Willkommen Die 20 neuesten Beiträge im Forum
Fadensuche     Suche
Kennkarte ändern     Häufig gestellte Fragen   zu anderen Nutzern  kostenlose Anmeldung   Anfang  verabschieden
Jemandem diese Seite senden! Druckvoransicht zeigen
Forum > Rechtschreibforum
Es gehört nicht hierher, aber dennoch...
< voriges Leitthema     nächstes Leitthema >
Verfasser
Leitthema    Dieser Faden ist 60 Seiten lang:    1  2  3 · 10 · 20 · 30 · 40 · 50 · 57  58  59  60   Post New Thread     Post A Reply
Thomas Paulwitz
22.10.2001 14.17
Diesen Beitrag ansteuern
Re: Die Buchbranche leistet Trauerarbeit

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von Walter Lachenmann
«Der Tag, an dem ein Übermaß an Wirklichkeit auf uns einstürzte.»
Was soll mit einem so von vorn bis hinten völlig unsinnigen Satz eigentlich erreicht werden? Warum sagen die »klugen« Leute nicht einfach einmal gar nichts? Verschlägt es denen niemals die Sprache?


Die Begründung liefern Sie selbst mit einem ähnlich durchdachten Satz: „Es gehört nicht hierher, aber dennoch...“
__________________
Thomas Paulwitz
http://www.deutsche-sprachwelt.de

Mit Klick die Kennkarte von Thomas Paulwitz ansehen    An Thomas Paulwitz schreiben   Visit Thomas Paulwitz's homepage!   Suche weitere Einträge von Thomas Paulwitz        Edit/Delete Message    Reply w/Quote    IP: Notiz
Walter Lachenmann
22.10.2001 13.32
Diesen Beitrag ansteuern
Die Buchbranche leistet Trauerarbeit

So fassungslos sind wir nun auch wieder nicht, um auf dem Buchmarkt nicht sofort und so reißerisch wie möglich unsere Geschäftchen machen zu wollen.

Scherz Verlag:
Afghanistan – vermint, vereist, verheerend.
Tom Carew:
In den Schluchten der Taliban.
Erfahrungen eines britischen Elitesoldaten in geheimer Mission.
«Die Afghanen sind respektgebietende Feinde. Ich weiß, wovon ich rede. Wir Westler haben ihnen einiges gezeigt.» (Tom Carew). Tom Carew hat die afghanische Guerilla ausgebildet und an ihrer Seite gekämpft. Er beschreibt seine Erfahrungen in den «Schluchten Afghanistans» und zeigt, warum die USA mit ihren Nato-Bündnispartnern nie einen Landkrieg gegen die Taliban gewinnen können.
Das Titelbild zeigt einen jungen Blondmann im Kampfanzug mit schußbereiter MG, über den Augen liegt ein schwarzer Balken wie bei Verbrecherfotos, wo man die Polizisten nicht erkennen soll. Das sieht natürlich brisant aus, den Burschen allerdings würde ich sofort erkennen, wenn er mir in Afghanistan begegnen würde.
Aber so verkauft man Bücher.

Auch so:
Der Umschlag ist ganz schwarz, würdevoll. Darauf stehen in weißer Schrift nur drei ergreifende Zeilen:

Dienstag
11. September
2001


Und dann natürlich noch Rowohlt.

Man wird ganz ernst gestimmt bei so viel typographischer Trauer. Die Autoren sind auch alle ganz ernsthafte Leute: u.a. Toni Morrison, Paul Auster, Irene Dische, Naomi Bubis, Rolf Hochhuth, Ulrich Wickert, Ralph Giordano, Klaus Harpprecht, John Updike.
Im Börsenblatt ist eine ganze Seite, ebenfalls tiefschwarz mit weißer Schrift, der durch den 11. September 2001 bei Susan Sontag ausgelösten Gedankentiefe gewidmet:

«Der Tag, an dem ein Übermaß an Wirklichkeit auf uns einstürzte.»

Was soll mit einem so von vorn bis hinten völlig unsinnigen Satz eigentlich erreicht werden? Warum sagen die »klugen« Leute nicht einfach einmal gar nichts? Verschlägt es denen niemals die Sprache?

Das Buch wird jetzt immerhin in 2. Auflage ausgeliefert. Für alle, denen zum 11. September 2001 selbst nichts einfällt und Nachhilfe im Trauern brauchen können.

__________________
Walter Lachenmann

Mit Klick die Kennkarte von Walter Lachenmann ansehen    An Walter Lachenmann schreiben   Visit Walter Lachenmann's homepage!   Suche weitere Einträge von Walter Lachenmann        Edit/Delete Message    Reply w/Quote    IP: Notiz
Walter Lachenmann
13.09.2001 01.24
Diesen Beitrag ansteuern

So viel Erschütterung war nie.

Wie entsteht Erschütterung? Im Kampf der Hutu gegen die Tutsi sind Menschen in einer Anzahl ums Leben gekommen, die niemand genau weiß. Millionen. In den Straßen und Büroetagen der europäischen Hauptstädte gab es damals keine auffallenden Veränderungen, keine Manifestationen der Betroffenheit oder der Trauer. Dabei handelte es sich durchaus um Menschen, Menschen wie du und ich, dunkler allerdings und auch in der Mentalität ziemlich anders. Man las davon in den Zeitungen, man erfuhr davon im Fernsehen. Schön fand das wohl niemand, aber es waren Neger untereinander, und es war weit weg. Unsere Existenz konnte das nicht ernstlich beeinträchtigen.
Es gab einige Erdbeben in Südamerika oder in der Türkei mit vielen Tausenden von Toten. Die Metropolen der Welt fanden dies auch nicht schön. Man war schon beeindruckt, die Bilder im Fernsehen waren spektakulär, Regierungen schickten Hilfe, heißt es. Man schickte sicherlich auch. Wer weiß, wem und wie geholfen wurde. Die Öffentlichkeit vergißt schnell. Von Trauer zu sprechen, wäre wohl gewagt, aber man sollte nicht ungerecht sein und man weiß ja nie, wie es dem Einzelnen ums Herz ist.
In Srebrenica, mit dem Flugzeug ein Katzensprung entfernt von uns, wurden – mit Wissen oder zumindest für Wahrscheinlichhalten der Weltöffentlichkeit – unter den Augen einiger UNO-Soldaten, deren Aufgabe der Schutz der Bevölkerung gewesen wäre, einige Tausend Männer abtransportiert und kurz darauf von den Serben ermordet. Man hat sich schon empört, aber die Empörung war kurz und blieb folgenlos, verpuffte in den Büroetagen der UNO und der Regierungen. Ärgerlicher wurde man dann schon, als UNO-Soldaten an Munitionsdepots gekettet wurden und bei weiteren Eingriffen der »westlichen Mächte« in die Luft gesprengt worden wären – zwar Einzelpersonen, aber unsere Leute sozusagen! Da zählt jeder Einzelne.
Auch bei den anderen Zerstörungs- und Mordorgien auf dem Balkan hielten wir den Atem ganz anders an, als bei den rein umfangmäßig viel verheerenderen Mordkatastrophen in Afrika oder seinerzeit bei Pol Pot, den Naturkatastrophen in Südamerika, Bangla-Desh, der Türkei. Der Balkan ist näher, die Leute gehören irgendwie schon zu uns, wer kennt nicht Leute aus Jugoslawien, in jeder Stadt gibt es Balkangrills und -restaurants, und wir essen gerne Serbisches Reisfleisch und Lustiger Bosniak. Das ist dann schon fast, wie wenn ein Bus mit Schülern in der Nähe von Wien verunglückt und ein Dutzend von Kindern, es könnten unsere sein, kommen dabei ums Leben. Das geht einem schon nahe.
Und wenn ein einzelner Unbekannter in China, in Iran, in USA zum Tode verurteilt und getötet wird, wissen wir es in den meisten Fällen gar nicht. Für jeden Einzelnen würde es sich lohnen, daß in den Metropolen der Städte für 10 Minuten alles innehält und ihrer in Anteilnahme gedenkt, denn all dies sind Akte der Unmenschlichkeit, egal, was der Beschuldigte getan hat. Der nigerianische Schriftsteller Ken Saro Wiwa, ein ideologisch völlig unabhängiger, hervorragender Schriftsteller, der wie kein anderer die Seele der Afrikaner in ihrer schwierigen Konfrontation mit den Einflüssen der »westlichen Kultur« einerseits und dem afrikanischen mentalen Erbe andererseits in einer über die kulturellen Grenzen hinaus nicht nur verständlichen, sondern auch eindringlichen, unterhaltsamen und sogar humorvollen Sprache zeichnen konnte, also Brücken hätte bauen können zwischen den Kulturen, wurde unter den Augen der Weltöffentlichkeit, unbeanstandet von den mit amerikanischen oder jedenfalls westlichen Wirtschaftsmanagern besetzten Chefetagen der Ölindustrie, die das Sagen hat in dieser Region, unbeanstandet auch von allen unseren Kultusministern und Staatspräsidenten mit ihren schönen Neujahrsreden, von den Regierenden seines Landes unter fadenscheinigen, verlogenen Vorwänden erhängt – wie Dietrich Bonhoeffer seinerzeit aufgrund eines Urteils, das ein ansonsten wohl im Großen und Ganzen korrekter, kleinbürgerlicher Richter in Flossenbürg, einer Anordnung aus Berlin in gewissenhafter Diensterfüllung folgend, über den ihm vermutlich eher unbekannten, von Intelligenz, Menschenliebe und Weltoffenheit gekennzeichneten Pfarrer Dietrich Bonhoeffer gefällt hatte.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob unsere Erschütterung, unsere Empörung, immer der Ausdruck tiefster Betroffenheit angesichts eines manifesten Unrechts gegen humanitäre Werte ist, oder ob sie sich graduell dazu verhält, wie ein Unrecht uns in unserer gegebenen Interessenlage bedroht.

Katastrophenszenarien wie die, die wir in den vergangenen Tagen aus New York live im Fernsehen gesehen haben, kennen notorische Fernsehzuschauer und Kinogänger doch schon längst. Was hat man sich an solchen »special effects« bisher, gemütlich beim Krombacher im Furzersessel fläzend, ergötzt! Die Bilder sind dieselben. Wenn die Bilder tatsächlich so erschütternd sind – weshalb hat man sich bisher nicht davon abgewandt, sich nicht über derlei empört? Niemand ist ihretwegen mit Kerzen in den Händen auf die Straßen gegangen, keine Regierungserklärungen gab es und keine Trauergottesdienste. Wäre der Konsens der Empörung gegen solche Gewalt ernst, wäre er ein dringendes Anliegen der Menschen, würde sich niemand solche Filme anschauen, sondern sich dagegen empören. Dann wäre die Empörung und Betroffenheit angesichts solcher Bilder, von denen man weiß, daß es Realität ist – glaubwürdiger will ich gar nicht einmal sagen – aber sinnvoller, stimmiger.

So wird es aber niemals sein, es bleibt immer alles, wie es ist, und so muß man sich auch nicht beklagen, aber vielleicht bei allem Fühlen das Denken nicht vernachlässigen.

Wie komme ich dazu, das hier zum Besten zu geben? Nun ja, sollte ich es etwa für mich behalten? Man kann ja auch mal über etwas anderes nachdenken als über ...
– geändert durch Walter Lachenmann am 14.09.2001, 19:20 –
__________________
Walter Lachenmann

Mit Klick die Kennkarte von Walter Lachenmann ansehen    An Walter Lachenmann schreiben   Visit Walter Lachenmann's homepage!   Suche weitere Einträge von Walter Lachenmann        Edit/Delete Message    Reply w/Quote    IP: Notiz
Alle Zeiten sind MEZ    Dieser Faden ist 60 Seiten lang:    1  2  3 · 10 · 20 · 30 · 40 · 50 · 57  58  59  60   Neuen Faden beginnen     antworten
Gehe zum Forum:
< voriges Leitthema     nächstes Leitthema >

Benutzungs-Regeln:
Wer kann im Forum lesen? Jeder Gast / jeder angemeldete Nutzer.
Wer kann ein neues Leitthema oder eine Antwort eintragen? Jeder angemeldete, eingewählte Nutzer.
Einträge können von ihrem Verfasser geändert oder auch gelöscht werden.
HTML-Kennungen beim Eintragen erlaubt? AN. Schnuten erlaubt? AN. vB-Kennungen erlaubt? AN. Bilder-Einbindung mit [IMG] erlaubt? AN.

Maßnahmen der Verwaltung:
Leitthema öffnen / schließen
Leitthema umziehen lassen
Leitthema löschen
Leitthema ändern

Herausgeber · Schreiben Sie uns · Forum

Technik von: vBulletin, Version 1.1.4 ©Jelsoft Enterprises Ltd. 2000. Rechtschreibung.com – Nachrichten zur Rechtschreibfrage