt hat, es geht damit Semantik verloren, es gehen die Möglichkeiten semantischer Differenzierungen verloren. Ich nenne mal ein Beispiel: "Wohl bekannt" auseinander geschrieben hat natürlich eine andere Bedeutung, wenn man es auseinander schreibt bedeutet es ungefähr soviel wie "na ja, so halb bekannt" oder "gar nicht so ganz bekannt", und "wohlbekannt" zusammengeschrieben ist natürlich eine Steigerung von "bekannt", also "sehr bekannt". Diese Unterscheidung könnte man nicht mehr machen, wenn generell auseinander geschrieben werden muss. Und diese Dinge sind noch mal auf den Prüfstand gestellt worden und da will der Rat der deutschen Rechtschreibung unter der Führung des ehemaligen bayerischen Kultusministers Zehetmair im Wesentlichen wieder zu den herkömmlichen Möglichkeiten zurück, nämlich dass man differenzieren kann, dass beides möglich ist, je nach semantischer Absicht.

Sagenschneider: Ein Zweites, was noch umstritten ist, ist die Silbentrennung. Also das ist auch noch Gegenstand der Beratung und das ist natürlich auch zum Teil unschön, weil ungewohnt einfach. Also, "A-bitur" nach dem "A" schon trennen zu können oder "I-gel" nach dem "I", das ist schon merkwürdig, aber man sagt, nach dem Gehör ist das natürlich logisch. Man sagt ja "A-bi-tur".

Kraus: Da muss man sicherlich die akustische und die visuelle Wahrnehmung unterscheiden. Es tut wirklich weh, wenn man die Präposition "über" trennt: "ü", Strich, "ber". Aber Sie haben natürlich Recht vom Akustischen her. Also, es ist jetzt nicht ein großer Knackpunkt, aber aus optischen Gründen wäre es vernünftig, da wieder zu den herkömmlichen Regeln zu kommen.

Sagenschneider: Die Situation jetzt bedeutet ja, dass ein Teil wirklich in Kraft tritt und ein anderer Teil möglicherweise später, möglicherweise es auch noch mal eine Reform der Reform gibt. Welche Auswirkung hat das eigentlich für die Schulen jetzt, diese Situation, in der wir uns befinden?

Kraus: Zunächst mal ein Bereich vorweg noch genannt, der auch auf den Prüfstand gestellt werden muss, das ist natürlich die Zeichensetzung. Also es ist ja interessant, dass die meisten Verlage die herkömmliche Zeichensetzung praktizieren - aus Gründen der Lesbarkeit. Man hat bei der Reform der Zeichensetzung zu sehr an den Schreiber gedacht, aber zu wenig daran gedacht, dass natürlich ein Tausendfaches von dem gelesen wird und ein entsprechendes Komma ist natürlich eine Hilfe beim Sinn entnehmenden Lesen. Aber jetzt zu Ihrer Frage, was das für Auswirkungen hat: Nun, es ist halt wieder nichts Fertiges. Und das ist das, was mich ein bisschen stört mit Blick auf Pädagogik, mit Blick auf Schule, auf Deutschunterricht, dass wieder das Gefühl besteht, na ja, also da kommt noch mal was und abschließen können wir es jetzt auch wieder nicht und die Lehrer und Schüler sagen: Nächstes Jahr müssen wir uns unter Umständen wieder in Teilbereichen umstellen - also vernünftiger wäre es wahrscheinlich schon gewesen, den Rat zur Rechtschreibung noch ein Jahr konsequent und solide arbeiten zu lassen, den Termin zu verlängern auf 1. August 2006.

Sagenschneider: Mittlerweile wird die Reform ja seit sieben Jahren schon in den Schulen gelehrt, seit 1998. Wie sind denn bisher die Erfahrungen? Hat sich das eingepegelt, hat es sich vielleicht auch bewährt?

Kraus: Also eingepegelt hat sich sicherlich die neue s-Schreibung. Da gibt es unterschiedliche Auffassungen, ob damit die Fehler weniger geworden sind. Also wenn die Fehler weniger geworden sind, dann sicherlich nicht im großen Umfang, im großen Stil. Ansonsten hat man natürlich in der Schule gelernt, die Rechtschreibung ein bisschen großzügiger anzugehen in der Korrektur. Die Kinder dürften nicht die Leidtragenden dessen sein, dass sich die Experten da nicht einigen konnten. Die Luft ist im Wesentlichen raus, also die große Aufregung, die wir 1998 hatten, die wir letztes Jahr hatten bei der Umstellung maßgeblicher Zeitungen, die ist ein bisschen raus. Was wir uns in den Schulen wünschen, ist jetzt wirklich einfach mal ein abschließendes Ergebnis, dass man sagen kann: Okay, das, was jetzt gesagt wurde, das gilt jetzt einfach mal für die nächsten ein, zwei Jahrzehnte oder ein, zwei Schülergenerationen. Da sind wir aber leider noch nicht ganz hingekommen.
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 03.06.2005, 16:49

Der Rat äußert sich zu den Wörterverboten, nennt sie aber nicht so  Quelltag:
Donnerstag, 2. Juni 2005, 16:38
Verfasser/Eintrager:
 /1
Quelle:
http://www.moz.de/showArticle.php?OPENNAV=aktuelles&SUBNAV=kultur&ID=60123
Rat für Rechtschreibung tagt in Mannheim
 
Rat für Rechtschreibung tagt in Mannheim
Mannheim (ddp) Der Rat für Deutsche Rechtschreibung kommt am Freitag in Mannheim zu einer möglicherweise entscheidenden Sitzung zusammen. Es wird erwartet, dass das 36-köpfige Expertengremium bei seinem vierten Treffen Empfehlungen zur umstrittenen Getrennt- und Zusammenschreibung beschließt. Eine eigens eingerichtete siebenköpfige Arbeitsgruppe hat bereits Verbesserungsvorschläge erarbeitet und dabei für eine weitgehende Rückkehr zu den alten Regeln plädiert.

Demnach sollen in vielen Fällen Wörter wieder zusammengeschrieben werden, die nach den neuen Regeln getrennt geschrieben werden. So soll es wieder "auseinandersetzen", "leidtun" und "eislaufen" statt "auseinander setzen", "Leid tun" und "Eis laufen" heißen. Der Rat hat auch die Aufgabe, zur Zeichensetzung und Silbentrennung Änderungsvorschläge auszuarbeiten. Das Gremium braucht für seine Beschlüsse jeweils eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Der Rat war nach der heftiger Kritik an der neuen Rechtschreibung von der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufene worden. Die Rechtschreibreform soll zum 1. August endgültig in Kraft treten. Die KMK, die letztlich über mögliche Korrekturen an der Reform entscheidet, berät noch bis Freitag in Quedlinburg über die Neuregelungen.
ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 03.06.2005, 05:53

Wörterverbote („Getrenntschreibung“) nach wie vor heftig umstritten  Quelltag:
1.06.05, 16:09h
Verfasser/Eintrager:
dpa/1
Quelle:
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1117439129256&open
Kultusminister beraten über Rechtschreibreform
Im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz steht Umsetzung der deutschen Sprache
Quedlinburg  
Kultusminister beraten über Rechtschreibreform
Im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz steht Umsetzung der deutschen Sprache


erstellt 01.06.05, 16:09h
Quedlinburg/Mannheim/dpa.  Die Kultusminister der Länder treffen sich an diesem Donnerstag zu einer zweitägigen Konferenz in Quedlinburg. Im Mittelpunkt steht die Umsetzung der Rechtschreibreform der deutschen Sprache, deren unstrittige Bestandteile nach bisherigem Fahrplan am 1. August für die deutschen Schulen und Behörden verbindlich werden sollen.

Zur heftig umstrittenen Getrennt- und Zusammenschreibung in dem Regelwerk will unterdessen der Rat für deutsche Rechtschreibung auf seiner vierten Sitzung am Freitag in Mannheim Änderungsvorschläge beschließen. Wann diese umgesetzt werden, ist offen. Möglicherweise wird es eine Übergangsfrist geben, als realistisch gilt ein Zeitraum von einem Jahr.

Neben der Getrennt- und Zusammenschreibung sind auch noch Fragen der Silbentrennung und Zeichensetzung sowie der Eindeutschung von Fremdwörtern ungeklärt. Daher wird es neben den am Freitag und am 1. Juli geplanten Zusammenkünften des Rats für deutsche Rechtschreibung wohl noch weitere Sitzungen des Gremiums geben. Das letzte Wort bei den Änderungen hat - im Verbund mit Österreich und der Schweiz - die Kultusministerkonferenz (KMK).

In Quedlinburg wollen die Minister neben der Rechtschreibung auch über Studiengebühren und eine Reform der Berufsbildung sprechen. In einem Gespräch mit dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, geht es um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt.

ganzen Faden zeigen   ändern   Zeit: 02.06.2005, 14:53

 

 



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