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Forum > Beispielsammlung über Sinn und Unsinn
Lesen und Schreiben
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Sigmar Salzburg
25.03.2015 14.07
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Das Angriffsziel der Schreibreformpolitiker:

Das visuelle Wörterbuch im Kopf
[...]
„Wenn wir ein Wort zum ersten Mal sehen, brauchen wir einige Zeit um es zu lesen ", erklärt Erstautorin Laurie Glezer vom Georgetown University Medical Center in Washington. Einer der Gründe dafür: Unser Gehirn muss innerlich die Buchstaben zusammenfügen und gleicht den Klang des Wortes mit seinem Aussehen ab. Es ist daher kein Zufall, dass Kinder beim Lesenlernen oft die neuen Wörter leise mitsprechen – das erleichtert das Entziffern. Doch das ändert sich schnell: Ist ein Wort einmal bekannt und abgespeichert, dann reicht ein kurzer Blick und wir erkennen es sofort wieder. Den Grund dafür entdeckten Glezer und ihre Kollegen bereits vor einigen Jahren: Es gibt direkt links neben unserem Sehzentrum ein kleines Areal, das das Aussehen von bekannten Wörtern als Bild speichert. „Die Neuronen in diesem Areal fungieren als eine Art visuelles Wörterbuch“, erklärt Glezers Kollege Maximilian Riesenhuber. „Diese rein visuelle Repräsentation ermöglicht die schnelle und effiziente Worterkennung, die wir bei erfahrenen Lesern sehen.“

Wie dieses visuelle Wörterbuch neue Wörter aufnimmt und wie schnell, haben die Forscher nun in einem Experiment näher untersucht. [...]

„Unsere Studie ist die erste, die zeigt, wie Neuronen ihre Aktivität verändern, wenn sie neue Wörter lernen und wie plastisch dieses Hirnareal ist“, sagt Glezer [...]

wissenschaft.de 24.03.2015

Die Untersuchung zeigt aber auch, was es für eine herostratische Tat der Schreibreformpolitiker war, die Bildspeicher von 100 Millionen deutschsprachigen Menschen willkürlich und ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Nutzeffekt gewaltsam zu ändern. Zugleich wird klar, welch völliger Blödsinn die Methode „Lesen durch Schreiben“ ist.

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Norbert Schäbler
07.08.2002 15.38
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Hypo-Thesen

Meine folgenden Aussagen sind sicherlich unwissenschaftlich. Trotzdem stelle ich der These: „Schreiben lernt man durch Lesen“ eine andere These: „Rechtschreiben lernt man erst durch Schreiben“ gegenüber.
Das ist übrigens kein Widerspruch, sondern lediglich eine sachliche Ergänzung, die Betonung und Gemeinsamkeit liegt im übrigen auf dem Wort „lernt“. Dazu später.

Zunächst kann ich natürlich aus eigener Erfahrung bestätigen, daß wortreiches Schreiben durch intensives Lesen gefördert wird, denn Wortbilder, die man lesend wahrnimmt, werden im Gehirn abgelagert.
Das heißt: Der Textrezeption kommt im Schreiblernprozeß eine überragende Bedeutung zu, dient sie doch der Wortspeicherung, sozusagen der Anlage einer riesigen Auswahldatei, oder letztlich eines Wörterbuchs im Kopf.
Andererseits muß an dieser Stelle eingewendet werden, daß der erste Mensch, der die Schrift als Kommunikationssystem erfand (mit dem unbedingten Willen, sich mitzuteilen und seine Gedanken zu überliefern), eben nicht über ein Zeichensystem verfügte, also nicht durch Lesen zum Schreiben gebracht wurde, sondern durch seinen inneren Antrieb.


Schreiben ist für mich, der ich mich ein wenig der Psychologie verschrieben habe, im Gegensatz zum Lesen ein äußerst aktiver Prozeß, ausgelöst von intrinsischen Motivationen; daneben aber natürlich auch bewirkt, gesteuert und eingeengt durch nachahmungswürdige Beispieltexte (Lesestücke, Kinderbücher) sowie Einzelworte (z.B. den auf rund 2000 Worte begrenzten Grundwortschatz für bayerische Grundschulen).
Die obige Aussage ist bewußt tendenziös gehalten, doch würde ein gelernter Psychologe hier wohl noch zielgenauer und ausschließlicher argumentieren, würde seine Parteinahme noch deutlicher herausstellen und klare Position ergreifen:
Eine Position für den Menschen, zuungunsten der Sache.

Zur Sache selbst:
Es zeigt sich:
daß die Vergleichsebenen (Lesen/Schreiben und Sprechen/Schreiben) korrelieren;
daß gesprochene und geschriebene Sprache je eigenständig sind;
daß die zu schreibende Sprache einen höheren Abstraktions- und Fertigkeitsgrad voraussetzt;
daß die zu schreibende Sprache in noch viel stärkerem Maße als das gesprochene Wort dem Gedanken hinterherhinkt;
daß der Schreiber – insbesondere der Schreibanfänger – über den durch Lesen „eingescannten“ Wortspeicher nicht jederzeit frei verfügen kann und will (letzteres wäre und ist mit enormem Zeitverlust verbunden und ist zudem vom Lebensalter und der Leseintensität abhängig).

Schreiben ist andersartig als Lesen, ist an andere Komponenten geknüpft, benötigt Basisfähigkeiten (Erlernen der lateinischen Ausgangsschrift, später das Erlernen des Maschinenschreibens …), entwickelt Eigengesetzlich- und Eigentümlichkeiten.
Richtiges, wortreiches Schreiben setzt nicht nur einen großen Speicher voraus, sondern auch die Fähigkeit, das zu Schreibende derart abbilden zu können, daß es auch vom Leser verstanden und akzeptiert wird, wobei hier die Kriterien der Form, des Inhaltes und der Geläufigkeit einwirken.
Notwendig für den Schreiblernprozeß sind das Training der Feinmotorik, das Anhäufen von Wortbildern (durch Lesen) und das Einschleifen normierter Begriffe durch Rechtschreibtraining – die sog. Automatisierung. Letztere zeitigt übrigens erstaunliche Ergebnisse. Als Phänomen benenne ich beispielhaft die Fähigkeit des Tastschreibens auf der Schreibmaschine. Fast möchte man hier ein zweites Gedächtnis – „ein Gedächtnis des Handgelenks“ – annehmen, denn Rückkopplungen über das Gehirn sind bei der Schnelligkeit des Ablaufs nahezu ausgeschlossen.


Zum Schluß:
Ich hatte vor, darauf hinzuweisen, daß die eigenständigen Kulturtechniken Lesen und Schreiben mit Lernaufwand verbunden sind. Sie machen Mühe, und es ist ganz wichtig, in diesem Zusammenhang das alte Sprichwort: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, ins Gedächtnis zu rufen.
Daneben wollte ich aber auch den falschen Denkansatz der Humanwissenschaft zurückweisen, die sich mit einer sachfremden Entscheidung, in Bereiche einmischt, die sie gar nicht versteht.
„Zum Wohle des Kindes und zugleich zum Wohle der Sache“, muß die Parole lauten, ansonsten ist das Gemeinwohl gefährdet.


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nos

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Norbert Schäbler
06.08.2002 21.34
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Leitidee oder Leididee

„Die Schrift ist nicht zum Schreiben da!“ Dieser Satz, geprägt von Friedrich Roemheld, war
eine stumpfe Waffe gegen den Rechtschreiberlaß der Ministerialbürokratie, denn die Herren Minister haben den Hintergrund – den Symbolgehalt dieses gebündelten Sprachwissens – nicht verstanden, selbst wenn er ihnen in etlichen Variationen erklärt wurde.
Sie wollten ihn nicht verstehen.

Stattdessen haben die Kultusminister vehement, mit all ihrer Macht – insbesondere durch Ausnutzung der bestehenden Seilschaften – dagegengesetzt, daß es wesentlich sei, das Schreiben zu erleichtern.
Das Lesen – so die logische Erklärung – empfanden sie als zweitrangig.

Folgen hat diese Fehlentscheidung reichlich gezeitigt:
Eine davon ist die Vereinfachung der Ausgangsschrift, eine andere das Ergebnis der Pisa-Studie, eine dritte der Ruf nach Abschaffung der Kultusministerkonferenz.

Der Klüngel aber hält sich!
Hier gäbe es viel zu sagen, zu erforschen.
Es wäre ganz einfach richtig und wichtig, zu beweisen, daß die Kultusminister auf das falsche Pferd, auf den falschen Beraterstab, auf die falsche These gesetzt haben.

„Die Schrift ist nicht zum Schreiben da!“
Das gilt in alle Ewigkeit.

PS: Diesen Beitrag habe ich sowohl beim Schreiben als auch danach etliche Male durchgelesen.
Was Emotionales zum Schluß: „Nicht jedes Blatt taugt zum Klopapier!“

__________________
nos

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