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Die „Reform“ bleibt nichtsnutzig  Quelltag:
31.07.2009
Verfasser/Eintrager:
Dankwart Guratzsch/
Quelle:
DIE WELT online
Die Leidtragenden sind die Schüler
Von Dankwart Guratzsch
Unterschiede in den Neuausgaben von Duden und Wahrig zeigen: Die Rechtschreibreform ist gescheitert

Im verflixten 13. Jahr nach der umstrittenen Rechtschreibreform legen Duden und Wahrig parallel zwei neue deutsche Wörterbücher vor - und bescheinigen damit ungewollt der größten Umstellung der deutschen Schriftsprache seit Konrad Duden ihr völliges Scheitern. Denn statt einer gemeinsamen Orthographie - also Richtigschreibung - für das Deutsche präsentieren sie zwei. Das bereits bestehende Rechtschreibchaos wird dadurch fortgeschrieben - und der von der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Koordination eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung schweigt.

Das Pikante an der Sache: Wahrig und Duden erscheinen neuerdings quasi unter einem Dach: Der neue Herr im Bibliographischen Institut, dem Hausverlag des Duden, ist derselbe Verlag Cornelsen, der mit Bertelsmann auch den Wahrig herausbringt. Wenn also hätte bewiesen werden sollen, dass die linke Hand nicht mehr weiß wie die rechte schreibt, dann hätte man kein besseres Arrangement dafür erdenken können. Doch der Vorsitzende des Rates, der frühere bayerische Wissenschaftsminister Hans Zehetmair, hat von den Diskrepanzen zwischen beiden Wörterbüchern offenbar noch nichts gemerkt. "Gibt es die?", fragte er unlängst in einem Zeitungsinterview - und bewies damit, dass er die Arbeit der Wörterbuchredaktionen keineswegs verfolgt hat.

Denn es gibt diese Diskrepanzen zuhauf, und das, obwohl dem Rat vor drei Jahren aufgetragen worden war, das durch die Reform angerichtete Chaos zu entwirren. Wenn sich der "Rat" damit überfordert fühlt, so hätte er sich Hilfe holen müssen, etwa bei der Berliner Forschungsgruppe Deutsche Sprache, die in einer ersten Übersicht 350 Abweichungen aufgelistet hat.

Soll man laut Duden zum Beispiel "bei Weitem" schreiben, so schließt sich Wahrig "bei weitem" noch nicht an. Hält der Duden an der "bismarckschen" Sozialgesetzgebung fest, meint man bei Wahrig, mit den amerikanisch verfremdeten "Bismarck'schen" Sozialgesetzen besser zu fahren. Und so geht es munter weiter: "Schimäre" oder "Chimäre", "tschau!" oder "ciao!", "Kortison" oder "Cortison", "dahin gehend" oder "dahingehend", "Kakofonie" oder "Kakophonie!", "seit Neuestem" oder "seit neuestem", "Play-back" oder "Playback", "Große Koalition" (für den Duden immer, für Wahrig nur von 1966-196, "große Koalition" (für den Duden nie, für Wahrig von 1928-1930) - in beiden Redaktionen herrscht offenbar vollkommene Konfusion über das, was laut Rechtschreibreform "richtig" oder "falsch" ist und was, ganz unabhängig von richtig und falsch "allgemeiner Usus" (also Schriftgebrauch) ist. Aber Ratschef Zehetmair findet "kein Unbehagen" dabei. "Ich habe kein Problem mit Wahrig, der den jetzigen Stand der Orthografie wiedergibt."

Tut er das wirklich? Der "Münchner Merkur" rät zu einem Blick ins Internet: 69 Prozent der Internet-Nutzer schreiben Gemse - und nicht Gämse, wie die Reformer wollten; 72 Prozent ziehen "selbständig" dem reformierten "selbstständig" vor, "und wer das neudeutsche 'Spagetti' eingibt, wird vom Computer wie selbstverständlich gefragt: ,Meinten Sie: Spaghetti?'"

Wenn die KMK dem famosen Rat die Aufgabe gestellt hat, die Schreibweise dem Schriftgebrauch anzupassen, hätte Zehetmair unverzüglich tätig werden und die neuen Unsinnsschreibungen diesem "allgemeinen" Gebrauch anpassen (also zurücknehmen) müssen. Stattdessen bekennt sich der Oberverweser der neuen deutschen Schriftsprache zur altersweisen Untätigkeit: "Der Rat wird intensiv in der Stille arbeiten und die Sprache beobachten - ohne zeitliche und inhaltliche Aufgeregtheit. Er wird nicht durch Beschlüsse weitere offizielle Empfehlungen abgeben." Das heißt aber mit anderen Worten, er gibt seinen Auftrag zurück. Müsste die KMK da nicht unverzüglich die Konsequenz ziehen und die Finanzmittel für diese Rechtschreibvoyeure streichen. Untersucht man die Abweichungen näher, kommt eine interessante Tatsache zutage: Nicht der Rechtschreibrat scheint eine erkennbare Funktion auszuüben, wohl aber die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als Sachwalterin des gedruckten Deutsch. Zumindest Wahrig stützt sich mit seinen Schreibweisen weitgehend auf ihre Empfehlungen.

Damit wiederholt sich ein Phänomen, mit dem sich schon der Schöpfer der deutschen Einheitsrechtschreibung, Konrad Duden, konfrontiert gesehen hatte: Mehrfachschreibweisen ließen sich nicht durchsetzen. Der Widerstand ging von den Buchdruckern aus. Auf einer Tagung in Konstanz 1902 "gaben sie ganz unverhohlen ihrer Missstimmung über die durch die neuen Regelbücher nur noch vermehrte Unsicherheit in der Rechtschreibung Ausdruck". Und so waren es schon damals die gedruckten Medien, die im Kampf um eine einheitliche Schreibweise letztlich obsiegten.

1903 lieferte Duden erstmals einen "Buchdruckerduden" aus, der später mit dem "normalen" Duden verschmolz. Im Untertitel wurde darauf hingewiesen, dass er "auf Anregung und unter Mitwirkung des Deutschen Buchdruckervereins, des Reichsverbandes Österreichischer Buchdruckereibesitzer und des Vereins Schweizerischer Buchdruckereibesitzer" entstand.

Ganz auf diese Linie scheint der neue Wahrig eingeschwenkt zu sein, der sich über weite Strecken an die von dpa vorgeschlagene Gemeinschaftsschreibweise der gedruckten Medien hält. Getreu der Regel, dass in Zweifelsfällen die herkömmliche Schreibweise gelten soll, macht er so manche Eskapaden der Schreibreform nicht mehr mit. Der neue Duden hingegen wirkt wie eine Kampfansage an dieses Konzept. Dabei setzt er jeweils eigene Schreibweisen an die erste Stelle seines Variantensalats und verzichtet auch noch darauf, die Schreibweisen wie bisher je nach Quelle farbig voneinander abzuheben. Der Benutzer soll nicht mehr erfahren, ob er sich in den Ruinen der alten Rechtschreibung oder im Niemandsland der neuen bewegt.

Unterstützung für Wahrig kommt von "Anwendern der Presse und der Verlage" in der Schweiz. Wie die Kollegen in Deutschland unter Führung der dpa, haben auch sie sich auf die Ausarbeitung eigener Rechtschreibregeln geeinigt. Auch hier heißt die Generalregel: "Bei Varianten die herkömmliche", auch hier ist das Ziel, die von den Rechtschreibreformern um den Siegener Linguisten Gerhard Augst zerstörte Einheitlichkeit der Rechtschreibung zurückzugewinnen.

Aber anders als der untätige deutsche "Rat" bietet die "Schweizer Orthographische Konferenz (SOK)" dazu auch Sprachwissenschaftler auf, die sich als kooperativ erweisen.

Als Hauptleidtragende der inzwischen mehrmals nachgebesserten Rechtschreibreform macht die Redaktion der reformkritischen Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" die Schüler aus. "Nicht die Schüler sind zu dumm für die Neuregelung, sondern umgekehrt ist die Rechtschreibreform zu dumm für die Schüler", so Chefredakteur Thomas Paulwitz. Tatsächlich hat der saarländische Germanist Uwe Grund jüngst nachweisen können, dass die Reform ihren Hauptzweck, die Vereinfachung der Rechtschreibung, gerade bei den Heranwachsenden verfehlt.

In einer umfangreichen Studie, in der die Rechtschreibleistungen in Schülertexten vor und nach der Rechtschreibreform verglichen werden, kommt Uwe Grund zu dem Befund, dass die Fehlerquote nicht abgenommen, sondern zugenommen hat: "1. Nach der Rechtschreibreform werden in der Schule erheblich mehr orthographische Fehler gemacht als davor. 2. Die Fehler haben sich - möglicherweise sogar überproportional - in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben. 3. Die Vermehrung der Fehler hat Konsequenzen, die vor allem die Lehrenden und Lernenden schlechter stellen, also jene Sprachteilnehmer, um deretwillen das Reformwerk angeblich geschaffen wurde."

Als Resümee stellt der Germanist Grund die rhetorische Frage: "Gibt es Auswege aus dem ,nationalen Desaster'?" Seine Antwort fällt bildkräftig aus: "Der Teufel muss, wie der Volksmund weiß, zu dem Loch wieder hinaus, zu dem er hereingekommen ist. Das gilt auch für den Fehlerteufel."

welt.de 31.7.09


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Reiner Kunzes Rede vor der Friedrich-Naumann-Stiftung  Quelltag:
01.03.2009
Verfasser/Eintrager:
Reiner Kunze/
Quelle:
WELT ONLINE
Was die Rechtschreibreform mit der Freiheit zu tun hat
 
Reiner Kunze beklagt die Ignoranz der Politiker. Mit ihrer Machtarroganz arbeiten sie jenen in die Hände, die die Freiheit nicht achten und ein anderes System wollen

Was ich Ihnen zu Beginn erzählen werde, betrifft die Sprache. Ich erzähle es Ihnen der Einblicke wegen, die in den vergangenen Jahren manchem die Sprache verschlugen. Als das inzwischen herrschende Orthographieelend noch nicht völlig unabwendbar zu sein schien, fragte ich einen Ministerpräsidenten, der am Rande eines Empfangs meine Frau und mich eines längeren Gesprächs gewürdigt hatte, wie er zur Rechtschreibreform stehe. Er antwortete: "Herr Kunze, ich habe keine Ahnung, worum es da geht." Vielleicht war es diese Ehrlichkeit, der er seine landesväterliche Popularität verdankte. Zwei, drei Tage später hörten wir ihn im Radio mit staatstragender Bestimmtheit sagen, die Rechtschreibreform werde ohne jede Änderung eingeführt, denn sie halte "allen Einwänden stand". Ich werde hier nicht aussprechen, was ich in diesem Augenblick empfand. Nur dies: Für uns, meine Frau und mich, hatte der Mann seine Glaubwürdigkeit verloren.

Anfang 2006 sagte eine Kultusministerin im persönlichen Gespräch, die Rechtschreibreform werde am 1. August kommen, und was danach an der Rechtschreibung geändert werde, interessiere sie nicht mehr. Diese Skrupellosigkeit war mit der Amtsmacht ausgestattet, der Sprache von 100 Millionen Menschen eine jahrzehntelange, vielleicht eine ein Jahrhundert währende Leidenszeit zuzufügen.

Ein führender Parteipolitiker nannte jene, die bis zuletzt darauf gedrängt hatten, wenigstens von den grammatisch falschen und das Sprachgefühl außer Kraft setzenden Regelungen abzusehen, "nur einige Hochwohlgeborene", die meinten, "aus ästhetischen oder sonstigen Gründen" noch immer Einspruch erheben zu müssen. Da schlug Machtarroganz in Herabwürdigung um, und als hochwohlgeborener Bergarbeitersohn entsann ich mich nostalgisch der Finsternis unter Tage, die sich mit der Grubenlampe aufhellen ließ.

Der Bürger, der über Jahre solche oder ähnliche Erfahrungen macht und sich einem Establishment der Gesichts- und Amtsstandswahrung gegenübersieht, das dem Sachargument keine Chance läßt, dieser Bürger kann zu unterschiedlichen Schlüssen gelangen. Derjenige, der weiß, daß die Demokratie nicht besser sein kann als die Menschen, die jeweils für sie verantwortlich sind, wird sich in sein Los schicken, auf unbestimmte Zeit zum stillgelegten gesellschaftlichen Potential zu gehören, vielleicht resigniert, vielleicht aber auch auf das Selbstwehrpotential der Wirklichkeit vertrauend. Wo Sachargumente auf dem toten Gleis stehen, steht Wirklichkeit auf totem Gleis, was sich irgendwann rächen wird, denn jener Teil der Wirklichkeit, in dem von Menschen unabhängige Gesetze gelten, gehorcht uns bekanntlich nicht, ehe nicht wir ihm gehorchen. Der Schluß, den der Bürger zieht, kann aber auch darin bestehen, über Alternativen zu einem Staatswesen nachzudenken, das in bestimmten Bereichen dem Mißbrauch der demokratisch verfaßten Freiheit nicht nur ausgeliefert zu sein scheint, sondern in ihn involviert ist - unbelangbar.

Das jedoch ist die Stunde derer, die, obwohl widerlegt durch ein Jahrhundert systemimmanenter Verweigerung von Grundfreiheiten und Ausrottung ganzer gesellschaftlicher Klassen und Schichten, auf die rechtsstaatliche parlamentarische Demokratie als System verweisen und vorgeben, über den besseren und einzig gerechten Gesellschaftsentwurf zu verfügen. Dabei lassen sie weder über ihr Ziel noch über ihre Strategie im unklaren. Schon 1990 sagte ein in Ost-Berlin lebender Geheimdienstoberstleutnant a. D. einem westdeutschen Reporter: "Die Partei, die ist noch da. Die KPD hat unter viel schwierigeren Umstanden gekämpft. Sie hat nie aufgegeben. Sie gibt vielleicht ihren Namen auf, heißt SED oder PDS, aber sie gibt nie ihr Ziel auf. Warten Sie ab. Das, was hier in der DDR passiert, ist noch lange nicht fertig ... Die darauf hoffen, daß der Kommunismus am Ende ist, hoffen vergebens."
Eine Kernideologin äußerte vor kurzem, es gebe keinen Grund, die Partei "Die Linke" vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Die "Linke" habe es nicht nötig, gegen die Verfassung zu verstoßen, denn diese biete ihr alle Möglichkeiten, den Systemwechsel herbeizuführen. Gefragt, warum er zur Bundespräsidentenwahl antrete, antwortete der Kandidat der Partei "Die Linke" am 15. Oktober 2008 im Sender MDR-info, sein Herz habe schon immer links geschlagen, und er wolle "der 'Linken' helfen, das Haus zu bauen, das sie gern haben möchte". Die nicht ganz unerhebliche Minderheit, die in einem solchen Haus nicht leben möchte, hatte der Kandidat in diesem offenherzigen Augenblick ausgeblendet.

Das Establishment der anderen Parteien geht aber nicht etwa geschlossen auf Distanz zu jener Partei, sondern um eines mehr oder weniger kurzzeitigen Machtgewinns willen umwerben sie Politiker unterschiedlicher Parteiebenen und werten sie Schritt für Schritt auf. Gewiß, man argumentiert, das Gros der Umworbenen hätte sich vom Stalinismus distanziert, und ich bin überzeugt, daß das ehrlich ist. Nur würde man nach der Machtübernahme auf dieses Gros keine Rücksicht nehmen - im Gegenteil. Die Vorstellung, auf welcher Seite dann Demokraten stehen könnten, die heute Parteitagsbeifall spenden, wenn einer "Abweichlerin" gewünscht wird, ihr mögen "die Beine abfaulen", läßt mich schaudern. Nicht wenige Demokraten waren und sind auf einem Auge ideologisch blind und in bestimmter Hinsicht auf beiden Ohren historisch taub, was bereits Lenin 1922 in einem Brief an Tschitscherin in sein internationales politisches Kalkül einbezog. Der Arbeitstitel dieses Kongresses lautet: "Freiheit ein Luxus? Der Arbeiter-und-Bauern-Staat als Paradies in den Köpfen."

Die Frage, wie man "den Freiheitsgedanken attraktiver machen" kann, klingt mir zu sehr nach Herrenausstatter. Es kommt nicht darauf an, den Freiheitsgedanken attraktiver zu machen, sondern es käme - ich bediene mich bewußt des Konjunktivs - darauf an, in der freiheitlichen Demokratie so zu leben und, was das politische, ökonomische und im weitesten Sinne intellektuelle Establishment betrifft, die Demokratie so vorzuleben, daß die Bürger auf den Gedanken kommen, es gibt im Zusammenleben der Menschen Gleichwertiges, aber nichts Wertvolleres als die Freiheit.

Der Autor ist Schriftsteller. Zu seinen bekanntesten Werken zählten "Die wunderbaren Jahre". Er hielt die Rede während des Freiheitskongresses der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit im Januar in Berlin

WELT online 1.3.2009


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Neue Untersuchung zur Reformeffektivität  Quelltag:
28.07.2008
Verfasser/Eintrager:
Buchmarkt.de/
Quelle:
Buchmarkt.de
10 Jahre Rechtschreibreform:
Schüler machen doppelt so viele Fehler

Schüler an deutschen Schulen machen seit dem Inkrafttreten der Rechtschreibreform vor zehn Jahren annähernd doppelt so viele Fehler wie zuvor.

Das ist das Ergebnis von vergleichenden Studien, die Dr. Uwe Grund auf der Jahrestagung der Forschungsgruppe Deutsche Sprache (FDS) am Wochenende in den Räumen des Ernst Klett Verlags in Stuttgart vorstellte. „Die Fehler haben sich gerade in den Bereichen vermehrt, in denen die Reformer regulierend in die Sprache eingegriffen haben“, so der Dozent an der Universität des Saarlands weiter. Dies entspreche bei gleichen Bewertungsmaßstäben einer Absenkung um eine ganze Note. „Diese Untersuchung leistet, was man von den Kultusministerien hätte erwarten müssen: eine objektive Erfolgskontrolle der Reform“, sagte dazu Reinhard Markner, der Vorsitzende der FDS.

Die Schweizer Buch- und Zeitungsverlage sind im Begriff, eine einheitliche, sprachrichtige und leserfreundliche Rechtschreibung einzuführen. Das berichtete Dr. Urs Breitenstein, der die von der Schweizer Orthographischen Konferenz verabschiedeten Empfehlungen in ihren Grundzügen vorstellte. „Wir haben die Reparaturarbeit fortgesetzt, die der Rat für deutsche Rechtschreibung auf Geheiß der deutschen Politiker abgebrochen hatte“, erklärte der Basler Verleger: „Es wäre sehr zu wünschen, daß sich in Deutschland eine ähnliche Initiative bildet.“



http://www.buchmarkt.de/index.php?mod=news&page=32993

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Zehetmairs Qual  Quelltag:
29.07.2008 20:04 Uhr
Verfasser/Eintrager:
Steffen Habit /
Quelle:
Merkur Online
Zehn Jahre Rechtschreibreform:
Spaghetti künftig nur noch ohne „h”?
München - Vor zehn Jahren trat die neue Rechtschreibung an deutschen Schulen in Kraft. Seitdem wurde die umstrittene Reform mehrfach korrigiert. Wir sprachen mit Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rechtschreibrates, über weitere Änderungen, sein schwierigstes Amt und den Unterschied zwischen „pleitegehen” und „Pleite machen”.

- Zum zehnjährigen Jubiläum präsentiert die reformkritische Forschungsgruppe Deutsche Sprache unangenehme Zahlen. Danach hat sich die Fehlerquote bei Schülern drastisch erhöht. Hat die Reform ihr Ziel verfehlt?

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit diese Zahlen zutreffen. Die Untersuchungen, die ich kenne, belegen, dass es an den Schulen keine Probleme gibt. Grundsätzlich gilt aber: Wenn so weitreichende Änderungen wie bei der Rechtschreibreform vorgenommen werden, dauert es natürlich einige Zeit, bis man sich daran gewöhnt hat.

- Die Rechtschreibreform Fluch oder Segen?

Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen. Das ist aber Schnee von gestern. Ich habe die Verantwortung zu einem Zeitpunkt übernehmen müssen, als die Reform ziemlich unbefriedigende Ergebnisse aufwies. Es ist dann gelungen, einen Konsens herbeizuführen und vieles in die alte Regelung zurückzuführen. Für die Aufregung heute gibt es daher keinen Grund.

- Auf Druck des Rates für deutsche Rechtschreibung wurden einige umstrittene Schreibweisen wieder korrigiert. Sind weitere Änderungen zu erwarten?

Im Mittelpunkt stehen seit zwei Jahren nicht mehr Korrekturen, sondern die Beobachtung der deutschen Sprache. Zum Beispiel schauen wir, ob sich bei den Fremdwörtern gewisse Eindeutschungen durchsetzen. Ich denke da etwa an die „Spaghetti” ohne „h”.

- Korrekturen sind aber nicht ausgeschlossen?

Änderungen sind möglich. Wir werden uns mit den Wörterbuchverlagen unterhalten, ob sie in der nächsten Ausgabe einzelne Änderungen übernehmen. Das ist ein ganz normaler Prozess.

- Die Schweizer Buch- und Zeitungsverlage gehen offenbar einen Schritt weiter. Sie denken über weitreichende Korrekturen nach.

Das mag sein. Ich selbst werde daran nicht mehr beteiligt sein. Sie können mir glauben: Noch einmal nehme ich diese Qual nicht auf mich.

- War der Vorsitz des Rechtschreibrates eine der schwierigsten politischen Aufgaben, die Sie bisher übernommen haben?

Wenn ich es nüchtern betrachte, war es wohl die verantwortungsvollste Aufgabe. Schließlich war der gesamte deutsche Sprachraum betroffen. Außerdem war die Situation, als ich 2004 das Amt übernahm, sehr verfahren.

- Werden Sie persönlich wegen der Reform noch angefeindet?
Nein. Natürlich gibt es noch Kritiker. Im Prinzip herrscht aber Zufriedenheit, dass wir wieder Ruhe haben.

- Können Sie mir kurz erklären: Warum schreibt man „pleitegehen” zusammen und „Pleite machen” auseinander?

Bei „Pleite machen” beinhaltet das „machen” die Frage: Was machen? Dagegen lautet die Frage bei „pleitegehen”: Wie geht man? Das ist ein adjektivisches Verhältnis.

- Das klingt sehr kompliziert.

Es hat aber eine Logik. Das können Sie mir glauben.

- Schreiben Sie selbst nach der neuen oder alten Rechtschreibung?

Ich schreibe nach der neuen Rechtschreibung.

- Wie lange hat es gedauert?

Da ich an vorderster Front mit dem Thema befasst war, ging es relativ schnell.

- Wie lange bleiben Sie noch Vorsitzender des Rechtschreibrates?

Zunächst hat man mir bis 2010 die Bürde auferlegt. So lange muss ich auch noch am Steuer bleiben.

Das Interview führte Steffen Habit


http://www.merkur-online.de/politik/art8808,947827


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Zehnjahresrückschau   Quelltag:
30.07.2008
Verfasser/Eintrager:
AFP/
Quelle:
AFP
Erschöpfte Ruhe nach jahrelangem Streit
 
Frankfurt/Main (AFP) — Der Rat für deutsche Rechtschreibung arbeitet noch - nur nimmt davon kaum noch jemand Notiz. Denn die Zeiten des erbitterten Streits um die Rechtschreibreform scheinen vorbei zu sein. Vor zehn Jahren, am 1. August 1998, wurde das Regelwerk an Deutschlands Schulen eingeführt - begleitet von heftigen Kontroversen und großem Unmut.

Ersehnte FriedhofsruheSchlichtend wirkte erst die Arbeit des Rechtschreibrates, dessen Empfehlungen vor zwei Jahren zu erneuten Änderungen an der Reform führten. Heute herrscht an den Schulen eine erschöpfte Ruhe. Zwar ist kaum jemand wirklich glücklich mit der Reform, aber eine erneute Auseinandersetzung wünscht sich auch niemand.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung wurde als Konsequenz aus der anhaltenden Kritik an der Reform eingerichtet. Die Expertenrunde um ihren Vorsitzenden Hans Zehetmair erarbeitete Nachbesserungsvorschläge, die schließlich am 1. August 2006 an den Schulen eingeführt wurden. Zwei Jahre später ist der Rechtschreibrat zwar nicht abgeschafft, erfüllt seine Aufgaben aber ohne großes öffentliches Interesse. Dabei sollen Schreibweisen nun keineswegs ewig in Stein gemeißelt bleiben. "Änderungen sind möglich", sagte Zehetmair dem "Münchner Merkur". Das sei allerdings ein ganz normaler Prozess. Denkbar sind unter anderem Eindeutschungen von Fremdwörtern. Er denke da etwa an Spaghetti ohne h, nennt der frühere bayerische Kultusminister ein Beispiel.

In der Öffentlichkeit und an den Schulen wird das vermutlich nicht mehr für große Aufregung sorgen. "Das Thema ist an den Schulen vollständig durch, da kräht kein Hahn mehr nach", sagt die Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer. Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, meint, dass sich die große Aufregung um die Reform längst gelegt habe.

Diese Gelassenheit liegt aber nicht in der Überzeugungskraft der Reform begründet, sondern vor allem in der Wirkung der jahrelangen Auseinandersetzung. An den Schulen sei man des Streits müde, sagt der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Lehrer und Schüler seien des Themas überdrüssig, pflichtet die stellvertretende GEW-Vorsitzende Demmer bei.

Eine rundum positive Bilanz zieht nach zehn Jahren Rechtschreibreform niemand. Auch Zehetmair blickt kritisch zurück: "Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen. Das ist aber Schnee von gestern." Meidinger kritisiert, dass nach wie vor einige Dinge unbefriedigend geregelt seien und es noch eine Menge Widersprüche gebe.

Unabhängig von der Kritik an einzelnen Änderungen sind die Lehrer aber vor allem über das jahrelange Wirrwarr und die lähmende Wirkung der Auseinandersetzung verärgert. In dieser Zeit wären an den Schulen wichtigere Dinge zu tun gewesen, erzürnt sich Lehrerverbandspräsident Kraus. So werde etwa in keinem Industrieland der Muttersprache im Unterricht so wenig Gewicht beigemessen wie in Deutschland.

Die Debatte darum und um andere Probleme an Deutschlands Schulen wird weitergehen. Ein erneuter Streit um die Rechtschreibung ist dagegen nicht in Sicht. Niemand werde Energie und Mut aufbringen, diese Reform noch einmal anzupacken, sagt Kraus. Wer dies dennoch wagt, wird nach Ansicht Demmers nur auf "ungläubiges Staunen" stoßen. Das Thema habe sich "wahrscheinlich für eine ganze Generation erledigt."



http://afp.google.com/article/ALeqM5g3UpPaCLTLe9hA-vvCln2zVD_Dpw

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Peter Hahne, unterschätzt  Quelltag:
19.04.2008
Verfasser/Eintrager:
Peter Hahne/
Quelle:
BILD am Sonntag
Über unsere Rechtschreibung und eine Reform gegen das Volk
Gedanken am Sonntag von Peter Hahne
An unsinnige Neuerungen kann ich mich nur schwer gewöhnen. Ich bin erleichtert, dass ich da nicht der Einzige bin. Die BamS-Sonntagsfrage heute auf der letzten Seite bestätigt mir, dass zwei Drittel meiner Altersgenossen genauso denken wie ich: „An die neue Rechtschreibung, die seit August 2006 gilt, haben wir uns nicht gewöhnt.“ Von allen Befragten sind es 62 Prozent, die sich damit schwertun.
Die von unseren Volksvertretern umjubelte Reform ist am Volk vorbeigerauscht. Es geht ja nicht um die Frage, ob man die neuen Regeln akzeptiert. Aber wenn sich nach eineinhalb Jahren die Mehrheit noch nicht einmal daran gewöhnt hat, ist das Jahrhundertwerk eine Pleite.
Dabei hatte man es doch so gut gemeint. Wollte das Schriftbild dem Klang der Sprache anpassen, schwierige Schreibweisen erleichtern und komplizierte Kommaregeln korrigieren. Das ist gründlich danebengegangen.
Sprache bleibt durch Schreiben lebendig, nicht durch die toten Buchstaben von Regeln. Wenn man blödsinnige Buchstabenhaufen à la Flussschifffahrt sieht oder Majonäse und Ketschup schreiben kann, dann sehe ich, was dabei herauskommt, wenn sich Bürokraten unserer Sprache bemächtigen.
Die eingedeutschte Schreibweise von Fremdwörtern ist lächerlich, die neuen Getrennt- und Zusammenschreibungen unverständlich, und warum „überschwänglich behände Gämse“ plötzlich mit „ä“ geschrieben werden, aber Eltern nicht auch vom Wortstamm her „Ältern“ heißen, wer soll sich daran schon gewöhnen?
Hätte man nur vorher auf Volkes Stimme gehört, als man Volkes Schreibe regelte! Sprache und Schreibe gehören zu den wenigen Gemeinsamkeiten, die ein Volk einen. Diese Gemeinsamkeit hat man uns ohne Not genommen, indem nun Alte und Junge, Dichter und Schüler nach unterschiedlichen Regeln und Gewohnheiten schreiben, und jeder schließlich macht, was er will.
Wenn Sprache nicht mehr verbindlich ist, verbindet uns auch nichts mehr. Sprache gilt es zu pflegen, zu kultivieren. Die Bürokraten, die sich mit wirrer Regelwut an der Schreibe versündigten, hätten auf Loriot hören sollen: „Die Pflege der Sprache ist so wichtig wie Umweltschutz.“

BILD am Sonntag, 19.04.2008

BILD

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   Quelltag:
22.04.2008
Verfasser/Eintrager:
Schweizerische Bundesbehörden/
Quelle:
http://www.bk.admin.ch
Bundeskanzlei veröffentlicht
\\
Bern, 22.04.2008 - Soeben ist die 3., vollständig überarbeitete Auflage des "Leitfadens zur deutschen Rechtschreibung" erschienen. Dieser will Schreiberinnen und Schreibern in öffentlichen Verwaltungen, aber auch darüber hinaus eine Orientierung geben in der "wichtigsten Nebensächlichkeit" bei der Verwendung der geschriebenen Sprache: der Orthografie. Er legt zudem die "Hausorthografie" für die Bundesverwaltung fest.

Der "Leitfaden zur deutschen Rechtschreibung" setzt das amtliche Regelwerk um, wie es 2006 vom Rat für deutsche Rechtschreibung verabschiedet wurde und von der überwiegenden Zahl der Akteurinnen und Akteure in diesem Gebiet - Schulen, Verlage, Nachrichtenagenturen, öffentliche Verwaltungen - akzeptiert wurde. Erarbeitet und herausgegeben hat ihn die Bundeskanzlei, in Absprache mit dem Präsidium der Staatsschreiberkonferenz.

Der Leitfaden besteht aus einem Regelteil und einem Wörterverzeichnis: Im Regelteil werden die besonders schwierigen Bereiche der deutschen Orthografie in einfacher und verständlicher Weise dargestellt und mit zahlreichen Beispielen illustriert. Wo das amtliche Regelwerk Variantenschreibungen vorsieht, entscheidet sich der Leitfaden manchmal für die eine oder für die andere Variante. Er legt damit die "Hausorthografie" der Bundesverwaltung fest, dürfte aber auch weit über die Bundesverwaltung hinaus ein hilfreiches Instrument sein.
Dazu trägt das Wörterverzeichnis viel bei. Es wurde gegenüber den früheren Auflagen massiv erweitert. Es bietet Orientierung in Zweifelsfällen der Rechtschreibung, sowohl im Bereich der Alltagssprache wie auch - als einem besonderen Akzent - im Bereich des Wortschatzes von Recht, Verwaltung und Politik. Über Verweise aus dem Wörterverzeichnis auf die Randziffern des Regelteils finden die Benutzerinnen und Benutzer die Begründung für eine bestimmte Schreibung.

Der "Leitfaden zur deutschen Rechtschreibung" ist beim Bundesamt für Bauten und Logistik (www.bundespublikationen.admin.ch , Artikel-Nr.104.627 d) erhältlich. Im Internet ist er verfügbar unter http://www.bk.admin.ch > Themen > Sprachen > Hilfsmittel für die Textredaktion und Übersetzung > Leitfäden
Adresse für Rückfragen:
Margret Schiedt, Deutscher Sprachdienst BK
Tel. 031 324 11 07 Mailto:margret.schiedt@bk.admin.ch
Herausgeber:
Bundeskanzlei
Internet: http://www.bk.admin.ch

Die Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft



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   Quelltag:
09.02.2008
Verfasser/Eintrager:
dsw/
Quelle:
Deutsche Sprachwelt
„Narrenfreiheit für die Kultusminister“
 
Am 6. Februar fällte das Verwaltungsgericht Schleswig ein neues Urteil zur Rechtschreibreform, wie die Initiative „WIR gegen die Rechtschreibreform“, Schleswig-Holstein, berichtet. Das Gericht wies in erster Instanz die Klage einer Schülerin ab, für Wörter in traditioneller Rechtschreibung keinen Fehler angerechnet zu erhalten. Es interpretierte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1998 so, daß auch fehlerhafte Regelungen der Kultusminister unangreifbar seien. „Narrenfreiheit für die Kultusminister“ kommentierte der Vater der Schülerin das Urteil. Er will in die Revision gehen. (Klage Az.: 9 A 301/05)

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So hätten sie die Liste der Einzelfallregelungen allein mit der Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, ausgehandelt. „Der Rat hat dieses Wörterverzeichnis nicht mehr gesehen.“  Quelltag:
24.2.2006
Verfasser/Eintrager:
(APA/dpa)/
Quelle:
derStandard.at
Rechtschreibrat minus 1
 
derStandard.at | Kultur | Literatur
24. Februar 2006 12:20

Rechtschreibrat minus 1

Germanist und Reform-Gegner Theodor Ickler steigt aus und prophezeit „enorme Verwirrung“

Darmstadt/Erlangen - Der Germanist und Rechtschreibreform-Gegner Theodor Ickler steigt aus dem Rat für deutsche Rechtschreibung aus. "Ich bin der Überzeugung, dass sich dort nichts mehr bewegen lässt", sagte Ickler, der bisher für den Schriftstellerverband PEN im Rechtschreibrat saß. Die Vorschläge zur Korrektur der Rechtschreibreform, die der Rat am Montag der Kultusministerkonferenz (KMK) übergeben werde, seien völlig unzureichend. „Große Teile der Reform sind überhaupt nicht mehr behandelt worden“, kritisierte Ickler.
So seien die Regeln zur Laut-Buchstaben-Zuordnung (Gräuel/Greuel) und zur Schreibung von Fremdwörtern überhaupt nicht mehr zur Sprache gekommen. „Die Groß- und Kleinschreibung ist nur etwa zur Hälfte bearbeitet worden“, bemängelte der Erlanger Hochschulprofessor. Die vorgesehene Anhörung zu diesem Thema habe gar nicht stattgefunden.

„Machwerk“

„Es ist unvermeidlich, dass jetzt eine enorme Verwirrung ausbricht, weil dieses Machwerk völlig unausgegoren ist“, sagte der Wissenschafter. Viele der beibehaltenen Regeln aus dem Reformwerk seien irreführend und fehlerträchtig. „Zehetmair soll nicht sagen können: Die Schriftsteller haben das mitgetragen und sind dabei“, sagte Ickler mit Blick auf den Ratsvorsitzenden, den früheren bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair (CSU). Das PEN-Zentrum werde allerdings weiter im Rat mitarbeiten und möglicherweise einen neuen Vertreter entsenden.

„Es war einfach der Wunsch der KMK, zum März ein Ergebnis zu haben“, sagte Ickler. Dahinter stünden nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen: „Der Druck der Schulbuch- und Wörterbuchlobby ist enorm.“ Besonders die großen Wörterbuchverlage hätten im Rat „eine Funktion übernommen, die ihnen gar nicht zusteht“. So hätten sie die Liste der Einzelfallregelungen allein mit der Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert, ausgehandelt. „Der Rat hat dieses Wörterverzeichnis nicht mehr gesehen.“

Was für Ickler eine „unglaubliche Verfehlung“ ist:

Besonders verärgert zeigte sich Ickler über die Beibehaltung der umstrittenen Reformen bei der Trennung von Fremdwörtern wie „Di-/agnose“ oder „Bi-/otop“. Diese missachte völlig die Herkunft der Wörter. „Das halte ich für eine unglaubliche Verfehlung und auch für eine Geringschätzung und Verachtung der Schüler, denen man das als gleichwertig vorsetzt.“ Unzureichend nannte Ickler außerdem die Änderungsvorschläge zur Zeichensetzung.

Entscheidend könnte nach Ansicht Icklers nun die Reaktion reformkritischer Medien wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der Blätter des Springer-Verlags sein. „Am besten wäre es, wenn sich jetzt die Medien zusammenfänden und sagten, wir bleiben einfach bei der alten Rechtschreibung.“ Möglicherweise werde sich auch trotz einer offiziellen Billigung der Vorschläge „in der Praxis eine konservative Schreibung“ durchsetzen. „Das halte ich auch für wahrscheinlich“, sagte Ickler. (APA/dpa)

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Spieglein  Quelltag:
29.7.2005
Verfasser/Eintrager:
Susanne Gabriel, AP/
Quelle:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,367302,00.html
 
 
RECHTSCHREIBREFORM
Der Countdown läuft
Schüler und Beamte, die muß schreiben, können dies nur noch bis kommenden Montag tun. Dann werden die neuen Schreibungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz verbindlich. Nur in Bayern und Nordrhein-Westfalen ist die Reform kein Muss. Rück- und Ausblick auf eine Debatte ohne Punkt und Komma.

Frankfurt/Main – Eigentlich sollte der Streit über die Rechtschreibreform am 1. August zumindest vorläufig beendet sein: An diesem Tag, so war mehrfach entschieden worden, sollten die 1996 beschlossenen Änderungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbindlich in Kraft treten. Nun sind Bayern und Nordrhein-Westfalen ausgeschert - sie wollen abwarten, bis noch strittige Punkte geklärt sind. Gegner der Rechtschreibreform frohlockten; Politiker zeigten sich schockiert, weil sich Edmund Stoiber und Jürgen Rüttgers über einen Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz hinwegsetzten.

Was muss, das muss

Für die Schulen, in denen zum Teil schon seit sieben Jahren die neue Rechtschreibung unterrichtet wird, bedeutet die Entscheidung der zwei Regierungschefs konkret: Schüler in Bayern und Nordrhein-Westfalen dürfen das Wort "muss" weiterhin als "muß" schreiben - es wird rot angestrichen, aber nicht als Fehler gewertet. Anders in den übrigen Bundesländern - hier wird ein Großteil der neuen Regeln von Montag an für alle Schüler konsequent umgesetzt, Verstöße werden geahndet.

Auch die Verwaltungen sind ab dem 1. August verpflichtet, die Rechtschreibreform zu beachten. Davon ausgenommen sind die Bereiche, in denen der Rat für deutsche Rechtschreibung Neuerungsvorschläge angekündigt hat, nämlich die Getrennt- und Zusammenschreibung, die Worttrennung am Zeilenende und die Zeichensetzung.

Auf eben diese Vorschläge wollen Bayern und Nordrhein-Westfalen warten, bevor sie die neuen Rechtschreibregeln verpflichtend einführen. Für die Schüler sei es verlässlicher, die bisherige "Phase des Übens" andauern zu lassen, sagte die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer.

Möglicherweise komme ja nach der Ratsentscheidung in ein oder zwei Jahren wieder eine Änderung, man wolle kein Hin und Her. Der von der Kultusministerkonferenz (KMK) eingesetzte Rat für deutsche Rechtschreibung hat auf seiner letzten Sitzung Anfang Juli empfohlen, wieder mehr Wörter zusammenzuschreiben. Das Thema Worttrennung soll bei der nächsten Sitzung Ende Oktober auf der Tagesordnung stehen. Auch in anderen Punkten sind die neuen Regeln bereits revidiert worden.

Gerangel ohne Punkt und Komma

Die extrem wechselhafte Geschichte der Rechtschreibreform reicht inzwischen 13 Jahre zurück. Erstmals 1992 von Sprachwissenschaftlern vorgelegt, unterzeichneten 1996 Vertreter der deutschsprachigen Staaten in Wien eine gemeinsame Absichtserklärung. Danach sollten die neuen Regeln ab 1. August 1998 in Schulen und Behörden gelten. Bis August 2005 wollte man die alten Schreibweisen dulden.

Die Gegner der Reform bemühten daraufhin die Gerichte bis in die obersten Instanzen von Bundesverfassungs- und Bundesverwaltungsgericht. In Schleswig-Holstein wehrten sich die Bürger sogar per Volksentscheid gegen die neuen Regeln, bevor eine neue Landesregierung sie dann doch an den Schulen einführte. Schon ein Jahr nach der Umstellung der Rechtschreibung bei den deutschen Nachrichtenagenturen und damit auch im deutschen Zeitungswesen im August 1999 kehrte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" Mitte 2000 zu den alten Regeln zurück.

Ebenfalls 2004 beschlossen KMK und Ministerpräsidentenkonferenz endgültig die verbindliche Einführung zum 1. August 2005. Zugleich wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt. Als diesem Gremium in der ersten Jahreshälfte 2005 mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einer der prominentesten Gegner der Reform beigetreten war, freute sich der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair: "Damit ist der von den Kultusministern zur Wiederherstellung des Rechtschreibfriedens eingesetzte Rat endgültig komplett."

Aber allen Beschlüssen und Vereinbarungen zum Trotz: Der Streit über die neuen Regeln ist noch lange nicht beigelegt, wie die Positionen Bayerns und Nordrhein-Westfalens zeigen. Auch zahlreiche Schriftsteller halten, ebenso wie mehrere Verlage, an der alten Orthografie fest.

Wie unbeschwert ging dagegen vor mehr als 200 Jahren ihr berühmter Kollege Johann Wolfgang von Goethe das Problem der korrekten Schreibweise an: "Mir war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig", erklärte er. "Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte."

Susanne Gabriel, AP

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Ein Journalist macht Günter Grass für das Rechtschreibchaos verantwortlich  Quelltag:
23.07.2005
Verfasser/Eintrager:
Günter Loew/
Quelle:
Hanauer Anzeiger Nr. 169
Ein argumentativer Salto mortale
Leserbrief zum Kommentar im HA von Jürgen Harde \\
Leserbrief zu:
Noch mehr Chaos
Von Joachim Harde
Hanauer Anzeiger Nr. 164, 18.7.2005, S. 2


Wenn man es nicht schwarz auf weiß vor sich sähe, würde man’s nicht glauben, daß ein Journalist auf die Wahnsinnsidee verfallen könnte, ausgerechnet Günter Grass für das von der Rechtschreibreform angerichtete Chaos mitverantwortlich zu machen. In dem „Kommentar“ von Joachim Harde zu der dpa-Meldung, daß Bayern und Nordrhein-Westfalen die Rechtschreibreform (vorerst) aussetzen, liest sich dieser argumentative Salto mortale so: „Aber nicht nur Politiker und Fachleute sind für das Chaos verantwortlich, sondern auch Prominente wie Günter Grass, der sich nicht an die neuen Regeln halten will. Auch das kommt bei den Schülern nicht gut an. Was sollen die davon halten, wenn von ihnen verlangt wird, aufwändig mit „ä“ zu schreiben, es aber in den Büchern des Literaturnobelpreisträgers weiterhin mit „e“ steht.“

Joachim Harde scheint tatsächlich zu glauben, daß die KMK als länderübergreifendes Organ der deutschen Kultusminister die Regelungsgewalt über die deutsche Orthographie besäße und sich auch die deutschen Schriftsteller als gehorsame Staatsbürger nach den Vorschriften dieses Gremiums richten müßten. Die KMK ist aber ein Organ der exekutiven Gewalt und besitzt als solches keinerlei legislative Kompetenz. Daran hat sich auch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 14.7.1998 nichts geändert. Das Bundesverfassungsgericht hat der KMK lediglich das Recht zugebilligt, daß sie ohne vorherige Ermächtigung durch die Parlamente, die nach Artikel 80 des Grundgesetzes für eine Rechtsverordnung nötig gewesen wäre, einen orthographischen Regelungsversuch vornehmen durfte, weil die Rechtschreibung im deutschen Sprachraum „nicht auf Rechtsnormen, sondern auf sprachlichen und damit außerrechtlichen Regeln“ beruhe, „die auf Akzeptanz angewiesen seien“ (im Urteil auf S. 21/22). Weil es sich dabei also gar nicht um eine Rechtsverordnung handelte, hat das Gericht auch Wert auf die folgende Klarstellung gelegt: „Soweit dieser Regelung rechtliche Verbindlichkeit zukommt, ist diese auf den Bereich der Schulen beschränkt.“ (S. 59)

Nur wer von diesem Hintergrund keine Ahnung hat oder total obrigkeitshörig ist, wird auf die Schnapsidee verfallen können, die deutschsprachigen Schriftsteller dafür verantwortlich zu machen, daß die Schüler in der von ihnen gelesenen Literatur auf ganz andere Schreibungen stoßen, als sie sie von der Schule her kennen. Die Verantwortung für diesen skandalösen Tatbestand tragen einzig und allein die Kultusminister, die als kompetente Politiker und verantwortungsbewußte Menschen diese verheerende Folge ihrer Eingriffe in die deutsche Orthographie natürlich unbedingt hätten vorhersehen müssen. Da sie aber weder auf die Proteste der Bevölkerung und der kulturellen Eliten der Nation etwas gaben noch sich durch den Volksentscheid in Schleswig-Holstein von ihrem sprach- und kulturzerstörerischen Tun abbringen ließen und noch nicht einmal auf die weltweit anerkannten deutschen Schriftsteller, darunter die Nobelpreisträger Günter Grass und Elfriede Jelinek, hören mochten, haben sie sich jetzt durch eigenes Verschulden selbst die Qualifikation für ihr Amt abgesprochen: Ministern, die nicht einmal gemerkt haben, daß in dem von ihnen für „unstrittig“ erklärten Kapitel der Groß- und Kleinschreibung dicke Grammatikfehler enthalten sind, oder die sich mit der Arroganz der Macht sogar einfach darüber hinwegsetzen wollten und beschlossen haben, diese fehlerhaften Schreibungen vom 1. August an für verbindlich zu erklären und somit notenrelevant zu machen, kann man die Verantwortung für die deutsche Kultur nicht mehr anvertrauen.

Die Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen haben jetzt die Notbremse gezogen und ihnen die Sache kraft ihrer eigenen Verantwortung für die deutsche Sprachkultur aus der Hand genommen


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„Verbohrtheit“  Quelltag:
17.7.2005
Verfasser/Eintrager:
Johannes Breckner/
Quelle:
http://www.echo-online.de/unsere_meinung/meinung_detail.php3?id=312700
„Rechtschreibreform: Ein gutes Beispiel
 
Die Geschichte der deutschen Rechtschreibreform hat viele kuriose Kapitel. Mit der Entscheidung mehrerer Bundesländer, die endgültige Einführung der neuen Rechtschreibung weiter hinauszuzögern, ist ein weiteres hinzugekommen.

Zwar hatten die Kultusminister einstimmig beschlossen, die unstrittigen Teile der Reform zum 1. August an den Schulen verbindlich zu machen. Wenigstens in Bayern und Nordrhein-Westfalen sind ihnen jetzt die Regierungschefs in den Rücken gefallen.

Niedersachsen wackelt noch mit seiner Entscheidung, Hessen will den beschlossenen Weg fortsetzen. Man kann also sicher sein, dass das deutsche Rechtschreib-Durcheinander auch nach dem 1. August noch fortgesetzt wird. Was dem Darmstädter Schüler als Fehler angestrichen wird, wird in München weiterhin toleriert.

Dabei spricht einiges dafür, abzuwarten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Beratungen abgeschlossen hat. Er hat seine Arbeit ja erst begonnen und von Anfang an durch kluge Sacharbeit überzeugt.

Der Ratsvorsitzende Hans Zehetmair hat deutlich gemacht, dass das Gremium sich weder den Zeitplan noch seine Tagesordnung vorschreiben lassen will. Die Formulierung der Kultusminister, man wolle nur die „unstrittigen“ Teile der Reform verbindlich werden lassen, weist auf den Kern des Problems. Denn welches die unstrittigen Teile sind, ist umstritten.

Mit den Vorschlägen zur Getrennt- und Zusammenschreibung hat der Rechtschreibrat seine Arbeit ja erst begonnen. Und seine Mitglieder sind beispielsweise mit der Reform der Groß- und Kleinschreibung keineswegs so einverstanden, wie es die Kultusminister behaupten.

Die Kultusminister haben den Rechtschreibrat eingesetzt, als sie sahen, dass ihr Reformwerk ohne Veränderungen keine Chance hat, akzeptiert zu werden. Aber kurz nach der Einsetzung haben sie versucht, einen Teil der Regeln verbindlich zu zementieren.

Das mag aus ihrer Sicht ja verständlich sein: Je länger der Rat tagt, desto weniger wird von der ursprünglichen Reform noch übrig bleiben. Erst die Kompetenz von Experten zu bemühen, um sich dann darüber hinwegzusetzen, zeigt freilich eine gewisse Verbohrtheit.

In der Geschichte der Rechtschreibreform haben schon mehrfach einsame Entscheidungen rasch Nachahmer gefunden. Es wäre gut, wenn die anderen Bundesländer dem Beispiel aus München und Düsseldorf folgten und die Übergangsfrist verlängerten, bis der Rat für deutsche Rechtschreibung seine Arbeit erledigt hat. Sie riskieren nichts, aber sie gewinnen die Chance auf eine vernünftige, von Schreibern und Lesern akzeptierte Reform.“
Johannes Breckner
17.7.2005

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Argumente- und zielschwacher Lehrerverbandpräsident, der bei krank schreiben nicht aufmerkt  Quelltag:
3.6.2005
Verfasser/Eintrager:
Sagenschneider, Kraus/
Quelle:
Deutschlandfunk
Lehrerverband kritisiert Rechtschreibreform
Kraus fordert langfristige Regelungen
Lehrerverband kritisiert Rechtschreibreform
Kraus fordert langfristige Regelungen
Moderation: Marie Sagenschneider
Der Deutsche Lehrerverband hält seine Kritik an der geplanten Rechtschreibreform aufrecht. Auch die nun vorliegenden Pläne seien "wieder nichts Fertiges", sagte Verbandspräsident Josef Kraus. Man hätte dem Rat für Rechtschreibung ein Jahr länger Zeit geben sollen.

Sagenschneider: "Eis laufen", "voll quatschen", "auseinander setzen" - das hat erst mal gar nichts miteinander zu tun, außer dass man dies nach den neuen Rechtschreibregeln nicht mehr zusammenschreibt, sondern trennt. Eis laufen, voll quatschen, auseinander setzen - und da wird es dann schon schwierig. Ob dies wieder rückgängig gemacht werden soll, auch darüber wird heute das zuständige Expertengremium, der Rat für deutsche Rechtschreibung, beraten - gestern schon hatte die KMK, die Kultusministerkonferenz, beschlossen, die mittlerweile unstrittigen Teile der Rechtschreibreform ab dem 1. August in Kraft zu setzen, was bedeutet: Nach einer Übergangsfrist von sieben Jahren, denn 1998 wurde die Reform in den Schulen eingeführt, ist das Neue richtig, das Alte wird rot angestrichen, als Fehler. Da brechen also härtere Zeiten an für die Schüler und auch darüber wollen wir nun hier im Deutschlandradio Kultur mit Josef Kraus sprechen, er ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Was ist denn eigentlich unstrittig? Welche Neuerungen sollen jetzt ab dem 1. August dann wirklich gelten?

Kraus: Also im Wesentlichen ist das natürlich die s-Schreibung, das ist ja der Kernbestand des ganzen Reformpaketes, nämlich dass man in weiten Bereichen das herkömmliche scharfe s nach kurzem Vokal abgeschafft hat und hier ein Doppel-s macht ...

Sagenschneider: ... "Fluss" und "dass" und so.

Kraus: Ja, richtig, also die Konjunktion "dass" beispielsweise, wobei man allerdings dazu sagen muss, es ist dadurch nicht unbedingt leichter geworden. Aber das ist unstrittig, das hat sich in weiten Bereichen durchgesetzt und auch die Lehrer haben da keine Klagen - es ist nicht leichter geworden, aber es ist in sich schlüssig und systematisch und da will niemand mehr dran.

Sagenschneider: Und das, was ich vorher angesprochen habe, das Aufeinandertreffen von Adverbien und Verben, also "auseinander setzen", "krank schreiben", das ist noch umstritten?

Kraus: Das ist noch umstritten, sowohl im Schulbereich wie auch im Bereich der professionellen Schreiber, weil man einfach festgestellt hat, es geht damit Semantik verloren, es gehen die Möglichkeiten semantischer Differenzierungen verloren. Ich nenne mal ein Beispiel: "Wohl bekannt" auseinander geschrieben hat natürlich eine andere Bedeutung, wenn man es auseinander schreibt bedeutet es ungefähr soviel wie "na ja, so halb bekannt" oder "gar nicht so ganz bekannt", und "wohlbekannt" zusammengeschrieben ist natürlich eine Steigerung von "bekannt", also "sehr bekannt". Diese Unterscheidung könnte man nicht mehr machen, wenn generell auseinander geschrieben werden muss. Und diese Dinge sind noch mal auf den Prüfstand gestellt worden und da will der Rat der deutschen Rechtschreibung unter der Führung des ehemaligen bayerischen Kultusministers Zehetmair im Wesentlichen wieder zu den herkömmlichen Möglichkeiten zurück, nämlich dass man differenzieren kann, dass beides möglich ist, je nach semantischer Absicht.

Sagenschneider: Ein Zweites, was noch umstritten ist, ist die Silbentrennung. Also das ist auch noch Gegenstand der Beratung und das ist natürlich auch zum Teil unschön, weil ungewohnt einfach. Also, "A-bitur" nach dem "A" schon trennen zu können oder "I-gel" nach dem "I", das ist schon merkwürdig, aber man sagt, nach dem Gehör ist das natürlich logisch. Man sagt ja "A-bi-tur".

Kraus: Da muss man sicherlich die akustische und die visuelle Wahrnehmung unterscheiden. Es tut wirklich weh, wenn man die Präposition "über" trennt: "ü", Strich, "ber". Aber Sie haben natürlich Recht vom Akustischen her. Also, es ist jetzt nicht ein großer Knackpunkt, aber aus optischen Gründen wäre es vernünftig, da wieder zu den herkömmlichen Regeln zu kommen.

Sagenschneider: Die Situation jetzt bedeutet ja, dass ein Teil wirklich in Kraft tritt und ein anderer Teil möglicherweise später, möglicherweise es auch noch mal eine Reform der Reform gibt. Welche Auswirkung hat das eigentlich für die Schulen jetzt, diese Situation, in der wir uns befinden?

Kraus: Zunächst mal ein Bereich vorweg noch genannt, der auch auf den Prüfstand gestellt werden muss, das ist natürlich die Zeichensetzung. Also es ist ja interessant, dass die meisten Verlage die herkömmliche Zeichensetzung praktizieren - aus Gründen der Lesbarkeit. Man hat bei der Reform der Zeichensetzung zu sehr an den Schreiber gedacht, aber zu wenig daran gedacht, dass natürlich ein Tausendfaches von dem gelesen wird und ein entsprechendes Komma ist natürlich eine Hilfe beim Sinn entnehmenden Lesen. Aber jetzt zu Ihrer Frage, was das für Auswirkungen hat: Nun, es ist halt wieder nichts Fertiges. Und das ist das, was mich ein bisschen stört mit Blick auf Pädagogik, mit Blick auf Schule, auf Deutschunterricht, dass wieder das Gefühl besteht, na ja, also da kommt noch mal was und abschließen können wir es jetzt auch wieder nicht und die Lehrer und Schüler sagen: Nächstes Jahr müssen wir uns unter Umständen wieder in Teilbereichen umstellen - also vernünftiger wäre es wahrscheinlich schon gewesen, den Rat zur Rechtschreibung noch ein Jahr konsequent und solide arbeiten zu lassen, den Termin zu verlängern auf 1. August 2006.

Sagenschneider: Mittlerweile wird die Reform ja seit sieben Jahren schon in den Schulen gelehrt, seit 1998. Wie sind denn bisher die Erfahrungen? Hat sich das eingepegelt, hat es sich vielleicht auch bewährt?

Kraus: Also eingepegelt hat sich sicherlich die neue s-Schreibung. Da gibt es unterschiedliche Auffassungen, ob damit die Fehler weniger geworden sind. Also wenn die Fehler weniger geworden sind, dann sicherlich nicht im großen Umfang, im großen Stil. Ansonsten hat man natürlich in der Schule gelernt, die Rechtschreibung ein bisschen großzügiger anzugehen in der Korrektur. Die Kinder dürften nicht die Leidtragenden dessen sein, dass sich die Experten da nicht einigen konnten. Die Luft ist im Wesentlichen raus, also die große Aufregung, die wir 1998 hatten, die wir letztes Jahr hatten bei der Umstellung maßgeblicher Zeitungen, die ist ein bisschen raus. Was wir uns in den Schulen wünschen, ist jetzt wirklich einfach mal ein abschließendes Ergebnis, dass man sagen kann: Okay, das, was jetzt gesagt wurde, das gilt jetzt einfach mal für die nächsten ein, zwei Jahrzehnte oder ein, zwei Schülergenerationen. Da sind wir aber leider noch nicht ganz hingekommen.

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Der Rat äußert sich zu den Wörterverboten, nennt sie aber nicht so  Quelltag:
Donnerstag, 2. Juni 2005, 16:38
Verfasser/Eintrager:
 /
Quelle:
http://www.moz.de/showArticle.php?OPENNAV=aktuelles&SUBNAV=kultur&ID=60123
Rat für Rechtschreibung tagt in Mannheim
 
Rat für Rechtschreibung tagt in Mannheim
Mannheim (ddp) Der Rat für Deutsche Rechtschreibung kommt am Freitag in Mannheim zu einer möglicherweise entscheidenden Sitzung zusammen. Es wird erwartet, dass das 36-köpfige Expertengremium bei seinem vierten Treffen Empfehlungen zur umstrittenen Getrennt- und Zusammenschreibung beschließt. Eine eigens eingerichtete siebenköpfige Arbeitsgruppe hat bereits Verbesserungsvorschläge erarbeitet und dabei für eine weitgehende Rückkehr zu den alten Regeln plädiert.

Demnach sollen in vielen Fällen Wörter wieder zusammengeschrieben werden, die nach den neuen Regeln getrennt geschrieben werden. So soll es wieder "auseinandersetzen", "leidtun" und "eislaufen" statt "auseinander setzen", "Leid tun" und "Eis laufen" heißen. Der Rat hat auch die Aufgabe, zur Zeichensetzung und Silbentrennung Änderungsvorschläge auszuarbeiten. Das Gremium braucht für seine Beschlüsse jeweils eine Zwei-Drittel-Mehrheit.

Der Rat war nach der heftiger Kritik an der neuen Rechtschreibung von der Kultusministerkonferenz (KMK) ins Leben gerufene worden. Die Rechtschreibreform soll zum 1. August endgültig in Kraft treten. Die KMK, die letztlich über mögliche Korrekturen an der Reform entscheidet, berät noch bis Freitag in Quedlinburg über die Neuregelungen.

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Wörterverbote („Getrenntschreibung“) nach wie vor heftig umstritten  Quelltag:
1.06.05, 16:09h
Verfasser/Eintrager:
dpa/
Quelle:
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1117439129256&open
Kultusminister beraten über Rechtschreibreform
Im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz steht Umsetzung der deutschen Sprache
Quedlinburg  
Kultusminister beraten über Rechtschreibreform
Im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz steht Umsetzung der deutschen Sprache


erstellt 01.06.05, 16:09h
Quedlinburg/Mannheim/dpa.  Die Kultusminister der Länder treffen sich an diesem Donnerstag zu einer zweitägigen Konferenz in Quedlinburg. Im Mittelpunkt steht die Umsetzung der Rechtschreibreform der deutschen Sprache, deren unstrittige Bestandteile nach bisherigem Fahrplan am 1. August für die deutschen Schulen und Behörden verbindlich werden sollen.

Zur heftig umstrittenen Getrennt- und Zusammenschreibung in dem Regelwerk will unterdessen der Rat für deutsche Rechtschreibung auf seiner vierten Sitzung am Freitag in Mannheim Änderungsvorschläge beschließen. Wann diese umgesetzt werden, ist offen. Möglicherweise wird es eine Übergangsfrist geben, als realistisch gilt ein Zeitraum von einem Jahr.

Neben der Getrennt- und Zusammenschreibung sind auch noch Fragen der Silbentrennung und Zeichensetzung sowie der Eindeutschung von Fremdwörtern ungeklärt. Daher wird es neben den am Freitag und am 1. Juli geplanten Zusammenkünften des Rats für deutsche Rechtschreibung wohl noch weitere Sitzungen des Gremiums geben. Das letzte Wort bei den Änderungen hat - im Verbund mit Österreich und der Schweiz - die Kultusministerkonferenz (KMK).

In Quedlinburg wollen die Minister neben der Rechtschreibung auch über Studiengebühren und eine Reform der Berufsbildung sprechen. In einem Gespräch mit dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, geht es um die Situation auf dem Ausbildungsmarkt.


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Hauptsache: „diess/ß-Schreibung per 1. August definitiv bestätigen“  Quelltag:
2. 6. 2005
Verfasser/Eintrager:
Birgit Thek/
Quelle:
Neues Volksblatt
„Unser Ziel ist eineNeuregelung, die hält!“
Der oö. Autor Ludwig Laher, Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, zu Änderungsvorschlägen zur Reform
Neues Volksblatt - Kultur
„Unser Ziel ist eineNeuregelung, die hält!“ -  - Der oö. Autor Ludwig Laher, Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, zu Änderungsvorschlägen zur Reform -  - Von Birgit Thek - „Wie hoch sehen Sie die Chancen, dass es bei der Sitzung des Rats für deutsche Rechtschreibung morgen zu einer Einigung über die ge-planten Änderungen kommen wird?“ Auf diese Frage muss Ludwig Laher, der im Rat die Position der österreichischen IG Autorinnen und Autoren vertritt, weiter ausholen. „Es muss eine Einigung geben, wobei ich nicht bestätigen kann, dass wir bereits morgen über das Segment der Getrennt- und Zusammenschreibung zu einem Beschluss kommen werden, der dann als Empfehlung an die Regierungen und die deutsche Kultusministerkonferenz geht. Denn das Ganze ist untereinander sehr verwoben und hat teilweise auch mit Groß- und Klein-Schreibung zu tun, wie bei Leid tun oder Pleite gehen. Insofern ist diese Sitzung im Zusammenhang mit der nächsten am 1. Juli zu sehen, wo auf jeden Fall eine öffentliche Verlautbarung zur Rechtschreibreform erfolgen wird. Unser Ziel ist jedenfalls eine Neuregelung, die auch wirklich hält!“ - Laher betont dem VOLKSBLATT gegenüber, dass das Expertengremium, in dem jetzt erst die „Praktiker“wie Lehrer(innen) oder Schriftsteller(innen) eingebunden wurden, nur ein halbes Jahr Zeit für seine Arbeit hatte und in dieser kurzen Zeit „keine Wunder wirken“ könne. „Der Karren war ja völlig verfahren“, übt der Autor Kritik an dem „falschen Weg“, der mit den Beschlüssen von 1996 in Sachen Rechtschreibung beschritten worden war.  - „Jetzt ist vieles in Fluss gekommen“, ist Laher optimistisch und wünscht sich „eine Verlängerung der Übergangsfrist um ein Jahr“.  - Für „relativ wahrscheinlich“ hält er jedoch auch fol-gendes Szenario: Dass die beteiligten Regierungengewisse Bereiche wie diess/ß-Schreibung per 1. August definitiv bestätigen und nur für Teilaspekte die Übergangsfrist verlängern — wobei er zu bedenken gibt, dass bereits die vor demRat tätige Zwischenstaatliche Kommission im Jahr 2004 eine große Zahl von Änderungen beschlossen hat, die dann ab Herbst eingeführt werden müssten — „ein Flickwerk“! -  - 

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Deutsche Sprachwelt  Quelltag:
17.5.2005
Verfasser/Eintrager:
dsw/
Quelle:
http://www.deutsche-sprachwelt.de/nachrichten/neues_detail.php?id=259
Kultusminister wollen Einführungsfrist verlängern
 
Rechtschreibreform: Kultusminister wollen Einführungsfrist verlängern

Die Kultusminister wollen auf ihrer Konferenz am 2. und 3. Juni im sachsen-anhaltischen Quedlinburg die Übergangsfrist für das Inkrafttreten der Rechtschreibreform wenigstens zum Teil verlängern. Das geht aus einer heute veröffentlichten Stellungnahme des brandenburgischen Bildungsministers Holger Rupprecht gegenüber dem Berliner Kurier hervor. Ursprünglich wollten die Minister die mißglückte Reform an den Schulen zum 1. August alleinverbindlich machen.

Rupprecht erklärte: „Ich kann mir vorstellen, daß man für die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagenen Änderungen ein anderes verbindliches Einführungsdatum als den 1. August beschließen wird. Dazu zählen zum Beispiel Getrennt- und Zusammenschreibungen und Interpunktionsregeln, die in einer Übergangsfrist gelehrt, aber noch nicht benotet werden sollten.“

Schüler und Lehrer müßten bei einer derartigen Entscheidung lernen, welche Teile der klassischen Rechtschreibung, die der Reform widersprechen, ungestraft verwendet werden dürfen und welche nicht. Die Berliner FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben meint dazu: „Wenn innerhalb eines Satzes nur Teile der Rechtschreibung zensiert werden, droht Chaos.“

Gleichzeitig zur Kultusministerkonferenz tagt am 3. Juni auch der Rat für deutsche Rechtschreibung, in Mannheim.

geschrieben von dsw am 17.05.2005

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Springers selbstunkritische Erben  Quelltag:
17.05.2005
Verfasser/Eintrager:
R. Gorny/
Quelle:
Berliner Kurier
Neue Rechtschreibung: Bald Chaos bei den Zensuren
 
http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/berlin/81389.html

>>17.05.2005
Neue Rechtschreibung: Bald Chaos bei den Zensuren
R. GORNY

Berlin – Nun ist der Murks perfekt. Am 1. August wird zwar die Rechtschreibreform in Kraft treten. Aber nur teilweise. Ein Zensuren-Chaos droht.

Am 2. und 3. Juni wollen sich die Kultusminister der Bundesländer auf einer Tagung in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) auf einen Kompromiss verständigen. Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht zum

KURIER: "Ich kann mir vorstellen, dass man für die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagenen Änderungen ein anderes verbindliches Einführungsdatum als den 1. August beschließen wird. Dazu zählen zum Beispiel Getrennt- und Zusammenschreibungen und Interpunktionsregeln, die in einer Übergangsfrist gelehrt, aber noch nicht benotet werden sollten."

Die Berliner FDP-Bildungsexpertin Mieke Senftleben: "Wenn innerhalb eines Satzes nur Teile der Rechtschreibung zensiert werden, droht Chaos."<<

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„Von etwas, das als falsch erkannt wurde, nicht mehr abzugehen, weil es einige Schülerjahrgänge schon „verinnerlicht“ haben, wäre nicht nur der Sprache gegenüber unverantwortlich, sondern auch gegenüber den kommenden Schülerjahrgängen und Schülergenerationen, also gegenüber allen künftigen Schreibenden und Lesenden. Den Politikern, die sich einer Rücknahme der Reform verweigern, geht es primär darum, nicht eingestehen zu müssen, was sie angerichtet haben. Es geht ihnen um Wahrung ihres Macht-Gesichts. Was morgen sein wird, kümmert sie nicht, denn dann sind sie über alle politischen Berge. Wieviel Schuld will man noch auf sich laden?“  Quelltag:
10.05.2005 
Verfasser/Eintrager:
Interview: Uli Drescher/
Quelle:
Ostthüringer Zeitung
Wer streitbar ist, wird immer umstritten sein
OTZ-Interview mit Schriftsteller Reiner Kunze, der morgen in Schleiz zu Gast ist

Herr Kunze, Ihnen geht der Ruf eines streitbaren, umstrittenen aber auch eines der bedeutendsten deutschen Lyriker voraus, manche wollen Sie sogar in die rechte Ecke drücken. Wie hält man diese Widersprüchlichkeit – sofern sie es wirklich ist – aus?

Reiner Kunze: Wer streitbar ist, wird wohl immer auch umstritten sein, das ist kein Widerspruch, und mich belastet nicht das Umstrittensein, sondern der Umstand, streitbar sein zu müssen. Ich würde gern darauf verzichten. Die Begriffe „rechts“ und „links“ liegen, was das Leben betrifft, außerhalb meines Koordinatensystems. Ich orientiere mich an gänzlich anderen Kriterien: Was ist wahr? Was ist nach meinem begrenzten Verstand vernünftig? Wer verdient mein Vertrauen, und wer hat sich als ein widerwärtiger Charakter erwiesen? Wer bedarf meiner Hilfe, und wann lade ich Schuld auf mich, wenn ich schweige? – Wo ist da „rechts“ und „links“? Die Wirklichkeit fragt allerdings nicht danach, ob man sie aushält. Ich frage aber auch die Wirklichkeit nicht, ob sie mich aushält.

Fühlen Sie sich einer politischen Richtung verbunden?

Reiner Kunze: Vor kurzem hatte ich in Berlin ein intensives Gespräch mit Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes, jungen Menschen aus zwanzig Ländern. Ich fühle mich der Hoffnung verbunden, die ich in junge Menschen wie diese setze. Sie verfügten noch über das absolute Gehör für Ehrlichkeit.

In dem Bundesland, in dem Sie geboren wurden, in Sachsen, haben die Rechten erstmalig Sitze im Landtag erobert. In diesem Zusammenhang hört man in den Medien immer wieder von so genannter Denkzettelwahl an die Macht ausübenden Parteien. Was halten Sie von solchen Denkzetteln?

Reiner Kunze: Es gibt keine Unzufriedenheit, die rechtfertigte, Parteien mit totalitärem Wurzelgeflecht zu wählen.

Halten Sie die Demokratie in dieser Bundesrepublik für stark genug und das Volk für klug genug, den Rattenfängern extremistischer Parteien zu widerstehen?

Reiner Kunze: Ja. Noch sind wir keine Ratten.

Wann und wo haben Sie die besten Gedanken für Lyrik und Prosa?

Reiner Kunze: Einfälle kennen keine benennbaren Zeiten und Plätze. Was ich zur Arbeit brauche, ist Zeit, und sie muss ich mir aus der Zeit herausschneiden.

Ein Gespräch mit Ihnen kann nicht vorbeigehen, ohne ein Wort zur Sprache zu sagen, deren Pflege Sie sich ja besonders angenommen haben. Halten Sie es heute, nachdem schon einige Schülerjahrgänge die reformierte Rechtschreibung verinnerlicht haben, immer noch für sinnvoll, das Werk komplett einzustampfen?

Reiner Kunze: Komplett. Mit der Vorgabe, dass niemandem, der die neue Schreibung gelernt hat, ein gesellschaftlicher Nachteil entsteht, wenn er sie weiterhin anwendet, und mit dem Auftrag, die Überregelung im Duden, an der die alte Orthographie krankte, so zu beseitigen, dass der Sprache kein Schaden entsteht. Von etwas, das als falsch erkannt wurde, nicht mehr abzugehen, weil es einige Schülerjahrgänge schon „verinnerlicht“ haben, wäre nicht nur der Sprache gegenüber unverantwortlich, sondern auch gegenüber den kommenden Schülerjahrgängen und Schülergenerationen, also gegenüber allen künftigen Schreibenden und Lesenden. Den Politikern, die sich einer Rücknahme der Reform verweigern, geht es primär darum, nicht eingestehen zu müssen, was sie angerichtet haben. Es geht ihnen um Wahrung ihres Macht-Gesichts. Was morgen sein wird, kümmert sie nicht, denn dann sind sie über alle politischen Berge. Wieviel Schuld will man noch auf sich laden?

Der so genannte Rat für deutsche Rechtschreibung will nun eine teilweise Rückkehr zu den alten Regeln durchsetzen. Sehen Sie darin einen Teilerfolg auch Ihrer Kritik an der Reform?

Reiner Kunze: In der Tatsache, dass man nach sieben Jahren argumentativ an der Wand steht, ja. Aber von Erfolg kann keine Rede sein. Am 11. April hieß es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Vorsitzende des Rates für deutsche Rechtschreibung, Hans Zehetmair, und die Bildungsminister hätten vereinbart, dass am 1. August 2005 nichts verbindlich werden würde, was „strittig“ sei, und der Präsident des Lehrerverbandes, Kraus, habe sich für eine „Verlängerung der Übergangsfrist“ eingesetzt, da der „Stichtag 1. August für eine verbindliche Einführung der neuen Regeln ... bei tiefgreifenden Änderungen nicht zu halten“ sei. Doch bereits am 12. April ließ die Kultusministerkonferenz den von ihr eingesetzten Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung die Macht der Macht spüren, indem sie den Beschluss vom Herbst 2004 bekräftigte, die 1996 eingeführte Neuregelung der Rechtschreibung am 1. August 2005 zur „verpflichtenden Grundlage“ zu machen. Der saarländische Kultusminister Schreiber meinte, man könne keine Rechtschreibregelung für die Schulen verbindlich machen, von der man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wisse, dass sie bald wieder korrigiert werde. Das sei Lehrern und Schülern nicht zuzumuten. Er scheint noch davon auszugehen, dass wir in einer intakten Demokratie leben.

Ihre Lesung in Schleiz ist dem Engagement von Dr. Manfred Eckstein zu danken, dem Sie freundschaftlich verbunden sind. Schleiz ist nicht weit entfernt von Greiz, dem Sie Ihre „wunderbaren Jahre“ zu danken haben, Greiz nicht allzu weit von Oelsnitz im Erzgebirge, wo Sie geboren wurden. Heute leben Sie in der Nähe von Passau. Wo ist Ihre Heimat?

Reiner Kunze: Es gibt eine Heimat im engeren Sinn, die Heimat der Geburt, der Kindheit. Sie liegt im Erzgebirge. Dann gibt es Heimaten, die man sich schafft, und die voraussichtlich letzte Heimat, die wir, meine Frau und ich, uns geschaffen haben, ist das Donau-Niederbayern. Alle diese Heimaten sind jedoch durch undurchtrennbare Seelenfäden miteinander verbunden, und insofern ist meine Heimat Deutschland. Außerdem ist meine Heimat überall dort, wo meine Frau ist, oder wo wir in der Welt einen Menschen wissen, der uns nicht fragt, warum wir bei ihm anklopfen. Meine Heimat als Schriftsteller ist meine Sprache.

Interview: Uli Drescher

Zur Person: Der Sohn eines Bergarbeiters studiert nach dem Schulabschluss Philosophie und Journalistik in Leipzig. Bis 1959 ist er wissenschaftlicher Assistent an der Universität Leipzig. Nach schweren politischen Angriffen verlässt Reiner Kunze 1959 vor der geplanten Promotion die Hochschule und schlägt sich mit unterschiedlichsten Arbeiten durch. Es folgen diverse Aufenthalte in der Tschechoslowakei mit ersten Übersetzungen. Seit 1962 lebt Kunze als freiberuflicher Schriftsteller in Greiz/Thüringen. In den folgenden Jahren werden Kunzes Publikationsmöglichkeiten erschwert.
Am Tag der Zerschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 gibt Reiner Kunze sein Parteibuch zurück, was den Ausschluss aus der SED nach sich zieht. Öffentliche Lesungen sind kaum noch möglich. Kunze veröffentlicht zunehmend in bundesdeutschen Verlagen. 1976 wird er nach Erscheinen seines Prosabandes „Die wunderbaren Jahre“ aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1977 siedelt er in die Bundesrepublik über und lebt seitdem mit seiner Familie in Obernzell-Erlau bei Passau.
1979 Auszeichnung mit dem Bayerischen Filmpreis für sein Drehbuch zu „Die wunderbaren Jahre“,1993 Auszeichnung mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, 1998 Verleihung des Europapreises Poesie, 1999 Auszeichnung mit Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg u.a.

http://www.otz.de/otz/otz.schleiz.vollte...=OTZ&dbserver=1

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   Quelltag:
9.5.2005
Verfasser/Eintrager:
ASE/
Quelle:
taz
Verpasst?
Das Kreuz mit dem großen E
Das Interessante: Zwei Stunden begab man sich in die Abgründe der Orthografie und entdeckte die Absurditäten ihrer Reform in voller Pracht. Dafür musste man jedoch schon was aushalten können. Eingeladen zum "Großen Deutschtest 2005" auf RTL hatte "Graf Komma zu Semikolon" Hape Kerkeling, gefolgt waren Superpromis wie Susan Stahnke, Toni Polster, die Supernanny und die niedersächsische Familienministerin. Sie kämpften gegen "die Lehrer", "die Beamten" und - ha, ha - "die Schröders", von denen einer sogar Gerd hieß.

Trotzdem war der Abend nicht ohne hübsche Momente. "Hüazinte" und sogar "Getichte" durfte man in den Starheften lesen. Sängerass Heinz-Rudolf-Kunze erklärte, "eiserne Faust" werde vorne klein geschrieben, "weil das ,eisern' ja nicht so extrem betont ist, dass man es groß schreiben würde".

Nicht zu verachten auch die Erkenntnis, dass es "Besorgnis erregend", aber "äußerst besorgniserregend" heißt. Und die Weisheit des kleinen Jungen, der zur Rechtschreibung befragt wurde: Wörter mit großem E sind doof. Ein kleines e schreibt sich viel schneller. ASE

taz Nr. 7659 vom 9.5.2005, Seite 17, 38 Zeilen (Kommentar), ASE

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Zitat:
Bessere Argumente haben Linguisten. Doch welcher normale Schreiber will schon darüber nachdenken, ob „Verbindungen vom Typus direktes Objekt und Partizip“ zusammen- oder auseinander geschrieben werden?


Die Schreibweise mit dem Bindestrich ("zusammen- oder auseinander geschrieben") ist so tatsächlich im Kommentar enthalten - nur macht sie leider in der reformierten Form überhaupt keinen Sinn...


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Frankfurter Allgemeine Zeitung, „Briefe an die Herausgeber“, 10.03.2005  Quelldatum:
 
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J.-M. Wagner  
 
 
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Handlungsanweisung
Zum Beitrag "Ohne Zehetmair" (F.A.Z. vom 24. Februar):

Der Chef der Duden-Redaktion – sein Name falle der damnatio memoriae anheim – macht sein fundamental irriges Verständnis dessen, was Rechtschreibung sein kann, öffentlich: Der Deutschlehrer habe "zur Rechtschreibung ebensowenig zu sagen, wie Physiklehrer Einsteins Relativitätstheorie umkrempeln könnten".

Das klassische Regelgebäude der deutschen Rechtschreibung ist das Ergebnis eines 200jährigen konsensualen Prozesses, in dem die Gewichtung phonologischer, morphologischer und syntaktischer Faktoren sorgfältig austariert und sukzessive explizit konventionalisiert wurden. Demgegenüber ist die Formel E = mc² Teil einer physikalischen Theorie, die prognostische Kraft hat. Im strengen Sinne können orthographische Regeln keine Theorie sein, sondern eine Menge von praktischen Handlungsanweisungen, deren linguistische und didaktische Qualität von Fachleuten (auch von gut ausgebildeten, erfahrenen Deutschlehrern) einer kritischen Würdigung unterzogen werden können. Dem Chef der Duden-Redaktion gebricht es an minimalen wissenschaftstheoretischen und sprachwissenschaftlichen Kenntnissen.

Professor Dr. Herbert E. Brekle, Regensburg


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Theodor Ickler  
 
 
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So nicht!


Meine Mitarbeit im "Rat" widerlegt nichts. Es bleibt dabei, daß der Rat in grotesker Weise einseitig zusammengesetzt ist. Das schließt aber nicht aus, daß etliche Mitglieder zu besserer Einsicht fähig sind, als ihnen die Politiker zutrauen. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen die Reform (wie sogar der Verband der Schulbuchverleger kürzlich eingestanden hat), ist aber nur durch verschwindend wenige Organisationen im Rat vertreten. Das ist nicht in Ordnung. Man muß ja noch hinzunehmen, daß selbst Vereine, deren Mitgleider gegen die Reform sind, gleichwohl durch Funktionäre vertreten sind, die die Reform durchpeitschen wollen. Könnten z. B. die Mitglieder der Gesellschaft für deutsche Sprache lesen, was ihr Vorsitzender als Stellungnahme eingereicht hat, würden sie wohl in Scharen aus der GfdS austreten.

Aber das kleine Häuflein der Kritiker hat die öffentliche Meinung hinter sich, und es hat die besseren Zeitungen und Zeitschriften auf seiner Seite. Das ist der Grund, warum es in der Tat, wie Herr Zehetmair prophezeit, nicht leicht werden könnte.

Im Augenblick kommt es darauf an, folgende Wahrheit zu verbreiten: Eine starke Fraktion (Duden und andere Vermarkter, auch Hoberg) will durch die Forderung nach Zweidrittelmehrheit verhindern, daß überhaupt etwas geändert wird. Das ist auch das Interesse der KMK. Es ist vor allem das Interesse der weitgehend unbekannten Ministerialbeamten, die ihre berufliche Existenz mit der Durchsetzung der Rechtschreibreform verbunden haben. Daher kann hier nur der Widerstand der öffentlichen Meinung helfen.

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Th. Ickler



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Schallendes Gelächter  Quelldatum:
 
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Helmut Jochems  
 
 
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1. August 2005


Am 1. August 2005 droht ein großes Mißverständnis. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz wird verkünden, die früher übliche und zuletzt als "überholt" bezeichnete deutsche Rechtschreibung sei nunmehr falsch. Dreiviertel aller Deutschen werden sich die Augen reiben, denn das hat es bisher in der deutschen Sprachgeschichte noch nicht gegeben - ein solches Verdikt über den Schreibusus der erwachsenen Deutschen und dazu noch aus dem Munde einer den meisten Bürgerinnen und Bürgern völlig unbekannten Kultusministerin aus einem neuen Bundesland. Vermutlich wird sie beschwichtigend hinzufügen, das gelte natürlich nur für die Schulen und - falls die Innenminister sich dieser Einschätzung anschlössen - auch für die Behörden. Jedermann sonst könne natürlich weiterhin so schreiben, wie er wolle, aber eben falsch.

Wer sich in den letzten Jahren ein neues Wörterbuch geleistet hat, wird bald feststellen, daß zu übermäßiger Aufregung kein Anlaß ist. In Frage kommen lediglich die rotgedruckten staatlich veränderten Schreibungen, die aber beim Blättern nur wie kleine Inselchen in einem Meer schwarzgedruckter Eintragungen erscheinen. Diese bilden das Gros der üblichen deutschen Schreibungen, die von der Rechtschreibreform nicht betroffen sind, ja hinter vielen (demnächst wohl den meisten) rotgedruckten Wörtern erscheint, eingeleitet von "auch", ebenfalls die übliche deutsche Schreibung. Das sind die Varianten, die selbst in den Schulen nicht als "falsch" gelten werden. Umgekehrt ist ein großer Teil der rotgedruckten Reformschreibungen in sprachwissenschaftlicher Hinsicht falsch, wird also auch unter für den Rechtschreibfrieden ungünstigsten Umständen den 1. August 2005 nicht lange überleben. Unübersehbar bleiben die vielen neuen "ss"-Schreibungen, die dem deutschen Schreibwortschatz aber lediglich eine neue typographische Version hinzufügen - neben den "ß"-losen Schreibungen in der Schweiz und der weitergehenden Benutzung des "ß" in der üblichen deutschen Rechtschreibung.

Bekanntlich wollten die Rechtschreibreformer mit Hilfe einfacher Regeln eine künstliche deutsche Rechtschreibung kreieren, die auch Ungeübten und Unbegabten fehlerfreies Schreiben ermöglichen sollte. Dieser Versucht ist gescheitert, und die alte deutsche Furcht vor der Blamage durch Schreibfehler ist nur dadurch gewichen, daß heute im volkstümlichen Verständnis alles erlaubt ist. Da der staatliche Eingriff die Schreibgestalt der meisten deutschen Wortstämme unbeschädigt gelassen hat, konzentriert sich die neue Beliebigkeit besonders auf die Getrennt- und Zusammenschreibung, in geringerem Maße aber auch auf die Groß- und Kleinschreibung. Im Deutschen galt und gilt der Grundsatz, daß Zusammensetzungen zusammenzuschreiben sind. Was eine Zusammensetzung ist, zeigt meist die Anfangsbetonung an, dazu das Gefühl, daß es um eine einheitliche Bedeutung geht. Die feine sprachwissenschaftliche Unterscheidung zwischen echten Zusammensetzungen und Zusammenrückungen kann für das volkstümliche Rechtschreibverständnis keine Rolle spielen. Die Reformer haben mit ihren willkürlichen Faustregeln Getrenntschreibungen dekretiert, die vom subjektiven Sprachgefühl abgelehnt werden und meistens objektiv falsch sind. Ihnen kann man auch in der Schule keine große Zukunft vorhersagen. Groß geschrieben werden neuerdings in der Schulorthographie Scheinsubstantivierungen in adverbialen Ausdrücken (*im Übrigen, *des Weiteren), die zwar nicht falsch, wohl aber unzweckmäßig sind, weil sie die lesende Orientierung im Satz erschweren. Was die Reformer sonst noch verändert haben, ist eigentlich irrelevant.

Die staatsfrauliche Erklärung der Präsidentin der Kultusministerkonferenz wird also "im Wesentlichen" darauf hinauslaufen, einen von den Reformern angerichteten Scherbenhaufen für vorläufig amtlich zu erklären. 1996 hat die deutsche Öffentlichkeit versäumt, dergleichen Unsinn mit schallendem Gelächter zu quittieren. Am 1. August dieses Jahres wird Gelegenheit sein, dies mit staatsbürgerlichem Selbstbewußtsein nachzuholen.


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Theodor Ickler  
 
 
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Einheitlich überholt


In der Tat: Nachdem die Reform zunächst die Einheitlichkeit der Rechtschreibwörterbücher in einer bisher nicht erreichten Weise zerstört hatte, ist es der Kommission im Bündnis mit den daran lebhaft interessierten Verlagen gelungen, bis Mitte 2004 eine verhältnismäßig große Einheitlichkeit herzustellen. Diese Einheitsorthographie hat nur einen Nachteil: sie gilt nicht mehr. Die Revision des Jahres 2004 hat sie zu Makulatur gemacht, und die bevorstehende dritte Revisionswelle wird das Zerstörungswerk vollenden. Ein anderer Makel ist, daß sich niemand danach richtet, außer ein paar unbelehrbar regierungstreuen Lehrern vielleicht.

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Th. Ickler



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Leserbrief, erschienen am 25.01.2005  Quelldatum:
 
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Orthographie - keine «Frage des Heils»
Zu «Anschreiben dagegen», 20.12.04

Ich danke für die Rezension des «Wundergartens der Sprache», möchte aber darauf hinweisen, dass bezüglich meines Beitrags leider etwas anzumerken bleibt.

Die Orthographie ist für mich keineswegs eine «Frage des Heils»; ich habe lediglich das mit der Rechtschreibreform verbundene Menschenbild hinterfragt und gezeigt, dass es nicht dem christlichen Menschenbild entspricht. Auch braucht die Wissensgesellschaft durchaus Chancengleichheit, aber bitte keine falsch verstandene: Weil die Menschen unterschiedlich begabt sind, können gar nicht alle auf sämtlichen Gebieten gleich weit kommen. Chancengleichheit kann es nur in der Möglichkeit geben, Begabungen zu entfalten und entsprechend individueller Bedürfnisse gefördert zu werden. Warum sollte man dann, nur weil etwas für andere zu kompliziert sein könnte, denen, die es beherrschen würden, untersagen, es richtig zu machen? So sinnvoll eine leicht handhabbare Schreibregel ist – die Einfachheit darf nicht auf Kosten der Leistungsfähigkeit gehen; die «Kompliziertheit» der Orthographie hängt mit letzterer zusammen. Damit ist klar, dass der Ansatz der Reform, Chancengleichheit durch Nivellierung nach unten herzustellen, verfehlt ist.

Jan-Martin Wagner


(geringfügig korrigiert)

http://www.tagblatt.ch/index.jsp?artikel_id=1001732


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Theodor Ickler  
 
 
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Kerstin Güthert


Da im „Rat“ außer dem österreichischen Schriftsteller Laher keine Gegner der Rechtschreibreform sitzen, braucht man auf die Mehrheitsentscheidungen nicht neugierig zu sein. Die Elternvertreter, die in der Mitteilung erwähnt werden, sind auf der Liste der Mitglieder bisher nicht aufzufinden.

Die Geschäftsführerin ist dem Rat vom IDS vor die Nase gesetzt worden, ohne daß er darüber mitbestimmen konnte. Kerstin Güthert, die damit zugleich die Stelle des in den Ruhestand getretenen Klaus Heller am IDS übernimmt, war 1997 von Heller zu Hilfsarbeiten herangezogen worden, als er nachzuweisen versuchte, daß die von der Kritik festgestellte hohe Zahl von Abweichungen zwischen den ersten reformierten Wörterbüchern stark übertrieben sei: Güthert, Kerstin/Heller, Klaus 1997: Das Märchen von tausendundeiner Differenz. Vergleichstudie zur Quantität und Qualität der Abweichungen zwischen den marktführenden Wörterbüchern vor und nach der Einführung der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. In: Muttersprache 4, 339-353. Ein Vorabdruck wurde bei einer Pressekonferenz der Zwischenstaatlichen Kommission am 12.9.1997 verteilt und auch von der KMK benutzt (z. B. in ihren „Informationen zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ vom 28.8.1997). Das bayerische Kultusministerium machte ebenfalls vielfältigen Gebrauch davon (Presseerklärung vom 7.8.1997, Rundschreiben an alle Schulen vom 6.10.1997).
In Wirklichkeit hatte Bertelsmann-Autor Heller nicht die erste Ausgabe der Bertelsmann-Rechtschreibung mit dem Duden verglichen, sondern eine erheblich veränderte spätere. Nachdem ich ihn am 18.9.1997 deshalb angerufen und mit Enthüllung des Betrugs gedroht hatte, veranlaßte er seinerseits durch einen Anruf beim Schriftleiter der „Muttersprache“ noch am gleichen Tag, daß dem Abdruck seines Beitrages ein entsprechender Hinweis beigefügt wurde. Der unkorrigierte Text diente aber noch jahrelang sowohl den Kultusministerien als auch der Zwischenstaatlichen Kommission (z. B. dem Vorsitzenden Augst im „Sprachreport“ 4/1997, S. 10) als Argument gegen die Reformkritiker. Er ist noch immer auf der Homepage der inzwischen aufgelösten Zwischenstaatlichen Kommission abrufbar, neben vielem anderen Propagandamaterial ähnlicher Beschaffenheit.
(Die Stelle Hellers und jetzt Gütherts gehört übrigens nicht zu den k.-w.-Stellen, die am IDS eigens für die Aufnahme von zwei Dutzend DDR-Germanisten wie Dieter Herberg, einem anderen, inzwischen ebenfalls in den Ruhestand getretenen Kommissionsmitglied, eingerichtet worden waren.)

Frau Güthert hat übrigens bei der Organisation der Mannheimer Anhörung mitgewirkt und die schriftlichen Dokumente redigiert.



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Th. Ickler



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Der Spiegel und die Wahrheit  Quelldatum:
 
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J.-M. Wagner  
 
 
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Was der Spiegel verschweigt


Zitat:
Auch das andere Lager fordert Disziplin. Als der Agraringenieur Christoph Bergner (CDU) aus Halle den Gruppenantrag unterschrieben hatte, erhielten er und die Mitunterzeichner eine „Arbeitsanordnung“ von Unionsseite: Keine Alleingänge - man möge, bitte, „zuerst die Meinungsbildung in der Fraktion suchen“. Er habe gegenüber den seinen tatsächlich „ein schlechtes Gewissen“, gibt Bergner, der von 1993 bis 1994 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt war, kleinmütig zu. Selbstbewusste Parlamentarier klingen anders.
Wie ich aus verläßlicher Quelle erfahren habe, hatte Herr Bergner (sinngemäß) hinzugefügt, daß er trotzdem uneingeschränkt hinter dem Antrag stehe.

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Jan-Martin Wagner



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Vorbildcharakter


Der schreckliche Termin 1. 8. 2005 hat endlich ein Nachdenken über Grundsatzfragen erzwungen, die bislang nur beiläufig behandelt wurden. So schält sich jetzt allmählich als Einsicht heraus, daß "Schreibung" und "(normierte) Rechtschreibung" nicht ein und dieselbe Sache sind. Das Wesen der Rechtschreibung ist Einheitlichkeit. Aus ästhetischen Gründen, aber auch zur Sicherung eines eindeutigen Verständnisses und in neuester Zeit zur Erleichterung der automatischen Textverarbeitung wird für alles professionelle und amtliche Schreiben der Verzicht auf Varianten verlangt. Die Normierung besteht im Kern darin, aus dem Arsenal der in der allgemeinen Schreibpraxis anzutreffenden Schreibformen jeweils eine auszuwählen und für die "Rechtschreibung" als Muster vorzuschreiben. Dabei kann die tatsächlich herrschende Uneinheitlichkeit zwei Gründe haben: individuelle Abweichung von Regularitäten, die sich längst herausgebildet haben oder aber für normale Schreiber schwer verständlich sind, und andererseits Unsicherheit in Bereichen, in denen sich Regularitäten erst herausbilden. Der erste Fall ist dem pädagogischen Rotstift besonders geläufig, natürlich auch dem vornehmen Spott über angeblich ungebildete Mitmenschen, während die im Gange befindlichen orthographischen Entwicklungen selbst die Schreibvirtuosen ins Schleudern bringen - von der Begründung ihrer jeweiligen Wahl ganz zu schweigen. Die deutsche Rechtschreibung hat inzwischen nämlich einen solchen Höhenflug erreicht, daß selbst ein Germanistikstudium nicht zur vollständigen Beherrschung führt. Der Versuch der Reformer, das Rad zurückzudrehen und dabei selbst Schreibungen aufzugeben, die längst Allgemeinbesitz geworden sind, hat sich als Irrweg erwiesen. Unsere "sophistizierte" Rechtschreibung (um Herrn Augsts Ausdruck aufzugreifen) bereitet niemandem Leseschwierigkeiten, ist von dieser Seite her gesehen also keineswegs undemokratisch. Was jedoch nicht auf das Schreiben zutrifft. Eine Rechtschreibung, die selbst professionelle Schreiber nicht bis ins letzte beherrschen, kann nicht der gesamten Schreibgemeinschaft als Norm vorgeschrieben werden. Die ursprüngliche Lösung dieser Problematik vom Anfang des 20. Jahrhunderts, nämlich die Unterscheidung von Schreibungen, die für den allgemeinen Gebrauch empfohlen werden, und solchen, die von professionellen Schreibern zu beachten sind, hat ihren Vorbildcharakter nicht verloren. Der neue Rat für deutsche Rechtschreibung würde sich verdient machen, wenn nach dem 31. 7. 2005 wieder so verfahren würde. Daß im Rahmen dieser Neuregelung die Verhöhnungen der deutschen Sprachgemeinschaft durch Herrn Augst und seine Gesinnungsgenossen wieder zu verschwinden haben, versteht sich von selbst. Das gilt auch für das Regelwerk. Heute weiß niemand, wem die Neufassung anvertraut werden könnte. Am besten wäre es, man beschränkte sich auf die Vorbildwirkung richtig geschriebener Texte. Leicht verständliche Erklärungen, die auf die dort anzutreffenden Regularitäten abhöben, könnten nicht schaden. Hochgestochene linguistische Beschreibungen sollten sich auf die Innenkommunikation des entsprechenden Berufstandes beschränken. Die deutsche Schreibgemeinschaft möge man in Zukunft mit dergleichen verschonen.


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Theodor Ickler  
 
 
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Alles wie gehabt - oder doch nicht?


Bemerkungen zum Statut:

Erwartungsgemäß vermeidet es das Statut, die eigentliche Aufgabe, nämlich die Reparatur des mißglückten Reformwerkes, beim Namen zu nennen. Das entspricht der bisherigen Praxis bei der Einrichtung des inzwischen aufgelösten „Beirates“ usw. Auch die bisherigen Reparaturen – nichtamtlich bis 2004, amtlich und mit tiefgreifenden Folgen von Juni bis November 2004 – wurden als „Klärung von Zweifelsfällen“ und „Präzisierungen“ verkleidet – ein Moment von Unwahrhaftigkeit, das leider auch die neue Konstruktion von Anfang an diskreditiert. (Nur bei der Zurückweisung der „unumgänglich notwendigen“ Korrekturen im Frühjahr 1997 nannten die Kultusminister das Kind beim Namen.)

Der Rat wird auf die Reform von 1996 festgelegt, ein neues Nachdenken über die gesamte Reformproblematik ist satzungsgemäß nicht zulässig. Die Beschreibung der Aufgabe ähnelt der der Zwischenstaatlichen Kommission, die der Rat ebenso wie den Beirat ablösen soll. Dabei scheint die „Anpassung des Regelwerks an den allgemeinen Wandel der Sprache“ besonders abwegig. Allerdings war schon zu Begründung der gesamten Reform behauptet worden, es gelte nach 90 Jahren die Rechtschreibung an den Sprachwandel anzupassen; einen rechtschreibrelevanten Sprachwandel hat es aber in dieser Zeit gar nicht gegeben, und die Reformer wußten auch kein einziges Beispiel zu nennen.

Das Interessanteste ist das, was nicht im Statut zu finden ist: Der Termin 1. August 2005 ist nicht erwähnt. Offenbar ist den Kultusministern klargeworden, daß er sich nicht einhalten läßt. Ein Moratorium könnte angebahnt sein, sicherlich in der Hoffnung, daß die Reformschreibweise sich im Laufe weiterer Jahre zugleich einschleift und verwässert, bis der Widerstand ermattet.

Das Statut wurde wohl nicht zufällig am 16.12.2004 verabschiedet, so daß es den Teilnehmern der konstituierenden Sitzung nicht mehr rechtzeitig zugestellt werden konnte; sie erhielten es erst während der Sitzung. Andernfalls hätte mancher der Eingeladenen es sich vielleicht noch einmal überlegt, ob er unter solchen restriktiven Vorgaben überhaupt teilnehmen sollte. Der gesamte Rat ist ja auf bloße Reparaturarbeit an einem mißlungenen Regelwerk verpflichtet, für das – jedenfalls auf deutscher Seite – andere verantwortlich, aber nicht mehr erreichbar sind.

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Th. Ickler



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Eingetragen von:
Theodor Ickler  
 
 
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Sonnenblumenkerne


„Wir haben in einem Vergleichsdiktat mit 3.000 Schülern feststellen müssen, daß das Wort Sonnenblumenkernen (Dativ pluralis) auf 236 verschiedene Weisen geschrieben worden ist (...)“ (Bodo Friedrich. OBST 44, 1991: 82)

(Das war ein Themenheft der "Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie".)

__________________
Th. Ickler



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Eingetragen von:
rrbth  
 
 
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236 Sonnenblumenkernen

Zitat:
Ein anderer Forscher stellte fest, daß die Schüler in 3.000 Dikta-ten das Wort Sonnenblumenkernen (Dativ Plural) auf 236 verschiedene Weisen geschrieben hatten.


Kann man das irgendwo (im Netz) nachlesen?


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taz auf dem heißen Blech  Quelldatum:
 
Eingetragen von:
Matthias Dräger  
 
 
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Noch ist nicht aller Tage Abend


Daß Schüler einen Fehler dafür bekommen sollen, wenn sie so schreiben, wie die auflangestärkste Zeitungn im deutschen Sprachraum, halte ich pädagogisch und vor allem juristisch für unzumutbar.
Die Rückkehr der Bildzeitung zur normalen Rechtschreibung ist ein großer Erfolg, vor allem für die nicht nachlassende Kritik an der unsäglichen Rechtschreibreform, die sich ja auch ohne unsere Kritik schon selbst ad absurdum führt.

__________________
Matthias Dräger



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Eingetragen von:
Helmut Jochems  
 
 
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Jahresausklangsgedanken 2004


Mir gibt eines zu denken: Warum hört man nichts von einer feierlichen Verabschiedung der bisherigen Zwischenstaatlichen Kommission, die doch immerhin amtlich bestellt war und an deren Geschäftsführung von seiten der KMK zu keiner Zeit öffentliche Kritik geübt wurde. Sieben Reformveteranen sitzen im übrigen auch im neuen Rat, nur eben (mit einer Ausnahme) die deutschen nicht. Herr Augst ist zwar gerade emeritiert worden, doch Ruheständler gibt es im neuen Gremium (einschließlich des Vorsitzenden) auch sonst genug. Wollte die KMK vielleicht nur die Kernmannschaft um Augst und Nerius loswerden? Zeigt sich darin ein Gesinnungswandel? Zweifel sind angebracht. Wenn die KMK sich weiterhin das Recht einräumt, Vorschläge ihres Rechtschreibrates anzunehmen oder abzulehnen, diese wiederum erst durch einen Mehrheitsbeschluß im Rat zustande kommen, ist die zukünftige Entwicklung vorprogrammiert: Außer ein paar kosmetischen Reparaturen kann es nichts geben.

Die wenigen Sprachwissenschaftler unter den Reformkritikern sollten sich mit dem Gedanken trösten, daß sie als Mitglieder des Rates keinerlei Einfluß auf den Gang der Dinge haben würden, außerhalb der staatlichen Gremien wie bisher freilich auch nicht. Selbst wenn Herr Zehetmair den Rat nur als Abstimmungsorgan nutzen würde, die eigentliche Arbeit aber von seriösen "Experten" als Beratern machen ließe, sähe das Bild nicht anders aus. In dieser Sache hat die deutsche Germanistik in toto versagt, und die Gleichgültigkeit der deutschen Öffentlichkeit bestärkt die Politiker aller Lager in ihrer Überzeugung, daß kurzfristig kein "Handlungsbedarf" besteht.

Zu Turbulenzen könnte es lediglich kommen, wenn der Staat nach dem 1. August 2005 die "Verbindlichkeit" der Neuregelung im Schulwesen oder in der staatlichen Verwaltung überzöge. Dann gäbe es vielleicht wieder Klagen und Prozesse und am Ende die Notwendigkeit einer höchstrichterlichen Entscheidung. Noch folgenreicher wäre die Rückkehr der gesamte Presse zu den bisher üblichen Schreibungen, was einige Zeitungsverlage bekanntlich für den Fall angekündigt haben, daß in den nächsten Monaten nicht die schlimmsten Mißgriffe der Reformer beseitigt werden.

Wenn beides ausbleibt, müssen wir die bittere Pille schlucken: Die sog. Rechtschreibreform wird zu einer Dauereinrichtung. Vielleicht würde auch dann noch nach Jahrzehnten die Unzufriedenheit tatsächlich so groß sein, daß der Ruf nach einer einheitlichen Rechtschreibung etwas bewirkte. Weder die Urheber der Verwerfungen noch die jetzigen Kritiker werden dann aber noch auf der Bühne sein.

Jahresausklangsgedanken 2004


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Matthias Dräger  
 
 
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Horrormeldung


Selbst wenn es stimmen sollte, daß 12 von 20 belletristischen Bestsellern in „neuer“ Rechtschreibung verfaßt bzw. gedruckt worden sein sollen - ist das nicht eigentlich eine Horrormeldung? Acht (!) Jahre nach Einführung an den Schulen haben wir die volle Spaltung unserer Orthographie. Das ist doch ein Armutszeugnis ohnegleichen.
Und was ist alles durch die Rechtschreibreform zerstört worden: Die politische Kultur zum guten Teil, das Vertrauen in die Schule als der Ort, wo verantwortungsvoll mit der Zukunft umgegangen wird (in zukunft lernt man in der Schule unter Vorbehalt, das Finanzamt würde sagen: „Unter Vorbehalt der Nachprüfung“), das geordnete Lernen zu Hause, da die Eltern den Kindern nicht mehr sicher bei der Kontrolle der Arbeiten helfen können oder wollen.
Und wie sieht es im Deutschen Bundestag aus? Unterzeichner aus der SPD, der Fraktion der Grünen und der CDU wurden einer nach dem anderen dazu gepreßt, ihre Unterschrift unter den Gruppenantrag zurückzuziehen.
Mehr und mehr gewinnt man den Eindruck, daß die Leute hier nichts anderes als eine chronische Rechtschreibreform verdient haben.

__________________
Matthias Dräger



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Eingetragen von:
Gabriele Ahrens  
 
 
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Der Druck der Verlage


Dieser Artikel erweckt den Eindruck, die Rechtschreibreform werde von den Autoren mehrheitlich akzeptiert und freiwillig angewandt. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, daß man, wenn man als Autor noch nicht oder nur wenig bekannt ist, bei vielen Verlagen keine andere Wahl hat, als sein Manuskript in der neuen Schreibweise veröffentlichen zu lassen, wenn es denn überhaupt verlegt werden soll. Und es ist sehr die Frage, ob die Autoren, deren Werke ins Deutsche übersetzt werden, von der Rechtschreibreform wissen oder nach ihren orthographischen Wünschen gefragt werden.


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