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Sigmar Salzburg
10.08.2016 14.42
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20 Jahre Rechtschreibreform

Die Kritik reißt nicht ab

Bereits zehn Jahre nach der Rechtschreibreform von 1996 legte der Rat für deutsche Rechtschreibung 2006 eine Reihe von Änderungsempfehlungen vor. Auch heute, 20 Jahre nach der Einführung, ist die Kritik an der Reform nicht verstummt. Experten beobachten eine zunehmende Rechtsschreibschwäche bei Schülern und halten die Reform für einen Flop.

Von Ludger Fittkau

1996 – die umstrittene Reform: Deutschland, Österreich, die Schweiz sowie weitere Länder mit deutschsprachigen Bevölkerungsteilen reformieren gemeinsam die deutsche Rechtschreibung. Eine neue Orthografie soll in einem Zeitraum von zwei Jahren eingeführt werden.

Betroffen sind etwa Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung sowie das Getrennt- und Zusammenschreiben. Auch das „scharfe S“ wird oft durch ein Doppel-S ersetzt, etwa beim Wort „dass“. Auf der Frankfurter Buchmesse fordern namhafte Wissenschaftler und Schriftsteller den Stopp der Reform. Sie befürchten unter anderem eine „jahrzehntelange Verwirrung“.

Die Reform der Reform

1998 – das höchste Gericht zeigt sich reformfreudig: Das Bundesverfassungsgericht erklärt die Reform für verfassungsgemäß. Die neue Rechtschreibung wird somit offiziell an Schulen und Behörden eingeführt.

2006 – nach der Reform ist vor der Reform: Der Rat für deutsche Rechtschreibung legt eine Reihe von Änderungsempfehlungen für die neuen Reglungen vor. Es geht wieder einmal um das Getrennt- und Zusammenschreiben, um Groß- und Kleinschreibung, aber auch um die Zeichensetzung sowie Worttrennung am Zeilenende.

Erwartungen an Rechtschreibreform haben sich nicht erfüllt

20 Jahre später – Die Kritik ist nicht verstummt: Zwanzig Jahre nach Einführung der Rechtschreibreform beobachten Experten eine zunehmende Rechtschreibschwäche bei Schülern. Der Saarbrücker Bildungsforscher Uwe Grund hält bei vielen Fehlern die Rechtschreibreform für ursächlich.

Ihm zufolge entfallen 75 Prozent der gemachten Fehler „auf die drei wichtigsten Reformbereiche, nämlich Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung und das „Herzstück der Reform“ – dem Ersatz des scharfen ß durch das Doppel-S. Die Erwartungen hätten sich „offensichtlich nicht erfüllt“, so Grund. Der Forscher bewertet die Rechtschreibreform als „Flop“.

deutschlandfunk.de 10.8.2016

Nach dem allgemeinen Pressesturm mußte nun wohl der Staatssender auch was melden.

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Sigmar Salzburg
02.07.2016 06.36
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20 Jahre Rechtschreibreform [Deutschlandfunk]

Wenn Sprache auf Beamte trifft

Vor 20 Jahren, am 1. Juli 1996, verpflichteten sich die deutschsprachigen Länder zur Neuregelung der Rechtschreibung. Die Devise hieß: 'Einfacher schreiben', doch stattdessen wurde vieles komplizierter. Nach heftigem Streit folgte 2006 die Teilrücknahme der Reform – was für noch mehr Verwirrung sorgen sollte.

Von Christian Forberg

Seitdem wir reden und das Gesprochene aufschreiben, drucken und lesen, seitdem hat sich bei einem kleinen Teil der Gesellschaft ein Unbehagen entwickelt – und zwar bei Menschen, die professionell mit Sprache zu tun haben. Sie betrachten das Geschriebene wie ein Chirurg, und ab und zu lautet die Diagnose: Hier stimmt was nicht, hier sollte operiert werden. Zum Beispiel am „Boot“ mit seinen zwei o, wo es zur „Not“ doch auch mit einem Vokal ginge. Das hat Philipp von Zesen, einer der ersten deutschen Berufsschriftsteller, bereits im Barock zu ändern versucht, und zwei Jahrhunderte später auch Jacob Grimm, sagt Horst Haider Munske, emeritierter Professor der Sprachwissenschaft an der Uni Erlangen.

„In seinem kritischen Wörterbuch hat er gesagt: Da mache ich eine moderne Schreibung, nämlich gerade bei den Vokalen. Aber sein Verleger hat das abgelehnt. Er hat gesagt: Dann kannst du das nicht mehr verkaufen, wenn du hier eine eigene Schreibung machst. In einem hat er sich dann leider doch durchgesetzt – er war ja ein Vertreter einer radikalen Kleinschreibung. Er hat es tatsächlich erreicht, dass sein Verleger das akzeptiert hat. Und darunter leiden wir noch heute.“

Rechtschreibreform im 19. Jahrhundert

„Wir“ meint jene Wissenschaftler, die an Grimms Werk weiterarbeiten, und „leiden“ tun alle, die eine sinnvolle Groß-Klein-Schreibung gewohnt sind. Eine radikale oder nur gemäßigte Kleinschreibung wurde immer wieder abgelehnt – so auch im Kompromiss der Rechtschreibreform zwischen 1876 und 1901, festgehalten im Wörterbuch des Konrad Duden.

„Das Ergebnis 1901 war die Vereinheitlichung. Das war ein großer Gewinn, zweifellos. Duden selbst war durchaus reformorientiert, war ein Pragmatiker und hat gesehen: Das ist nicht durchsetzbar. Diese Lager hat es schon damals gegeben: Journalisten, Autoren, Literaturwissenschaftler waren schon immer gegen Reformen; Sprachwissenschaftler, Didaktiker, manchmal auch Schulmänner waren dafür.“

Bald aber wurde „Der Duden“ selbst Gegenstand von Reformbemühungen. Warum? Neben dem allgemeingültigen, noch recht schmalen Duden wurde ein spezieller Duden für das Druckgewerbe herausgebracht, der Normen in ganz anderer Art und Zahl setzte. Nach Konrad Dudens Tod 1915 wurden beide Werke zusammengeführt – mit üblen Folgen, sagt Horst Haider Munske:

„Der Drucker-Duden wurde zur allgemeinen Richtlinie. Damit war ein Weg einer sehr, sehr engen Reglementierung der Rechtschreibung beschritten, den wir heute bedauern; der auch dazu geführt hat, dass die Kritik an den Duden-Regeln immer stärker anwuchs.“

Widerstand gegen Überegulierung

Und es bereits in den 20er- und 30er-Jahren zur Gegenwehr gegen diese Überregulierung kam. Sie richtete sich zum Beispiel gegen das ß als relativ spät hinzugekommener Teil der s-Schreibung. Der Schweizer Peter Gallmann, Sprachwissenschaftler und Professor an der Uni Jena, erinnert sich an Stationsschilder in Berliner U-Bahnhöfen wie „Klosterstrasse“.

„Wenn die Schilder noch aus den 20er Jahren stammen, finden Sie häufig in Antiqua geschriebene Schilder mit Doppel-s. Es war also mal ein Trend im ganzen deutschen Sprachraum, und der Unterschied war nur: In der Schweiz hat sich der Trend Richtung mit Doppel-s durchgesetzt. In Deutschland hat man in den 30er-Jahren die Antiquaregel wieder an diejenigen der Fraktur angepasst nach dem Motto: Es sollte nicht je nach Schrift unterschiedliche Rechtschreibregeln geben.“

Dann kippte Hitler die Frakturschrift, das ß jedoch blieb.

In der Bundesrepublik der 50er-Jahre scheiterten zwei Reformvorstöße. Es dauerte drei Jahrzehnte für einen erneuten Anlauf. Den Ball ins Rollen habe das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, kurz: IDS, gebracht, sagt Horst Haider Munske. Gerhard Stickel, Direktor des IDS von 1976 bis 2002, argumentierte gegenüber der Kultusministerkonferenz, der KMK:

„Das Schreiben wird leichter, wird einfacher, sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer, und wir machen das – wir von unserem Institut, und es gibt ja noch eine Reformgruppe in der DDR, in Österreich, in der Schweiz; wir arbeiten alle zusammen und machen ihnen einen Vorschlag.“

Reform „von oben“ erzürnt die Öffentlichkeit

1988 übergab er ihn. In die Öffentlichkeit gelangte zum Beispiel, dass der „Keiser“ nun mit e-i statt mit a-i geschrieben werden sollte, was belustigte bis empörte Reaktionen hervorrief. Das eigentliche Problem war jedoch: Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, so hieß das Vorhaben offiziell, war für Schulen und Behörden gedacht. Dem großen Rest der Schreibenden und Verlegenden werde nichts weiter übrig bleiben, als sich anzuschließen, so die Hoffnung. Die folgende Auseinandersetzung war also bereits angelegt, als die Kommissionen der damals noch vier deutschsprachigen Länder ihre Arbeit aufnahmen. Die Fachseite vertraten reformfreudige Sprachwissenschaftler, die administrative Seite vertraten Kultusbeamte. Horst Haider Munske war von Anfang an dabei.

„Die ersten Vorschläge zielten einmal auf die Kleinschreibung und zum anderen auf die Vokallänge und -kürze. Wie das bekannt wurde, gab es einen Aufstand in der Öffentlichkeit.“

„Der Erfolg einer Reform liegt auch darin, dass sie möglichst viel ändert“

Die KMK-Rechtschreibkommission reagierte erst, als das Rumoren unüberhörbar wurde, und berief 1993 eine Anhörung ein, auf der Akademien und Verbände ihre Bedenken vortrugen. Sie waren so massiv, dass Kleinschreibungen und Vokallängen von der Neuregelung ausgenommen wurden – wie einst im Kaiserreich. Kann man dann überhaupt noch von Rechtschreibreform reden?

„Der Erfolg einer Reform liegt auch darin, dass sie möglichst viel ändert, denn sonst ist die Wirksamkeit 'Einfacher schreiben' verloren. Je mehr nun davon zurückgenommen wird, umso wirkungsloser ist sie. Und das ist der Zustand, der eigentlich jetzt erreicht ist.“

Horst Haider Munske kündigte 1997 seine Mitarbeit auf. Nicht weil die Reform als solche geplatzt war, sondern weil auf Gebieten wie der Getrennt- und Zusammenschreibung weiter „reformiert“ wurde, wo es nach seinem Dafürhalten nicht nötig gewesen wäre. Seine Gründe hat er in dem Büchlein „Lob der Rechtschreibung“ zusammengefasst.

„Groß- und Kleinschreibung insgesamt und Getrennt- und Zusammenschreibung – das sind Gebiete, wo die Sprache sehr in Bewegung ist, also wo sich relativ schnell etwas verändert. Es entstehen neue Substantive oder Substantive werden zu Adjektiven und so weiter. Die Qualität unserer Rechtschreibung, unserer flexiblen Regeln, liegt eben darin, dass sie dem Sprachwandel folgen kann und gleichzeitig die Abbildung der Sprache verbessert.“

Hinzu kam sein Groll auf die Arbeit der KMK, deren mangelnde Transparenz: Man bekomme zwar Entscheidungen präsentiert, aber deren Werden bleibe im Dunkeln.

„Also – im Hintergrund sehen wir immer die Regie von KMK-Kommissionen, aber nie übernehmen die die Verantwortung dafür. Nie kann mit denen einer diskutieren. Das ist ja das Traurige – bei der Bologna-Reform war ja genau das Gleiche –, dass uns hier Dinge aufoktroyiert werden, durch die Politik, ohne dass es in der Politik eine politische Auseinandersetzung gegeben hat zwischen den Parteien, wie das eigentlich im parlamentarischen System vorgesehen ist.“

[Symbolbild] Dass die Rechtschreibreform für Verwirrung gesorgt hat, lässt sich kaum von der Hand weisen. (Imago/blickwinkel (53404580))

Von der Reform überrumpelt

Auch Nadine Schimmel bezeichnet den gesamten Reformprozess als politisch geprägt. Sie hat gerade ihre Dissertation zum Prozess der Rechtschreibreform an der Uni Jena eingereicht, eine „Analyse typischer Diskurse zu Rechtschreibreform“, wie es im Titel heißt. Die Einführung der Reform im Sommer 1996 ähnelte mehr einer Überrumpelung. Die vorher in Wien abgestimmten Übergangsfristen wurden unterlaufen, was nicht nötig gewesen sei.

„Absolut nicht, hätte man nicht machen müssen, weil: Abstimmungsprozesse waren zwar abgeschlossen erst mal für die Initiierung des Vorhabens, aber noch nicht für die Weiterentwicklung. Man hat Übergangszeiträume ausgemacht, erst mal bis 2005. Bis dahin sollten auch keine gravierenden Veränderungen vorgenommen werden, auch nicht durch die Verlage und Wörterbücher.“

Hinzu kam, dass auch die Schulen nicht genügend vorbereitet waren.

„Das war auch zu frühzeitig, zum einen deswegen, weil die Lehrer noch gar nicht didaktisch geschult waren; es gab noch keine Lehrmaterialien, keine Vorbereitungsmaterialien, die Lehrer wurden noch gar nicht umgeschult, das heißt, sie mussten erst mal auf fachlicher Ebene soweit sein, bevor sie erst mal das Material bearbeiten können. Auch das war einfach voreilig.“

Klagen wurden vorbereitet, auch von Eltern, die die Zukunft ihrer Kinder in Gefahr sahen. Die Debatte wurde gereizt, ja hysterisch: Kinder würden nie mehr richtig schreiben lernen.

Manche Erwartungen seien völlig überzogen, sagt Peter Gallmann, der auch Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung ist: Wer mit neun Jahren noch nicht fehlerfrei schreiben kann, ist fürs Leben gezeichnet – falsch. Und auch mit der Ansicht, dass nur ein korrektes Schriftbild zu richtigem Schreiben führe, kann er wenig anfangen.

„Wenn man sich so leicht von Schriftbildern beeinflussen ließe ... Vor allem wird immer behauptet, wenn die Kinder mal ein falsches Wort gesehen haben, prägt sich das in die Seelen ein und sie werden das Wort nie mehr richtig schreiben. Wenn das so wäre, dann müssten sich ja auch die richtigen Schriftbilder einprägen und würden nie mehr verloren gehen. Nein, das ist nicht so.“

In der Praxis erstaunlich wenig Probleme

Es wurde einige Jahre lang komplizierter, aber nicht katastrophal. Für die sogenannte DESI-Studie („Deutsch Englisch Schülerleistungen International“) wurden in den Jahren 2003/2004 annähernd 11.000 Neuntklässler in Deutsch und Englisch geprüft. Eines der Resultate: Mädchen schneiden besser ab als Jungen, wobei die Geschlechter in Wortschatz und Lesekompetenz dichter beieinander liegen, als in der Textproduktion und Rechtschreibung; da hinken die Jungen hinterher. Das ist jedoch nicht neu. Aktuelle belastbare Zahlen liegen nicht vor.

Wie die Schüler abschneiden, hängt auch vom Fach- und Hintergrundwissen der Lehrer ab. Dabei reicht es nicht aus, den Duden auswendig zu kennen. Wichtiger sei, „dass wenn die Schüler Fehler machen, die Lehrer Diagnosen stellen können, worin genau der Fehler besteht, welches die Hintergründe sind, denn nur dann kann man richtige Therapien machen. Wenn man falsch diagnostiziert, langweilt man die Schüler mit überflüssigen Übungen und sie schreiben genauso gut oder schlecht wie vorher.“

Auch in Zeitungsredaktionen mit Hausorthografien, die es allerdings bereits vor der Reform gab, fassten die Änderungen Fuß, stellte Nadine Schimmel fest. Im Prinzip hätte die Reform von 1996 beibehalten werden können und nicht zehn Jahre später teilweise wieder zurückgenommen werden müssen.

„Die Rücknahme der Rücknahme hat ergeben, dass sich die Umstellungsprozesse ganz gut durchgesetzt hatten, dass es in der Schule ganz gut angekommen ist, selbst in den Redaktionen. Da hatte ich ein Interview mit einem Chefredakteur, der mir bestätigt hat, dass die alten Hasen immer auf der alten Rechtschreibung bestanden haben. Aber mit den neuen Redakteuren, mit neuem frischem Blut hat sich die Variantenschreibung halbwegs aufgelöst; Man hat sich entschieden und ist heute auch gut angekommen.“

Nach der Rechtschreibreform 2005: Schreibweise von „kennenlernen“ im Duden. (picture alliance / dpa / Foto: Franz-Peter Tschauner)

Dem Volk auf den Mund geschaut

Das ist keine Annahme, sondern durch Korpusuntersuchungen bestätigt: Fast alles, was Zeitungs- und Buchverlage drucken, wird stichprobenartig auf Schreibweisen von Worten hin untersucht. In Deutschland existieren drei derartige Sammlungen: die der beiden Wörterbücher Duden und Wahrig sowie jene am Institut für Deutsche Sprache Mannheim. Allein hier stehen 25 Milliarden Wörter zur Auswertung bereit. Mit ihnen arbeitet der Rat für deutsche Rechtschreibung, seit 2004 das wichtigste Gremium für Sprachpflege. Er hat zwar seinen Platz am IDS, ist aber eine Kommission der Kultusministerkonferenz. Zweimal im Jahr treffen sich die 40 Mitglieder aus den drei deutschsprachigen Ländern; je ein Delegierter vertritt die Deutschsprechenden aus Südtirol, Liechtenstein, Luxemburg und Belgien. Sie beraten jene Fälle, die noch nicht zufriedenstellend geregelt sind, sagt Professor Ludwig Eichinger, Direktor des IDS:

„Vor allem in der ersten Zeit hat man versucht, die Stellen, wo entweder der Rat was Neues eingeführt hat – Getrennt-, Zusammenschreibung – oder eine neue Art von Variationen gebildet hat, die Stellen mal systematisch zu überprüfen an häufigen Wörtern, was die Schreiber da machen. Das war jetzt die Hauptaufgabe.“

„Auf der jüngsten Sitzung in Liechtenstein vor einer Woche wurde unter anderem der Gebrauch von Fremdwörtern geprüft.“

„Niemand will Praliné mit zwei e am Ende schreiben, oder niemand will Buffet mit ü schreiben. Das ist früher auch immer im Vorbeigehen geschehen, dass solche Dinge verändert wurden. Dann sind wir auch etwas Grundsätzliches angegangen: Zum Beispiel fehlt unseren Passämtern der Großbuchstabe ß, weil das bei Eigennamen häufiger eine Rolle spielt. Im Regelwerk steht: Den gibt es nicht. Und wir würden vorschlagen, zu beschließen, es gäbe ihn für diesen Zweck. Man müsse ihn nicht benutzen, aber man könne ihn benutzen, wenn es relevant ist.“

Ob es so kommt, liegt in der Hand der Politiker. Auch in diesem Fall:

„Journalisten schreiben gern 'der Große Lauschangriff' groß, obwohl das kein Eigenname ist, und daher ist wie der 'Blaue Brief', der ein Entlassungsbrief ist und normalerweise kleingeschrieben wird, auch kleingeschrieben werden könnte – diese Abstufung etwas besser zu erfassen, war die Idee, und den Journalisten mehr Recht zu geben, so etwas großzuschreiben.“

Am einprägsamsten war wohl die Debatte um den „Heiligen Vater“, der nach der Reform hätte kleingeschrieben werden müssen. Er wird weiter großgeschrieben, was er letztlich dem Katholiken Hans Zehetmair zu verdanken hat. Als Kultusminister Bayerns führte er 1996 als erster die Reform ein, dann wurde er Kritiker der Reform. Als Vorsitzender des Rechtschreibrates seit Gründung übergibt er am Jahresende sein Amt an Joseph Lange.

Sprache wandelt sich: Der Begriff „Shitstorm“ in einer Großansicht im Duden. (dpa / Jens Kalaene)

Renaissance des Schreibens im Netz

Arbeitslos wird der Rat wohl nie; allein die elektronischen Medien verschaffen immer neue Schreibweisen, auch wenn diese oft fern dem „Duden“ sind – im privaten Gebrauch von SMS oder E-Mail ist die Orthografie wohl das Letzte, was von Bedeutung ist. In den Forschungskorpus des IDS einfließen werde aber durchaus etwas aus dem Netz, sagt Ludwig Eichinger.

„In der Wikipedia, auch in der Hintergrunddiskussion, wo es informell ein bisschen zugeht, kann man davon ausgehen, dass sich die im Wesentlichen mit Normalschreibung orientieren, aber vielleicht ein bisschen lockerer sind, und dadurch die Ränder vielleicht ein bisschen stärker ausloten bei den seriösen Texten.“

Und was passiert mit jenen Fällen, bei denen Mehrfachschreibungen möglich sind – was Horst Haider Munske polemisch als „Variantensalat“ bezeichnet hat? Wird Rechtschreibung je eindeutig werden, wo Sprache doch immer im Fluss ist?

„Ich denke, dass es an ein paar Stellen immer Varianz geben wird. Es gibt diese kontextabhängigen Stellen, die die Getrennt- und Zusammenschreibung sehr stark betreffen, ob man etwas für 'schwerer wiegend' hält und ob man dann 'schwerer wiegend' lieber auseinanderschreibt, oder ob es eine andere Bedeutung meint, dass man dann 'schwererwiegend' zusammenschreibt – so was wird es vermutlich immer in irgendeiner Weise geben. Und dann weiß man oft nicht – wir haben ja 'ich schwimme Brust', und jetzt weiß keiner: wie schreibt man 'Brust' – groß oder 'brust' klein, weil ich 'brustschwimme'? Also, solche Übergangsphänomene, wo man nicht ganz sicher ist: ist das nun ein Substantiv, ist das keins? – solche Dinge wird es immer wieder geben. Und dann muss man mal schauen, welche Quelle es betrifft, und dann findet sich im Lauf der Zeit unter den Schreibenden eine Einigung auf eine präferierte Lösung.“

deutschlandfunk.de 30.7.2016

Schon frühe deutsche Antiqua-Drucke bemühten sich, das deutsche Fraktur-ß durch ſs wiederzugeben, z.B. in Heinrich von Kleists Werken oder Schulbüchern. Daneben war die ß-lose Lateinschrift üblich, setzte sich aber gegen die noch dominierenden Regeln des Fraktursystems im 20. Jahrhundert nicht durch. Erst die Einführung des „Missstandssystems“ der Rechtschreib„reform“ von 1996 beendete diesen Zustand gewalttätig – zum Nachteil der Lesbarkeit und Ästhetik.

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Sigmar Salzburg
03.04.2016 10.12
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DLF 27.03.2016

Musik und Fragen zur Person
Der Linguist Peter Eisenberg


Eigentlich ist er examinierter Tonmeister, als Linguist wurde er eine Institution: Peter Eisenberg, Jahrgang 1940, ist der bedeutendste Spezialist für deutsche Grammatik, alle Schulen arbeiten anhand seiner Standardwerke.

Im Gespräch mit Joachim Scholl

Sein entschiedener Protest gegen die nach seiner Meinung unausgereifte Rechtschreibreform von 1996 machte den Wissenschaftler einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Viele Auszeichnungen zieren seinen Berufsweg. Zuletzt erhielt Peter Eisenberg im Herbst 2015 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

Die komplette Originalfassung der Sendung steht Ihnen sieben Tage zur Verfügung, die Podcast-Fassung zum Herunterladen [AUDIO] – mit ausgeblendeter Musik – sechs Monate lang.
Deutschlandfunk.de 27.3.2016

Wie aus dem Interview hervorgeht, ist Eisenberg, wie mancher andere, ein Späteinsteiger in seinem eigentlichen Fach, das er erst mit 30 Jahren zu studieren begonnen hatte. Dabei ist er in den USA dem berühmten und umstrittenen Linguisten Noam Chomsky begegnet, von dessen Lehren er sich aber abgewandt haben will.

Für uns interessant sind seine Bemerkungen zur Rechtschreib„reform“. Den eigentlichen Anstoß zur Verwirklichung sieht er, wie schon in seinem Vortrag von 2007 erwähnt, in den Annäherungsverhandlungen mit der damaligen DDR. Die dortige Regierung habe sofort eine Kommission eingesetzt (und damit den Westen in Zugzwang gesetzt).

Da die „gemäßigte“ Kleinschreibung aus politischen Gründen ausgeklammert worden sei, habe man buchstäblich „wie nach der Nadel im Heuhaufen“ nach Reformbedarf suchen müssen. Dabei seien den Reformern erhebliche Fehler unterlaufen, vor allem in der Getrennt- und Zusammenschreibung und der Groß- und Kleinschreibung. So sei „im allgemeinen“, das seit dem 19. Jahrhundert kleingeschrieben werde, kein Substantiv, da es nicht erweitert werden könne. Die Ableitung „plazieren“ mit „t“ von „Platz“ sei falsch, weil die Endung „-ieren“ nur an fremdsprachliche Stämme angehängt werde.

Eisenberg kritisierte außerdem das „Gendern“, das einen erheblichen Eingriff in das Gefüge der Sprache bedeute. Dabei verwies er auf einen Aufsatz, den er für die FAZ geschrieben habe, der sich mit dem Wort „Flüchtlinge“ und der für politisch korrekt gehaltenen Form „Geflüchtete“ befaßt.

Daß er eine eigene Grammatik geschrieben habe, sei eine Folge seiner Vorlesungstätigkeit gewesen, bei der er festgestellt habe, daß in der DDR mehrere Grammatiken erschienen seien, aber keine einzige in Westdeutschland, wo man sich mit der alten, unzureichenden Duden-Grammatik begnügen mußte.

Schließlich erwähnte Eisenberg noch seine Tätigkeit im Rat für Rechtschreibung, die letztlich auf eine Rettung der „Reform“ hinauslief.


Nochmal Prof. Eisenberg in der FAZ:
„Haben wir denn nichts aus dem Desaster der Orthographiereform gelernt, die im Kern ja auch nichts anderes als ein unüberlegter Eingriff ins Sprachsystem war?“
faz.net 16.12.2015

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Sigmar Salzburg
17.06.2014 16.57
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Kulturpresseschau | Beitrag vom 14.06.2014

Deutschlanradio Kultur
Ausnahme-Feuilletonist
„Er inspirierte mit einer Sprachgewalt, der niemand gewachsen war“

Hommagen an den verstorbenen Frank Schirrmacher

Von Burkhard Müller-Ullrich

Die Nachrufe füllten am Samstag das gesamte zehnseitige Feuilleton der FAZ. Stefan Aust würdigt im SPIEGEL das Kind in ihm, Kai Diekmann dankt ihm als Ratgeber in der BILD – und sein einstiger Weggefährte Thomas Steinfeld (SZ) schweigt.
[...]
Stefan Aust, langjähriger Chefredakteur des SPIEGEL, der jetzt als Herausgeber der WELT für Döpfner arbeitet, erinnerte an einen Pakt, den die drei – Aust, Döpfner und Schirrmacher, beziehungsweise SPIEGEL, WELT und FAZ – einst gegen die Rechtschreibreform schlossen. Er währte nicht lange, der Pakt, aber er führte doch dazu, dass die Reform reformiert wurde.

„Ohne Frank Schirrmachers Sturheit, seinen Widerwillen gegen die Verhunzung der deutschen Schriftsprache, würde der Duden heute anders aussehen“,

zeigte sich Aust überzeugt. Dirk Schümer von der FAZ, der mit Döpfner und Schirrmacher zuletzt noch in Rom gewesen war, beschrieb indessen seinen Chef als einen nicht nur kulturpolitisch agilen, sondern auch künstlerisch kontemplativen Menschen...

Die schiere Anzahl der Hommagen war überwältigend ... Aber auffallend war doch das völlige Schweigen des bis vor kurzem als Literaturchef der SZ agierenden Thomas Steinfeld, der im Streit mit Schirrmacher von der FAZ geschieden war und sich unterdessen als Romanautor in wilden Tötungsphantasien gegenüber Schirrmacher ergangen hatte.

Deutschlandradio Kultur 14.6.14

Ohne Schirrmacher, aber mit Steinfeld würde die FAZ möglicherweise auch heute noch die richtige deutsche Rechtschreibung verwenden. Burkhard Müller-Ullrich tut das übrigens auch noch, wenn er darf, z.B. in der „Achse des Guten“.

PS. Bei faz.net lautet das Zitat:

Wir trafen uns – eher zufällig – in der Paris-Bar mit Mathias Döpfner und regten uns gemeinsam über die Albernheiten der Rechtschreibreform auf. Die F.A.Z. hatte als einzige Publikation¹ den Unsinn bis dahin nicht mitgemacht. Aber Schirrmacher wusste, dass er auf Dauer nicht allein beim „dass mit sz“ bleiben konnte. Wir schmiedeten einen Dreier-Pakt zur Entrümpelung der Rechtschreibreform. Und schafften es am Ende, die größten Absurditäten zu beseitigen. Dann schaltete auch die F.A.Z. um – auf die reformierte Schreibreform. Ohne Frank Schirrmachers Sturheit, seinen Widerwillen gegen die Verhunzung der deutschen Schriftsprache, würde der Duden heute anders aussehen.
faz.net 14.6.2014

Als Aust sich beim Spiegel nicht durchsetzen konnte, Döpfner wohl schon auf höheres Geheiß Unterwerfungssignale sandte und Schirrmacher seine eigenen Werke bereitwillig reformieren ließ, wußten die Kultusminister, daß sie, mit den Schülern als Geiseln, mit ein paar kosmetischen Korrekturen durchkommen konnten.

¹ ... und Junge Freiheit, junge Welt, konkret, Ossietzky, Titanic etc.

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Norbert Lindenthal
01.08.2013 11.39
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Rechtschreibreform: … und mit ohne -h-

dradio: 01.08.2013 · 06:50 Uhr

[Bild]
Gisela Beste: Varianten zulassen. (Bild: AP)

Germanistin: Rechtschreibreform in der Schule schwer zu vermitteln
Eine Bilanz aus Sicht der Deutschlehrer 15 Jahre nach Einführung


Gisela Beste im Gespräch mit Ute Welty
Sowohl bei Lehrern als auch bei Schülern herrsche 15 Jahre nach Inkrafttreten der neuen Rechtschreibung noch immer Unsicherheit, was die korrekte Rechtschreibung angeht. Gleichwohl warnt Gisela Beste, Mitglied im Rat für Rechtschreibung, vor einer Überregulierung.

Ute Welty: So viel Skepsis bei einem Bundespräsidenten war selten. Gefragt nach der Sinnhaftigkeit der Rechtschreibreform von 1998 erklärte Roman Herzog ohne das berühmte Blatt vor dem Mund: „Ich habe mich nie mit der Rechtschreibreform befasst – ich befasse mich nur mit wichtigen Dingen!“ Das dürften die Deutschlehrer hierzulande anders sehen, und für die zuständig ist Gisela Beste, Vorsitzende des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband und Mitglied im Rat für Rechtschreibung. Guten Morgen, Frau Beste!

Gisela Beste: Guten Morgen, Frau Welty!

Welty: Jetzt doch mal gleich den Füller ans Herz: Wie schreiben Sie denn mein Lieblingswort, wie schreiben Sie Mayonnaise? Mit -y- und -ai- oder mit -j- und -ä-?

Beste: Ich schreib es mit -y- und -ai-, aber ich finde die andere Schreibweise auch durchaus akzeptabel. Wichtig ist ja hier auch die Verständlichkeit.

Welty: Ja, und beides ist ja richtig!

Beste: Und beides ist richtig, genau.

Welty: Ist das nicht genau die Crux der Reform, die heute vor 15 Jahren in Kraft trat? Denn es gibt eben mehrere Möglichkeiten, es richtig zu machen, und damit auch mehrere Möglichkeiten, Fehler zu machen.

Beste: Ja. Sprache ist ja ein ungeheuer vielfältiges Phänomen, das weiß jeder vom alltäglichen Gebrauch her. Und hier zu stark zu regulieren und bestimmte Schreibweisen zur absoluten Norm zu setzen, das widerstrebt dem Sprachgebrauch. Und deswegen ist es richtig, dass es auch Varianten gibt. Varianten sind ja auch wichtig, um Übergänge zu kennzeichnen. Wir schreiben ja heute auch nicht mehr Kulisse mit „C-o-u-l-i-s-s-e“, sondern wir schreiben heute Kulisse anders, zeitweilig waren aber beide Schreibweisen geduldet.

Welty: Wie sehen das die Schüler und die Lehrer, auch mit den Korrekturen von 2004 und 2006?

Beste: Für die Schüler und für die Lehrer sind diese Korrekturen schwierig. Also, dass die Rechtschreibreform erst sehr strikt gewesen ist, sehr formal gewesen ist und dann wiederum sich dem Sprachgebrauch stärker angenähert hat, das ist für viele schwer zu bewältigen. Die Entscheidung war gut, finde ich, zurückzugehen, wieder näher zum Sprachgebrauch, aber die Folgen sind wirklich in der Schule, im Schulalltag schwer zu bewältigen. Es ist einfach eine Verunsicherung eingetreten. Wie Sie schon sagen: Was ist denn jetzt richtig? Und wie wichtig ist die Rechtschreibung. Sie haben ja den Bundespräsidenten damals zitiert. Das tut der Sache nicht gerade gut, wenn solche prominenten Menschen die Dinge da so in Frage stellen.

Welty: Wie gehen denn Schüler und Lehrer dann damit um, mit dieser Problematik?

Beste: Wichtig bleibt ja nach wie vor, dass Schülerinnen und Schüler die Rechtschreibung in ihren Grundregeln gut beherrschen. Das ist ja gar keine Frage, im Berufsalltag braucht man eine korrekte Rechtschreibung. Natürlich braucht man viel Zeit zum Üben, ich glaube, daran mangelt das heute ab und zu, man braucht Zeit, um die Konzepte zu verstehen, die hinter den Rechtschreibregeln stehen. Das ist nicht ganz einfach, ich glaube, hier kann die Ausbildung der Lehrer auch noch dazu beitragen, dass das besser wird. Und im Alltag, ja, sind natürlich wichtig Strategien. Wenn ich nicht weiß, wie es geschrieben wird, wie kann ich mir helfen?

Welty: Welche Strategie hilft denn Ihnen beispielsweise?

Beste: Mir hilft die Ableitungsstrategie, dass ich überlege, woher kommt ein Wort eigentlich. Und dann hilft mir natürlich das Wörterbuch. Das ist ganz klar. Und viele nutzen ja heute auch elektronische Programme, die sind ja in den Computern schon fest installiert, und die helfen natürlich auch. Wenn da ein Wort rot unterschlängelt ist, dann weiß man, da guckt man jetzt besser noch mal hin, das ist möglicherweise nicht ganz korrekt geschrieben. Möglicherweise ist es aber korrekt geschrieben, und es ist falsch rot unterschlängelt, das gibt es ja auch.

Welty: Wo Sie gerade die Korrekturprogramme ansprechen: Ist die Kunst der Rechtschreibung im Zeitalter der Korrekturprogramme nicht überhaupt eine aussterbende, und das vielleicht sogar zu Recht?

Beste: Nein. Schülerinnen und Schüler brauchen ja Rückmeldungen auch zu ihren Schreibweisen. Viele Schreibweisen müssen wirklich gelernt werden. Denken Sie mal daran, wie viele Möglichkeiten es gibt, das Wort „Wal“ zu schreiben. Sie können es mit „W-a-h-l“ schreiben, Sie können es „W-a-l“ schreiben, sie können es mit V am Anfang schreiben. Es gibt tausend Möglichkeiten, und hier geht es darum, die richtige zu lernen, und dazu brauchen Schülerinnen und Schüler Rückmeldungen ihrer Lehrerinnen und Lehrer, dass sie ein Gefühl dafür auch entwickeln, was ist die richtige Schreibweise, und dass sie natürlich auch ein Verständnis der Regeln und eine Sicherheit in den Regeln entwickeln. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, aber das reine Zählen von Fehlern, das halte ich auch nicht für den richtigen Weg. Also, ein Schüler, der 50 rote Zeichen an seinem Text hat, der wird das Gefühl haben, ich lern es nie, und das, denke ich, das ist pädagogisch wirklich der falsche Ansatz. Der braucht vielleicht eine Rückmeldung, in welchen Schwerpunktbereichen er vor allen Dingen Fehler gemacht hat, damit er mal einen Anfang findet. Und das ist auch sehr effektiv, damit habe ich als Lehrerin selbst gute Erfahrungen gemacht.

Welty: Fühlen sich die Lehrer ausreichend unterstützt in ihrem Bemühen um Sicherheit?

Beste: Ich denke, Lehrerinnen und Lehrer brauchen auch klare Signale, was ist wichtig. Wie wichtig ist denn der Gesellschaft heute Rechtschreibung? Macht man sich lustig nach den Reformen und sagt: 'Ja, jetzt weiß man ja gar nicht mehr, wie es geht', oder sagt man, 'Es ist schwierig, gerade die deutsche Rechtschreibung, die hält auch echte Herausforderungen bereit, aber wir stellen uns auch den Schwierigkeiten und wir bemühen uns in allen gesellschaftlichen Bereichen, vielleicht auf eine etwas spielerische Art, aber das richtige Schreiben wirklich als Norm zu verfolgen'. Das finde ich schon wichtig.

Welty: Deutschland tut sich mit Rechtschreibreformen ähnlich schwer wie mit Revolutionen. Drei hat es bislang gegeben, also Reformen. Was müsste bei einer vierten unbedingt anders gemacht werden als bei der jüngsten, eben bei der von vor 15 Jahren?

Beste: Ich glaube, vor allen Dingen sollte es eine vierte nicht geben. Also, ich denke, jetzt muss Ruhe einkehren, also jetzt ist es wichtig, die Regeln, die da gefunden worden sind, auch noch mal verständlicher zu machen. Ich halte es für ein ganz großes Problem, dass die Regeln doch sehr verklausuliert formuliert sind, nicht sehr klar. Sie sind auch nicht völlig widerspruchsfrei formuliert. Und was ich wichtig finde, ist, dass die Regeln in einer verständlichen Weise transportiert werden, sodass auch wirklich Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer im Alltag damit umgehen können. Wenn Sie ins amtliche Regelwerk schauen, da werden Sie staunen, wie schwierig diese sowieso schon komplizierte Materie da auch noch formuliert ist. Das ist aber auch im Rat für Rechtschreibung ein Thema und damit beschäftigt sich dieser Rat auch aktiv.

Welty: Das ist die Empfehlung von Gisela Beste vom Deutschen Germanistenverband nach 15 Jahren Rechtschreibreform. Ich sage danke mit weichem -d- und mit ohne -h-.

Beste: Vielen Dank auch Ihnen!

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„Schreib, wie du sprichst“ – Vor 100 Jahren starb der Philologe Konrad Duden

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Sigmar Salzburg
16.03.2013 05.22
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Schüler schreiben mit mehr Fehlern - aber fantasievoller

Studie vergleicht Schüleraufsätze von 1972 und 2002
Wolfgang Steinig im Gespräch mit Manfred Götzke


Der Germanist Wolfgang Steinig kritisiert, „dass wir so wenig tun an unseren Schulen für Kinder aus sozial schwachen Familien“. Beim Vergleich der Qualität von Schüleraufsätzen von 1972 und 2002 zeige sich, dass die Schere zwischen den Schichten weiter auseinander gehe.

Manfred Götzke: Auch früher war früher alles besser. Kulturpessimismus ist ein 1.000 Jahre altes Phänomen, aber es ist nicht wegzukriegen, vor allem, wenn es um die Sprache und deren vermeintlichen Verfall geht. Auch das Institut für deutsche Sprache hat sich heute auf seiner Jahrestagung mit dem Sprachverfall beschäftigt und gefragt: Was ist Verfall, was Dynamik und was natürlicher Wandel? Unter dieser Fragestellung hat sich der Germanist Wolfgang Steinig von der Universität Siegen Texte von Viertklässlern aus vier Jahrzehnten genau angeschaut und untersucht: Schreiben Schüler heute wirklich schlechter als vor 40 Jahren? Herr Steinig, die Frage Ihrer Untersuchung, die ist natürlich provokativ. Was heißt denn schlecht für Sie?

Wolfgang Steinig: Das ist natürlich ein provokativer Einstieg, den ich da gewählt habe. Linguisten haben immer Probleme mit schlechter und besser, nicht? Was man in der Regel feststellen kann, ist, dass sich die Schriftlichkeit von Schülern verändert. Schüler schreiben heute einfach anders als in den 70er-Jahren. Was wir auf jeden Fall sagen können, ist, dass die Rechtschreibung sich wirklich verschlechtert hat. Allerdings – und das muss man dann immer sofort auch dazu sagen –, dieser Effekt ist sehr stark schichtspezifisch, das heißt, Kinder aus der sozialen Unterschicht, die machen enorm viele Fehler, sehr, sehr viel mehr Fehler als in den 70er-Jahren. Das heißt, die soziale Schere ist gerade bei der Rechtschreibung enorm auseinandergegangen.

Götzke: Woran liegt das denn ihrer Meinung nach?

Steinig: Da gibt es sicherlich viele Gründe dafür, auch ökonomisch driftet unsere Gesellschaft immer weiter auseinander. Da ist es dann auch, denke ich, kein Wunder, dass sich das auch in den Leistungen der Schüler spiegelt. Wir haben es mit einer Situation zu tun, wo das Gymnasium, also der Übertritt in das Gymnasium so unglaublich wichtig ist, dass vor allen Dingen Eltern, die den Wert des Gymnasiums richtig einschätzen, gewissermaßen als Eintrittskarte in ein besseres, finanziell abgesichertes Leben, die tun alles für ihre Kinder, damit die das schaffen. Und die Rechtschreibung ist halt ein ganz hartes Faktum, das oft genau eine Empfehlung für das Gymnasium verhindern kann. Wenn einfach zu viele Fehler in einem Text sind, dann sagt die Lehrerin, also das Kind ist vielleicht gerade noch Realschule oder Hauptschule, aber mehr ist nicht drin.

Götzke: Herr Steinig, jetzt haben Sie ja nicht nur Rechtschreibfehler gezählt in Ihrer Studie, Sie haben ja auch im weitesten Sinne die Qualität von Texten untersucht. Wie haben Sie das denn gemacht?

Steinig: Ja, wir haben also beispielsweise mit Computeranalysen den Wortschatzumfang analysiert. Und da hat sich herausgestellt, dass Texte aus 1972 im Vergleich zu Texten von 2002, dass da der Wortschatzumfang sehr stark angestiegen ist. Wiederum auch schichtspezifisch in einer höchst unterschiedlichen Weise, das heißt, die Kinder, die 2002 eine Gymnasialempfehlung bekommen haben und aus der oberen Mittelschicht kommen, die sind die Gewinner des Systems. Deren Texte sind interessanter zu lesen, der Wortschatz ist geradezu explodiert. Aber Kinder, die eine Hauptschulempfehlung haben, Eltern aus der Unterschicht, sozialen Unterschicht, kommen, da hat sich im Wortschatz nichts verbessert, stagniert auf niedrigem Niveau.

Götzke: Kann man grundsätzlich sagen, insgesamt schreiben die Kinder weniger korrekt, was die Rechtschreibung angeht, aber fantasievoller?

Steinig: Ja, vor allen Dingen also die Kinder aus höheren sozialen Schichten. Nicht, also das, die sind selbstbewusster geworden, das zeigen jetzt unsere allerneusten Daten, da haben sich auch die Textsorten teilweise verändert, da finden Sie jetzt also viel stärker kommentierende Texte, nicht? Die Kinder sind irgendwie freier geworden, Texte werden einfach variabler. Und ich denke, da spielt möglicherweise das Internet eine Rolle. Denken Sie an Kommentierungen im Internet, das ist sehr vielfältig geworden, Menschen schreiben klein, fehlerhaft, hauen irgendwelche Meinungen raus. Und das scheint langsam auch schon in die Grundschule einzudringen – langsam.

Götzke: Wir müssen vielleicht noch mal ganz kurz klären, wie Sie das untersucht haben. Sie haben einen Film gezeigt, 1972 den gleichen wie 2012, und dann sollten die Kinder einen Text dazu abliefern.

Steinig: Genau.

Götzke: Was waren so die größten Unterschiede, die Sie festgestellt haben, '72, 2002, 2012, was die Textarten angeht?

Steinig: Ja, also Texte aus dem Jahr 1972, die waren eher in einem nüchtern-berichtenden Modus geschrieben, die waren auch kürzer – nüchterner, kürzer, berichtender. 2002 wurden die Texte fantasievoller, kreativer, erzählerischer, sie bekamen also ... man fand sehr viel häufiger wörtliche Rede in den Texten, Spannungselemente wurden sprachlich gestaltet, also das hat sich enorm verbessert. Und jetzt, 2012, finden wir sehr viele kommentierende Texte. Da schreibt einfach ein Kind, ich fand den Film doof – ein Satz, fertig, ab.

Götzke: Sie haben das ja gerade schon angedeutet, das könnte ja möglicherweise tatsächlich mit Schreibkulturen zusammenhängen, die sich auch irgendwie über Facebook, Twitter, wo man ja vor allem auch kommentiert ...

Steinig: Ja, genau, ja, Kinder, Jugendliche, heute Erwachsene auch, leben heute in einer Zeit, wo wahrscheinlich so viel geschrieben wird wie noch nie zuvor. Man sieht überall Menschen mit allen möglichen Medien irgendwelche Tastaturen bedienen, die irgendetwas von sich geben und ins Netz schicken. Also das Schreibverhalten hat enorm angezogen.

Götzke: Der Titel Ihrer Tagung heißt „Sprachverfall?“. Das Fragezeichen könnte man vielleicht streichen, aber vielleicht auch das Wort?

Steinig: Ja, völlig, also Sprachverfall, mit dem Begriff kann man gar nichts anfangen, das ist einfach ein unwissenschaftlicher Begriff, ich finde den einfach nicht passend, so einen Begriff, für eine wissenschaftliche Tagung.

Götzke: Also Kulturpessimismus ist nicht angezeigt?

Steinig: Das bringt uns sowieso nicht weiter. Was uns umtreibt – mich vor allen Dingen als Sprachdidaktiker umtreibt –, dass wir so wenig tun an unseren Schulen für Kinder aus sozial schwachen Familien.

Götzke: Die Schüler schreiben heute oft weniger korrekt, dafür aber spannender und fantasievoller, sagt der Germanist Wolfgang Steinig von der Uni Siegen.

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dradio.de 15.3.2013

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Sigmar Salzburg
31.01.2013 19.59
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Teutsche Sprachkultur

Zum Projekt „Straße der deutschen Sprache“
Von Michael Köhler

Eisleben für Luther, Kamenz für Lessing, Weißenfels für Novalis. Das Projekt „Straße der deutschen Sprache“ will Orte in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen miteinander verbinden, deren Vergangenheit und Gegenwart wichtig für die deutsche Sprache und Literatur ist.


Thomas Paulwitz ist Chefredakteur der vor zwölf Jahren gegründeten Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“. Sie versteht sich als Sammelbecken für Gegner der Rechtschreibreform. Auch andere sprachpflegerische Absichten wie Erhalt der Schreib- und Handschrift in der Schule zählen zu den Zielen. Bewusst knüpft der Verein an barocke Traditionen an, wie die sogenannte „Fruchtbringende Gesellschaft“ vom Anfang des 17. Jahrhunderts. Vor sechs Jahren hat sich die „Neue Fruchtbringende Gesellschaft“ formiert.

„Die Straße der Deutschen Sprache bildet ihren Kern in den drei Bundesländern, Thüringen, Sachsen – Anhalt und Sachsen. Und da die Idee von Köthen ausgeht, haben wir in Sachsen-Anhalt mehr Orte. Also Köthen als erster Sitz der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, spielt da eine Rolle. Dann ist in Thüringen zum Beispiel Schleiz dabei. Das ist der erste große Wirkungsort von Konrad Duden. Da hat er seine ersten Aufzeichnungen gemacht für sein Rechtschreibwörterbuch.“

Köthen und Schleiz sind dabei, Eisleben für Luther, Gräfenhainichen für den Kirchenlieddichter Paul Gerhardt, Kamenz für Lessing, der dort geboren wurde, Weißenfels steht für den romantischen Dichter Novalis und so weiter. Die Auswahl scheint unsystematisch. Schottelius, der Kopf der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ stammt aus Einbeck in Südniedersachsen und starb in Wolfenbüttel. Er fehlt in der Aufzählung Johann Christoph Adelung und Kaspar Stieler, die großen Wörterbuchautoren wirkten in Leipzig, Erfurt, Nürnberg. Thomas Paulwitz:

„Das ist nicht willkürlich. Erstens einmal ist dieses mitteldeutsche Gebiet, das sich da auf die drei Bundesländer bezieht, kann man schon so sehen, dass es die Wiege des Hochdeutschen ist. Da haben sich frühzeitig Siedler aus dem ganzen deutschen Sprachraum angesiedelt. Die hatten dann ihren Einfluss auf die Meißner Kanzleisprache, die dann auch Luther zum Vorbild diente für seine Bibelübersetzung und von dort aus hat sich das Deutsch wie es in diesem Gebiet gesprochen wurde in ganz Deutschlands ausgebreitet.“

Johan Kaspar Stielers „Teutscher Sprachschatz“ erschien 1691 in Nürnberg und war ein großer Schritt auf dem Weg zur geeinten nationalen Hochsprache.

Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs oder Teutscher Sprachschatz, worinnen alle ... teutsche ... Stammwörter nebst ihrer Abkunft, abgeleiteten ... Redarten mit guter lateinischen Tolmetschung ... befindlich ... in vielen Jahren gesamlet von dem Spaten. Das ist Johan Kaspar Stieler, Nürnberg 1691

Und Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg in Eisenach. Johann Christoph Adelung, der Grimm des 18. Jahrhunderts, wurde in Anklam, Mecklenburg Vorpommern, geboren…

Grimm und Gutenberg, Kassel und Mainz könnten irgendwann dazu stoßen. Als Ziel nennt Thomas Paulwitz eine Ausschilderung am Ortseingang. So wie „Beethoven-" oder „UN – Stadt Bonn“ oder „documenta Stadt Kassel“. In fünf bis zehn Jahren möchte er soweit sein.

Immerhin haben sich schon zwölf Orte bereit erklärt. Das werden aber nicht alle sein.

Thomas Paulwitz und seine Mitstreiter wollen die deutsche Sprache „schützen, wahren und weiter_entwickeln“ wie er sagt. „Da was Deutschtümelndes draus zu machen, sei verkehrt“, betont er…

Deutschlandfunk 31.1.2013
(Leicht gekürzt)

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Sigmar Salzburg
06.08.2011 06.19
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Deutschlandradio Kultur: Harry Rowohlt

05.08.2011 • 11:33 Uhr

Naschbär für die Ohren

Harry Rowohlt: „Rumba, Rumba, Rumba ist modern“, Kein & Aber Records 2011, 2 CDs

Übersetzer, Sprecher, Kolumnist, Schauspieler. Harry Rowolt ist vielseitig, ein bekennender Genussmensch und eine zottelige Rampensau. Seine Lesungen sind meist schon viele Wochen vorher ausverkauft. Jetzt kann man eine als Doppel-CD nachhören.

Mit „Moin, moin!“ begrüßt Harry Rowohlt das Publikum seiner Göttinger Lesung. Die wurde für das Hörbuch „Rumba, Rumba, Rumba ist modern“ mitgeschnitten:

„Ich sage Ihnen das, damit Sie wissen, dass, wenn Sie zu laut 'Buh' schreien, das nach dem neuesten Stand der Technik alles wieder rausgefriemelt wird.“

Das schickt Harry Rowohlt, der dicke Mann mit weißem Rauschebart und Nickelbrille, vorweg. Und auch, dass er schon länger keinen Alkohol mehr trinkt. Der übermäßige Konsum, besonders gerne auch während seiner Lesungen, hat dazu geführt, dass der 66-Jährige nun eine neurologische Krankheit hat, die seine Bewegungsfähigkeit stark einschränkt. Aber selbst darüber scherzt er. Keinen Spaß versteht der Sohn des Verlagsgründers Ernst Rowohlt allerdings, wenn man meint, er selbst sei Verleger:

„Wenn ich irgendwo reinkomme, sage ich als Allererstes: Nein, ich habe nichts mit dem Rowohlt-Verlag zu tun. Nein, ich habe nicht abgenommen. Ja, ich spiele bei der 'Lindenstraße' mit. Da ist dann was für jeden Geschmack dabei. Und wenn mich jemand fragt, was man denn tun muss, um veröffentlicht zu werden – möglichst in meinem renommierten Verlag – sage ich:

Machen Sie es wie ich: Ich schreibe nur auf Bestellung und brauche mir dann um die Veröffentlichung keine Sorgen zu machen! Darauf erwidern die Autoren einer wie der andere, als hätten sie es untereinander abgesprochen: Dädädädädä!“


Übersetzer, Rezitator, Schriftsteller, Schauspieler ist Harry Rowohlt. Und ein äußerst meinungsfreudiger Kolumnist. Das Hörbuch besteht vor allem aus Kolumnen, die Rowohlt für „Die Zeit“ geschrieben hat. Allerdings unterbricht er sich laufend selbst. So auch, als er über die Rechtschreibreform und das Magazin "Focus" spricht:

„Ich find' diesen Untertitel, 'Das moderne Nachrichtenmagazin', so albern. Das letzte Mal, als mir das Wort 'modern' eingeleuchtet hat, war in dem Lied (singt wie Max Raabe): Komm, lass uns einen kleinen Rumba tanzen, denn Rumba, Rumba, Rumba, Rumba ist modern … "

Selbst wenn er schief singt, hört man ihm gerne zu. Und man wartet geradezu darauf, dass ihm beim Lesen eine Assoziation kommt, eine Brücke zum Abschweifen. Denn in seinen Anekdoten ist der gebürtige Hamburger mit der voluminösen, rauchigen Stimme noch erdiger, noch komischer als in seinen ohnehin schon großartigen Kolumnen:

„Ich hab' übrigens gestern wieder einen starken Lokalpatriotismus-Schub verpasst gekriegt. Bei Edeka auf'm Eppendorfer Baum habe ich mir lange vor der Zeit, aber mir war so sommerlich, ein Capri-Eis gekauft. Und die Schlange vor der Kasse war so lang, dass ich dachte: Das Ding schmilzt. Ich ess' es schon mal. Und wenn mich die Kassenfee anschnauzt, dann halte ich ihr den abgelutschten Spatel und die Tüte vor und zahle still. Und dann ging es aber etwas schneller. Und statt mich anzuschnauzen, sagte die Kassenfee zu mir: Oller Naschbär!“

Man sieht sie vor sich, die Kassiererin. Harry Rowohlt zieht bei Lesungen alle Register seiner Stimme, scheint sämtliche deutsche Dialekte zu beherrschen und auch andere Sprachen:

„Im Hotelzimmer sehe ich mir einen der 48.000 fabelhaften Fernsehsender an, die man reinkriegt. Auf dem flämischen Kanal Eén einen britischen Krimi mit niederländischen Untertiteln: Der englische Kommissar sagt: Quite frankly, I've got to admit, I am finding it increasingly difficult to get a grasp on all this. Auf Niederländisch steht drunter: Ik pak dat niet!

Man fasst es nicht, wie Harry Rowohlt es schafft, in keinem einzigen Augenblick seiner Live-Lesung Langeweile aufkommen zu lassen: Egal, ob er einen Witz erzählt oder eine Anekdote, eine uralte Kolumne liest oder einen Nachruf auf seinen Freund Frank McCourt. Wer beim Hörbuch „Rumba, Rumba, Rumba ist modern“ nicht lacht, dem ist nicht mehr zu helfen:

„Auf dem Frankfurter Hauptbahnhof fragt mich ein Mann: Haben Sie mal 80 Cent? Ich gebe ihm eine 2-Euro-Münze. Er betrachtet sie und sagt: Na gut.“

Besprochen von Tobias Wenzel

Harry Rowohlt: Rumba, Rumba, Rumba ist modern. Live-Lesung in Göttingen
Kein & Aber Records 2011
2 CDs, Gesamtspieldauer: 1 Stunde 52 Minuten, 19,90 Euro

Service:
Wer Harry Rowohlt nicht nur auf einer Live-CD hören, sondern auch live vor Ort sehen und hören möchte, kann das tun: Am 11.8.2011 liest er um 19.30 Uhr in Kampen, danach unter anderem in Freiburg (13.8.) und Hamburg (23.9.). Weitere Termine finden Sie auf seiner Homepage.

dradio.de/dkultur

Zu Harry Rowohlt siehe auch Rechtschreibung.com:
Rowohlt in GreizPooh's CornerRowohlt & Gysi

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Sigmar Salzburg
02.08.2011 19.14
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Beim Duden-Gedenken selten zugelassen: Ein Reformkritiker

Hauptsache keine roten Kringel unterm Wort

Historiker über Sprache und Rechtschreibkorrektur
Reinhard Markner im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Die Rechtschreibreform 1996 hatte die Vereinheitlichung der deutschen Sprache im Jahr 1902 zum Vorbild, als der Duden für verbindlich erklärt wurde. Heute verließen sich viele nur noch auf die automatische Rechtschreibkorrektur am Computer, sagt Historiker Reinhard Markner.

Burkhard Müller-Ullrich: Heute vor 100 Jahren starb ein Mann, dem wir so manche Qual zu verdanken haben, weil er die Regeln aufstellte, mit denen wir uns so schwertun: Duden, sein Name, Konrad Duden. Er war ein leidlicher Philologe, aber ein gründlicher Pauker. Er unterrichtete an Gymnasien im westfälischen Soest, im thüringischen Schleiz und dem hessischen Hersfeld, wo er als Direktor offenbar genügend Zeit fand, um jene akribische Fleißarbeit zu vollbringen, die ihn berühmt machen sollte: Die Abfassung eines „Vollständigen Orthografischen Wörterbuchs der deutschen Sprache. Dudens Wörterbuch war und ist ein Herrschaftsinstrument, etwas, das dazu dient, die Menschen zu gängeln, ihr Schreiben zu reglementieren und ihm den Charakter einer messbaren Leistung zu geben. Dudens Wörterbuch beziehungsweise kurz „der Duden“ erschien 1880. 1902 wurde er – die großdeutsche Zackigkeit befand sich auf dem Höhepunkt – vom Bundesrat als verbindlich proklamiert. Über Duden und seine Wirkung sprechen wir jetzt mit dem Historiker Reinhard Markner in Berlin. Herr Markner, das war also ein staatlicher Eingriff in den sprachlichen Alltag, was da 1902 passiert ist, und es war insofern ein Novum für deutsche Verhältnisse. Hatten sich die Rechtschreibreformer 100 Jahre später diesen Fall zum Vorbild genommen?

Reinhard Markner: Ja, unbedingt. Sie haben frühzeitig dafür gesorgt, dass ihr Projekt politischen Rückhalt hatte, und auch gerade dadurch, dass sie diesen Rückhalt in allen drei wesentlichen deutschsprachigen Staaten gesucht haben, haben sie dafür gesorgt, dass Widerstand gegen die kommende Rechtschreibreform mit dem Hinweis darauf unterbunden werden konnte, dass ja die Schweizer schon zugestimmt haben oder die Österreicher auch dafür sind und so weiter. Also, man hat sich auf diese Weise abgesichert. Wohingegen 1902 es eigentlich so war, dass das Deutsche Reich in der eigenen Machtvollkommenheit entschieden hat und sich die österreichisch-ungarische Monarchie und auch die Schweiz erst später angeschlossen haben.

Müller-Ullrich: Da stand ja im Hintergrund auch noch die gerade geschaffene Reichseinheit, die sozusagen jetzt durch eine sprachliche Vereinheitlichung noch nachvollzogen werden sollte.

Markner: Richtig, wobei die Reichseinheit ja schon 30 Jahre zurücklag, und tatsächlich gab es schon in den 70er-Jahren genau mit diesem Argument Vorstöße auch zu einer weitergehenden Rechtschreibreform. Die Preußen sind dann ein wenig vorgeprescht und es war eben so, dass Bayern und Württemberg und all die anderen Bundesstaaten jeweils eigene Regelbücher erlassen hatten und sich dann nach langem Ringen schließlich 1902 auf dieses gemeinsame Wörterbuch verständigen konnten.

Müller-Ullrich: Weil Sie sagen Regelbücher: Das ist ja sowieso was sehr Preußisches, also Ordnung, Systematik, Disziplin gelten als die wesentlichen Tugenden. Jetzt kann man natürlich die Frage stellen, wozu braucht man überhaupt solche Normen? Als politisches Projekt, haben wir verstanden, aber jetzt sprachlich betrachtet?

Markner: Im Grunde genommen regelt sich die Sprache von selbst, nur geht das relativ langsam. Es ist wie ein naturhafter Prozess. Und in diesen Prozess ist eben wiederholt eingegriffen worden, um eine Vereinheitlichung gerade im Sinne der Schulorthografie vorzunehmen. 1902 sind aber praktisch keine Schreibungen neu eingeführt worden, die zuvor am grünen Tisch entworfen worden waren, so wie das 1996 folgende passiert ist, sondern man hat sich im Grunde genommen zugunsten der Vereinheitlichung darauf beschränkt, eben eine Vereinheitlichung der Rechtschreibung vorzunehmen und keine wesentlichen Eingriffe im Sinne einer Reform-Orthografie vorzunehmen.

Müller-Ullrich: Hat sich nicht auch das Schreiben als solches historisch verändert? Ich meine, den sozialen Status, den jemand, der überhaupt Zugang zur Schriftkultur hatte, weil er zum Beispiel höhere Schulbildung besaß oder gar ein Gymnasium besucht hatte, der konnte ja möglicherweise die einzelnen Korrekturen den Spezialisten des Druck- und Verlagsgewerbes überlassen, während heutzutage jeder schreibt, jeder in einem permanenten Kommunikationszusammenhang eingebunden ist, aber jetzt sozusagen mit der Orthografie subtile Signale in der anonymen Internetwelt abgegeben werden können. Also, zum Beispiel konsequente und fehlerfreie Verwendung der alten Rechtschreibung ist ja ein klares Indiz für einen bestimmten sozialen und intellektuellen Status.

Markner: Ja, das ist völlig richtig. Früher hat man beispielsweise bei Bewerbungsschreiben sehr darauf achten müssen – also, natürlich ist das heute auch noch der Fall, aber das war eine besonders Situation. Wenn man den Job dann erst hatte, dann hatte man in der Regel die Sekretärin, auf die man sich verlassen konnte und die man im Zweifelsfall auch fragte, wenn man einen Zweifelsfall hatte, und die auch vielleicht besser wusste, wo genau das dann im Duden nachzuschlagen ist, als man selbst. Heutzutage sitzt jeder an seiner eigenen Tastatur und es gibt in der Tat weniger Instanzen, die also hier noch eingreifend ins Spiel kommen – mit Ausnahme natürlich der automatischen Instanz, der Rechtschreibkorrektur der Textverarbeitungsprogramme. Sehr viele Menschen schreiben heute so, dass irgendwie keine Kringel auftauchen, das halten sie dann für richtig, obwohl das keineswegs notwendigerweise der Fall ist, denn diese Rechtschreibkorrektur ist zum Teil sehr ungenau, gerade was das viel umkämpfte Feld der Zusammen- und Getrenntschreibung angeht.

Müller-Ullrich: Und niemand weiß, wer es wirklich gemacht hat bei Word.

Markner: Sehr richtig, ja, es gibt irgendwelche Verhandlungen, die es mal gegeben hat zwischen den Reformkommissionen, aber die sind tatsächlich sehr im Hintergrund abgelaufen.

Müller-Ullrich: Vielen Dank, Reinhard Markner, für diese Auskünfte und Einschätzungen zum 100. Todestag von Konrad Duden!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

dradio.de 1.8.2011

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Sigmar Salzburg
09.05.2011 15.26
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Peter Eisenberg im Interview

Nicht nur Schüler haben Probleme mit der Rechtschreibung. (Bild: AP)

„Leerer prauchen wir nicht“

Viele Deutschlehrer tun sich schwer in Sachen Orthographie
Peter Eisenberg im Gespräch mit Manfred Götzke


Deutschlehrer sind nicht auf dem neuesten Stand der Rechtschreibung. Das sagt der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Einen PISA-Test für Lehrer lehnt Eisenberg ab – man müsse „die Lehrerausbildung verbessern und nicht die Lehrer öffentlich bloßstellen“.

Manfred Götzke: Ja, ja, die Deutschlehrer und die neue Rechtschreibung. Ob sie sie wirklich hätten verhindern können, wie der Kabarettist Sebastian Krämer meint, das können wir heute nicht mehr klären. Viel interessanter ist aber die Frage, wie Deutschlehrer heute damit klarkommen. Tja, und da ist letzte Woche ein etwas peinlicher Fall bekannt geworden: Ein Deutschlehrer aus Baden-Württemberg wollte seine Schüler auf ein Diktat mit einer Wortliste vorbereiten, darauf waren die besonders schwierigen Wörter zusammengefasst, und der gute Mann hat die Liste so betitelt: „Leerer“ – Leerer mit Doppel-E – „prauchen wir nicht“. Das war lustig gemeint. Das Dumme dabei: Die Liste strotzt auch sonst von Fehlern, die nicht beabsichtigt waren. 36 Fehler auf zwei Seiten. Peter Eisenberg ist emeritierter Sprachwissenschaftler an der Universität Potsdam. Herr Eisenberg, ist der arme Mann, der jetzt wohl zum Gespött der Schule wurde, ein Einzelfall?

Peter Eisenberg: Meiner Meinung nach nicht. Der Lehrer ist sogar im positiven Sinne eine Ausnahme, insofern diese Lehrkraft versucht hat, die Schüler intensiv auf ein Diktat vorzubereiten.

Götzke: Ohne Erfolg!

Eisenberg: Das ist durchaus nicht mehr üblich, sondern viel üblicher ist, dass die Beschäftigung mit Rechtschreibung, zumal noch im Gymnasium wie hier, weitgehend verdrängt wird, jedenfalls einen niedrigeren Status hat als vor der Orthografiereform. Was allerdings dort den Schülern vermittelt wird, das ist, wie Sie richtig gesagt haben, von weitgehender Unkenntnis der gegenwärtigen Situation geprägt und viel verträglicher mit dem, was 1996 galt.

Götzke: Aber sind die Deutschlehrer, was Rechtschreibung angeht, was vor allem die neue Rechtschreibung angeht, nicht auf dem Stand der Dinge?

Eisenberg: Das kann man sagen. Man kann so eine Aussage natürlich nicht vollständig generalisieren, aber man kann schon sagen, dass mit dem teilweisen Rückbau von 2006 die Unkenntnis vieler Deutschlehrer über den aktuellen Stand zugenommen hat.

Götzke: Woran machen Sie die Kritik fest?

Eisenberg: Das liegt vor allen Dingen daran, dass weder die Medien, noch die Kultusministerkonferenz eine intensive Öffentlichkeitsarbeit gemacht haben. Das war ja nach 1996 durchaus der Fall, die Neuregelung ist damals öffentlich sehr intensiv diskutiert worden, aber 2006 eben gar nicht. Die Neuregelung von 2006, die also teilweise den Rückbau betrieben hat und die Rückkehr zur alten Orthografie ...

Götzke: ... also die teilweise Rückkehr zur alten Orthografie ...

Eisenberg: ... die teilweise Rückkehr zur alten Orthografie, ganz recht, war eigentlich nur politisch gewollt. Sie war gewollt, weil man endlich die öffentliche Debatte loswerden wollte. Aber das inhaltliche Interesse an dem, was dort geschehen ist, war sehr gering, und von der KMK ist kaum etwas unternommen worden, um diese neue Schreibweise unter die Leute zu bringen.

Götzke: An den Universitäten in der Lehrerausbildung scheint das Ganze keine besonders große Rolle zu spielen.

Eisenberg: Na ja, das ist verschieden. Im Grunde müsste es in der Ausbildung von Deutschlehrern eine große Rolle spielen, ganz besonders in der Ausbildung von Grundschullehrern, aber auch bei der Ausbildung von Lehrern für die Sekundarstufe. Das ist traditionell nicht hinreichend der Fall und es ist seit 1996 und erst recht seit 2006 noch weniger der Fall.

Götzke: Und heute wird Orthografie nicht mehr so dezidiert gelehrt von den Lehrern in den Schulen, weil sie sich selbst nicht mehr so sicher sind?

Eisenberg: Ja natürlich, sie sind sich nicht mehr so sicher, es hat ein paar Veränderungen gegeben, immer wieder Veränderungen, aber die neue Regelung von 1996 selbst hat Bereiche geregelt, die die Lehrer bisher eigentlich vorher nie so recht zu händeln wussten. Und das war in dem Bereich auch ganz richtig.

Götzke: Woran machen Sie es fest, dass die Deutschlehrer früher besser waren, früher firmer waren in Sachen Orthografie?

Eisenberg: Ob man das so ohne Weiteres so sagen kann, dass sie firmer waren und besser waren, das wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Es ist einfach so gewesen, dass die deutsche Orthografie in einem langen Prozess der Aushandlung innerhalb unserer Gesellschaft weit verbreitet war und in dieser Form auch eine ganz gute Rolle in der Deutschlehrerausbildung gespielt hat. Auch damals war ganz besonders bei den Grundschullehrern die Auseinandersetzung mit der Orthografie nicht weit genug betrieben worden, aber es bestand doch ein gesellschaftlicher Konsens darüber, dass die Orthografie wichtig ist, und sie wurde nicht hinreichend, aber doch weitgehend gelehrt in der Schule.

Götzke: Bei PISA und den ganzen anderen jetzt inflationären Bildungstests geht es ja vornehmlich um die Leistung der Schüler. Bräuchten wir eine Art Lehrer-PISA, um solche Katastrophen zu verhindern?

Eisenberg: Nein, man muss die Lehrerausbildung verbessern, und nicht die Lehrer öffentlich bloßstellen.

Götzke: Hätten die Lehrer, die Deutschlehrer die neue Rechtschreibung verhindern müssen, wie Sebastian Krämer es anregt?

Eisenberg: Nein, die Lehrer waren nicht diejenigen, die die neue Orthografie hätten verhindern müssen, das hätten die Kultusminister machen müssen und das hätte auch die Germanistik machen müssen, also das Fach, das ja zuständig ist für die Beschreibung der deutschen Orthografie. Aber ausgerechnet den Deutschlehrern diese Aufgabe zuzuschreiben, das ist ein bisschen blauäugig.

Götzke: Deutschlehrer kennen sich mit der neuen Rechtschreibung nicht ausreichend aus, sagt der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Vielen Dank!

Deutschlandfunk 9.5.2011

Eisenberg, einer der schärfsten Kritiker der „Rechtschreibreform“, hat immer auch ihre Unausweichlichkeit betont, wohl um auf jeder Seite im Geschäft zu bleiben. So konnte er denn auch im Rat für Rechtschreibung eine führende Stellung einnehmen und als rechte Hand des Vorsitzenden Zehetmair dessen mangelnden Durchblick ausnutzen, um eigene Marotten durchzubringen. Daß für das herkömmliche „leid tun“ – nach der Reformdeformation „Leid tun“ – nun „leidtun“ erzwungen werden soll, ist Eisenberg zu verdanken. Wie fragwürdig, wenn er jetzt beklagt, daß die Kultusminister das nicht genügend propagieren! Theodor Ickler wies auch eben gerade auf Eisenbergs eigenartiges Wirken hin:

„Noch zwei Zusammenschreibungen, die Brockhaus-Wahrig empfiehlt, obwohl sie sich kaum oder gar nicht belegen lassen: vermissenließ, sprechenläßt. Es sollte noch einmal erwähnt werden, daß diese übertriebenen Zusammenschreibungen auf Peter Eisenberg zurückgehen. Sie wurden in die Empfehlungen 2006 eingearbeitet, großenteils ohne Kenntnis des Rechtschreibrates und ohne Diskussion.“ sprachforschung.org

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Sigmar Salzburg
12.04.2011 12.48
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Staatlicher Regelungswahn

Als sie (die Minister) ihre blamable Reform verkündeten, habe ich, der Deutlichkeit halber, von Sesselfurzern gesprochen. Ich bedaure, mich in diesem Fall nicht höflicher ausdrücken zu können.“ (Hans Magnus Enzensberger)

Er scheint inzwischen demonstrativ gegen alle Erwartungen zu verstoßen zu wollen – oder doch nicht? Beim heutigen Zustand der deutschen Orthographie kann man das nicht mehr sicher ausmachen.

Eine Buchbesprechung im Deutschlandfunk:


Vom Größenwahn der Eurokratie

Buch der Woche: Hans Magnus Enzensberger:
Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas
Vorgestellt von Burkhard Müller-Ullrich


… Ein „sanftes Monster“ nennt Hans Magnus Enzensberger die europäische Zentralverwaltung. Das ist die eine Seite.

Die andere lautet so:

„Der Prozess der europäischen Einigung hat unseren Alltag zum Besseren verändert. Ökonomisch war er lange Zeit derart erfolgreich, dass bis heute alle möglichen und unmöglichen Beitrittskandidaten an seinen Pforten um Einlaß bitten. Ferner muss man es unseren Brüsseler Beschützern danken, dass sie nicht selten wacker vorgegangen sind gegen Kartelle, Oligopole, protektionistische Tricksereien und unerlaubte Subventionen.“ …

Nach diesem Muster verfährt die Bundesregierung genauso wie die Weltgesundheitsorganisation. Allerdings hat sich auf der europäischen Ebene ein ganz besonderer Machtkomplex herausgebildet: eine Bürokratie, die all das ausagiert, wovon nationale Bürokratien oft nur träumen können, weil sie praktisch niemandem Rechenschaft schuldet.

„Für jede machtbewußte Exekutive ist die Passivität der Bürger ein paradiesischer Zustand. Auch die beteiligten nationalen Regierungen haben daran wenig auszusetzen. Zu Hause behaupten sie achselzuckend, gegen die Brüsseler Beschlüsse hätten sie sich leider nicht durchsetzen können. Umgekehrt kann sich die Kommission darauf berufen, dass sie nur den Absichten der Mitgliedstaaten folgt. Auf diese Weise ist am Ende niemand mehr für die Ergebnisse haftbar zu machen.“ ...

„Wenig spricht bisher dafür, dass die Europäer dazu neigen, sich gegen ihre politische Enteignung zur Wehr zu setzen. Zwar fehlt es nicht an Äußerungen des Unmuts, an stiller oder offener Sabotage, aber insgesamt führt das berühmte demokratische Defizit bisher nicht zum Aufstand, sondern eher zu Teilnahmslosigkeit und Zynismus, zur Verachtung der politischen Klasse oder – zur kollektiven Depression.“

Man spürt diese Depression bei jeder sogenannten Europawahl: nicht nur, weil 88 Zentimeter lange Wahlzettel mit 31 Parteien von vornherein wie eine Persiflage auf den hehren Vorgang einer demokratischen Abstimmung wirken, und auch nicht nur, weil das politische Personal zum größten Teil aus der dritten oder vierten Garnitur stammt: eine ziemlich suspekte Mischung aus Zombies und Paradiesvögeln, aus Bürokraten und Pornostars, aus denen, die aus der Landespolitik herausfallen, und jenen, die dort erst gar nicht hineinkommen würden. …

Es ist in jedem Land dasselbe Spiel, mit ganz wenigen Ausnahmen, die allerdings bezeichnend sind. Gerade die beiden ältesten Demokratien unseres Kontinents: die Schweiz und Großbritannien zögern, sich der Utopie vom neuen Reich zu unterwerfen. Und ausgerechnet die Schweiz, dieser ureuropäische Kleinstaat, der die ureuropäische Kleinstaaterei in einem nochmals verkleinerten Maßstab abbildet, ausgerechnet dieses kulturelle Herz Europas, wo Mentalität und Sprache schon nach ein paar Dutzend Kilometern wechseln, liegt jetzt aus der Brüsseler Zentralperspektive außerhalb Europas, weil die Schweizer ihre bewährten Formen von Volkssouveränität niemals einer unkontrollierbaren, persönlich nicht belangbaren Kamarilla opfern werden.

Diese Haftungslücke zwischen der nationalen und der supranationalen Ebene ist übrigens nichts Neues. Man spricht seit 30 Jahren vom demokratischen Defizit dieser europäischen Konstruktion. ….

Fehlt bloß noch die Kultur. Sie spielt bis jetzt tatsächlich eine marginale Rolle. Der Kulturetat der Europäischen Union beträgt ungefähr die Hälfte dessen, was die Stadt Köln für die Kultur veranschlagt…

Es gibt freilich ein Modell für solche kulturelle Gängelung, das die meisten schon fast vergessen haben [!?], obwohl dieses Buch implizit darauf verweist, nämlich die Rechtschreibreform. Hans Magnus Enzensberger hat sich gegen diesen totalitären Gestus des Staates, der einem Dichter befiehlt, hier und dort auf das scharfe ß zu verzichten, stets verwahrt. Und so ist dieses Buch, obwohl sich der Suhrkamp Verlag sonst der sogenannten Neuen Rechtschreibung beugt, auf Verlangen des Verfassers in der alten gehalten.

(Anmerkung der Onlineredaktion: Wir arbeiten mit der neuen deutschen Rechtschreibung, belassen aber selbstverständlich in Buchzitaten die originäre Schreibweise)

Hans Magnus Enzensberger: „Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas,“ Edition Suhrkamp 2011, 74 S., 7 Euro

Deutschlandfunk 10.04.2011

Dank der Rechtschreibreform und der durch sie verbreiteten Unsicherheit weiß man nun wieder nicht, wie der Enzensbergersche Text wirklich gedruckt ist.

Nachtrag:
Rominte van Thiel hat sich das Buch angeschaut und Klarheit in die Konfusion gebracht (Original bei FDS
sprachforschung.org 28.04.2011):

Das Enzensbergersche Buch ist wirklich in völlig normaler Orthographie verfaßt und nicht nur, was die ss-Schreibung anbetrifft, auf „alt“ getrimmt. Wäre es anders, hätte es mich erstens gewundert und zweitens sehr enttäuscht, da man ja weiß, daß Enzensberger Reformgegner war. Nun konnte ich feststellen, daß er es immer noch ist. („Heraus mit der Sprache“ von „A. Thalmayr“ ist ja auch „normal“ geschrieben.) Was den Text im Deutschlandfunk betrifft, auf den auch YN im „Tagebuch“ hingewiesen hat, so kann ich nur vermuten, daß da ein übereifriger Volontär oder Anlernling zum Schluß nicht mehr zwischen Zitat und Text unterscheiden konnte. Interessant ist bei der ganzen Sache, daß Burkhard Müller-Ulrich selbst ebenfalls kein Reformschreiber ist, wie z. B. auf achgut.de zu sehen. Deshalb wohl auch sein Hinweis auf die Staatseinmischung in die Sprache am Ende seines Beitrags.

Burkhard Müller-Ullrich

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Sigmar Salzburg
11.01.2011 09.27
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Vorsichtige Ironie

Buchstabenkrieg und kein Ende

Wie ein paar Wörter staatliche Sprachwächter in Atem halten +++ Was Kanaldeckel mit Kultur zu tun haben +++ Warum der Journalismus in Deutschland bedroht ist


Als im Deutschland der 1990er Jahre die Rechtschreibung reformiert wurde, gab es große öffentliche Erregung und erbitterte Kämpfe um ein paar Buchstaben. Später folgte die Reform der Reform der Reform, bis es irgendwann im neuen Jahrtausend still wurde um die leidige Angelegenheit. Aber wer glaubt, die Sache wäre damit ausgestanden, der irrt. Denn noch immer hält die Diskussion um eine Handvoll Wörter die Hüter des staatlichen Schreibwesens in Atem.
10.01.2011 mediacenter.dw-world.de

Günther Birkenstock kommentiert ironisch das bekannte erbärmliche Arbeitsergebnis des Rates für deutsche Rechtschreibung. Er unterschlägt allerdings, wie üblich, daß laut Gerichtsurteil außerhalb der Schulen niemand gehalten ist, die neue Rechtschreibung zu verwenden. Und er schließt, wohl um seine weitere Beschäftigung am Sender zu sichern, mit den Worten:

„Die schmerzhafteste Frage, die man heute stellen kann, ist die, ob eine staatlich diktiertierte Reform der Rechtschreibung denn überhaupt notwendig war. Nur – das läßt sich heute noch nicht beantworten.“

Diese Frage ist bereits eindeutig beanwortet: Von den unabhängigen Schriftstellern, vom abstimmenden Volk, von den über hundert Jahren lesefreundlicher Rechtschreibung – und durch das seit der Reform entstandene Schreibchaos, durch das Ausbleiben der „Erleichterungen“ und die sich weiter vermehrenden Milliarden-Schäden für die Kultur und Volkswirtschaft.


Nachtrag: Jetzt fand Google-News den Text – mit kleinen Abweichungen zum gesprochenen Wort:

Rechtschreibung: Reform ohne „Scharm“

[Bild: Maffia, Scharm, Maläse Mafia, Charme, Malaise]

Es war ein Entschluss, der einen Eklat auslöste. 1996 wurde die deutsche Rechtschreibung reformiert – einfacher sollte sie sein, doch erst mal wurde es richtig kompliziert. Jetzt gibt es erneut Änderungsvorschläge.

„Mafia“ soll man demnächst nicht mehr mit zwei f als „Maffia“ schreiben können und „Scharm“ nicht mehr wie „Schwarm“ ohne h, sondern wie es die Franzosen zeigen: Charme. So kennen es die Deutschen und so schreiben sie es auch schon ewig und drei Tage und deshalb ist eine andere Variante zur Auswahl unnötig. Das hat jetzt der Rat für deutsche Rechtschreibung erkannt und empfiehlt, diese zwei Varianten und 14 weitere zu streichen.
Dafür sollen vier neue aufgenommen werden: Caprice, Clementine, Crème und Schmand – der bisher als „Schmant“ vorgeschrieben war. Auch diese Wörter werden schon lange von den meisten so geschrieben, wie sie die Sprachwächter jetzt als Variante erlauben und verankern wollen. Die Zwangseindeutschungen aufzuheben ist eine vernünftige Entscheidung, auch wenn man sich fragt, wie man überhaupt auf die Idee kam, das vorher anders haben zu wollen.

Lange Erkenntniswege

[Bild:] Für viele Schulkinder war die Reform verwirrend

Das eigentlich kritikwürdige Detail liegt aber anderswo. Denn für die jetzt veröffentlichten Erkenntnisse haben die rund 40 Ratsmitglieder unter Leitung des ehemaligen Kultusministers von Bayern, Hans Zehetmair, vier Jahre lang geforscht und gearbeitet. Das ist ein bisschen so, als wenn man für die Abitursklausur zwölf Monate nachdenkt, um sie anschließend in zwei Stunden aufzuschreiben.
Für das Ergebnis des jetzigen Berichts haben die Mitglieder zudem einiges an Strecke zurückgelegt. Sie sind zu zehn Tagungen in acht verschiedene Orte in sechs Länder Europas gereist: nach Deutschland, ins deutschsprachige Ostbelgien, in die Schweiz, nach Österreich, Südtirol und Liechtenstein. So richtig viel Lust scheinen einige der Ratsmitglieder allerdings nicht gehabt zu haben, so dass nur ein Durchschnittswert von 6,6 Sitzungen pro Person herauskam. Das hat die Arbeit natürlich nochmals erschwert, vieles musste jedes Mal neu diskutiert werden.

Magere Ausbeute

So wundert es einen im Grund nicht, wenn die Forschungsgruppe „Deutsche Sprache“ in Karlsruhe den neuen Bericht als „läppisch“ bezeichnet. Die eigentliche Malaise – die Variante „Maläse“ will man übrigens jetzt auch streichen – liegt aber darin, dass die heißen Eisen der Rechtschreibreform schön im Feuer liegen gelassen wurden. Das wäre zum Beispiel die viel kritisierte, seit 2004 neu geregelte Groß- und Kleinschreibung sowie die umstrittene Getrennt- und Zusammenschreibung.

Viele beschworen den Kulturverfall

[Bild:] Zeitungen und Verlage waren lange gegen die Reform]

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Im Herbst 2004 hatte die Ständige Konferenz der Kultusminister den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ins Leben gerufen und damit die alte Rechtschreibkommission abgeschafft. Statt zwölf zerbrachen sich nun knapp vierzig Menschen den Kopf, was wie zu verbessern sei. Bis dahin hatte es eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über Sinn und Unsinn der Reform gegeben. Ein Kulturverfall wurde beschworen, eine entstellende Verschlichtung der Sprache prognostiziert. Im Jahr 2000 verkündete die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, viele Verlage schlossen sich an.
Der neue Rat für Rechtschreibung sollte die Karre aus dem Dreck ziehen und erfüllte seine Aufgabe in Form einer Überarbeitung, die im Sommer 2006 für gültig erklärt wurde. Dem Hin und Her wurde ein Ende gesetzt, was seitdem vorgeschrieben ist, gilt bis heute. Die Diskussion um die Rechtschreibreform verlor an Hitze und öffentlichem Interesse. Substantielle Anregungen zur Änderung gab es nicht mehr – genau das war politisch so gewollt. Der Rat war von nun an angewiesen, den Sprachwandel zu beobachten und nicht mehr am Regelwerk herumzufummeln. Daher wohl auch das nun hochgradig unspannende Ergebnis seines zweiten Berichtes. Inzwischen schreibt übrigens auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung „aufwändig“ und „Stängel“ mit "ä" statt mit „e " wie dereinst. Und auch über die „Gämse“ mit "ä" regt sich keiner mehr auf.

Hinterher ist man immer klüger

[Bild: Buchstabensuppe] Großansicht des Bildes mit der Bildunterschrift: Die neue Rechtschreibung schmeckt nicht allen, aber man gewöhnt sich daran ...

Was die Reform gebracht hat, lässt sich derzeit kaum bestimmen. Das liegt nicht nur daran, dass immer noch allgemeine Verwirrung bei Lehrern und Schülern herrscht und die Regelverstöße eher zu- als abgenommen haben. Es liegt schlicht an der Tatsache, dass Reformen, gute wie schlechte, Zeit brauchen, um beurteilt werden zu können. Die schmerzhafteste Frage, die man heute stellen kann, ist die, ob eine staatlich diktierte Reform der Rechtschreibung denn überhaupt notwendig war. Doch auch das lässt sich heute noch nicht beantworten.

Autor: Günther Birkenstock
Redaktion: Petra Lambeck

http://www.dw-world.de/dw/article/0,,6394428,00.html

Günther Birkenstock ist entgangen (und der „beobachtende“ Rechtschreibrat unterschlägt es), daß die FAZ bei einigen Wörtern die neuen Banausenschreibungen verweigert:

behende, einbleuen, verbleuen, greulich, Greuel, leid tun, numerieren, plazieren, rauh, Quentchen, schneuzen, Stengel, Tolpatsch.

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Sigmar Salzburg
07.01.2011 06.30
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In Deutschlandradio Kultur

Kai Diekmann über zehn Jahre als „Bild“-Chef
Von Michael Meyer

[…]
Die Zeit, als es um die Jahrtausendwende auch für Intellektuelle schick war, die Bild zu lesen, sei jedenfalls lange vorbei, meint [taz-Medienredakteur Steffen] Grimberg:

„Bild hat unglaublich von einem gewissen Zeitgeist profitiert, der auch etwas mit der Berliner Republik, die 'Meute' raunte es über die Journalisten, ganz kollektiv, zusammenhing. Das heißt, dort war dann im Zeitgeist dieser Berliner Republik wo ja auch so ein gewisser 'Anything goes'- von Politik und Unterhaltung. Da war die BILD sicherlich so etwas wie ein Leitmedium, man sah an vielen Blättern, dass sich da aneinander abgearbeitet wurde, man versuchte sich in so einem nicht ganz ernst nehmen des Politikbetriebs … bis hin nachher zu dieser relativ merkwürdigen Koalition, gemeinsame Politik zu machen, ich erinnere nur an diesen rührenden Versuch, die Rechtschreibreform zu kippen, was ja ein großer Schulterschluss von Springer, Spiegel bis hin zur FAZ dann war, was am Ende natürlich nichts genützt hat.“

Deutschlandradio Kultur 1.1.2011

… weil Elfriede Springer sich wegen anderer Vorhaben (und beim Merkel-Kaffeekränzchen) „anpassbar“ zeigen wollte, weil die Linkspresse mit Springer nicht „ins Bett gehen“ wollte, weil Stefan Aust seine Macht beim Spiegel überschätzt hatte, weil Focus den Spiegel durch besondere Staatsgefälligkeit ausstechen wollte … kurz: weil die Vernunft anderer Interessen wegen zurückgesetzt wurde und das Volk und die deutsche Kultur dabei nicht achtenswert ist. Damals wurde der Versuch aber nicht als „rührend“ dargestellt, sondern als gemeingefährliche Machtprobe.

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Sigmar Salzburg
21.10.2010 12.47
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Die Reform – für Reichert kein Thema mehr

Deutsch: keine Weltsprache – aber wieder „in“

Eine Weltsprache ist Deutsch längst nicht mehr. Dennoch: Vor allem in Osteuropa avanciert Deutsch zur beliebtesten Fremdsprache, so Klaus Reichert, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, im Interview.


DW-WORLD.DE: Herr Reichert, die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung debattiert derzeit über die Bedeutung der deutschen Sprache. Um welche Themen geht es genau?

Klaus Reichert: Wir haben zum Beispiel zwei Autoren eingeladen, die zwei Bücher über die deutsche Sprache vorgelegt haben, zum einem Günther Grass, der ein Buch geschrieben hat mit dem Titel „Grimms Wörter“ mit dem Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Es ist eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, an die Brüder Grimm und insbesondere an ihr deutsches Wörterbuch. Der andere Autor ist Thomas Steinfeld, der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung. Er hat das Buch „Der Sprachverführer“ mit dem Untertitel „Die deutsche Sprache – was sie ist, was sie kann“ verfasst.

Beide Autoren treibt um, dass die deutsche Sprache ins Gerede gekommen ist: Man würde kein gutes Deutsch beherrschen. … Wir wollen jetzt mal den Spieß umdrehen und von dem Reichtum und der Schönheit der deutschen Sprache sprechen.

Also geht es beim Stichwort „Gutes Deutsch“ nicht unbedingt nur um korrekte Schreibweise oder Aussprache?

Nein. Die sogenannte "Rechtschreibreform" ist ja jetzt vom Tisch und einige der unsinnigsten Entscheidungen dort sind mit Hilfe unserer Sprachwissenschaftler von der Deutschen Akademie ohnehin schon korrigiert worden. Aber das ist jetzt kein Thema, das kann man im Grunde auch nicht mehr hören.

Sie tagen sowohl einmal in Deutschland wie jetzt in Darmstadt als auch einmal im Ausland, das war in diesem Jahr Istanbul. Welches Feedback erhalten Sie im Ausland über die Bedeutung der deutschen Sprache im internationalen Vergleich?

Wir haben festgestellt, dass das Interesse an der deutschen Sprache im Allgemeinen, an der deutschen Gegenwartsliteratur im Besonderen, außerordentlich groß ist. … Die Goethe-Institute sind oft überlaufen, zwar in erster Linie wegen des Spracherwerbs, aber auch das Interesse an deutscher Literatur ist sehr groß. Wir kommen immer zurück mit einem Bündel Adressen von Leuten, die regelmäßig informiert werden möchten über das Deutsche.

Ist Deutsch nur eine wichtige Kultursprache oder ist Deutsch auch eine Weltsprache? Was meinen Sie?

Deutsch ist nicht mehr eine Weltsprache, wie sie es im 19. Jahrhundert noch war; damals war Deutsch die wichtigste Wissenschaftssprache. Wir beobachten aber, gerade durch unsere Tagungen im Ausland, dass das Deutsche doch immer mehr an Boden gewinnt und dass es zum Teil von unseren Politikern klein geredet wird, es sei nicht mehr so wichtig…

Es ist ja auch ein interessantes Phänomen, dass von den 20 Autoren, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis standen, neun einen anderssprachigen Hintergrund hatten, also fast die Hälfte, und Melinda Nadj Abonji, eine serbische Ungarin, die in der Schweiz lebt, den Buchpreis bekommen hat. Das sind Phänomene, die uns zeigen: Hier tut sich sehr viel und ich glaube sogar, wenn man das als Prognose wagen darf, dass sich langfristig das Deutsche dadurch auch verändern wird, denn diese Autoren bringen natürlich eine andere Sprachkompetenz mit in das Deutsche hinein.

Interview: Klaus Gehrke
Redaktion: Manfred Götzke
Deutsche Welle 21.10.2010

Nachtrag: Th. Ickler erinnert an etwas:

Die Rechtschreibreform ist für Herrn Reichert mit einer peinlichen Erinnerung verbunden (sein schulmeisterliches Auftreten gegenüber Mitgliedern wie Wulf Kirsten), darum will er nicht mehr daran erinnert werden. Anderen geht es ähnlich.

Sprachforschung.org 26.10.2010

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Sigmar Salzburg
12.09.2010 20.49
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Deutsche Sprache, schwere Sprache

Wo findet man Hilfe bei Rechtschreibproblemen?
...
Rechtschreibreform, Anglizismen, Kommasetzung – nicht nur Schüler haben so ihre Probleme mit der deutschen Sprache. Erste Hilfe bietet da oft das Internet. Wer es seriöser und besser erklärt haben möchte, wählt die Nummer des „Sprachtelefons“ der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Montags bis freitags von zehn bis zwölf Uhr sitzt Frank Schilden am Sprachtelefon des Lehr- und Forschungsgebietes Germanistische Sprachwissenschaft der RWTH Aachen. Der wissenschaftliche Mitarbeiter hilft bei Problemen mit Rechtschreibung, Grammatik, aber auch den Stilfragen der deutschen Sprache. Zwei bis zehn Anrufe kommen täglich bei der Nummer 0241 80-96074 an.

Meist kann ihnen Frank Schilden sehr schnell helfen, die meisten Fragen sind für den 25-Jährigen inzwischen Routine. Manche Schwierigkeiten hat er bemerkt, haben aber in letzter Zeit zugenommen.

„Zum einen ist Kommasetzung ein großes Problem und es tendiert immer mehr dahin, dass die Menschen Angst haben, tatsächlich falsche Kommas zu setzen...“

Oder aber ob man Verben wie liegen lassen zusammen oder getrennt schreibt, was immer auf den Zusammenhang im Satz ankommt. Oder die Groß- und Kleinschreibung.
Und wie ist das eigentlich mit der neuen Rechtschreibung? Die bringt auch heute noch so manchen Schreiber ganz schön Durcheinander, hat der Sprachwissenschaftler Professor Thomas Nier bemerkt.

„Man kann sicherlich feststellen, dass die Rechtschreibreform insgesamt zu Verunsicherung geführt hat und von daher gibt es auch da natürlich viele Nachfragen. Viele Anrufer haben einfach noch nicht erkannt, dass die Rechtschreibreform ja auch neue Freiheiten uns lässt.“

Viele der Anrufer beim Aachener Sprachtelefon hätten gern DIE eine richtige Lösung bei einem Rechtschreibproblem. Die gibt es aber manchmal einfach nicht.

„Es gibt zum Beispiel die Frage[,] wie ist es mit der neuen Schreibung eines Wortes wie behände beispielsweise, da gab es ja mal die Regelung, dass man das jetzt mit ä zu schreiben hat, wenn sie aber im aktuellen Duden nachsehen, sehen sie, sie haben jetzt auch wieder die Freiheit, das auch mit e zu schreiben [wirklich?]. Und da kann man jetzt nicht sagen, das ist die richtige Lösung und alles andere ist falsch.“

Das macht aber viele Menschen, die etwas Wichtiges verfassen müssen, nicht gerade sicherer im Umgang mit der deutschen Sprache...

Deutschlandfunk 11.9.2010

Nachtrag zu „behende“: Wenn das als zulässig interpretiert wird, ist das sicher lobenswert. Aber mit dem 25. Duden ist keine Änderung eingetreten. Weiterhin steht dort diskriminierend „alte Schreibung für behände“, und das heißt: Verbot für Schüler, Staatsdiener und sonstige zur Anpassung Gezwungene. Ähnliches gilt für „Quentchen“ – ein Kulturskandal.

– geändert durch Sigmar Salzburg am 14.09.2010, 10.25 –

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