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Forum > Beispielsammlung über Sinn und Unsinn
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Sigmar Salzburg
18.02.2013 21.37
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Rolf Bergmeier

Schatten über Europa
Der Untergang der antiken Kultur
Alibri 2012

Das Buch des Historikers Rolf Bergmeier wurde hier und da schon beiläufig erwähnt. Er weist darin nach, daß der Untergang der einzigartigen antiken Kultur nicht auf Dekadenz oder Fremdvölkereinfälle zurückzuführen ist, sondern auf die entstehende christliche Kirche. Ihrer Orientierung am Unterschichtniveau, ihrer Vernunft- und Bildungsfeindlichkeit und ihrer Zwangsmissionierung sei es zu verdanken, daß im fünften Jahrhundert der Kulturbruch eingetreten sei.

Die Reformschreibung, in der das Buch veröffentlicht ist, bedeutet gleichfalls einen Kulturbruch, wenn auch im Vergleich zum vorhergenannten im Nano-Format. Hier waren die Orientierung am Unterschichtniveau, der Zwangsmissionierungseifer und die fehlende Vernunft der regierenden linken und „fortschrittlich“-christlichen Parteien wesentlich für die Durchsetzung:

Durchgängig ist die ss/ß-Schreibung nach Heyse eingehalten. Deutsche Texte vor 1996 werden korrekt zitiert, Übersetzungen „reformiert“, aber bei Seneca
Finsterniss“. Die reformierte Großschreibung wird gemäßigt verwendet, „Letztere“ nie, „im Übrigen“ dagegen durchgängig (wo? „Im Übrigen soll jede Toleranz zerstört werden“), demgegenüber „aufs schärfste“, „nicht im entferntesten“. Getrenntschreibung nach Belieben: tief_greifenden Wandel“, „schwer_wiegende Folgen“, „der uns solange wenig hilft“; „sein Zeitgenosse Matthäus stützt Paulus in dessen Abneigung gegen all_zuviel Intelligenz“. AnsonstenGräuel“, aber „überschwenglich“.

„An-ekdote“ ist richtig getrennt (die Urreform-Trennung „A-nekdote“ wäre eines Althistorikers unwürdig). Störend ist die sprachwidrige ck-Abspaltung: „Nonne, die … den auf einem Salatblatt ho-ckenden Teufel verschluckt hat“ (Papst Gregor).

Das Buch ist im übrigen spannend zu lesen.

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Sigmar Salzburg
21.01.2013 11.52
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Buchauszug in der ‚jungen Welt‘

(in traditioneller Rechtschreibung):

Spur der Schande
Vorabdruck: Kulturnation Deutschland?
Eine Streitschrift wider die modernen Vandalen

Von Peter Michel

In diesen Tagen erscheint im Wiljo-Heinen-Verlag Peter Michels Buch »Kulturnation Deutschland?«. Er kommt darin zu dem Schluß, daß sich Kulturzerstörung nicht nur gegen Kunst richtet, die in der DDR entstand, sondern ein Wesenszug kapitalistischen Umgangs mit Kultur ist. jW veröffentlicht Auszüge aus dem Buch …

[In dem Auszug werden dann aber auch die Zerstörungen durch die DDR-Regierung beschrieben.]

Während des Schriftstellerkongresses »Zur Verteidigung der Kultur« 1935 in Paris setzte sich Bertolt Brecht u.a. mit den unübersehbaren Erscheinungen und Folgen von Kulturzerstörung in der kapitalistischen Gesellschaft, vor allem im faschistisch regierten Deutschland, auseinander. »Warum wird die Kultur über Bord geworfen wie ein Ballast, jene Reste der Kultur, die uns übriggeblieben sind (…)?«, fragte er und forderte dazu auf, über die Wurzel dieses Übels nachzudenken. »Ich selber glaube nicht an die Rohheit um der Rohheit willen. (…) Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können«, fuhr er fort; er sah die Wurzel aller Übel in den bestehenden Eigentumsverhältnissen und in den barbarischen Methoden, mit denen sie verteidigt werden.

Manfred Wekwerth, der große Brecht-Kenner und -interpret, griff im Mai 2006 diesen Gedanken während eines viel beachteten Vortrags auf und wies darauf hin, daß heute Kulturzerstörung mit der Behauptung einhergeht, man wolle eine neue Kultur schaffen. Indem die tatsächlichen Machtverhältnisse verschleiert und klare Begriffe vermieden werden, schafft man – so Wekwerth – »jenen ›objektiv-realen Nebel‹, mit dem, wie Ernst Bloch sagt, der Kapitalismus seine konstituierende Absurdität verhüllt, um seine absurde Wirklichkeit als einzig vernünftige und seine Welt als einzig mögliche darzustellen. (…) Die Zerstörung des Geschichtsbewußtseins (…) ist (…) die größte Kulturzerstörung, die der Kapitalismus heute unternimmt. …«.
[…]
Peter Michel, Kulturnation Deutschland? Streitschrift wider die modernen Vandalen, Berlin 2013, 126 Seiten, 7,50 Euro – auch im jW-Shop erhältlich

Buchpremiere am Donnerstag, den 24. Januar 2013, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstraße 6, Berlin-Mitte
jungewelt.de 21.1.2013

Es konnte noch nicht festgestellt werden, ob auch das Buch selbst traditionell gedruckt ist. Die „junge Welt“ wandelt ja meist in die geschichtsbewußte Rechtschreibung um.

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Sigmar Salzburg
18.12.2012 08.20
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Noch ein Buch zu Political Correctness…

…diesmal von links, in politisch korrekter Reformschreibung:

Matthias Dusini/ Thomas Edlinger:
In Anführungszeichen
Glanz und Elend der Political Correctness
Suhrkamp, Berlin 2012

Es wird in der linken Zeitschrift „Konkret“ in bewährt klassischer Rechtschreibung recht bissig besprochen. Hier nur der Einstieg:

Das sogenannte Ich
Wenn die ganze Welt zur Lüge wird, tritt an die Stelle der Sprachkritik die Sprachpolitik. Matthias Dusini und Thomas Edlinger zeigen unfreiwillig, daß sie nicht nur von den Propagandisten der Political Correctness, sondern auch von deren Kritikern vollstreckt wird. Von Magnus Klaue

Die meisten Linken hierzulande ähneln sich darin, daß sie weder lesen noch schreiben können. Wie sie sich aber das Vergnügen an ihren ebenso vorhersehbaren wie folgenlosen »Mobilisierungen« nicht durch die Enttäuschung darüber verderben lassen, daß jeder abgefeierte Aufstand sich früher oder später als zeitgemäße Form der Regression entpuppt, so gerät ihre redundante Gesinnungstextproduktion durch ihren habituellen Analphabetismus nie ins Stocken. Weit davon entfernt, die Sprache gleich anderen Öffentlichkeitsarbeitern als unbegriffene, aber nützliche Hirn- und Mundspülung zu verwenden, sich ihr also mit lässigem Pragmatismus zu nähern, wollen sie sie sogar verbessern, um sie möglichst geschlechter- und schichtengerecht zu gestalten. Wie bei allen ihren Projekten geht es ihnen auch bei solchem Sprachreformismus statt um Wahrheit nur um Politik. Sprache gilt ihnen nicht als Ausdrucksform, in der sich die Erfahrung einer widersprüchlichen Wirklichkeit kristallisiert, sondern als »Konstruktion«, an der so lange herumzulaborieren sei, bis sie der vermeintlich korrekten Gesinnung entspricht, deren sprachlichen Niederschlag man dann mit jener Realität verwechselt, die man längst nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Den konformierenden Dissidenten erkennt man daran, daß er auf die zarteste Regung verwirklichter Freiheit eher verzichten kann als auf den Unterstrich…

konkret-magazin.de 12/2012

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Sigmar Salzburg
21.11.2012 10.35
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Kein Schluß geht nicht

„Sprache ist für mich ein Werkzeug, mit ihrer Hilfe schaffe ich Welten“

SANKT PANTALEON/BURGKIRCHEN. Autor Ludwig Laher aus St. Pantaleon präsentiert sein neues Buch „Kein Schluss geht nicht“ in Burgkirchen.


Ludwig Laher ist einer der vielseitigsten Autoren in diesem Land. Von Schlüssen, solche wie dem Tod oder anderen Enden, und solchen, die gezogen werden, handelt sein neues Buch „Kein Schluss geht nicht“. Zur Eröffnung der neuen Bibliothek der Gemeinde Burgkirchen liest der Autor aus St. Pantaleon am Dienstag, 20. November, um 20 Uhr im Kultursaal der Volksschule…

Sie verwenden die alte Rechtschreibung. Mögen Sie die neue nicht?

Ich bin gebeten worden, als einer von neun Österreicherinnen und Österreichern im Rat für deutsche Rechtschreibung das Chaos der Reform 1996 aufzuarbeiten. Das gelingt ganz gut, die ärgsten Dummheiten, etwa in der Getrennt- und Zusammenschreibung, sind beseitigt. Ich warte, bis 2016 die letzten Anpassungen passieren. Manche Bücher, die 2005 erschienen, schauen, was die Rechtschreibung anlangt, nämlich jetzt schon alt aus, wenn da ‚tut mir Leid’ steht oder ‚Plastik verschweißte Bücher’.

nachrichten.at 15.11.2012


Haymon Verlag

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Sigmar Salzburg
02.10.2012 04.23
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Fälschungen

2005 erschien von Claudia Ludwig und Karin Pfeiffer-Stolz das kleine Buch
Der große 'Blöff',
eine Warnung vor der Fälschung unserer Rechtschreibung, genannt „Rechtschreibreform“ (Stolz-Verlag). Deshalb griff ich freudig zu, als ich neulich in einer Buchhandlung einen Buchtitel sah, der anscheinend vor ähnlichem warnte:

Bluff!
Die Fälschung der Welt

verfaßt von Manfred Lütz,
erschienen bei Droemer 2012.

Es war ein Fehlgriff: Der Verfasser bedient sich ebendieser verfälschten deutschen Orthographie, um seine Sicht der medialen und esoterischen Verfälschung unserer Welt darzustellen. Dabei hat man das Gefühl, daß er, Psychologe und Papstberater, im Glashaus sitzt, denn von außen betrachtet ist auch er nur Vertreter einer antiken esoterischen Religionsfälschung. Und er bringt auch gleich ein schweres Geschütz gegen die Konkurrenz in Stellung:


1. Abschnitt
Esoterische Plastikreligionen

… Man weiß zwar, dass Hitler sich intensiv mit Esoterik befasst hat. Seine Privatbibliothek, die in Washington aufbewahrt wird, ist reich an esoterischer Literatur, und es wird angenommen, dass solche Ideen ihn natürlich bei seinen Verbrechen mehr beeinflusst haben als sein bekannter Vegetarismus. Doch all das wird nicht der Esoterik angelastet, und auch durch Esoterik verpfuschte Lebensgeschichten fallen merkwürdigerweise nicht auf sie zurück.

Nun hatte sich der Katholik Hitler bis zuletzt zwar einen umfunktionierten, eigentlich jüdisch-christlichen Auserwähltheitsglauben bewahrt, war aber im übrigen, anders als etwa Himmler, gegen Esoterik durchaus skeptisch eingestellt, wenn er sie auch virtuos zur Machtgewinnung einsetzte.

Lütz versucht nun, ganz auf der Linie Josef Ratzingers, auch den verpfuschten Teil der christlichen Lebensgeschichte, die Menschenverbrennungen, unseren deutschen Vorfahren zuzuschieben:


Hexenglaube war germanischer Aberglaube, die spanische Inquisition hatte mit Strenge jede Hexenverfolgung unterbunden. Doch in Deutschland gab es niemanden, der dem barbarischen Hexenglauben Einhalt gebot.

Dabei unterschlägt er, wie üblich, daß gerade in der Bibel „Gott“ die Tötung von Hexen gebietet (Ex 22,17). Kultivierte Inquisitoren brachten verständlicherweise lieber die Spitze der kritischen Intelligenz auf den Scheiterhaufen: Johann Hus, Savonarola oder Giordano Bruno.

Von alledem ist in der Rezension des Spiegel-Vorzeige-Katholiken Matthias Matussek natürlich nicht die Rede:


„Unsere Neigung zur Täuschung scheint grenzenlos, und Lütz nimmt sich die prominenten Täuschungssysteme vor. Da sind die Wissenschaften [!], denn sie haben heute die Deutung der Welt übernommen…“ (Spiegel 24.9.12)

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Sigmar Salzburg
24.05.2012 05.34
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Verlust des literarischen Gedächtnisses

Islamroman „Allahs Töchter“

Drei sinnenfrohe Göttinnen – und das mitten in Mekka: Wie Salman Rushdie dient dem türkischen Schriftsteller Nedim Gürsel die berühmte Koransure von den „satanischen Versen“ als Grundlage für seinen Roman „Allahs Töchter“. In seiner Heimat wurde er deshalb wegen Blasphemie verklagt.


… Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln schreibt er so etwas wie eine epische Gedächtnisgeschichte des Verdrängten in der islamischen Kultur…

Die Entstehung der Welt aus der Ursuppe diverser Schöpfungsmythen, das Großreinemachen mit der fröhlichen Vielgötterei durch den Islam, die Geburt der säkularen Türkei aus dem Untergang des Osmanischen Reichs, die Entstehung des eigenen modernen Bewusstseins aus dem Verlust des literarischen Gedächtnisses durch die Einführung der lateinischen Schrift…

Wie [die vorislamische Göttin] Lat sehnt sich Gürsel nach den „grünen Paradiesen der Kindheit“, doch im Gegensatz zur naiven Göttin entspringt seine Sehnsucht einem modernen Bewusstsein, gebrochen in einem Zitat Baudelaires. Das Quellwasser im Paradies sprudelt nicht rein, sondern trübe. Das ist ein wunderbares Bild für diesen Roman, der Tradiertes und Verdrängtes assoziativ paart und kreuzt, Suren aus dem Koran und Volksglauben, Askese und Wolllust, Schöpfung und Vernichtung – und dabei die Reinheit als Kampfbegriff des Totalitären entlarvt...

Die Lektüre des von Barbara Yurtdas in ein schön fließendes Deutsch gebrachten Romans, der Gürsel in der Türkei mehrere, bisher erfolglose Klagen wegen Blasphemie eingebracht hat und zugleich einen großen Verkaufserfolg, bietet eine gute Gelegenheit, eigene Tabus und projizierte Vorurteile zu überprüfen …

spiegel.de 23.5.2012

NB: al-Lāt wird im Qur’an, Sure 53,19 erwähnt: Habt ihr al-Lat und al-Uzza gesehen, und auch al-Manat, diese andere, die dritte? ( „al-Laht“ die Göttin, das Femininum zu „al-Lah“ der Gott)

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Sigmar Salzburg
19.03.2012 18.55
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Sarah Kirsch

Veilchenduft und Gülle: Lyrische Tagebuchprosa von Sarah Kirsch

Mit jenseits der Regeln vagabundierender Orthografie, Grammatik und Interpunktion verweigert sich Sarah Kirsch beharrlich der Norm. Mit Vergnügen verfolgt man, wie die Dichterin seit Jahren in unregelmäßiger Folge dem „Krähengeschwätz“ im schleswig-holsteinischen „Seelenländchen“ lauscht, die „Regenkatze“ durch den Paradiesgarten an der Nordsee tigern lässt und ihr „Sommerhütchen“ schwenkt. Das „Märzveilchen“ aber blüht ganz frisch zu uns herüber. Was da frühlingshaft über der Eider schwebt, sind fantastisch kuriose Bildkompositionen: Die Krähen „rudern als „Rochen“ am Fenster entlang. Eine Märchenwelt aus Verwandlungen? „Nix Besonderes“, kommentiert Sarah Kirsch. Dann aber klingelt das „Telefong“ – und Adalbert von Chamisso, der Wahlverwandte in Außenseitertum und Existenzgefährdung, kommt ins Spiel.

Das Refugium der Sarah Kirsch ist eine Welt des „Noch“. Wie ein Seismograph hält das Tagebuch vom 10. Dezember 2001 bis zum 22. September 2002 [!] globales Geschehen fest, das mit dem scheinbar idyllischen Aufenthalt in „Weltrand“ kontrastiert ...

Sarah Kirsch: Märzveilchen. DVA, München. 238 S., 19,90 Euro.

welt.de 17.3.2012

Wie eine Leseprobe zeigt, ist die Orthographie mitunter tatsächlich eigenwillig. Eins hat der Verlag jedoch (nachträglich?) durchgesetzt: den Geßler-Hut der „Reform“, die Heyse-ss. Als ich 2006 bei Günter Kunert war, um eine Unterschrift gegen die Rechtschreibreform einzuholen, schickte er mich durch Nacht und Wildnis zu Sarah Kirsch; die würde auf jeden Fall auch unterschreiben. Ihr Zerberus ließ mich jedoch nicht vor, weil sie krank sei. Aber schon damals hatte sie wohl den Widerstand aufgegeben, so daß sie von MP Carstensen zur Professorin h.c. ernannt werden konnte.

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Sigmar Salzburg
16.02.2012 05.27
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Über das Unglück, geistreich zu sein ....

Die „junge Welt“ bringt – in traditioneller Kulturrechtschreibung – einige Anekdoten aus dem Buch:

André Müller sen.: Über das Unglück, geistreich zu sein oder 450 Anekdoten über Philosophen, Künstler, Päpste und Politiker. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2012, 224 Seiten, 14,95 Euro * (erscheint am 22. Februar) …

Der seit vielen Jahren vergriffene Band erlebt nun in schöner Aufmachung eine Wiedergeburt im Eulenspiegel Verlag. Wir veröffentlichen daraus einige Anekdoten vorab.

Hoffentlich ist das Buch selbst auch noch in anständiger Rechtschreibung gedruckt. Beispiel:

Der Verfasser der »Bettler-Oper«, John Gay, und der Schriftsteller Alexander Pope, die mit Swift befreundet waren, unterhielten sich mit ihm über den Stand des englischen Geisteslebens. Man fand, den Armen mangele es an allem, den Bürgern an Bildung, während der Adel durch den langen Umgang mit Pferden doch stark gelitten habe.

Am schlimmsten sei, meinte Gay, daß man in der Flut der Schwachköpfe nicht mehr bemerken könne, wenn ein wirklich großer Kopf auftauche.

»Das stimmt nicht«, widersprach Swift, »wenn wirklich ein großer Geist in der Welt erscheint, kann man ihn untrüglich daran erkennen, daß sich alle Dummköpfe sofort gegen ihn verbünden.«

Auch Bertold Brecht, der bekanntlich die „Bettler-Oper“ als „Dreigroschen-Oper“ nachgedichtet hat, ist selbstverständlich in der Sammlung vertreten:

Über die DDR kam in den ersten Jahren eine Flut von Fragebogen, die keinen verschonte. Auch Brecht mußte über Herkunft, Name, Geschlecht, Religion, beruflichen Werdegang, Arbeitsstellen, Fremdsprachen, Aufenthalt im Ausland und viele andere Fragen gewissenhaft Auskunft erteilen. Brecht tat es geduldig.

Auf die Frage, welcher Massenorganisation er angehöre, wußte er keine Antwort. Er überlegte lange. Endlich schrieb er in die vorgesehene Rubrik: »Nationalpreisträger«.

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Sigmar Salzburg
22.01.2012 20.38
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Peter Berling

Ein ZEIT-Bild

… Irgendetwas stimmte hier nicht – aber gleichzeitig war eine mögliche Welt denkbar, in der dieses Gespräch als vollkommen rational und konsistent hätte gelten können.
Diesen Verfremdungseffekt hat man so frappant natürlich nur, wenn man sich das erste Mal zufällig in eines der berühmten Fernsehinterviews verirrt, die Alexander Kluge seit 20 Jahren mit dem Filmproduzenten, Schauspieler und Autor historischer Romane Peter Berling führt. Für diese Interviews legen Kluge und Berling vorher nur die Rolle fest und das entsprechende Kostüm bereit, der Rest wird improvisiert. Aus der Logik der Rolle heraus und unter Hinzuziehung eines beeindruckend enzyklopädischen Kulturwissens.

… Jetzt hat Peter Berling seinem reichen Leben einen autobiografischen Roman gewidmet. Hazard & Lieblos – Kaleidoskop eines Lebens (erschienen bei Hoffmann und Campe, 667 Seiten, 28 Euro). Da erzählt er wie Julius Cäsar von sich als PeBee in der dritten Person.

Zeit.de 22.1.2012

Hier hatten wir auf das improvisierte Interview hingewiesen, das Alexander Kluge mit Peter Berling anläßlich des 14. Jahrestages der Frankfurter Erklärung der Schriftsteller zur Rechtschreibreform geführt hat. Die recht ausführlichen biographischen Notizen in der ZEIT sind lesenswert. Natürlich wird dort Berling als Rechtschreib-Experte Fritz Kleiber nicht erwähnt.

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Sigmar Salzburg
28.12.2011 11.07
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Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

rororo Biographie 2006
(1.Auflage 1976)
Für die vorliegende Neuausgabe wurden Text und Anhang von Werner Milstein durchgesehen und aktualisiert.

Das Aktualisieren umfaßte auch die Umwandlung in die „leichter lesbare“ reformierte Schreibung. Das kostete sicher einige Mühe, denn die traditionelle Rechtschreibung der Zitate aus gedruckten Quellen sollte weiterhin beibehalten werden. Dagegen mußten alte Übersetzungen aus dem Englischen u.ä. „reformiert“ werden. Die alberne Spaltschreibung „so genannt“ wird ausgiebig verwendet, „raue Umstände“ kommen vor (30), auch „«Gräuellügen»“ distanzierend, nicht als Zitat gemeint, daher ä-Graphie (58) und „Bonhoeffer hatte völlig Recht“ (84). Reformierte Doppeldeutigkeit zeigt sich auf S. 108:Jedes Mal bereitete er sich aufs Neue vor.“ Ein Bild seiner originalen Handschrift auf S. 107 mit zweimal „draussen“ läßt vermuten, daß Bonhoeffer selbst der ß-losen Mode seiner Zeit folgte.

Trotz aller „Aktualisierungen“ aber wurde eine Erkenntnis seiner letzten Tage weiterhin unterschlagen:

„Gott ist nur eine Arbeitshypothese. Es zeigt sich, daß alles auch ohne Gott geht und zwar ebenso gut wie vorher.“ (siehe auch seinen Brief v. 16.7.1944)

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Sigmar Salzburg
08.12.2011 11.44
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Reformierte Neuauflage

Der betörende Glanz der Dummheit

Esther Vilars köstliche Studie über die Dummheit erschien jüngst als überarbeitete Neuauflage bei Alibri. 1987 erstmals erschienen, ist sie leider aktuell wie eh und je…

Ebenfalls wirkt das Stilmittel der nachgestellten Dialoge erhellend: „Doch unterdessen hat man hier nun auch die Zugabe überstanden. Verehrtester, wir sind ergriffen. Kein Wort zuviel hat die Presse da geschrieben, wenn sie Ihnen eine große Zukunft prophezeit! Doch nun kommen Sie, ich bahne Ihnen den Weg zu unserem Büfett. Einen Lachs wie diesen haben Sie gewiss noch nicht gekostet. Erst vor sechs Stunden aus Norwegen eingeflogen, für Ihre Soiree!“ (S. 118)….

Da es sich um ein Essay handelt und nicht um ein Sachbuch, kann die Autorin äußerst verwegen anmutende Thesen aufstellen, die sich am Ende gar noch als plausibel erweisen. Und nicht zuletzt: Wenn der Klügere immer nachgibt, während der Dumme so lange weitermacht, „bis es sein Niveau ist, das das Gesicht der Erde prägt“ (S. 174), könnte diese Strategie zur Auslöschung der Menschheit führen. Möglicherweise bewahrt uns aber, schließt Vilar, noch eine glückliche Verkettung einiger Dummheiten vor diesem Schicksal.

Esther Vilar: Der betörende Glanz der Dummheit. Durchgesehene Neuauflage. Aschaffenburg 2011, Alibri Verlag. 196 Seiten, kartoniert, Euro 16.-,

http://hpd.de/node/12444

Das Durchsehen für die Neuauflage hat offensichtlich auch zu einem Druck auf den ss-Anpasserknopf geführt. Wörter wie „zuviel“, „Phantasie“ und „aufwendig“ sind anscheinend nicht betroffen.

Die Rechtschreibreform ist das herausragendste Beispiel für die betörend glanzvollen Erfolge der Dummheit. Die Klügeren haben zwar nicht nachgegeben, aber die Halbwissenden. Jetzt stehen die Klugen so da, als seien sie die Dummen. Das wären sie nach obiger Definition tatsächlich, denn etliche machen weiter in ihrem Widerstand. Widerlegt wird das aber dadurch, daß das Niveau der deutschen Schreiblandschaft nicht mehr von ihnen geprägt wird, sondern vom Assholismus der Kulturpolitiker und Medienmafia, deren Dummdreistigkeit wieder einmal gesiegt hat. Die Dummen werden nun nicht müde, darauf hinzuweisen, daß das Abendland dadurch nicht untergegangen sei.

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Sigmar Salzburg
01.11.2011 20.58
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Kluges Wörterbuch mit der Volksetümologie des dummen Augst ...

... in der belämmerten Töllpel- und Tollpatschschreibung

Friedrich Kluge: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“

Seit über 100 Jahren ist der „Kluge“ das maßgebliche Wörterbuch für Herkunft und Geschichte der Wörter der deutschen Sprache. Jetzt ist die 25. Auflage des Standardwerks erhältlich. Das bewährte Nachschlagewerk ist nun vollständig auf die neue amtliche Orthographie umgestellt

Unikosmos verlost einmal den Klassiker von Friedrich Kluge: „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ in der 25., aktualisierten und erweiterten Auflage von 2011 im Wert von 29,90 Euro ...

unikosmos.de 29.10.2011

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Sigmar Salzburg
12.10.2011 09.27
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Der große E-Book-Schwindel

Das elektronische Buch boomt, doch mit dem Erfolg kommen die Trittbrettfahrer, die Anleitungen für angeblich müheloses Geldverdienen mit E-Books verkaufen. Von dieser Seifenblase des schnellen Geldes profitieren jedoch nur die Autoren dieser Ratgeber – denn die Realität sieht nüchterner aus.

Glaubt man Sven Meissner, dann ist es ein Klacks, die “Geldmaschine Internet” anzuwerfen. Man produziert “In Weniger Als 17 Minuten” (Rechtschreibung so im Original) ein E-Book, schon verdient man “zwischen 1.000,00 und 6.000,00 EUR im Monat”. Und weil Sven Meissner ein guter Mensch ist, teilt er sein Wissen, wie man “im Schlaf Geld” verdient, gern mit allen anderen. Anfangs kostenlos, wer allerdings so “richtig viel Geld verdienen” will, der muss auch investieren und etwa Meissners “Rundum-Sorglos-Komplettpaket II” für 795 Euro kaufen...

blog.zdf.de 11.10.2011

E-Book-Schwindel und Reformreibach passen gut zusammen.

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Sigmar Salzburg
08.09.2011 09.59
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Das wollen auch wir gerne weiterverbreiten …

Eben hat Alexander Glück in sprachforschung.org bemerkt:

Durchgeknallte Autoren

Im Impressum des Buchs „Anton Günther. Freiheit zwischen Grenzen“ von Manfred Günther und Lutz Walther, 1. Auflage, Friedrichsthal: Altis-Verl., 2011, steht:

„In Orthographie und Zeichensetzung folgen die Autoren im wesentlichen den Vorschriften der vom Altis-Verlag abgelehnten sog. Rechtschreibreform.“

Sorum geht es also auch...

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Sigmar Salzburg
18.07.2011 18.09
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Kafkaesker Walser?

Noch zu Walsers Reformanpassung.
Laut Spiegel vom 14.10.1996 sagte Martin Walser:


„Rau“ statt „rauh“ werde ich nie schreiben.

Und im Interview mit der Schwäbische Zeitung, 5. 10. 1998, Kultur:

SZ: Wenn der Suhrkamp Verlag irgendwann sein Satz-Programm auf die neue Rechtsschreibung umstellen würde, was wünschten Sie sich dann für Ihre Bücher?
Walser: Ich möchte, daß meine Sachen so geschrieben werden, wie ich sie geschrieben habe, und niemals umorganisiert und egalisiert nach irgendeinem späteren Duden. (Archiv BVR)

Wie jetzt wohl seine Originalmanuskripte aussehen, die im Rowohlt-Verlag reformiert erscheinen? Verwendet er vielleicht gar die vom ehemaligen Spiegelchef Stefan Aust geschilderte Schreibtechnik:

„Wir haben bei uns im Haus Umfragen durchgeführt, und es stellte sich heraus, daß fast alle SPIEGEL-Redakteure die alte Rechtschreibung verwenden! Sie schreiben ihre Texte, und der Computer übersetzt die alte in die neue Rechtschreibung. Kafkaesk!“ (FAS 8.8.05)

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