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   Quelltag:
28.3.2003
Verfasser/Eintrager:
Peter Eisenberg/
Quelle:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 74 / Seite 46
Man muß wieder schreiben dürfen, was man fühlt
Die zweitbeste Lösung: Über den Kompromißvorschlag der deutschen Akademie zur Rechtschreibreform



Immer noch einmal die Orthographiereform? Seit den Beschlüssen von 1996 sind sieben Jahre vergangen, ohne daß klargeworden wäre, wohin nach Meinung der verantwortlichen Kultusminister die Reise gehen soll. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat nun unter dem Titel „Zur Reform der deutschen Rechtschreibung“ ihren Kompromißvorschlag vorgestellt (erschienen im Wallstein Verlag). Der ehemalige Präsident der Akademie, Christian Meier, legt in einem kurzen Text die allgemeinen Gründe für die Initiative der Akademie dar. Es folgt eine übersichtliche Abhandlung zu den einzelnen Bereichen der Orthographie, in der festgestellt wird, was nach Auffassung der Akademie von der Neuregelung übernommen werden sollte und was nicht. Kern und umfangreichsten Teil des Buches bildet die Wörterliste mit den geänderten Wortschreibungen.

Um auf einen Blick zu zeigen, was die Neuregelung tatsächlich bewirkt, werden die Wortschreibungen in vier parallel geführten Spalten gelistet. Die erste Spalte enthält die alten Schreibweisen, übernommen aus dem letzten Rechtschreibduden vor der Neuregelung (der sogenannte Vereinigungsduden von 1991). Die zweite Spalte vereinigt Neuschreibungen, die sich in den beiden auflagenstärksten Rechtschreibwörterbüchern von 1996 finden, das sind der Duden und der Bertelsmann. Die dritte Spalte zeigt, was daraus in der Neuauflage des Duden im Jahr 2000 geworden ist. Man erkennt eine Rückbautendenz. Schreibungen wie „abscheuerregend“ oder „aufsehenerregend“ sollen wieder möglich sein, 1996 galten nur „Abscheu erregend“ und „Aufsehen erregend“. Die vierte Spalte enthält für jeden Eintrag das, was die Akademie als Schreibweise empfiehlt.

Insgesamt beruht die Liste auf einer systematischen Durchforstung und Vergleichung von vier Rechtschreibwörterbüchern mit je etwa 115 000 Einträgen. Eine derartige Übersicht gab es erstaunlicherweise bisher nicht. Ihr Vorhandensein wird hoffentlich dazu führen, daß mancher Streit an falschen Fronten künftig vermeidbar ist. Das Ergebnis der Riesenarbeit ist in mehr als einer Beziehung von Interesse für die Bewertung der Neuregelung und den weiteren Umgang mit ihr.

So ist das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Zulässigkeit eines Eingriffs in die gewachsene Rechtschreibung (Juli 199 von einer Änderungsrate ausgegangen, die bei 0,5 Prozent des Wortschatzes liegt. Unsere Auswertung der Rechtschreibwörterbücher ergibt dagegen eine Rate von über zwei Prozent, dazu kommen knapp ein Prozent durch Beseitigung des „ß“ nach Kurzvokalbuchstabe („Fluss“ statt „Fluß“) sowie etwa sechzehn Prozent durch Neuerungen bei der Silbentrennung. Insgesamt sind damit fast zwanzig Prozent des Wortschatzes betroffen.

Ein weiteres allgemeines Ergebnis ist, daß die Möglichkeiten der alten Schreibung teilweise falsch eingeschätzt wurden. So findet sich im Duden von 1991 das Wort „holzverarbeitend“, in der Neuregelung dagegen die Schreibung „Holz verarbeitend“. Diese Schreibweise war nach alter Orthographie natürlich ebenfalls möglich. Sie stand aber nicht im Wörterbuch, weil es sich dabei nicht um ein Wort, sondern um eine syntaktische Fügung aus Partizip und seinem direkten Objekt („verarbeitend wen oder was?“) handelt. Die Reform rückt damit in ein neues Licht. Sie ersetzt nicht eine Schreibung durch eine andere, sondern sie schließt von zwei früher möglichen eine aus. Im Ergebnis ist sie damit nicht, wie häufig behauptet wird, liberaler, sondern sie ist rigider als die alte Regelung.

Die Akademie hat - wo immer möglich - versucht, die Vielfalt der früheren Schreibweisen in der Wörterliste erkennbar zu machen. Denn hier liegt ein Grund dafür, daß gerade versierte Schreiber die Neuregelung intuitiv ablehnen. Dem Wörterverzeichnis wurde deshalb eine kurze Erläuterung beigegeben, die zeigen soll, wie Wörterbucheinträge zu verstehen sind. Auf die Bedeutung dieses Punktes kann gar nicht deutlich genug hingewiesen werden.

Der Kompromißvorschlag der Akademie ist inhaltlich substantiell, insofern er wesentliche Teile der Neuregelung akzeptiert und wesentliche Teile zurückweist. Akzeptiert wird eine Reihe von Einzelveränderungen wie die Schreibung „rau“ statt „rauh“ analog zu „lau“ und „blau“ oder die Schreibung „geschrien“ statt „geschrieen“ analog zu „die Knie“ oder „die Seen“. Sind größere Bereiche betroffen, so folgt die Akademie der Neuregelung nur dann, wenn diese strukturell eindeutig festliegen und damit von begrenzter Reichweite sind.

Dazu gehört an erster Stelle die Ersetzung des „ß“ durch „ss“ nach Kurzvokalbuchstabe. Die alte Regelung war systematisch, eine Änderung nicht erforderlich. Die Neuregelung ist aber ebenfalls systematisch, und sie ist das Aushängeschild des ganzen Unternehmens, häufig auch seine einzige praktische Konsequenz. Sie hat gewisse Vorteile und birgt gewisse Risiken, letzteres vor allem, weil sie übergeneralisiert werden kann: Dann entstehen Schweizer Schreibungen wie „Strasse“ oder „aussen“. Wir akzeptieren sie dennoch, weil wir meinen, daß man mit ihr viel eher leben kann als mit den Eingriffen in die Getrenntschreibung oder die Großschreibung von Substantiven. Akzeptiert werden beispielsweise auch Schreibweisen wie „potenziell“ neben „potentiell“, wenn es für beide eine morphologische Basis gibt, hier etwa „Potenz“ neben „potent“. An solchen Stellen ist die Neuregelung tatsächlich liberal und aus Sicht einer synchronen strukturellen Analyse auch vernünftig.

Wie zu erwarten, werden von der Akademie vor allem die mechanischen Durchregelungen bei der Getrenntschreibung sowie bei der Großschreibung abgelehnt. Es geht nicht an, etwa Wörter der Typen „kennenlernen“, „festhalten“, „ratsuchend“ oder „kopfstehen“ abzuschaffen und durch Konstruktionen wie „kennen lernen“, „Kopf stehen“ und so weiter zu ersetzen. Und es geht auch nicht an, in „das Einzige“ Großschreibung zu erzwingen und damit amtlicherseits von einem Substantiv zu sprechen, aber für „das wenige“ amtlicherseits ein Nichtsubstantiv zu verordnen.

Was dem Deutschen auf diese und ähnliche Weise an Ausdrucksmöglichkeiten verlorengeht, ist oft gezeigt und beklagt worden. Der Akademie liegt vor allem daran, solche Möglichkeiten zu bewahren. Sie läßt scheinbare Alternativschreibungen zur Differenzierung jeder Art zu. Das ist etwas anderes, als dem Wildwuchs von Variantenschreibungen das Wort zu reden. Die Wörterliste mag an der einen oder anderen Stelle auf den ersten Blick einen derartigen Eindruck erwecken. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die vorgeschlagenen Schreibungen aber als strukturell oder - was ihre Bedeutung, ihre Idiomatisierung, ihre Terminologisierung oder anderweitige funktionale Differenzierung betrifft - gut begründet.

Häufig wird die Frage gestellt, warum die Akademie Mühe und Risiko eines Kompromißvorschlages auf sich nimmt, wo doch „Ruhe an der Rechtschreibfront“ eingekehrt sei. Aber die Ruhe ist trügerisch. Und sie ist in erster Linie eine Ruhe in den Medien, nicht dagegen eine, die das Schreiben und Lesen selbst erreicht hätte. Der Orthographieunterricht in den Schulen hat unter der Neuregelung nach wie vor zu leiden. Viel zu viele Lehrer kennen sich schlecht aus, was allerdings immer noch besser ist, als wenn sie versuchen würden, das Neue buchstabengerecht umzusetzen. Die Zahl der Rechtschreibfehler hat im Durchschnitt eher zu- als abgenommen. Die Mehrheit der Schreibenden wie die überwältigende Mehrheit der schönen und der wissenschaftlichen Literatur verwenden nach wie vor die alte Orthographie. Mehrere unserer wichtigsten Printmedien haben sich Hausorthographien zugelegt, und gerade die schreibende Zunft der Journalisten, die die Neuregelung verwenden soll oder will, ist nicht gegen Übergeneralisierungen im Vollzug des vermeintlich Notwendigen gefeit.

Unter dem Zeitungsbild mit einem Kahn im Haveleis steht, der Kahn sei „fest gefroren“, im Text selbst ist er einmal „fest gefroren“ und zweimal „festgefroren“. Es vergeht keine Zeitungslektüre, bei der man nicht auf Dinge stößt wie in „Von Manchen wurden tief gründige Reflektzionen angestellt“ (wenn auch nicht in solcher Kumulation). Die Nachricht an die Sprachgemeinschaft mit ihren Millionen von kompetenten Schreibern muß sein, daß man wieder zusammenschreiben darf, wenn man das Gefühl hat, man schreibe ein Wort. Daß man kleinschreiben darf, wenn man das Gefühl hat, man schreibe ein Wort, das nicht ein Substantiv ist. Und daß man alles traditionelle Wissen über die Schreibung von Fremdwörtern auch anwenden darf. Es genügt längst nicht mehr, stillschweigend einige kleine Änderungen der Neuregelung vorzunehmen. Die allgemeinen Ansichten darüber, was seit 1996 als korrekte Schreibweise gefordert ist, sind teilweise falsch und teilweise schon weitgehend verfestigt. Man wird einen allseits sichtbaren Schritt tun müssen, um an sie heranzukommen. Aber nur so dürfte es möglich sein, die gegenwärtig obwaltende Spaltung unserer Orthographie zu überwinden.

Die Kommission für deutsche Rechtschreibung, das offizielle Organ mit der Aufgabe, die Umsetzung der Neureglung zu begleiten und Vorschläge zu ihrer Veränderung auszuarbeiten, arbeitet seit 1997 hinter verschlossenen Türen. Aber natürlich weiß jeder, der es wissen möchte, was dort verhandelt wird. Die Kommission bereitet derzeit ihren vierten Bericht vor. Dieser Bericht wird vieles von dem enthalten, was auch im Kompromißvorschlag der Akademie steht. Wir haben bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahre 2005 noch ungefähr zwei Jahre Zeit. Genug, um zu einem in Ruhe geplanten teilweisen Rückbau zu kommen. Die Akademie kann sich früher und ungeschützter an die Öffentlichkeit wenden als die Kommission und tut es jetzt. Aber auch Beschlüsse zum Rückbau brauchen ihre Zeit. Wird nicht bald etwas unternommen, vergeht der Stichtag und mit ihm die natürliche Gelegenheit, zur Einheitsschreibung zurückzukehren.

Selbstverständlich wird der Akademie auch vorgehalten, sie verlasse mit dem Kompromißvorschlag ihre frühere und „richtigere“ Linie, die Rückkehr zur alten Orthographie zu fordern. Viele waren gegen die Neuregelung, bevor sie beschlossene Sache war. Die Bad Hombuger Studiengruppe Geschriebene Sprache, der ich selbst angehört habe, hat seit Mitte der achtziger Jahre mit allen ihr verfügbaren Mitteln dafür gearbeitet, die Neureglung zu verhindern. Als nach deren Absegnung im Jahr 1996 Friedrich Denk mit seinem fulminanten Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse den Stein der öffentlichen Kritik ins Rollen brachte, hatten wir zehn Jahre Erfahrung hinter uns. Zehn Jahre, in denen klargeworden war, daß wir es nicht mit Sprachwissenschaft, Didaktik, Vereinfachung oder sonstwelchen Verbesserungen zu tun hatten, sondern mit Politik. Zuerst mit angeblichen Problemen zwischen den beiden deutschen Staaten, dann mit Identitätsproblemen einzelner Kultusminister und der KMK als Ganzer. Wir haben Denk unterstützt, waren aber skeptisch, was seine Erfolgsaussichten betraf.

Die Forderung nach dem Status quo ante ist inzwischen nicht nur politisch unrealistisch, sondern auch der Sache nach. Die reine Lehre stellt nicht in Rechnung, was seit 1996 im deutschen Sprachraum geschehen ist. Mir wäre eine Reform von der alten Orthographie aus lieber als eine auf Grundlage der neuen. Was wir propagieren, ist die zweitbeste Lösung. Die zweitbeste ist jedoch alles andere als ein Akt des Opportunismus, und sie ist um vieles besser als das, was wir im Augenblick haben.

Der Verfasser ist Sprachwissenschaftler an der Universität Potsdam und Mitglied der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

KOMMENTAR: Eisenbergs erschreckende Logik

KOMMENTAR: ß - ss

KOMMENTAR: Opportunismus

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Hauptsache: Wohlstand  Quelldatum:
28.3.2003  
Eingetragen von:
Norbert Schäbler  
 
 
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Eisenbergs erschreckende Logik
... führt schnurgerade in die Antileistungsgesellschaft

Aber:
Wer sich stets mit der zweitbesten Lösung zufrieden gibt, wird früher oder später aus dem Konzert der Großen ausscheiden.
Oder anders ausgedrückt:
„Wer nicht mehr danach strebt, besser zu werden, der hört auch auf, gut zu sein.“ (Henry Ford)




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Deutsche Wertarbeit?  Quelldatum:
28.3.2003  
Eingetragen von:
Henning Upmeyer  
 
 
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ß - ss
Politik statt Wissenschaft

Die neue ss-statt-ß-Regelung nur deswegen beizubehalten, damit überhaupt etwas von der Reform übrigbleibt, obwohl die alte Regelung nicht änderungsbedürftig war, ist ein Armutszeugnis, wie es schlimmer nicht sein kann.
Der Bevölkerung muß klargemacht werden, daß die Reform nicht auf wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern nur auf politischen Entscheidungen der Kultusminister beruht und daß die die wirklichen Schuldigen sind.

KOMMENTAR: Palmen-Schrübbers



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Opportunismus  Quelldatum:
28.3.2003  
Eingetragen von:
Borghild Niemann  
 
 
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Opportunismus


Bedauerlicherweise ist es Professor Eisenberg nach Jahren nun doch noch gelungen, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung  als Mutterschiff für seine Publikation zu gewinnen. Macht sich natürlich besser als ein einfaches Verlagsimpressum. „Angesichts der
Machtverhältnisse“ hat er eine „Riesenarbeit“ hingelegt. Trösten wir uns damit,
daß der größte Feind eines schlechten Textes der Autor selbst ist.   



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XXX  Quelldatum:
28.3.2003  
Eingetragen von:
Gast  
 
 
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Palmen-Schrübbers
Hinter den Kulissen

In Anbetracht dessen, daß die Ministerialrätin Dr. Monika Palmen-Schrübbers hier in diesem Forum nicht zum erstenmal von Herrn Ickler als Drahtzieherin hinter den Kulissen genannt bzw. vermutet wurde (zuletzt am 15. 3. 2003), wäre ich nicht mehr so sicher, den Kultusministern die politische Alleinschuld für diesen „Flop des Jahrhunderts“ (die sogenannte Rechtschreibreform) zu geben.
Vielleicht wird die Öffentlichkeit irgendwann einmal erfahren, was in dieser Sache tatsächlich so ablief, bzw. wer die eigentlichen Drahtzieher und Nutznießer in diesem Sumpf von Interessenverflechtungen und Intrigen sind.




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