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Walter Lachenmann
27.02.2002 15.35
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Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Der Eine hat eine falsche Rechtschreibung und der Andere eine rechte Falschschreibung.
(Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799)

Von demselben stammt auch der Satz:
»Es gibt eine wahre und eine förmliche Orthographie«,
aber was ist damit wohl gemeint?
__________________
Walter Lachenmann

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Reinhard Markner
18.02.2002 18.36
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Bitte an Journalisten

„Buchstaben sind ja keine Laute, sondern Schriftzeichen, und es ist also gut, wenn man auf den ersten Blick erkennt, was das Zeichen bedeutet [. . .]" -- „Man kann es unsern periodischen Schriftstellern nicht oft genug zurufen : Gebt uns doch neue Ideen, und keine neue Orthographie !“

„Ueber die Orthographie in der Berliner Monaths-Schrift. Aus einem Briefe“, in : Litteratur- und Theater-Zeitung (Berlin) Bd. 3/1784, S. 58-60

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Reinhard Markner
31.12.2001 13.58
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Wider den Tollpatsch

»Wenn die Abstammung die Schreibart bestimmen soll, so kann es 1. nur die nächste, 2. die erweislich wahre, und 3. die allgemein bekannte thun, weil nur diese die allgemeine Verständlichkeit, die vornehmste Absicht der Sprache, befördern kann. [. . .] Unverzeihlich aber sind alle im Schreiben vorgenommenen Veränderungen, wenn sie sich auf sehr entfernte, ungewisse oder gar willkührliche und unbegründete Ableitungen stützen, wie ämsig für emsig von Ameise usw.«

Adelung : Deutsche Sprachlehre für die Schulen, 3. Aufl. 1795

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Reinhard Markner
26.12.2001 09.32
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Wilhelm Raabe, Das Horn von Wanza. Eine Erzählung, 1881

Der Neffe Grünhage fuhr mit dem seltsamen Wunsche des Greises heraus; aber die Tante Sophie zuckte weder die Achseln, wie er doch ein wenig erwartet hatte, noch lachte sie gar oder sagte wenigstens: das sieht dem alten Kinde ähnlich. Sie sagte einfach und ruhig:

»Das mußte er freilich auf dem Rathause und bei den Stadtverordneten anbringen. Dazu kann er leider die Erlaubnis nicht bei mir sich holen. Ja, das ist wahrhaftig ein Wunsch, den er noch auf dem Herzen haben konnte; und was mich anbetrifft, so tute ich da wahrlich mit ihm in ein Horn.«

»Ich habe auf dem Rathause nicht über den Meister Marten gelacht oder nur gelächelt; aber du wirst mir zugeben, liebe Tante -«

»Gar nichts gebe ich dir zu; und zu bedanken habe ich mich auch nicht, weil du so gut gewesen bist, über meinen besten Freund und den verständigsten Menschen in Wanza dich nicht zu mokieren.«

»Liebste, beste Tante, ich versichere --«

»Da sehe ich ihn stehen vor den beiden jungen neumodischen, gelehrten, ästhetischen Herren, wie er nicht mit der Sprache herauskam und doch so vieles für sich zu sagen hätte. Kind, Kind, ich will euch gewiß nicht das Recht nehmen, in den Tagen zu leben, wie sie jetzt sind, und auf sie zu schwören; aber manchmal meine ich doch, ein wenig mehr Rücksicht auf das Alte könntet ihr auch nehmen. Ich bin nur ein ungelehrtes altes Weib, wenn ich auch überflüssige Zeit gehabt habe, mich mit vielen Dingen zu beschäftigen, an die sonst wir Frauen nicht denken; -- eines habe ich jedenfalls gelernt, nämlich mit jedem Menschen möglichst aus seinem Verständnis heraus zu sprechen; und das will ich auch mit dir tun, mein lieber Sohn. Du bist ein Schulmeister oder willst einer werden und kommst mir also hier grade recht. Mit dem Dorsten ist in keiner Weise bei solchen Fragen etwas anzufangen, dem hilft höchstens nur noch eine gute, verständige Frau für sein eigen Leben in der Welt; und wer weiß, vielleicht wäre nach dem, was du mir von ihr erzählt hast, deine Schwester Käthe so 'ne Frau für ihn. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von Martens Wanzaer Tuthorn, das ein hochweiser Magistrat aus ästhetischen Gründen nicht mehr anhören konnte und gradeso für uns altes Volk den Naseweis spielte wie zum Exempel ihr Schulmeister jetzo mit der deutschen Muttersprache. Da lese ich fast alle Woche einmal davon in den Blättern, wie die in Orthographie oder Rechtschreibung, oder wie ihr es nennt, verbessert werden muß; und in Potsdam haben sie sogar einen Verein gebildet, der die i-Tüpfel abschaffen will. Lehren schreibt ihr ja jetzt wohl ohne h und Liebe ohne e und tut euch auf den Fortschritt, wie der Bürgermeister sagt, riesig was zugute. Ja freilich, Riesen seid ihr; aber ein paar in der alten Weise gedruckte Bände von Schiller und Goethe werdet ihr doch übriglassen müssen, und in denen lesen wir Alten dann weiter. Es ist mir lieb, daß du nicht lachst, mein Junge. Wenn ich auch nur ein ungelehrtes Frauenzimmer bin, so habe ich in meinem Leben Zeit gehabt, über allerhand Sachen nachzudenken, und dein verstorbener Onkel mit seinem ewigen Hohn und Lachen über unsere einheimischen Dummheiten ist mir auch ein guter Lehrmeister gewesen. Es mag an andern Orten vielleicht besser sein, aber hier in Wanza ist jedesmal, wenn von Geschmackssachen die Rede gewesen ist, grade das Gegenteil herausgekommen und die Welt nur noch ein bißchen nüchterner geworden. Das Nachtwächterhorn hatte aber nicht bloß hier in Wanza, sondern in jedwedem Orte in Deutschland einen guten, treuherzigen Klang. Dafür haben sie nun dem Marten Marten eine schrille Pfeife eingehändigt, um darauf seinen Kummer und die Stunden auszupfeifen. Freilich, freilich, viel richtiger und ästhetischer ist das und mit eurer neuen Orthographie und deutschen Sprachverbesserung ganz im Einklang. Ich bin nur eine alte Frau und kann mich also täuschen; aber -- Kind, Kind, scheinen tut es mir doch so, als ob die Welt von Tag zu Tag schriller würde und ihr es gar nicht abwarten könntet, bis ihr sie auf dem Markt, in den Straßen und auf dem Papier am schrillsten gemacht habt. Bist du wirklich schon satt, Bernhard?«

Er war gesättigt! Diesem jungen Philologen und angehenden deutschen Schulmeister war gottlob fürs erste der Appetit gestillt, und zwar nicht allein durch den über alles Lob erhabenen Wanzaer Kalbsbraten nebst Zubehör, den ihm seine Tante Grünhage vorgesetzt hatte. O, sie war wahrlich eine Musikantentochter, die Tante Sophie, und hatte auch die Tafelmusik nicht fehlen lassen.

Viel erregter, als das der Verdauung zuträglich sein soll, sprang der junge Gast vom Stuhle auf und rief in heller Begeisterung:

»Ich gebe dir nochmals mein Wort, Tante Sophie, ich habe nicht über den Meister Marten und seinen Herzenswunsch gelacht, und Dorsten hat's eigentlich auch nicht zustande gebracht. Im Gegenteil! -- Und du hast mir aus der Seele gesprochen! Ja, die Welt wird schriller von Tag zu Tag. Das Horn des Meisters Marten Marten haben sie abgeschafft, weil es ihnen viel zu sonor durch die Nacht klang, und aus der deutschen Sprache streichen sie nicht nur hier und da das h oder sonst einen Konsonanten, nein, am liebsten rissen sie ihr jeglichen Vokal aus dem Leibe, um nur den durcheinanderklappernden Klempnerladen, wozu sie doch schon Anlage genug hat, aus ihr fertigzumachen. Wie Johann Balhorn und nach ihm der Kandidat Jobs verbessern sie das Abc-Buch, indem sie dem biedern, ehrlichen Hahn davor die Sporen nehmen, aber ihm ein Nest mit einem von ihren faulen Eiern unter den Schwanz schieben. Und die heutigen Ohnewitzer scheinen sich das wirklich gefallen zu lassen.«

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Manfred Riebe
24.08.2001 17.48
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Der "allerniedrigste Zweig der Litteratur"

Arthur Schopenhauer (1788-1860) schrieb sein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ im Jahre 1818. Das ist im Hinblick auf seine Schreibweise interessant, z.B. seines „th“.

Heute könnte man mit Schopenhauer sagen, die Rechtschreibreformer werden, „wenn ihnen nicht die Grammatiker auf die Finger schlagen“, die Sprache um wertvolle Wörter „bestehlen“. Eine Parallele ergibt sich auch bei den Journalisten:

„Am unverschämtesten treiben es die Zeitungsschreiber (...) so droht durch sie der Sprache große Gefahr; daher ich ernstlich anrathe, sie einer orthographischen Censur zu unterwerfen, oder sie für jedes ungebräuchliche, oder verstümmelte Wort eine Strafe bezahlen zu lassen: denn was könnte unwürdiger seyn, als daß Sprachumwandelungen vom allerniedrigsten Zweig der Litteratur ausgiengen? Die Sprache, zumal eine relative Ursprache, wie die Deutsche, ist das köstlichste Erbtheil der Nation und dabei ein überaus komplicirtes, leicht zu verderbendes und nicht wieder herzustellendes Kunstwerk. (...) Zu beklagen ist es, daß keine Deutsche Akademie da ist, dem litterarischen Sanskülottismus gegenüber die Sprache in ihren Schutz zu nehmen, zumal in einer Zeit, wo auch die der alten Sprachen Unkundigen es wagen dürfen, die Presse zu beschäftigen.“

„litterarischer Sanskülottismus“ = Unwesen proletarischer Sprachrevolutionäre

Ich bin auch der Meinung, daß die Grammatiker und nicht irgendwelche selbsternannten Sprachverhunzer wie die Rechtschreibreformer oder gar der allgemeine Sprachgebrauch der Journalisten die Sprachmaßstäbe setzen sollen.

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Reinhard Markner
24.08.2001 10.24
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Die Welt als Wille und Vorstellung

Ferner will ich hier die Gelegenheit nehmen, das Unwesen zu rügen, welches seit einigen Jahren, auf unerhörte Weise, mit der deutschen Rechtschreibung getrieben wird. Die Skribler, in jeder Gattung, haben nämlich so etwas vernommen von Kürze des Ausdrucks, wissen jedoch nicht, daß diese besteht in sorgfältigem Weglassen alles Ueberflüssigen, wozu denn freilich ihre ganze Schreiberei gehört ; sondern vermeinen es dadurch zu erzwingen, daß sie die Worte beschneiden, wie die Gauner die Münzen, und jede Silbe, die ihnen überflüssig scheint, weil sie den Werth derselben nicht fühlen, ohne Weiteres abknappen. Z. B. unsere Vorfahren haben, mit richtigem Takt, »Beweis« und »Verweis«, hingegen »Nachweisung« gesagt : der feine Unterschied, analog dem zwischen »Versuch« und »Versuchung«, »Betracht« und »Betrachtung«, ist den dicken Ohren und dicken Schädeln nicht fühlbar ; daher sie das Wort »Nachweis« erfunden haben, welches sogleich in allgemeinen Gebrauch gekommen ist: denn dazu gehört nur, daß ein Einfall recht plump und ein Schnitzer recht grob sei. Demgemäß ist die gleiche Amputation bereits an unzähligen Worten vorgenommen worden : z. B. statt »Untersuchung« schreibt man »Untersuch«, ja, gar statt »allmälig, mälig«, statt »beinahe, nahe«, statt »beständig, ständig«. Unterfienge sich ein Franzose près statt presque, ein Engländer most statt almost zu schreiben ; so würde er einstimmig als ein Narr verlacht werden : in Deutschland aber gilt man durch so etwas für einen originellen Kopf. Chemiker schreiben bereits »löslich und unlöslich« statt »unauflöslich« und werden damit, wenn ihnen nicht die Grammatiker auf die Finger schlagen, die Sprache um ein werthvolles Wort bestehlen : löslich sind Knoten, Schuhriemen, auch Konglomerate, deren Cäment erweicht wird, und alles diesem Analoge : auflöslich hingegen ist was in einer Flüssigkeit ganz verschwindet, wie Salz im Wasser. »Auflösen« ist der terminus ad hoc, welcher Dies und nichts Anderes besagt, einen bestimmten Begriff aussondernd : den aber wollen unsere scharfsinnigen Sprachverbesserer in die allgemeine Spülwanne »Losen« gießen : konsequenter Weise müßten sie dann auch statt »ablösen (von Wachen), auslösen, einlösen« u. s. w. überall »lösen« setzen, und in diesem, wie in jenem Fall der Sprache die Bestimmtheit des Ausdrucks benehmen. Aber die Sprache um ein Wort ärmer machen heißt das Denken der Nation um einen Begriff ärmer machen. Dahin aber tendiren die vereinten Bemühungen fast aller unserer Bücherschreiber seit zehn bis zwanzig Jahren : denn was ich hier an einem Beispiele gezeigt habe, ließe sich an hundert andern nachweisen, und die niederträchtigste Silbenknickerei grassirt wie eine Seuche. Die Elenden zählen wahrhaftig die Buchstaben und nehmen keinen Anstand, ein Wort zu verkrüppeln, oder eines in falschem Sinne zu gebrauchen, sobald nur zwei Buchstaben dabei zu lukriren sind. Wer keiner neuen Gedanken fähig ist, will wenigstens neue Worte zu Markte bringen, und jeder Tintenklexer hält sich berufen, die Sprache zu verbessern. Am unverschämtesten treiben es die Zeitungsschreiber, und da ihre Blätter, vermöge der Trivialität ihres Inhalts, das allergrößte Publikum, ja ein solches haben, das größtentheils nichts Anderes liest ; so droht durch sie der Sprache große Gefahr; daher ich ernstlich anrathe, sie einer orthographischen Censur zu unterwerfen, oder sie für jedes ungebräuchliche, oder verstümmelte Wort eine Strafe bezahlen zu lassen : denn was könnte unwürdiger seyn, als daß Sprachumwandelungen vom allerniedrigsten Zweig der Litteratur ausgiengen? Die Sprache, zumal eine relative Ursprache, wie die Deutsche, ist das köstlichste Erbtheil der Nation und dabei ein überaus komplicirtes, leicht zu verderbendes und nicht wieder herzustellendes Kunstwerk, daher ein noli me tangere. Andere Völker haben dies gefühlt und haben gegen ihre, obwohl viel unvollkommneren Sprachen große Pietät bewiesen : daher ist Dante's und Petrarka's Sprache nur in Kleinigkeiten von der heutigen verschieden, Montaigne noch ganz lesbar, und so auch Shakespeare in seinen ältesten Ausgaben. – Dem Deutschen ist es sogar gut, etwas lange Worte im Munde zu haben: denn er denkt langsam und sie geben ihm Zeit zum besinnen. Aber jene eingerissene Sprachökonomie zeigt sich in noch mehreren charakteristischen Phänomenen: sie setzen z. B., gegen alle Logik und Grammatik, das Imperfektum statt des Perfektums und Plusquamperfektums ; sie stechen oft das Auxiliarverbum in die Tasche ; sie brauchen den Ablativ statt des Genitivs; sie machen, um ein Paar logische Partikeln zu lukriren, so verflochtene Perioden, daß man sie vier Mal lesen muß, um hinter den Sinn zu kommen : denn bloß das Papier, nicht die Zeit des Lesers wollen sie sparen : bei Eigennamen deuten sie, ganz hottentottisch, den Kasus weder durch Flexion, noch Artikel an: der Leser mag ihn rathen. Besonders gern aber eskrokiren sie die doppelten Vokale und das tonverlängernde h, diese der Prosodie geweihten Buchstäben ; welches Verfahren gerade so ist, wie wenn man aus dem Griechischen das h und w verbannen und statt ihrer e und o setzen wollte. Wer nun Scham, Märchen, Maß, Spaß schreibt, sollte auch Lon, Son, Stat, Sat, Jar, Al u. s. w. schreiben. Die Nachkommen aber werden, da ja die Schrift das Abbild der Rede ist, vermeinen, daß man auszusprechen hat, wie man schreibt : wonach dann von der Deutschen Sprache nur ein gekniffenes, spitzmäuliges, dumpfes Konsonantengeräusch übrig bleiben und alle Prosodie verloren gehn wird. Sehr beliebt ist auch, wegen Ersparniß eines Buchstabens, die Schreibart »Literatur« statt der richtigen »Litteratur«. Zu ihrer Vertheidigung wird das Particip des Verbums linere für den Ursprung des Wortes ausgegeben. Linere heißt aber schmieren : daher möchte für den größten Theil der Deutschen Buchmacherei die beliebte Schreibart wirklich die richtige seyn, so daß man eine sehr kleine Litteratur und eine sehr ausgedehnte Literatur unterscheiden könnte. – Um kurz zu schreiben, veredele man seinen Stil und vermeide alles unnütze Gewäsche und Gekaue : da braucht man nicht, des theuren Papiers halber, Silben und Buchstaben zu eskrokiren. Aber so viele unnütze Seiten, unnütze Bogen, unnütze Bücher zu schreiben, und dann diese Zeit- und Papiervergeudung an den unschuldigen Silben und Buchstaben wieder einbringen zu wollen, – das ist wahrlich der Superlativ Dessen, was man auf Englisch pennywise and poundfoolish nennt. – Zu beklagen ist es, daß keine Deutsche Akademie da ist, dem litterarischen Sanskülottismus gegenüber die Sprache in ihren Schutz zu nehmen, zumal in einer Zeit, wo auch die der alten Sprachen Unkundigen es wagen dürfen, die Presse zu beschäftigen.

(Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 1337 ff. Schopenhauer-ZA Bd. 3, S. 146 ff.)

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Reinhard Markner
05.08.2001 21.52
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Motto

»Wer pfuscht, darf das Rechte nicht gelten lassen: sonst wäre er gar nichts.« – Goethe.

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Reinhard Markner
28.06.2001 20.32
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Obrigkeitsstaatliche Tradition

Der Reichskanzler fragte klüglicherweise die Masse nicht, sondern beschloß die Reform* mit wenigen Auserwählten und überließ dem Volke das Räsonnieren und die Polizeistrafen im Weigerungsfalle. Auf ähnliche Weise wird auch die Orthographie ihre praktische Regelung erfahren müssen, aber wir können uns nicht veranlaßt finden, eine Frage darum fern zu halten, weil das Volk ihr verneinend gegenüber steht.

K. Düwell, in: Zeitschrift für Orthographie 1/1880–81, S. 172

*Leider weiß ich nicht, welche Maßnahme Bismarcks gemeint ist.

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Reinhard Markner
08.04.2001 21.07
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August Wilhelm Schlegel, 1797

Von der Darstellung der Rede durch die Schrift als Versuch einer Rechtschreibung für die Deutschen. Berl. 1797.

Der Vf., der sich unter der Vorrede »Johann Gottfried Richter« unterzeichnet, zeigt sich in obiger Schrift als einen denkenden Kopf, wiewohl er die Gabe des leichten und geschmackvollen Vortrags nicht in einem vorzüglichen Grade besitzt. Er geht mit nichts Geringerm um, als damit, die Schreibung zur Wißenschaft, zur Rechtschreibung im strengsten Sinne des Wortes, zu erheben. Daß er an sie zu große Forderungen macht, und von dem, was sie auch bei der vollkommensten Einrichtung leisten kann, zu hohe Erwartungen hegt, beweist zum Theil schon der Titel : die Schrift kann die Rede im Grunde niemals »darstellen«, sondern nur bezeichnen. Eine Darstellung macht uns mit ihrem Gegenstande bekannt, wenn er uns auch vorher noch nie vorgekommen wäre ; die Schreibung, selbst die regelmäßigste, wo jeder verschiedne einfache Laut sein besonderes Zeichen, und zwar nur Eines hat, und wo jedes Zeichen immer einerlei bedeutet, kann uns die richtige Aussprache nicht lehren, sondern uns nur daran erinnern, wenn wir sie schon haben.
. . .
Der Vf. giebt es als einen Vortheil der von ihm vorgeschlagenen Schreibung an, daß man in den Gegenden Deutschlands, wo unrichtig ausgesprochen wird, die richtige Aussprache daraus lernen würde. Hiezu wird Können und Wollen vorausgesetzt, welches beides gröstentheils fehlt.
. . .
Der Vf. beweist seine Einsicht und Genauigkeit in der Beobachtung durch das Meiste, was er über die Aussprache sagt ; und er hätte ohne Zweifel etwas weit Nützlicheres geliefert, wenn er diese, und nicht die Rechtschreibung zum Zweck seiner Schrift gemacht, und die neue Bezeichnung bloß zum Behuf des Unterrichts in der Aussprache, wie die englischen Orthoepisten, erfunden hätte. Allein er dringt auf ihre wirkliche Einführung, ob er gleich wiederholt versichert, er theile die gutmüthige Hoffnung seiner Vorgänger, mit solchen Vorschlägen Eingang zu finden, gar nicht. Hierin hat er nun sehr recht.
. . .

(Allgemeine Literatur-Zeitung 1797 ; Sämmtliche Werke, Hg. Eduard Böcking, Bd. 11, Leipzig 1847, 177--81)

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Reinhard Markner
14.03.2001 10.26
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»Meine deutsche Rechtschreibung hoffe ich als consequent rechtfertigen zu können. Das z verdopple ich nie, weil es schon doppelt ist, und auch nicht die mindeste Täuschung Statt finden kann als würde es zwiefach ausgesprochen. Das i, welches wo es gedehnt werden soll allemal das e hinter sich hat, sehe ich als seiner Natur nach kurz an und verdopple also den Consonant nicht dahinter, sofern nemlich dies bloß Accentuation ist. Hieraus werden Sie Sich das übrige erklären können. Nur mit dem k begegnet es mir aus alter Unart oft, daß ich vergesse es zu verdoppeln wo ich es meiner Regel zufolge thun sollte. So bin ich auch, freilich erst während der Ausarbeitung der Grundlinien, mit meiner Interpunction ganz aufs Reine gekommen, sündige aber im Schreiben sehr oft dagegen, und werde mir deshalb allerdings die Mühe nehmen müssen meine Handschrift bloß in dieser Hinsicht noch einmal durchzugehen. Sobald ich irgend dazu kommen kann, will ich meine Ansicht dieses Gegenstandes so kurz als möglich zu Papier bringen, und sie Ihrer Prüfung vorlegen. In deutschen Sprachlehren habe ich nirgends etwas befriedigendes darüber gefunden und in der Praxis unserer besten Schriftsteller ist mir immer vieles dunkel geblieben.«

Friedrich Schleiermacher an August Wilhelm Schlegel, 19. 5. 1804
Josef Körner (Hg.): Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis, Bd. 1, Brünn usw. 1936, S. 84

dazu Schlegel : »Ihre Orthographie befolge ich genau, wiewohl ich sie nicht zu rechtfertigen weiß ; es wäre leicht, Ihnen zu zeigen, daß Sie keine festen Grundsätze befolgen.«

***

Besuch bei Adelung, Dresden, Juni 1798 : »Noch war mir bei A. so auffallend, als irgendwo, der Unterschied zwischen dem Schriftsteller und dem Sprecher . . . Das Deutsche spricht er oft ziemlich nachlässig und gemein, anders als man nach dem Schriftsteller erwarten sollte. – A. spricht kein Französisch, kein Latein.«

Wilhelm Süss : Karl Morgenstern (1770–1852). Ein kulturhistorischer Versuch, Dorpat 1928/29, S. 94[Geändert durch Reinhard Markner am 15.03.2001, 11:44]

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