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Sigmar Salzburg
30.05.2010 08.56
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Keine Erleichterung durch die Reform

Ansprache hilft

Zahlreiche Projekte und Angebote fördern Schüler beim Lesen und Schreiben


Erst steht das Lernen der Buchstaben auf dem Stundenplan, dann folgen die Laute. Schnell bilden Kinder die ersten Wörter und beginnen Schritt für Schritt zu schreiben und zu lesen. „Sie sind neugierig und versuchen, schon früh alleine zu lesen“, berichtet Grundschullehrerin Gudrun Kolmar, die an der Deutsch-Polnischen Europaschule Deutsch und Kunst unterrichtet. Nach dem Wissensstand der Schüler füllt sie Lesekisten mit Unterrichtsmaterialien. Gelernt wird mit Texten, Ratespielen und Lesekarten zum Ankreuzen. Wichtig sei, dass die Schüler viel üben und auch zu Hause lesen.

Ein altersentsprechender Wortschatz, korrekte Grammatik sowie Sprach- und Lesekompetenz sind der Schlüssel zum Wissenserwerb. Schüler mit Lese- und Schreibschwierigkeiten verstehen häufig Textaufgaben falsch und können Diktaten nur schlecht folgen. Da das Regelwerk der Deutschen Sprache [?] für viele Schüler eine große Herausforderung ist, sind Eselsbrücken gefragt: Wörter werden in einzelne Silben zerlegt und die sogenannten „Tiger-Wörter“, deren Endung wie ein „a“ lautet, aber „er“ geschrieben wird, werden im Klassenraum an ein unübersehbares langes Band geklebt. „Wichtig sind Schreibaufgaben zu Themen, die Kinder interessieren und motivieren, mit Sprache umzugehen“, erklärt Petra Wieler, Erziehungswissenschaftlerin und Professorin an der Freien Universität. Fehler beim Schreiben seien ganz natürlich, da Kinder erst die Abstraktion von der mündlichen Sprache lernen müssen. Hörkassetten, Erzählprojekte und Bücher unterstützen ebenfalls den Erwerb der Schriftsprache.

Ergänzend zum Deutschunterricht veranstalten viele Grundschulen Projekte, nutzen die Angebote von Vereinen und greifen auf ehrenamtliche Unterstützung zurück. So organisiert die Grips-Grundschule anlässlich des Internationalen Literaturfestivals in Berlin eine Leseprojektwoche, die mit einer Lesung eines Schriftstellers und einer Ausstellung der Kinder endet. Die Nürtingen Grundschule nutzt ihre Bibliothek und veranstaltet in Kooperation mit dem Verein Lesewelt Berlin Vorlesestunden für Kinder. Auf das Internet muss bei der Leseförderung nicht verzichtet werden. So setzen Schulen das Onlineportal Antolin vom Schroedel Verlag ein, das mit interaktiven Fragen die Auseinandersetzung mit Buchinhalten fördert.

Außerhalb der Schule bietet der Verein Lesart – das Berliner Zentrum für Kinder und Jugendliteratur – ein breites Programm an. Zu entdecken sind Gedichte, Geschichten, Lieder, Theaterstücke und Zeitungen. In eigene Worte umgesetzt, stärken sie die Ausdrucksfähigkeit der Schüler. Besonders erfolgreich ist das ausgezeichnete Projekt „WortStark“, das die Stadtbibliotheken Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte 2002 starteten. Die Bibliothekare hatten erkannt, dass Vorlesestunden nicht reichen und vor allem Kindern aus Migrantenfamilien nicht gerecht werden. Laut Katrin Seewald, der Leiterin der Kreuzberger Else-Ury-Bibliothek, konnten viele Kinder den Geschichten nicht folgen, weil ihnen Wörter fehlten. Mit pädagogischer Unterstützung entwickelten sie deshalb ein neues Programm für Kinder von zwei bis zwölf Jahren.

Die Ergebnisse der Berliner Leselängsschnittstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung zeigen, dass der Wortschatz eines Kindes eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Lesekompetenz spielt und diese wiederum die Wortschatzentwicklung stärkt. Die 2006 abgeschlossene Studie belegt, wie auch die letzte Internationale Leseuntersuchung IGLU, dass der soziale Status der Herkunftsfamilie entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist.

Eine Ergänzungsstudie zu IGLU 2006, in deren Rahmen die Rechtschreibleistungen von über 8000 Kindern am Ende der vierten Klasse getestet wurden, verdeutlicht, dass die Schüler überwiegend Schwierigkeiten bei der Rechtschreibung haben. Die Rechtschreibreform hat nach Peter May vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung keine Erleichterung für unsichere Schüler gebracht. Da die fehlenden Kompetenzen in den weiterführenden Schulen kaum aufgeholt werden könnten, empfiehlt May, Schüler individuell zu fördern. Nachhilfeunterricht oder Lerntherapien außerhalb der Schule können helfen, die Lücken zu schließen.

Auf die Lese- und Rechtschreibschwäche spezialisiert haben sich die Lehrinstitute für Orthographie und Schreibtechnik (LOS). Von insgesamt 200 Standorten sind sechs in Berlin. Um die Bedürfnisse der Kinder zu ermitteln, beginnt jede Förderung erst einmal mit einem Test. Schüler von der ersten bis zur elften Klasse können ihre Rechtschreibung auch in einem von Peter May entwickelten Test im Internet überprüfen (unter http://www.dideon.de).
Katja Gartz

tagesspiegel.de 29.05.2010

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Sigmar Salzburg
26.03.2010 22.00
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Bitte noch mehr alte Rechtschreibung!

„Oben in der Kiffer-Loge – irgendwelche Wünsche?“

Der Nachtpilot geht wieder an den Start: Für Tagesspiegel.de belebt Thomas Lackmann seine Kolumne über das nächtliche Berliner Kulturleben neu. Diesmal: Vom Kleinen Tiergarten über den Festungsgraben zum Pariser Platz.

Von Thomas Lackmann
22.3.2010 12:13 Uhr

Als der Nachtpilot an diesem frühen Abend in Berlins kleinste Straße einbiegt, muss er aufpassen, die Moabiter Heilandskirche am Rande des schmuddeligen Kleinen Tiergartens nicht zu verpassen. Ihre winzige Adresse im Herzen des migrationshintergründigen Quartiers heißt Thusnelda-Allee. … Die Conference Rainald Grebes, der mit Gorki-Schauspielern unter dem Titel „Zurück zur Natur“ sein „Konzert für Städtebewohner“ zelebriert, verrührt Selbst-Ironie, satirische Publikumsanspitzung und gebrochene Neoromantik: „Oben in der Kiffer-Loge – irgendwelche Wünsche?“ … Hier ist, vor dem sarkastischen Biß und danach, sogar ein Quentchen echte Sehnsucht erlaubt. … „Den ganzen Tag ist gedreht worden, für ein paar Filmminuten“ sagen Mitarbeiter der Akademie, denen es leid tut, daß ihre Gute Stube unauffhörlich für dies und das vermietet und vollgeramscht wird. … Eigentlich habe man als Denkmal der Einheit längst dies schöne Brandenburger Tor. Schade, denkt der Pilot, dass Quax sich davongemacht hat, so grandios kann Berlin sein, wo man`s nur lässt. Heimflug.

Tagesspiegel 22.3.10

Schade, daß Thomas Lackmann nicht noch mehr alte Schreibweisen verwendet hat.

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Sigmar Salzburg
27.11.2009 10.18
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Sprech- oder Versprechreform? Studierendenproteste?

Senat verspricht Studierenden mehr Geld>

Wie sehr ähnelt die Berliner Wissenschaftspolitik der der autoritären Volksrepublik China? Diese auf den ersten Blick absurde Frage zog sich am Donnerstag wie ein roter Faden durch die Debatte über die Politik vor allem von Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD). Beantragt hatte die Aktuelle Stunde zum Thema Bildung die CDU. Deren scheidender Abgeordneter Frank Steffel warf in seiner Abschiedsrede dem Senat vor, durch seinen Umgang mit den Universitäten „bürgerliche und liberale Eliten aus der Stadt zu vertreiben“….

tagesspiegel.de 27.11.09

Zöllner ist das letzte Fossil der Direktverantwortlichen für die „Rechtschreibreform“. In den anderen Bundesländern beziehen diese längst ihre unverdiente fette Ministerpension und sind schon von Aussitzern der zweiten oder dritten Generation abgelöst worden. In der „Zeit“ hatte er sich schwach selbstkritisch geäußert, ohne daß das in seiner Politik einen nennenswerten Niederschlag gefunden hat:


Zöllner: … Dem Ruf der Kultusministerkonferenz war sicher auch abträglich, dass wir uns ohne Not die Rechtschreibreform ans Bein gebunden haben.
ZEIT: Weshalb haben Sie das denn gemacht?
Zöllner: Wir haben, ich schließe mich da ein, vollkommen unterschätzt, wie die Öffentlichkeit auf dieses Thema reagiert. Es ist ja eigentlich kein politisches Thema. Wir wollten lediglich die Reformvorschläge der Fachleute absegnen und haben uns letztlich einen riesigen Streit eingehandelt.

DIE ZEIT, 07.02.2008 Nr. 07

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Sigmar Salzburg
18.11.2009 10.36
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Der schleichende Ersatz der Demokratie durch die Bürokratie

Studienreform: Niemand will’s gewesen sein
Die schlecht gemachte Studienreform ist nicht vom Himmel gefallen. Die Studierenden verbitten sich Anbiederungsversuche von denen, die für die Probleme verantwortlich sind. Heute verlagert sich der Protest aus den Hörsälen auf die Straße. Die große Demonstration steht an. Ist die Studienreform noch zu retten?
tagesspiegel.de 17.11.09

Ein Anonymus „derfalkner“ hat daruntergeschrieben:
Verantwortlich sind in der Tat wieder mal so gut wie „alle“, die in den 90ern was zu entscheiden hatten. Denn ernstzunehmender Widerspruch gegen den Quatsch regte sich, genau wie bei der Rechtschreibreform, erst als es zu spät war.

1996 war es nicht zu spät, 2004 nicht, und jetzt ist auch nicht zu spät. Es fehlt nur am Willen und Format derjenigen, die an den Schalthebeln sitzen.

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Norbert Lindenthal
22.03.2009 10.02
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„Strategisch ist das eine wunderbare Allianz“

Tagesspiegel 22.3.2009 0:00 Uhr

Cornelsen übernimmt Dudenverlag
Cornelsen übernimmt die Traditionsreihen Duden und Meyers. Langenscheidt und die Familie Brockhaus treten 90 Prozent der Aktien an den Schulbuchverlag ab.

Die traditionsreichen Verlage Duden und Meyers haben einen neuen Eigentümer. Die Berliner Verlagsgruppe Cornelsen steigt bei deren Muttergesellschaft, der Bibliographischen Institut & F.A. Brockhaus AG in Mannheim, ein. Cornelsen wird neuer Haupteigentümer und erwirbt insgesamt rund 90 Prozent der Aktien, teilte das Institut mit. Hintergrund sei, dass die Langenscheidt KG ihre Anteile von 76 Prozent verkaufe. Die Familie Brockhaus veräußere zudem ihre Anteile von 15 Prozent. „Strategisch ist das eine wunderbare Allianz“, kommentierte Verlagsvorstand Ulrich Granseyer in Mannheim den Eigentümerwechsel. Der Verlag Cornelsen, spezialisiert auf den Schulbuch- und Bildungssektor, beschäftigt nach eigenen Angaben rund 2700 Mitarbeiter und hat einen Umsatz von über 300 Millionen Euro. (Tsp)

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 22.03.2009)

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Sigmar Salzburg
30.07.2008 05.11
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„Tedeschi attenti, ora spaghetti si scrive senz´acca“

Rechtschreibreform

Zehetmair erwägt Änderungen

Es könnte mal wieder Korrekturen bei der deutschen Rechtschreibung geben. Dafür spricht sich zumindest Hans Zehetmair, der Vorsitzende des Rechtschreibrates, aus.

MÜNCHEN – Zehn Jahre nach dem Start der Rechtschreibreform an deutschen Schulen erwägt der Vorsitzende des Rechtschreibrates, Hans Zehetmair (CSU), weitere Korrekturen. "Änderungen sind möglich. Wir werden uns mit den Wörterbuchverlagen unterhalten, ob sie in der nächsten Ausgabe einzelne Änderungen übernehmen“, sagte Zehetmair dem „Münchner Merkur“ (Mittwochsausgabe). Dies sei allerdings ein ganz normaler Prozess. Ein Augenmerk hat der Rat für deutsche Rechtschreibung unter anderem auf die Eindeutschung von Fremdwörtern. „Ich denke da etwa an die „Spaghetti“ ohne „h“", sagte Zehetmair.

Insgesamt sei die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. „Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen. Das ist aber Schnee von gestern.“ Forderungen aus der Schweiz nach weitreichenden Korrekturen sieht Zehetmair gelassen entgegen. „Ich selbst werde daran nicht mehr beteiligt sein. Sie können mir glauben: Noch einmal nehme ich diese Qual nicht auf mich“, sagte der CSU-Politiker der Zeitung. Zehetmair will den Vorsitz des Rechtschreibrates bis 2010 behalten. Der Vorsitz habe zu den größten Herausforderungen seiner politischen Laufbahn gehört: „Wenn ich es nüchtern betrachte, war es wohl die verantwortungsvollste Aufgabe.“ (sg/dpa)

Der Tagesspiegel online 29.7.2008
http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Rechtschreibreform;art122,2582233

1. »Achtung, Deutsche, jetzt schreibt man Spaghetti ohne „h“« (=Spadschetti) spottete schon vor fast genau 12 Jahren der Corriere della Sera über die deutsche Rechtschreibreform.

2. „... die verantwortungsvollste Aufgabe“ seiner politischen Laufbahn:
Nein, das war der Augenblick, in dem er als Kultusminister mit einem einzigen Nein die ganze „Rechtschreibreform“ hätte zum Scheitern bringen können. Aber da hat er jämmerlich versagt – wie seine verbohrteren oder dümmeren Kollegen auch.




– geändert durch Sigmar Salzburg am 30.07.2008, 19.25 –

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Sigmar Salzburg
13.06.2008 20.07
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O-Ton Hoberg laut Tagesspiegel

GfdS-Studie

»Wie denken die Deutschen über ihre Muttersprache …

Einiges war früher sogar schlechter. Zum Beispiel konnten im Jahr 1957 nur 36 Prozent der Bevölkerung das Wort „Lebensstandard“ richtig schreiben, heute sind es 56 Prozent. Das schwierige Wort „Rhythmus“ bringen heute 30 Prozent richtig zu Papier, 1957 waren es nur elf Prozent. Hauptsächlich liegt das am allgemein gestiegenen Bildungsgrad. Stichwort Rechtschreibung: 55 Prozent der Befragten sind gegen die Rechtschreibreform, und selbst von denen, die dafür sind, stimmen 54 Prozent der Aussage zu: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben sind.“ Das will Germanist Hoberg jedoch nicht als Qualitätsurteil über die Reform gelten lassen: „Ich glaube, die Menschen hatten immer schon Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung und projizieren das auf die Reform – dabei sind davon nur zwei Prozent der Wörter betroffen.

Tagesspiegel 13.062008
http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/;art1117,2550696


Alles Schwindel. Es geht ja nicht um die Anzahl der betroffenen Wörter, sondern im Durcheinander der „Reform“ auch um solche, die betroffen sein könnten oder es zeitweise waren. Im übrigen hat Peter Eisenberg in der FAZ v. 28.3.03 zum Umfang der Änderungen durch die „Rechtschreibreform“ ausgeführt:

So ist das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zur Zulässigkeit eines Eingriffs in die gewachsene Rechtschreibung (Juli 1998) von einer Änderungsrate ausgegangen, die bei 0,5 Prozent des Wortschatzes liegt.

Unsere Auswertung der Rechtschreibwörterbücher ergibt dagegen eine Rate von über zwei Prozent, dazu kommen knapp ein Prozent durch Beseitigung des „ß" nach Kurzvokalbuchstabe („Fluss“ statt „Fluß") sowie etwa sechzehn Prozent durch Neuerungen bei der Silbentrennung. Insgesamt sind damit fast zwanzig Prozent des Wortschatzes betroffen.


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Norbert Lindenthal
18.12.2007 08.27
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Zwei Maße, die nicht passen können

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von Sigmar Salzburg
[Wir erinnern uns: Gegenüber dem Volksbegehren gegen die „Rechtschreibreform“ in Schleswig-Holstein mußten doppelt soviele Unterschriften beigebracht werden, waren die Auslegestellen und -zeiten stark verringert – alles Verstöße gegen die demokratische Gleichbehandlung. Schließlich wurde auch die Werbung für die Unterschriften behindert, ein Werbespot mit Manfred Krug verboten und erst einen Tag vor Ablauf der Frist durch Gerichtsentscheidung wieder zugelassen. Auch in Bremen wurde das Begehren des Volkes von der Stadtregierung mit solchen antidemokratischen Tricks zum Scheitern gebracht.]


Zweierlei Maß in der »Demokratie«.

Wenn für Europa in Berlin gewählt wird, werden die Stimmenanteile aus den abgegebenen gültigen Wählerstimmen ermittelt. Wenn ein Volksbegehren in Berlin ausgezählt wird, werden die Stimmenanteile an der Zahl der Wahlberechtigten ermittelt.

Die Volksbegehrensstimmen zum Stopp der Rechtschreibreform hätten in Berlin mit dem Europawahlmaßstab einen Anteil erreicht, den die großen Parteien sich nur wünschen können, aber nicht erreichen. Mit dem Volksbegehrensmaßstab sehen dieselben »großen« Parteien zu, wenn das Volksbegehren als durchgefallen erklärt wird.

Laßt Euch nicht hinter das Licht führen, sondern nehmt es selbst in die Hand.
__________________
Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
17.12.2007 21.41
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Auch so behindert ?

Riskantes Spiel
Tempelhof: Ein rekordverdächtiges Volksbegehren setzt sich Ziele, die wohl kaum erreichbar sind


Ulrich Zawatka-Gerlach
18.12.2007 0:00 Uhr
Das Volksbegehren zum Flughafen Tempelhof ist das erfolgreichste Plebiszit, das bisher in Berlin stattgefunden hat. Bis zum Wochenende wurden 114 510 Unterschriften gezählt und damit der alte Rekord, eine Aktion gegen die Rechtschreibreform (1999: 106 080 Stimmen) gebrochen. Trotzdem bleibt das Ziel der spektakulären Volksbefragung nebulös. …

http://www.tagesspiegel.de/berlin/;art270,2441057

Wir erinnern uns: Gegenüber dem Volksbegehren gegen die „Rechtschreibreform“ in Schleswig-Holstein mußten doppelt soviele Unterschriften beigebracht werden, waren die Auslegestellen und -zeiten stark verringert – alles Verstöße gegen die demokratische Gleichbehandlung. Schließlich wurde auch die Werbung für die Unterschriften behindert, ein Werbespot mit Manfred Krug verboten und erst einen Tag vor Ablauf der Frist durch Gerichtsentscheidung wieder zugelassen. Auch in Bremen wurde das Begehren des Volkes von der Stadtregierung mit solchen antidemokratischen Tricks zum Scheitern gebracht.

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PL
20.08.2006 13.17
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Green, green Grass of Home

Anmerkung zu Jens Mühlings „Enthüllung“, welche im Tagesspiegel am 16. Tag dieses Monats erschien. Darüber schrieb ich bereits am 13. Tag dieses Monats in diesem Forum etwas zur allgemeinen Belustigung. Selbst durch die Konsultation der „Wikiblödia“ hätte einjeder Wißbegierige auf diese „Runen-Problematik“ aufmerksam werden können; aber, wie nicht anders zu erwarten war, wurde diese in ihr vermerkte behutsame Anregung zu weiterführenden genealogischen Studien stracks entfernt – wahrscheinlich im Sinne einer fürsorglichen Bevormundung.*

Nicht erst seitdem ich weiß, daß der berühmte Schriftsteller Adolf Muschg auf seiner Schreibmaschine ein großes „B“ tippte, um das auf der Tastatur fehlende „SZ“ (ß) zu schreiben, weiß ich von der Existenz der „Runen-Problematik“. Nein, schon Jahrzehnte vorher beschäftigte mich dieses Problem, als hoffnungslos in ältere Mädchen verliebter Jüngling zunächst, sodann als Liebhaber gebrochener Schriften und Herzen.

*Sie lautete wie folgt: „Günter Grass (eigentlich: Günter Graß; * 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr) ist ein deutscher Schriftsteller, Bildhauer, Maler und Grafiker“ etc.

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Sigmar Salzburg
20.08.2006 08.56
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Versuchte Glosse im Tagesspiegel

Das S-Wort

Eine ENTHÜLLUNG von Jens Mühling

Nach der Selbstoffenbarung des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass sehen Deutschlands Intellektuelle immer mehr scheinbare Gewissheiten in Zweifel gezogen. So erklärte gestern ein anonymer Germanist, auch Grass’ vehemente Ablehnung der Rechtschreibreform müsse im Lichte seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft neu bewertet werden. Der Wissenschaftler wies schlüssig nach, Grass habe die Reform des Regelwerks vor allem deshalb zu verhindern getrachtet, weil die weitgehende Ersetzung des Buchstabens ß durch den Doppelkonsonanten ss ein „biografisches Trauma des Schriftstellers berührt“ habe. Aus demselben Grund habe Grass seine Enthüllung auch in der „FAZ“ publik gemacht, weil diese, so der Germanist, „bis heute sz schreibt, wo die SZ ss schreibt“.

In diesem Zusammenhang wies der Germanist auf einen am Tag der Enthüllung veröffentlichten Kommentar des „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher hin, in dem dieser erklärt hatte, Grass sei entgegen der üblichen Waffen-SS-Gepflogenheiten zwar nicht mehr tätowiert worden, weil dafür die Zeit gefehlt habe, dennoch trage er bis heute „das Mal“ der SS an sich. Der Literaturwissenschaftler bezichtigte Schirrmacher in diesem Zusammenhang der „Verbreitung gefährlichen Halbwissens“. Er verwies auf die Tatsache, dass Günter Grass 1927 in Danzig unter dem Namen Günter Graß geboren wurde. Nachforschungen des Germanisten zufolge kam es dann 1944 an der Ostfront zu folgendem Wortwechsel zwischen Grass (zu diesem Zeitpunkt noch Graß) und Heinz Harmel, dem Kommandeur der SS-Panzer-Division Frundsberg:

Harmel: „Panzerschütze Graß, Sie haben die Wahl: Tätowierung – oder Namensänderung!“

Graß: „Keine Tätowierung, Herr Gruppenführer! Gegen Tinte bin ich allergisch!“

Unter massivem Druck, erklärte der Germanist, habe sich „SZ-Graß dann in SS-Grass umbenannt“. Die Enthüllung löste unter Intellektuellen im In- und Ausland kontroverse Reaktionen aus. Frank Schirrmacher schrieb in einem neuerlichen „FAZ“-Kommentar, er nehme „mit Verdruß zur Kenntniß“, dass Grass „nunmehr auch in linguistischer Hinsicht nicht mehr das Gewißen dieser Nation“ sei. „SZ“-Chefredakteur Hans Werner Kilz entgegnete, auch für ihn sei die Affäre „eine grosze Enttäuschung“. Der Rat für deutsche Rechtschreibung erklärte, die Enthüllung werde „mitnichten zu einer Rücknahme der Reform“ führen.

Dies hatte zuvor der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski gefordert, der zudem die Umbennung von Günter Grass’ Geburtsstadt Danzig (polnisch: Gdansk) in „Aouiea“ (deutsch: Stadt ohne Konsonanten) ankündigte. Als „Zugeständnis an die internationale Gemütslage“ erklärte der Rat für deutsche Rechtschreibung: „Verhandelbar ist eine Umbenennung der Waffen-SS in Waffen-ß.“ Ein namhafter deutscher Osteuropaforscher kündigte unterdessen weitere Enthüllungen über Grass in einer „großangelegten Studie über kaschubische Zischlaute“ an. Des Weiteren stellte ein Berliner Journalist die Frage: „Darf man über so was eigentlich Gloßen schreiben?“

Tagesspiegel online 16.08.2006


http://www.tagesspiegel.de/politik/archiv/16.08.2006/2716606.asp

[Eine Glosse für Spätmerker. 1996 mußte ich meinen Wagen ummelden. Die Dame in der Kfz-Meldestelle sagte mir sogleich ungefragt, mit dem Blick auf meine Initialen: „Kennzeichen mit SS geben wir hier nicht heraus, mit SA auch nicht.“ Das erstaunte mich sehr, denn ich hatte gerade die staatlich betriebene ss-Reform kennengelernt. Dieser Widerspruch ist von mir seither zur Genüge glossiert worden. Dennoch haben beide Regelungen bis heute amtliche Geltung.]
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Sigmar Salzburg

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PL
13.07.2006 06.00
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Was zu erwarten war:

Das Forum des Tagesspiegels wird geschlossen

Zitat:
Liebe Nutzer dieses Forums,

Journalismus darf keine Einbahnstraße sein. Deshalb können seit einigen Tagen alle Artikel von Tagesspiegel Online direkt und unkompliziert kommentiert werden. Dies betrifft sowohl die Texte der gedruckten Ausgabe als auch die Artikel der Online-Redaktion, es gilt für Texte aus den Ressorts Politik oder Berlin ebenso wie für Texte aus den Bereichen Kultur, Sport, Wirtschaft oder Vermischtes.

Diese neue „Kommentarfunktion“ macht einen unmittelbaren und schnellen Meinungsaustausch zu den jeweils aktuellen Themen möglich. Neue Threads eröffnen sich sozusagen im Minutentakt – immer dann, wenn die Redaktion einen neuen Text ins Netz stellt.

Aus diesem Grund werden wir das „alte“ Tagesspiegel- und meinberlin.de-Forum im Laufe des 13. Juli 2006 stilllegen. Dabei werden nicht nur alle Themen und Einträge gelöscht sondern auch alle User-Accounts.

Wir sind überzeugt davon, dass wir Ihnen mit der Möglichkeit, Artikel direkt zu kommentieren, einen guten, ja einen besseren Ersatz für den Meinungsaustausch in diesem Forum bieten werden.

Wir wollen uns bei allen Usern dieses Forums für die vielen, anregenden Diskussionen bedanken und freuen uns auf Ihre Kommentare in den Artikeln von Tagesspiegel Online und meinberlin.de

Grüße,
Die Online-Redaktion

Quelle

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PL
10.07.2006 14.29
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Paulas Abschied aus dem Forum des Tagesspiegels

Paulas letzter Beitrag im Forum des Tagesspiegels

Am siebten Tag dieses Monats sendete ich Paula folgende persönliche Nachricht, die ich hiermit ohne Skrupel veröffentliche, als Auszeichnung ihrer intellektuellen Rechtschaffenheit:

Zitat:
Liebe Paula!

Ich danke Dir für Deine vielen guten Beiträge. Wenige Menschen denken so klar und richtig wie Du. Seit langem habe ich mich in diesem Forum nur noch als stiller Leser aufgehalten. Da nun die Zensur des Tagesspiegels ihre Wirkung völlig entfaltet hat, werde ich hier künftig keine Zeit mehr verschwenden.

Ich bitte Dich um die Erlaubnis, Deinen letzten Beitrag im Forum des VRS (Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege e.V.) veröffentlichen zu dürfen.

Alles Gute und Liebe wünscht Dir

Peter Lüber

Basel

Die von mir Angesprochene hat nun offenbar ganz und gar resigniert. Auf eine Entgegnung ihrerseits wage ich nicht mehr zu hoffen. Deshalb gebe ich ihren letzten, im Forum des Tagesspiegels verfaßten, und inzwischen gelöschten, Beitrag wieder. Er lautete wie folgt:

Zitat:
Ich meine, dass der Tagesspiegel hier bei der Neuordnung dieses Forums nicht dem eigenen Anspruch genügt und versagt hat.

Natürlich hat der „Tagesspiegel“ hier das Hausrecht, allerdings hätte ich von einer Zeitung dieser Art nicht unbedingt erwartet, dass er mit „Heiapopeia“-Themen wie „Rauchen in der Öffentlichkeit“ versucht, hier eine Themenzensur durchdrückt und dass auch noch verkauft mit dem Etikett, das sei das, was die Menschen bewegt. Man könnte fast meine, auch die Redakteure der Tagesspiegel-Redaktion leben in einer Art „Parallelgesellschaft“. Man kommt sich mehr und mehr hier wie bei Honni vor. Gnädig wird einem dann mitgeteilt, man könne ja „Themenvorschläge“ einreichen – in fast jedem demokratischen Forum kann man Themen selbst einstellen – das ist die Idee des Internet. Nun, das ist offenbar hier nicht gefragt. Stattdessen darf man dann Themen „einreichen“. Für so etwas braucht man kein Forum, da kann man dann gleich die gedruckte Ausgabe, die durch sämtliche redaktionelle Zensurabteilungen gegangen ist, kaufen. Wozu dann noch ein Forum? Ein Forum, in dem die Themen vorgegeben werden, in dem jeder zweite Beitrag gelöscht wird, weil ein über das Ziel hinausschießender Redakteur meint, es dürfe nur das sein, was auf seinem ideologischen Wunschzettel steht und was in seinem politisch-korrektem Katechismus steht, den er rauf- und runterbeten kann? (Bin schon gespannt, ob dieser Text länger als zwei Stunden hier steht).

Habe vor einiger Zeit aufgehört, den Tagesspiegel zu kaufen. Werde jetzt auch das Lesen (und Schreiben) im Tagesspiegel einstellen.

Danke sehr, aber ich dachte, die Honni-Zeiten mit dem ideologischen Ringel-Piez sehenden Auges in die Katastrophe wanken – das sei ein für alle Mal vorbei. Denkste.

Macht's jut,

Paula

Ein Verweis, der nirgendwohin mehr führt.

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Norbert Lindenthal
09.07.2006 06.29
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Probleme … durch neue Probleme ersetzt

Der Tagesspiegel, Tagesspiegel online (09.07.2006)

Sind umfangreiche Reformen in unserem Land überhaupt notwendig?

Jeder oft nur kurzzeitig durch Wahlerfolg zu Macht gelangte Politiker fühlt sich offenbar dazu berufen, eine Reform vom Zaun zu brechen. Trotz mangelnder Reformerfahrung scheint sein Glaube unerschütterlich, er könne ein langfristig gewachsenes System (sofern es so etwas überhaupt noch gibt nach all der Reformerei) durch ein am grünen Tisch ausgedachtes und ausgehandeltes System ersetzen, welches besser sei als das alte.

Hochschulreformen (70er Jahre), Schulreformen, Rentenreform, Rechtschreibreform, Hartz IV und diverse Gesundheitsreformen beweisen im Ergebnis das Gegenteil. Keine dieser Reformen hat ein grundsätzlich besseres System als das vorangegangene bewirkt. Viele Reformen wurden im Lauf weiterer Reformmaßnahmen zurückentwickelt, oft bis in die Nähe des Ausgangszustands. Dafür haben alle Reformen viel Geld gekostet. Eklatantes Beispiel sind die wegen mangelnder Voraussicht unerwarteten Mehrkosten von Hartz IV. Und jetzt die Gesundheitsreform?

Bei Reformentscheidungen im Parlament sind die sachlichen Fragestellungen wegen Ihres Umfangs vom Parlamentarier in der Regel schwer zu übersehen und treten gegenüber den politischen Ambitionen der Akteure oft weit in den Hintergrund.

Was ist das reformerische Ergebnis? Ein Großteil der ursprünglichen Probleme existiert nach wie vor oder ist durch neue Probleme ersetzt. Das beweist die Serie von Gesundheitsreformen, wo doch eine Reform für lange Zeit genügen und wirken sollte. Reale und langfristig wirksame Reformerfolge sind verhältnismäßig selten.

Das Bedürfnis federführender Politiker, sich mit umfassenden Reformversuchen zu profilieren, muss endlich zu Gunsten kleiner, überschaubarer und im Detail wirksamer gesetzlicher Änderungen zurückgestellt werden. Auch die Parlamentarier hätten dann mehr Gelegenheit, wirklich zu erfassen und zu beurteilen, worüber sie bei einer Gesetzesänderung abstimmen sollen.

Die Devise muss also endlich heißen: „Evolution statt Revolution.“

Bernhard Lehmann, Berlin-Tempelhof

Sehr geehrter Herr Lehmann,

Sie erklären zu Recht, dass „Reformen“, die am grünen Tisch ausgedacht und vom Zaun gebrochen werden, langfristig wenig bewirken und viel kosten. Aber folgt daraus, dass sich die Parlamentarier bloß auf Trippelschritte konkreter Gesetze beschränken sollen, weil sie die komplexen Sachverhalte nicht durchschauen oder gar mit ihren politischen Ambitionen zuschütten?

Der Reformwahn, der seit einem Vierteljahrhundert reife Industrieländer und auch Deutschland gepackt hat, ist sicher beklagenswert. In erster Linie jedoch haben bürgerliche Zirkel und Wirtschaftsexperten seit einem Vierteljahrhundert einen marktradikalen, wirtschaftsliberalen Feldzug gegen den Sozialstaat geführt. Dem haben die politischen Entscheidungsträger zu wenig widerstanden.

Das Ergebnis ist beklagenswert: Erstens der selbsterzeugte Zeitdruck, der in nächtlichen Sitzungen handwerklich mangelhafte Resultate hervorbringt, die fortwährende Nachbesserungen erzwingen. Zweitens die Verflechtung plausibler Lösungswege mit politischen Optionen und dem Blick auf die Machtbalance. In einer großen Koalition drittens die tendenzielle Ausschaltung des Parlaments durch die Parteichefs, während Vetospieler aus den Bundesländern die Machtzentren direkt beeinflussen.

Viertens die Neigung der Regierungen, sich weniger vor den Wählerinnen und Wählern zu rechtfertigen, als viel mehr vor Fachkommissionen, Expertenkreisen, vor den Wünschen transnationaler Unternehmen oder globaler Finanzmärkte, die sich als 5. Gewalt in der Demokratie aufspielen. Sechstens die Verbreitung von Fehldiagnosen etwa eines beispiellosen Globalisierungsdrucks, dramatischer demografischer Veränderungen oder des Arbeitsmarkts als Schlüsselgröße für Wachstum und Beschäftigung. Siebtens das normative Aufladen politischer Lösungsvorschläge. Während die Bevölkerung den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Gleichheit ziemlich eng sieht, fordern die Parteispitzen, das Volk solle sich von der Verteilungsgerechtigkeit verabschieden. Da die Talente und Anstrengungen der Individuen unterschiedlich sind, gebühre der Leistungs- und Tauschgerechtigkeit ein Vorrang vor der Bedarfsgerechtigkeit und der Solidarität.

Solche Defizite der Diagnose, zustimmungsfähiger normativer Überzeugungen und politischer Umsetzung haben Reformen zu einem „Unwort“ werden lassen. Reine Veränderungen, ohne dass etwas Besseres aus ihnen hervorgeht und ohne dass diejenigen eine höhere Lebensqualität gewinnen, um deretwillen die Veränderungen angestrebt werden, verdienen den Namen Reform nicht, erst recht nicht, wenn sie als „Jahrhundertwerke“ und „Zeitenwenden“ angekündigt werden.

Trotzdem sind strukturelle Reformen unverzichtbar, wenn sich in den Köpfen und Herzen der Menschen etwas verändert hat, so dass die gesellschaftlichen Institutionen auf die Lebensentwürfe der Menschen nicht mehr passen. Der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus hat eine politische Rekonstruktion der Gesellschaft dringend werden lassen, die Forderung der Frauen auf Gleichstellung und Autonomie verlangt eine radikale Neugestaltung der Arbeitsverhältnisse, das gewachsene Gespür für den Schutz der natürlichen Umwelt nötigt dazu, den wirtschaftlichen Erfolg anders als bisher zu definieren. Die Erosion der erwerbswirtschaftlichen Solidarität ist ohne eine erweiterte Finanzierungsbasis nicht aufzuhalten. In der Natur mag „Evolution“ gelten, die Gesellschaft bedarf einer normativen Gestaltung.

Mit freundlichen Grüßen

— Professor Friedhelm Hengsbach SJ.,

Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik

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Norbert Lindenthal
07.07.2006 05.27
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