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Frankfurter Allgemeine Zeitung, F.A.Z., FAZ, faz.de, faz.net, faznet.de und die Rechtschreibung
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Sigmar Salzburg
06.09.2012 05.48
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G8 Vorwärts immer, rückwärts nimmer

05.09.2012 • Vier Fünftel der Eltern wollen zurück zur neunjährigen Gymnasialzeit. Für die Bildungspolitiker aber wäre das ein Eingeständnis des Scheiterns.

Von Berthold Kohler

Es soll tatsächlich immer noch Bildungspolitiker geben, die die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre für einen noch größeren Erfolg halten als die Abschaffung der einheitlichen Rechtschreibung. Schüler, Eltern und Lehrer, die die Folgen dieser in aller Regel miserabel vorbereiteten und ausgeführten Reform zu tragen hatten, kamen dagegen schnell zu einem anderen Urteil. Das Ergebnis einer Meinungsumfrage, wonach vier Fünftel der Eltern für eine Rückkehr zum G9 sind, kann daher nur in seiner Höhe überraschen.

Sollte diese Einmütigkeit daran liegen, dass die Babyboomer mehr Mitleid mit ihren (verweichlichten?) Kindern haben als die Elterngenerationen vor ihnen? Oder vielleicht doch eher daran, dass bei der Verwirklichung der (Lehr-)Pläne vom eigenen Reformeifer berauschte Kultusbürokratien versagt haben? Weil die Probleme unbestreitbar sind, aber auch Bildungspolitiker kein Zurück zum Status quo ante kennen (was ein Eingeständnis wäre), soll jetzt mancherorts ein zusätzliches „Flexibilisierungsjahr“ helfen. Vorwärts zu G8½! Offenbar gibt es immer noch zu viel Einheitlichkeit im deutschen Schulwesen.

faz.net 5.9.2012

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Norbert Lindenthal
01.04.2012 10.55
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Deutsche Gesellschaft für Sprache im Chinesischen Zeitalter DGSCZ

Zitat:
… Die Deutsche Gesellschaft für Sprache im Technischen Zeitalter (DGSTZ) …

Dieser gerade noch rechtzeitig in Angriff genommenen Reform der deutschen Sprache im Kontext internationaler Entwicklungen ist schneller und guter Erfolg zu wünschen. Schnell, weil es sonst passieren könnte, daß eine Volksinitiative über die beiden weiteren Stufen zu einem Nerven zehrenden Politikum heranreifen könnte. Man muß bei dem geänderten Zeitgeist mit allem rechnen. Schauen Sie sich an, wie Piraten alles mögliche entern. Telefongespräche sind nicht mehr so teuer wie 1996 bis 1998. Für Massenfaxe stehen genügend Rechner und aus dem Nichts geschulte Bediener bereit. Deshalb also schneller Erfolg!

Guter Erfolg: Es muß im zweiten Schritt sofort die sogenannte Chinesische Reform vorbereitet werden. Falls die nicht schnell genug alternativlos durchgesetzt werden würde, könnten sich traditionelle Deutsche darauf besinnen, wie einfach die Bedienung per scharf-s gewesen war. Da wäre es dann schwer kalkulierbar, ob die chinesische Zeichenvermehrung zu großen Widerstand erfahren würde.

Ich hoffe, in zwei Tagen mehr Einzelheiten in der FAZ lesen zu können.
__________________
Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
01.04.2012 09.30
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Ein Aprilscherz – wie die laufende ‚Reform‘?

Internationale Anforderungen
Deutsche Rechtschreibung wird abermals reformiert


01.04.2012 • Die Deutsche Gesellschaft für Sprache im Technischen Zeitalter (DGSTZ) plant in Berlin zusammen mit den knapp zwanzig Kultusministerien eine Reform. Dabei wird das Deutsche an globale Gegebenheiten angepasst.

Von Fritz Jörn

Wir Deutschen aber fangen an mit QWERTZ und brauchen rechterhand um das P herum noch unsere Umlaute und das ß.
Nicht erst auf der Computermesse Cebit war es wieder einmal zu sehen [...]

Zwanzig Kultusministerien planen die Reform

Die Deutsche Gesellschaft für Sprache im Technischen Zeitalter (DGSTZ) plant in Berlin zusammen mit den knapp zwanzig Kultusministerien die Reform. Sie stützt sich dabei in erster Linie auf Erfahrungen bei der letzten Rechtschreibreform. Vor allen Dingen ist von Anfang an die rege Beteiligung der Schreibenden vorgesehen. Die Anpassung des Deutschen an globale Gegebenheiten soll mit dem Verzicht auf das „scharfe S“ beginnen, danach sollen aber auch zügig die Umlaute Ä, Ö, und Ü entfallen. Dass sie auch den internationalen Austausch behindern, etwa bei E-Mail-Adressen, ist offensichtlich. [...]

Weitere Vorschlege betreffen den im Deutschen allerumstendlichsten Laut, das sch. In keiner Sprache werden dafyr drei Zeichen verwandt, fyr den Laut tsch sogar ganze vier. Da Akzente wie der Hatschek in den sydslawischen Spraschen vermieden werden myssen, ist zunechst wie im Englischen eine Kyrzung des sch zu sh vorgesehen, also Shule statt Schule. Shuttle shreibt man ja shon heute so. Tsch wird man wahlweise Tsh oder Tch shreiben dyrfen, wie bereits bei Tchibo. Speter soll tch weiter gekyrzt werden, etwa zu einem blossen C, das heute im Shriftsatz bei original deutschen Wohrtern nur im Zusammenhang von ch vorkommt, reine Ressoursenvershwendung. Doch bis wir effizient Cule und Caclik schreiben werden, mag es noch manches Jehrchen dauern. Caun wir mal.

faz.net 1.4.2012

Anmerkung: Wie doch manche Ideen wiederkehren!

Bei FDS: Kommentar von R. M., 01.04.2012 sprachforschung.org:
Kommt hinzu, daß der Autor der öden Glosse, Fritz Jörn, sogar ein Freund des reformierten Schreibens ist.

NB. Text leicht gekürzt.

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Norbert Lindenthal
19.10.2011 08.07
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Kontrollverlust wird die Regel sein

FAZ 19.11.2011

Staatstrojaner
Außer Kontrolle
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ist in Gefahr, sich in Sachen Staatstrojaner um Kopf und Kragen zu reden. Auf eine Fundamentalfrage persönlicher Freiheit hat er zudem noch keine richtige Antwort gefunden. Heute wird die Regierung im Bundestag befragt.
Von FRANK SCHIRRMACHER 18.10.2011

[Bild]
© LÜDECKE, MATTHIAS
Geht ein hohes Risiko ein: Innenminister Hans-Peter Friedrich

Warum redet sich Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich ohne Not um Kopf und Kragen? Die Hacker des Chaos Computer Club haben unwiderleglich gezeigt, dass der Staat die Kontrolle über einen mehrfach eingesetzten Staatstrojaner verloren hat. Hätte er es nicht, wäre das, was in Bayern in einen Laptop eingebaut wurde, ein bewusster Verstoß gegen das Grundgesetz. Das wollte eigentlich niemand glauben. Aber seitdem der CSU-Politiker redet, wie er redet, wachsen die Zweifel.

Der Innenminister behauptet, die Software sei maßgeschneidert und entspreche den gesetzlichen Anforderungen. Die Hacker haben gezeigt, dass der bayerische Trojaner über illegale Funktionen verfügt und von jedem Kriminellen hätte gekapert werden können.

Friedrich bestreitet diese illegale Funktion, die er selbst erst bedenklich fand, mittlerweile nicht mehr. Er hält sie aber für notwendig. Während ausgerechnet das Bundeskriminalamt (BKA) vor dieser Art Nachladefunktion warnte und sie deshalb nach eigenem Bekunden auch nicht einsetzte, stellt der Minister das Urteil des ihm unterstellen BKA und die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts in Frage. Die Meinung einer Regierung, so sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, sei halt manchmal anders als die Meinung eines Gerichts. Weiß er noch, was er sagt?

Man erlebt hier politischen Kontrollverlust angesichts komplexer technologischer Systeme in Echtzeit. Es ist ein Lehrstück. Friedrich kann nicht zugeben, dass die Komplexität digitaler Systeme den Staat ebenso kalt erwischt, wie sie schon vorher die Finanzmärkte erwischt hat. „Wir vertrauten Computern“, hatte Alan Greenspan während seiner denkwürdigen Anhörung vor dem amerikanischen Senat nach der Lehman-Pleite gesagt.

Angriffskrieg aus dem vergangenen Jahrhundert
Das tut auch Friedrich. Offenbar setzt er auf die Überforderung der Öffentlichkeit. Anders ist sein Satz nicht zu erklären, dass er nicht wisse, was für ein Trojaner dem Chaos Computer Club zugespielt wurde. Die Wahrheit ist, dass der Code des Spionageprogramms seit dem vorvergangenen Samstag im Netz steht und die Sicherheitsbehörden wenig später wussten, worum es sich handelt. Schon diese Behauptung allein zeigt, dass der Innenminister entweder nicht weiß, wovon er redet, oder dass er ein hohes Risiko eingeht.

Auf dem Gebiet der Überwachungssoftware führt Friedrich einen Angriffskrieg aus dem vergangenen Jahrhundert. Dabei ist sein Vorwurf an den Chaos Computer Club, dieser habe mit seiner Enthüllung, dass der Staatstrojaner gesetzwidrig programmiert sei, nichts als „Chaos“ verbreitet, alles andere als witzig. Denn Hacker haben gezeigt, dass zumindest bei Landesbehörden die Produktion amtlicher Spionageprogramme außer Kontrolle geraten ist. Es ist skandalös genug, dass eine Firma, deren Vorläuferin wegen Bestechung von Zollbeamten verurteilt wurde, immer noch für viele Millionen Euro die Instrumente für die heikelste aller Überwachungsaufgaben herstellen darf.

Nicht weniger skandalös ist das Niveau der Software, wie mittlerweile alle Fachleute bestätigen. Bis heute ist es ein Rätsel, ob sich die Firma selbst eine Hintertür in den Code offenhielt. Völlig unklar ist auch, ob die Beamten überhaupt wussten, was man ihnen an die Hand gab – alles Aufgaben für einen Innenminister, der nicht nur das Recht, sondern auch die Freiheit zu schützen hat.

Anstatt die neue Abhängigkeit des Rechts vom Code zu thematisieren, bekräftigt der CSU-Politiker Sachverhalte, die bisher niemand in Frage gestellt hat: Dass Terrorismus und schwerste Verbrechen auch digital überwacht werden müssen und dass Polizei und Justiz gesetzestreu sind. Es wäre zu wünschen, dass die Sicherheitsbehörden erkennen, dass sie gerade von ihrem Dienstherren angesichts der Herausforderungen der vernetzten Welt im Regen stehen gelassen werden.

Kontrollverlust wird die Regel sein
Der Innenminister redet sich ein, er habe noch die Kontrolle über die Systeme – und es ist diese Illusion, die am erschreckendsten ist. Politiker des digitalen Zeitalters müssen endlich erkennen, dass der Verlust der Kontrolle die Regel kommunikativen und politischen Handelns sein wird, so lange das Verständnis der Software quasi-magisch bleibt und die Institutionen im zwanzigsten Jahrhundert steckenbleiben. Die Grundtugend in einer Gesellschaft, in der Computer alles wissen, ist Skepsis.

Von einem Innenminister ist deshalb zu erwarten, dass er sich nicht zum flammenden Verteidiger einer Software macht, die auch er nicht versteht, sondern dass er transparente, nachvollziehbare Wege zeigt, wie in seinem Verantwortungsbereich die Integrität des Codes durch Fachleute und überprüfbare und logische Verfahren garantiert werden könnte. Das ist gar nicht so schwer: Eines dieser Verfahren ist die Umkehrung der Beweislast beim Richtervorbehalt. Bisher ist es für einen Richter einfacher, einer Überwachungsmaßnahme zuzustimmen, als sie abzulehnen.

Wir leben in einer Zeit, in der Politiker die Unwahrheit sagen müssen, weil sie die Erwartungen von Finanzmärkten nicht beeinflussen wollen, die aber selbst nur wieder Abbilder von Algorithmen hochkomplexer Computersoftware sind. Jetzt erleben wir einen vergleichbaren Fall bei der Fundamentalfrage persönlicher Freiheit.

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Norbert Lindenthal
27.08.2011 18.58
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nicht fahrlässig aufs Spiel setzen

FAZ 26.8.2004

Rechtschreibung
Loriot: Reform gefährdet Verständigung
Der Humorist Vicco von Bülow alias Loriot, Ehrenmitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung, sieht durch die Reform die Grundlagen der Gesellschaft gefährdet: Man dürfe die Sprache nicht zu sehr vereinfachen.

[Bild]
Sprachliebhaber: Loriot

26. August 2004
Die Rechtschreibreform gefährdet nach Ansicht des Humoristen Vicco von Bülow alias Loriot die Grundlagen der Gesellschaft. „Wir sind auf dem Wege, unser wichtigstes Kommunikationsmittel so zu vereinfachen, daß es in einigen Generationen genügen wird, sich grunzend zu verständigen“, schrieb Loriot in einem Beitrag für die „Bild“-Zeitung (Donnerstag).

Keine Regierung dürfe es sich erlauben, „eine Kulturnation zu einer Klasse von Schülern zu degradieren, denen nicht die geringste Anstrengung zumutbar ist“. Die Behauptung, es gebe wichtigere Probleme als die Schreibregeln, nannte er „empörend“: „Das hat man vor einigen Jahren auch gesagt, als es um den Umweltschutz ging. Heute wissen wir, daß unsere Welt nur zu retten ist, wenn wir die Grundlagen unserer menschlichen Existenz nicht fahrlässig aufs Spiel setzen. Dazu gehört in erster Linie die Verständigung unter den Menschen durch Schrift und Sprache, die uns seit Jahrhunderten begleitet.“

Loriot ist Ehrenmitglied eines kürzlich in München gegründeten „Rates für deutsche Rechtschreibung“, in dem sich Gegner der neuen Schreibweisen um den als „Rechtschreib-Rebell“ bekannt gewordenen Deutschlehrer Friedrich Denk zusammengeschlossen haben. Weitere Ehrenmitglieder sind Günter Grass, Siegfried Lenz, Hans Magnus Enzensberger und Marcel Reich-Ranicki.

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Sigmar Salzburg
16.08.2011 08.02
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Duden – Geschichte voller Merkwürdigkeiten

F.A.Z., 10.08.2011

Die optimale Sprache dem Kint mit Leffeln eintrichtern

Vor hundert Jahren starb Konrad Duden, dessen Ansichten zur Rechtschreibung nicht viel mit dem zu tun haben, wofür der Name heute steht. Die Geschichte seines Reformwerks steckt voller Merkwürdigkeiten.

For hundert jaren starb Konrad Duden, ferert als fater der orthografie. Der Mann, dessen Name zum Synonym für buchstäbliche Korrektheit geworden ist, hätte diese Schreibweise nicht als Affront empfunden. Duden war ein Anhänger der „phonetischen Schule“, er träumte von einer Schreibung, in der jedem Laut nur ein Buchstabe entspricht und umgekehrt. „Schreib, wie du sprichst“ war das Prinzip dieser orthographischen Utopie, die freilich voraussetzt, dass alle Menschen ein standardisiertes Hochdeutsch sprechen.

Dass zu seiner Zeit noch die Dialekte den Alltag bestimmten, hielt Duden für ein bald überwundenes Hindernis. Seinem Ideal am nächsten kam die ziemlich lautgetreue italienische Orthographie, die er als Hauslehrer in Genua kennengelernt hatte. Als abschreckendes Gegenbeispiel dienten ihm die Unregelmäßigkeiten der englischen Rechtschreibung; das deutsche Schriftsystem verortete er zwischen diesen Polen. Es zu einer volksnahen, „demokratischen“ Rechtschreibung weiterzuentwickeln, die bildungsferne Schichten von den Mühen komplizierter Regeln erlöst, war sein Ziel.

Unter Arbeitern und Bauern wüte die herrschende Orthographie wie die Pest – das hat nicht Duden gesagt, sondern, in einem „Spiegel“-Artikel von 2005, der Kopf der jüngsten Orthographie-Reform, Gerhard Augst. Die soziale Begründung mit ihrer Gleichsetzung von Demokratie und Simplizität ist bis heute der Evergreen der Reformer. Außerhalb der Buchstabenwelt stand Duden selbst aber linken Neigungen durchaus fern. Als Student hatte er sich zwar für die Ziele der versuchten Revolution von 1848 begeistert, doch nach ihrem Scheitern setzte er, wie viele Nationalliberale, auf das autoritäre Preußen als Motor der politischen Vereinigung Deutschlands. Der Schuldirektor Duden war loyaler Monarchist, der seinen Liberalismus auf das Private beschränkte. Sozial engagiert, lehnte er die Sozialdemokratie zutiefst ab.

Zu Beginn der siebziger Jahre, als Duden zum Reformaktivisten wurde, stritten Germanisten und Lehrer schon seit Jahrzehnten über die Orthographie. Eigentlich waren diese Kontroversen überflüssig, denn es gab – ganz ohne amtliche Regelungen – eine leidlich funktionierende Schreibung, die trotz mancher Varianten schon weitgehend vereinheitlicht war. Sie hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus der Praxis der Schreiber, Drucker und Korrektoren entwickelt. Der Grammatiker Johann Christoph Adelung goss sie Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Regeln. Sein Wörterbuch, „der Adelung“, war eine Art Duden vor dem Duden.

Dass die Orthographie trotzdem zum Zankapfel wurde, lag vor allem am „Vater der Germanistik“, Jacob Grimm. Er fand die Orthographie seiner Zeit „unrichtig, barbarisch und schimpflich“: Durchdrungen von den Ideen der Romantik, war Grimm überzeugt davon, dass die deutsche Sprache im Mittelhochdeutschen ihren Zenit erreicht hatte und sich seitdem auf dem Abstieg befand. Um ihn aufzuhalten und aus dem Geist der restaurierten Sprache die ersehnte deutsche Einheit erstehen zu lassen, entwarf er eine Orthographie, die nicht nur die Substantive klein machte, sondern die Wörter wieder klingen und aussehen ließ wie in den Zeiten Walthers von der Vogelweide: Mond, Licht oder Ereignis sollten künftig wieder mand, liecht und eräugnis heißen. Die Forderung, Löffel durch leffel zu ersetzen, trug Grimms Anhängern den Spottnamen „Leffel-Partei“ ein.

Diese „historische Orthographie“ fand viele Verfechter unter den Germanisten. Deutschlehrer experimentierten mit ihr, sie sorgte für Konfusion in den Klassenzimmern und behinderte über viele Jahre die Rechtschreibentwicklung, die eigentlich auf gutem Wege gewesen war. Erst durch die Irritationen, die von der „Leffel-Partei“ in der Lehrerschaft gestiftet wurde, geriet die Schule überhaupt in den Fokus der Orthographie-Diskussionen.

Von nun an wurde die leichte Erlernbarkeit und nicht die Leistungsfähigkeit des Schriftsystems zum Maßstab. Gegen Grimms „aristokratische Geheimwissenschaft“ formierte sich die phonetische Richtung, deren Ziel eine möglichst lautgetreue und zugleich gegenwartsorientierte Schreibweise war. Der Konflikt zwischen den Fraktionen bestimmte auf Jahrzehnte hinaus die Rechtschreib-Szene. Um die Schwankungsfälle, die es gab – wie allmählich und allmählig, deshalb und deßhalb oder Fluth und Flut –, zu bereinigen, hätte es eines solchen Grundsatzstreits nicht bedurft. Ebender aber unterminierte jetzt die bereits gewonnene Ordnung, ließ überwundene Unsicherheiten neu entstehen und schuf somit erst die Notwendigkeit einer amtlichen Regulierung.

Nach und nach gewannen die Phonetiker über die „Grimmschen“ die Oberhand. Ihre Ideen entsprachen dem wissenschaftlichen Zeitgeist. Phonetik und Lautphysiologie nahmen in diesen Jahren großen Aufschwung. Sprache bedeutete nun vor allem gesprochene Sprache, während der Eigencharakter des Schriftsystems aus dem Blick geriet. Zum Vordenker einer so inspirierten Orthographiereform wurde der Erlanger Germanistik-Professor Rudolf von Raumer, der bei Jacob Grimm studiert hatte. Für ihn wie für alle Kombattanten im Schriftstreit war die Regelung der Orthographie nicht nur eine schulische Angelegenheit, sondern auch ein Baustein der nationalen Einheit. Noch wichtiger als eine reformierte war Raumer deshalb eine einheitliche Rechtschreibung, die von der Bevölkerung im gesamten Sprachgebiet akzeptiert wurde. Dafür war er bereit, seine phonetischen Ideale zurückzustellen und an die tradierte Schreibweise anzuknüpfen.

Gibt es öffentlichen Verstand?

Diese ausgleichende Haltung, die darauf abzielte, zunächst nur variierende Schreibungen zu regulieren und den Einfluss der historischen Schule zurückzudrängen, verschaffte ihm die Sympathien der Kultusbehörden und vieler Lehrer, die nach einem Ausweg aus der festgefahrenen Orthographie-Debatte suchten. Bald nach der Gründung des Deutschen Reiches bekam Raumer den Auftrag, eine einheitliche Schulorthographie für ganz Deutschland zu entwerfen. Hier und dort verfassten Lehrer schon einmal auf eigene Faust Regeln, unter ihnen Konrad Duden, Gymnasialdirektor im thüringischen Schleiz, dessen Arbeiten die größte öffentliche Beachtung fanden. All diese Orthographien im Eigenbau gründeten auf Raumers Konzepten.

Duden schloss sich, obwohl er die herkömmliche Rechtschreibung als schlimmsten Hemmschuh unserer Volksbildung verdammte, auch Raumers Realpolitik der kleinen Schritte an. So verzichtete er auf die Substantiv-Kleinschreibung und war bereit, das Stammprinzip – man schreibt Kind, obwohl man Kint sagt – als Lesehilfe zu tolerieren, bis irgendwann das phonetische Prinzip sich endgültig durchgesetzt haben würde. Für den Karrierepädagogen war das Klassenzimmer der Transmissionsriemen der Reform, „weil wir niemals durch die Literatur, sondern nur durch die Schule zu einer einfacheren Rechtschreibung gelangen werden“.

Als 1876 auf Initiative des preußischen Kultusministers Adalbert Falk eine Konferenz in Berlin zusammentrat, um einheitliche Schreibregeln für ganz Deutschland aufzustellen, war Duden bereits prominent genug, um neben Raumer zum Kreis der vierzehn Teilnehmer zu gehören, der sich aus Germanisten, Lehrern, Kultusbeamten und Vertretern der Druckerei- und Buchhändlerbranche zusammensetzte. Alle Eingeladenen akzeptierten Raumers gemäßigte Linie wenigstens als Diskussionsgrundlage. Grimm-Anhänger blieben ebenso ausgeschlossen wie allzu radikale Fonetiker. Nur zwei Konferenzteilnehmer gehörten nicht zu Raumers Parteigängern: der Germanist Wilhelm Scherer und der Privatgelehrte Daniel Sanders aus dem mecklenburgischen Neustrelitz, ein erfolgreicher Lexikograph, dessen Name heute noch im englisch-deutschen Wörterbuch „Muret-Sanders“ fortlebt. Diese beiden Traditionalisten wollten die überlieferte Rechtschreibung im Wesentlichen unangetastet lassen, standen aber einer vorsichtigen Standardisierung wohlwollend gegenüber.

Zunächst beschränkten sich die Konferenzteilnehmer auch programmgemäß darauf, variierende Schreibweisen zu vereinheitlichen. Statt Thau sollte es künftig Tau heißen, gibt statt giebt, Klasse statt Classe oder tot statt todt. Derartige Vorschläge waren unspektakulär, eine schnelle Einigung lag in greifbarer Nähe. Zum Eklat kam es, als die phonetisch orientierte Reformer-Mehrheit unerwartet die Abschaffung der Dehnungszeichen auf die Tagesordnung setzte, um Schreibungen wie Har, Son, Hun, faren oder wülen einzuführen. Nur bei gleichlautenden Wörtern (mahlen/malen) sollten Dehnungskennzeichnungen bleiben, ebenso bei i und e (Lehrer, ihn). Duden gingen die Vorschläge nicht weit genug. Er plädierte auch für Mel, nemen oder stilt. Sanders und Scherer spotteten über die orthographischen Jakobiner, die die „Guillotine niederfahren“ und „die Dehnungszeichen in den Staub rollen“ ließen.

Die Konferenz endete im Fiasko, ihre Vorschläge, auch die maßvollen, fielen durch. Auf der Website des Duden-Verlages kann man heute lesen, Bismarcks Veto sei der Grund des Scheiterns gewesen, doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Zwar war der Reichskanzler ein grimmiger Feind aller orthographischen Veränderungen, aber es waren der preußische Kultusminister und seine Kollegen aus den anderen deutschen Bundesstaaten, die, verschreckt von Schreibweisen wie Lon und Sal, das Regelwerk in Bausch und Bogen ablehnten. Sie fürchteten eine Abspaltung der Schulorthographie von der Schreibweise der Verlage und der Mehrheit der Bevölkerung.

Auch die Presse reagierte mit Empörung, die von Scherer und Sanders durch gezielt gestreute Informationen und eigene Beiträge noch zusätzlich angestachelt wurde. Für die Reformer, die sich damals wie heute als Fackelträger der Vernunft sahen, steckte dahinter nichts als Demagogie und dumpfer Konservatismus. Doch für Sanders gehörte die Beteiligung der Medien und der Öffentlichkeit – der Duden das Urteilsvermögen absprach – zum Prinzip einer wirklich demokratischen Rechtschreibung.

Das Ende der Optimierung

Dudens lautgetreue Regeln fand Sanders täppisch und roh. Demokratisch war für ihn die gewachsene Schreibung als Spiegel des allgemeinen Sprachbewusstseins mit all seinen Nuancen. Er betrachtete die Schriftsteller und Journalisten, die Profis der Schriftsprache, als wichtige Stimmen in der Orthographie-Debatte. Dass sie nicht zur Konferenz eingeladen wurden, dass überhaupt keine öffentliche Diskussion stattfand und stattdessen Schulmeister die neue Orthographie hinter verschlossenen Türen diktieren wollten, kritisierte er scharf. Das Etikett des Rechtsaußen, das Duden und andere Reformer ihm nach der gescheiterten Konferenz anhefteten, widersprach dem Selbstverständnis des Revolutionärs von 1848, der seine Stelle als Direktor einer jüdischen Schule wegen demokratischer Umtriebe verloren hatte.

Zwar war die Reform havariert, doch Raumers moderate Prinzipien, die auf der Konferenz ursprünglich zur Diskussion gestanden hatten, setzten sich während der folgenden Jahre in den einzelnen deutschen Bundesstaaten trotzdem durch. Raumer selbst starb bald nach der Konferenz. Die Rolle des Cheftheoretikers übernahm jetzt der Germanist Wilhelm Wilmanns, dem sein Freund Konrad Duden, inzwischen Schuldirektor im preußischen Hersfeld, als tatkräftiger Praktiker zur Seite stand. Duden verzichtete auf weitere „Optimierungsversuche“ im phonetischen Geist und konzentrierte sich stattdessen auf sein zweites großes Ziel, die Vereinheitlichung der Rechtschreibung. Aufbauend auf seiner Schulorthographie, brachte er 1880 das „Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache“ mit 187 Seiten und rund 28 000 Stichwörtern heraus. Dieser Urduden, der von Auflage zu Auflage erweitert wurde, erwies sich als Erfolgsmodell. Schon 1887 waren 220 000 Exemplare verkauft.

Im Juni 1901, ein Vierteljahrhundert nach dem ersten, gescheiterten Versuch, fand in Berlin auf Einladung des Reichskanzlers Fürst Bernhard von Bülow wieder eine Konferenz mit dem Ziel einer gesamtdeutschen Orthographie statt. Man wollte keine fachlichen Diskussionen mehr, sondern schnelle Beschlüsse. Vorbereitet von Duden und Wilmanns, schrieb die Konferenz im Großen und Ganzen nur noch die Regeln fest, die in den Schulorthographien der Bundesstaaten, der Schweiz und Österreichs faktisch schon galten. Was hier beschlossen wurde, war die Grundlage der bis 1996 gültigen Rechtschreibung. Die Vereinheitlichung war gelungen, aber die von den Reformern gewünschte Vereinfachung blieb weitgehend auf der Strecke. Duden fand, „daß die so entstandene ,deutsche Rechtschreibung' weit davon entfernt ist, ein Meisterwerk zu sein“. Ein solches zu schaffen, versuchten während des folgenden Jahrhunderts immer neue Reformergenerationen vergeblich.

Was Duden und andere Reformer bewusst herunterspielten, war, dass die Schrift sich gegenüber dem gesprochenen Wort schon längst emanzipiert hatte. Seit dem Mittelalter – als Texte grundsätzlich laut gelesen wurden – hatte sie sich vom reinen Laut-Code für das Ohr zu einem differenzierten System für das Auge entwickelt, das dem Leser durch grammatische und semantische Zusatzinformationen die Sinnzusammenhänge verdeutlicht. Viele scheinbar unlogische Regeln erleichtern die visuelle Verarbeitung, weil sie das Schriftbild stabil und ausgewogen halten und die silbische Gliederung der Wörter verdeutlichen. Da die meisten Menschen bedeutend mehr lesen als schreiben, hat sich diese Leselastigkeit der Orthographie immer mehr verstärkt. Der Preis dafür besteht in den Mühen des Schreibenlernens.

Wolfgang Krischke

F.A.Z., 10.08.2011, Nr. 184 / Seite N4,

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Norbert Lindenthal
15.01.2011 09.20
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Wikipedia verteidigt ihren Geldbedarf … wie ich für diese Seiten.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2011

Wikipedia wird zehn

Das demokratisierte Lexikon

Beim Start im Januar 2001 klang das Konzept abenteuerlich. An diesem Samstag aber wird Wikipedia zehn Jahre alt und ist eine der populärsten Internetseiten der Welt. Die Anfälligkeit für Fehler hat den Aufstieg nicht aufgehalten.
Von Roland Lindner und Thiemo Heeg

14. Januar 2011
 
In der Internetbranche herrscht in diesen Tagen wieder einmal Goldgräberstimmung: Das soziale Netzwerk Facebook ist in einer von Goldman Sachs geführten Finanzierungsrunde mit 50 Milliarden Dollar bewertet worden, die Schnäppchenplattform Groupon hat 950 Millionen Dollar von Investoren bekommen. Daneben nehmen sich die Summen, um die es beim Online-Lexikon Wikipedia geht, bescheiden aus.
Wikipedia hat gerade 16 Millionen Dollar von Spendern eingesammelt, um seinen Betrieb in diesem Jahr finanzieren zu können. Das ist das Ergebnis des jährlichen Spendenaufrufs, mit dem sich Wikipedia-Gründer Jimmy Wales in einer Anzeige auf der Seite an seine Nutzergemeinde wendet. Das Geld kommt vor allem durch kleine Beträge von Privatpersonen zusammen, also nicht von professionellen Investoren. Diese überschaubaren Dimensionen spiegeln freilich nicht die gewaltige Bedeutung von Wikipedia wider.

[Bild]
Wikipedia gehört zu den zehn meistbesuchten Internetseiten der Welt – und feiert nun Geburtstag 

Das Online-Lexikon gehört zu den zehn meistbesuchten Internetseiten der Welt. Es hat die Art und Weise revolutioniert, wie Menschen sich Wissen beschaffen und für andere verfügbar machen – und damit klassische Enzyklopädieanbieter wie Brockhaus in eine Existenzkrise gestürzt.

Wikipedia: 270 Sprachen, 17 Millionen Artikel

An diesem Samstag wird Wikipedia zehn Jahre alt. Beim Start im Januar 2001 klang das Konzept zunächst abenteuerlich: Ein Gratis-Lexikon im Internet, das von den Nutzern selbst geschrieben wird. Jimmy Wales hatte sich vorher an einem traditionelleren Lexikonprojekt namens Nupedia versucht, das ebenfalls kostenlos im Internet angeboten wurde, dabei aber auf ausgewiesene Experten zurückgriff. Als er damit nur langsam vorankam, verfolgte er die viel radikalere Idee, den Entstehungsprozess für die Inhalte des Lexikons zu demokratisieren. Jeder, der sich berufen und kompetent fühlt, kann Einträge verfassen und verändern. Ohne jede Entlohnung.

Recht schnell fand sich eine Armee von Freiwilligen, die Wikipedia bestücken – sei es, weil sie das als Dienst an der Gesellschaft verstehen, sei es aus purem Vergnügen oder aus einem Geltungsbedürfnis heraus. Die Zahl der Autoren geht inzwischen in die Millionen, und mit ihr ist Wikipedia rasant gewachsen und hat sich auf der ganzen Welt verbreitet. Heute gibt es Wikipedia in mehr als 270 Sprachen, auf den Seiten finden sich insgesamt 17 Millionen Artikel. Allein in der englischen Version sind es 3,5 Millionen, in der deutschen Fassung 1,2 Millionen.
Der Haken an dem Mitmachprinzip ist freilich, dass Wikipedia dadurch anfällig für Fehler ist. Autoren können aus Unkenntnis, Jux oder auch aus bösem Willen falsche Informationen auf den Seiten plazieren – oder politische und religiöse Ansichten unterbringen. Kontrolliert werden sie nur von anderen Autoren und den Nutzern. Wikipedia hat über die Jahre hinweg immer mehr Mechanismen eingeführt, um dies so gut wie möglich zu verhindern.

Zu jedem Zeitpunkt ist Unfug auf den Seiten zu finden

So wachen etablierte Wikipedia-Nutzer als sogenannte Administratoren über die Inhalte, bei Einträgen zu besonders sensiblen Themen können Änderungen nicht von jedem Nutzer vorgenommen werden. Trotzdem ist es immer wieder zu öffentlichkeitswirksamen Patzern gekommen. Noch in schlechter Erinnerung ist der Fall Karl-Theodor zu Guttenbergs, der nach der Ernennung zum Wirtschaftsminister im Februar 2009 zu seinen zehn richtigen Vornamen noch einen falschen – Wilhelm – angedichtet bekam.
Wikipedia gibt selbst zu, dass man zu jedem Zeitpunkt Unfug auf den Seiten finden kann. Zumindest werden die Zweifel nicht unter den Tisch gekehrt und sogar so öffentlich ausgebreitet, wie es sich kaum ein kommerzieller Anbieter erlauben würde. Ein sehr umfangreicher Artikel des Internet-Lexikons heißt „Kritik an Wikipedia“. In mehr als zwei Dutzend Kapiteln und Unterkapiteln thematisieren die Autoren Probleme wie „zweifelhafte Quellen“, „anonymes Schreiben“ und die „Verzerrung von Inhalten“. Selbst die „männliche Dominanz“ der Verfasser bleibt keineswegs außen vor.

„Wikipedia ist eine der fünf beliebtesten Webseiten“

Fakt ist: Die Verlässlichkeit der virtuellen Enzyklopädie hat sich im Laufe der Jahre immer weiter verbessert. Es gibt Studien, wonach die Seite in der Qualität ihrer Einträge kaum schlechter abschneidet als die von bezahlten Fachautoren verfassten klassischen Nachschlagewerke wie Brockhaus und Encyclopedia Britannica. Entsprechend hat Wikipedia die Anbieter dieser traditionellen Lexika zunehmend in Bedrängnis gebracht. Der herausgebende Verlag des Brockhaus kapitulierte vor zwei Jahren und verkaufte die Marke an eine Sparte des Medienkonzerns Bertelsmann.
Inzwischen ist das Online-Lexikon 93 Prozent der deutschen Internet-Nutzer ein Begriff. Zahlreiche Einträge führen die Listen von Internet-Suchmaschinen an: Wer beispielsweise „Merkel“ oder „Paris“ eingibt, bekommt als erstes die Wikipedia-Seite angezeigt. Die Verantwortlichen sind sich des zunehmendes Einflusses bewusst. Der Geschäftsführer des deutschen Fördervereins der Wikipedia (Wikimedia Deutschland), Pavel Richter, mag zwar kein „Triumphgeheul“ anstimmen: „Mit dem enormen Erfolg kommt natürlich auch enorme Verantwortung.“ Andererseits ist ein gewisser Stolz unüberhörbar, wenn Richter feststellt: „Wikipedia ist eine der fünf beliebtesten Webseiten der Welt; anders als die ersten vier, hinter denen Milliarden-Konzerne stehen, wird Wikipedia durch Spenden finanziert.“

Deutsche Nutzer öffnen bereitwillig ihre Geldbörse

Die Spenden braucht Wikipedia, weil das Online-Lexikon kein gewinnorientiertes Projekt ist und anders als viele andere Internetunternehmen keine Werbung auf seinen Seiten schaltet. Wikipedia gehört der gemeinnützigen Wikimedia-Stiftung, ebenso wie einige andere Seiten, etwa die Zitatesammlung Wikiquotes oder das Online-Wörterbuch Wiktionary.
Wenn Gründer Wales Jahr für Jahr zu Spenden aufruft, öffnen auch die deutschen Nutzer bereitwillig ihre Geldbörse. Innerhalb von zwei Monaten kamen zuletzt mehr als zwei Millionen Euro zusammen. Rund 68.700 Einzelspender (weltweit waren es 500.000) gaben im Schnitt jeweils rund 30 Euro für die „Förderung freien Wissens“, wie die Wikipedianer gerne formulieren. Damit hat sich sowohl die Zahl der Spender wie auch das Spendenergebnis im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht. Die Hälfte des Geldes geht direkt an die Wikipedia-Betreiberin Wikimedia Foundation. Der Rest fließt in Informations-, Bildungs- und Softwareprojekte hierzulande.

„Wer will, kann sofort Neues schreiben“

Auch wenn Wikipedia mittlerweile zu einer gigantischen Online-Enzyklopädie gewachsen ist, finden sich noch immer Lücken. Jimmy Wales gibt selbst zu, dass Wikipedia nicht in allen Themenbereichen gleich stark ist. Freilich sind das Klagen auf hohem Niveau, betrachtet man die dürren Anfänge des Jahres 2001. Einer der Wikipedianer der ersten Stunde, Kurt Jansson, hat auf seine Homepage eine Kopie der Wikipedia-Homepage vom August des Gründungsjahres gestellt.
Es ist eine graphisch sehr simple und textlastige Internet-Seite, die einem kleinen Katalog mit Kategorien wie „Kultur“, „Politik“, „Wirtschaft“ und „Wissenschaft“ enthält und die mit dem Aufruf startet: „Wer will, kann sofort zu diesen und anderen Themen Neues schreiben.“ Es ist fast ein kleines Wunder, wie viele sich seitdem dazu berufen gefühlt haben.

[Bild]
Jährlich startet Gründer Jimmy Wales einen Spendenaufruf, um Wikipedia zu finanzieren 

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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Sigmar Salzburg
01.01.2011 09.22
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Die Gegengabe des Vielosofen

Unvermeidlich stolpert man in Buchläden und Rezensionen über Erzeugnisse des „Vielosofen“ Richard D. Precht, angefangen mit „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Hier eine ältere Besprechung in der FAZ:

„An diesem Punkt lohnt es sich einzuhaken, um nach einem ,Warum?' zu fragen, auf das es bei Luhmann keine Antwort gibt.“ Der Vorwurf ist ein klein wenig ungerecht, weil Luhmann genau nur diese eine Frage, die Frage nach der Unwahrscheinlichkeit der Liebe, behandelt. Und da die referierten Gedanken alle sich ganz zum Anfang des Buches – eher als das Selbstverständliche, von dem Luhmann ausgeht, finden – mag man sich fragen, ob Precht überhaupt weit darin gelesen hat, ein Verdacht, der sich bestätigt, wenn Precht bizarrerweise gegen Luhmann einwendet, dass Bedürfnis nach Sex für viele kein Bedürfnis nach Ganzheitserfahrung ist. Aber schließlich soll es nicht um exakte Widergabe gehen.

faz.net 7.3.2008

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Sigmar Salzburg
06.07.2010 05.59
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FAZ-Blog ohne Blog-Wart

Bildungsdampfgeplauder langweilt mich. Zufällig aber stolperte ich in die „FAZ-Community-Bloggs“ und über die Schreibkünste von klugen Lesern einer Zeitung, die bis vor dreieinhalb Jahren noch eine vorbildliche traditionelle Rechtschreibung gepflegt hat. Danach sind anscheinend viele Schreiber der orthographischen Haltlosigkeit verfallen.

Als erstes fällt die verbreitete Unsicherheit beim ss/ß-Gebrauch auf: Die „Reform“ hat Heerscharen von gebildeten Schreibstümpern erzeugt. Der schon erwähnte Nicht-Schweizer „Blog-Führer“ Don Alphonso verweigert dagegen bewußt das „ß“ – ein geschmäcklerischer ß-Hasser?:


krusty20
05. Juli 2010, 10:20
Zitat: „artikuklationsschwacher Figuren“, „ahnt der Besuch, dass es sich hier doch eher um eine Hochzeit muss“, „Stzofarrangements“
Lieber Don,
ich schätze Ihren Blog sehr, aber das Lesen dieses Beitrages habe ich nach dem ersten Absatz abgebrochen. Wer soll denn das lesen (können)?
Und was haben Sie eigentlich gegen das schöne "ß" („ausserdem“, "Äusserungen“ etc. pp.)?
Dennoch herzliche Grüße

Don Alphonso
05. Juli 2010, 10:31
Oh Gott, da habe ich versehentlich die nich nicht korrigierte Version hineinkopiert – das ist mir alles sehr peinlich. Danke für den Hinweis. ß jedoch ist, das muss ich gestehen, nicht mein Ding.

Ansonsten schreibt er „neu“

Unfähigkeit, in dieser Moderne ohne sozialen Druck ein ganzes Leben lang mit einem Anderen auszuhalten – oder zumindest so lange, bis angesichts schwindender Alternativen das Zusammenbleiben auch eine feine Sache ist.
Veröffentlicht 04. Juli 2010, 21:06 von Don Alphonso

Allerdings ähneln seine Brillanten den „Brillis“ der Halb- und Unterwelt:

Don Alphonso
04. Juli 2010, 23:23
gheluveld, Ice Cubes sind übergrosse Brillianten, meist als Ring getragen.

Seine Gesprächspartner tappen mitunter in die Heyse-ss-Betonungsfalle:

Der Gärtner
04. Juli 2010, 21:35
Lieber Don, vielleicht sind Sie einfach nur schon tot, bei all dem Ekel und Elend dass Sie ertragen und kommentieren müssen, die billigen Kleider, die billigen Lieder, alles so schrecklich und Sie so unglücklich schlau.


Die meisten der Gesprächspartner haben früher wohl einmal richtig schreiben gelernt:

Holly01
05. Juli 2010, 08:13
Guten morgen !
… Ich bin seit 19 Jahren verheiratet. Ich mag keinen Tag davon missen und freu mich auf morgen. Tschuldigung, aber das st so.
Ich lebe selbst gerne und empfinde meine Partnerin, als Bereicherung meines Lebens.

Aber als mich meine Frau darüber informiert hat, daß ich sie heiraten möchte, da wusste ich ziemlich sicher, wie der Hase läuft. Den/die richtige gibt es garnicht und wenn doch dann verändert man sich ja. Aussehen ist recht vergänglich und was man möchte weiss man vielleicht noch, aber was man bekommt?... Wir haben nur am Anfang festgelegt, daß wir uns nicht herumquälen werden. Wenn es nicht mehr klappt, dann ab dafür. … @ milan : Kleid? Ich habe im Text von Da nur 4 Fotos von der Umgebung. Wahrscheinlich die Stelle wo das Porzelan sterben sollte (die grünen Scherben zeigen aber billiges Glas an) und 3 Strassenaufnahmen.

Auch die übertriebene Großschreibung findet Anhänger; „von außen“, „von vornherein“ falsch großgeschrieben sind geläufig, aber was mag das „Vornherein“ sein?

Kopfgeburt
05. Juli 2010, 08:38
Meine Liebste und ich, wir entschieden uns damals gegen eine Hochzeitsfeier jeglicher Art, als wir heirateten. Uns war der Gedanke zuwider, dass man etwas feiert, das noch gar nicht begonnen hat – sich also schon zum Vornherein belohnt.

Die nächste Schreiberin ist wieder Heyse-Opfer:

escalera_de_caracol
05. Juli 2010, 10:03
Fall Nr. 1: Eine Jugendfreundin saß nächtens in meiner Küche und schluchzte: „Ich weiß nicht ob ich morgen heiraten soll – aber es ist doch alles schon vorbereitet!“ . Meinen Vorschlag, daß sie auch vor dem Standesbeamten noch umdrehen dürfe und es sich wirklich noch einmal überlegen solle, hat sie (leider) ignoriert. Kurz nach der Geburt des gemeinsamen Kindes wünschte ihr Mann die Scheidung mit der Begründung, dass sie seinen geistigen Anforderungen nicht genüge.
Fall Nr. 2: Morgens im Büro grosse Aufregung. Chef-Töchterleins Bräutigam ist nicht zur Hochzeit erschienen – welche Riesenblamage …

Als gnadenlose Kleinschreiberin stellt sich eine „donna laura“ vor:

donna laura
05. Juli 2010, 10:09
lieber Don Alphonso,
das unbehagen angesichts des panoptikums zeitgenössisch-peinlicher geschmacksverirrungen (fussballerfrisuren vorm. vokuhila sowie halbmillimeterschmale augenbrauen, braungegrillt, riesige plastikabsätze, katalogmuster; andererseits ist es authentisch, denn 'die' laufen immer so oder ähnlich herum) kann ich gut nachfühlen.
da frage ich mich schon, ob wir alle der gleichen gattung angehören.

Anonym Geadelte brauchen es heute beim Schreiben ohnehin nicht so genau zu nehmen:

MarkusvonBentheim-Burg
05. Juli 2010, 14:13
Werter Don,
Männer Ihres Alters haben es nie gelernt, was es heisst, Verantwortung zu tragen und sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als sich selbst. …
Beste Grüße aus dem Eheparadies
MvB-B

Anpassung ist die Devise:

MarkusvonBentheim-Burg
05. Juli 2010, 16:13
Werter Don,
es geht im wesentlichen doch immer nur um das Eine: etws zu schaffen. Heute liesst man immer nur, wie man etwas konsumiert, wie andere etwas konsumieren. Zeit, Geld, Immobilien, Autos, Flugzeuge und anderes. … Das muss mit Drogengeldern oder Schwarzgeld gemacht worden sein. Auch eine Ehe über 70 Jahre zu führen ist etwas, an dem sich viele die Zähne ausbeissen würden. Die Anwesenden inbegriffen. Eine Ehe immer wieder neu zu erfinden, um sie frisch zu halten, Kinder in die Welt zu setzen, ein Haus oder wie in meinem Fall mehrere und ein Unternehmen groß und stark zu machen, wie in meinem Fall, die alten Traditionen in die Moderne zu führen und den aktuellen Gegebenheiten anzupassen, das sind WIRKLICHE Werte. …

Ausnahme: Jemand, der fast noch so schreibt, wie es einmal selbstverständlich war:

specialmarke
05. Juli 2010, 16:15
Also, ich war dreimal verheiratet, jeweils in gehörigen Abständen. Die Hochzeit beschränkte sich jeweils auf den standesamtlichen Akt. Das erste Mal war 1967, damals konnte man als unverheiratetes Paar überhaupt keine Wohnung bekommen (Kuppeleiparagraf). … Die dritte Ehe war den Kindern und dem Lebensumfeld (Bayern) geschuldet. Sie hielt, bis aus den Kindern Jugendliche geworden waren. Diese Scheidung war nicht ganz billig. Ich mußte das abbezahlte Haus praktisch noch einmal bezahlen...


Manchem Skeptiker hat die „Reform“ gar nichts gebracht:

Trias
05. Juli 2010, 17:30
Wenn ich meinen Namen in der Forbes Top-fifty wiederfinden würde,
hätte ich bestimmt keine Zeit diesen Blog zu lesen während ich meine Schlößer renoviere. MfG.

Da ist Tolle-ranz gefragt:

Holly01
05. Juli 2010, 17:49
@ Trias : Sein Sekretär hat ihn informiert, daß Sie hier bloggen. Das wollte er nicht verpassen .... ^^.
Nun lasst ihn doch erst einmal landen hier im Blog. Wo ist denn die gute alte Gastfreundschaft?
Ob real oder nicht, davon werden die Texte nicht schlechter und eure Konten nicht besser .... also take it easy.

Am sichersten schreibt man Dialekt – ohne staatlich verfügte „Erleichterungen“:

Plindos
05. Juli 2010, 20:13
Werter Herr Don Alphonso@:
Schaugns Herr Don,
1.)
mei bezaubernde Gattin und I kenna uns schon seit unsam 17. Lebensjahrr, mir san glei oit, biologisch hots dann mit Oanazwanzg in unsa zwoara Schtudium neigschnakelt, wias de guade Durchlaucht Gloria v. T. & T. vo Regenschbuarg so treffend launig umschriebn hot, mir ham ghoarat und jetza feiern mia des 50. Jahrzehnt ...


faz-community.faz.net 5.7.2010

N.B. Kommafehler habe ich gelassen; Markierungen machten alles noch unübersichtlicher.

P.S. Angela Merkels Schreibe ist übrigens ähnlich konfus.

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Sigmar Salzburg
25.06.2010 10.54
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FAZ-BLOGS

Während man nach dem Kotau der FAZ vor der „Reform“ dort auch, bis auf den bekannten bescheidenen Widerstand bei wenigen Wörtern, oft genug die Skurrilitäten der neuen Rechtschreibung bewundern kann, sind die Autoren in den „Blogs“ anscheinend freier. Die Autorin Andrea Diener, die hier schon erwähnt wurde, ist immer noch eine „Bastion der alten Rechtschreibung“. Ihr zur Seite steht der Althistoriker Prof. Uwe Walter, mit naturgemäß entwickelterem Sinn für Tradition. Ansonsten zeigen sich die „Blogger“ angepaßt – mit einer Ausnahme, dem Anonymus „Don Alphonso“, der seiner Darstellung nach in Bayern zu Hause ist, aber die schweizerische Schreibweise verwendet, der Leseprobe nach in reformierter Version:

Moderne und Absolutismus 1: Die Staatsmätresse
… Heutigentags – heutigentags sind sintemalen der eigenen, dieser Region entstammenden Führungsschicht mit Berliner Nebenfrauen und Bischöfen dieser Region, über die man Schlimmes liest, auch im erzkatholischen Bayern die guten Tage des bösen Skandals der Anderen gezählt. Noch nicht mal über die privaten Verhältnisse und gescheiterten Ehen der Bundespräsidentenkandidaten kann man sich allzu laut äussern, schliesslich ist Scheidung heute auch hier nicht mehr selten...

faz-community.faz.net 21.6.2010

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Norbert Lindenthal
03.12.2009 20.44
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Mehr Unterschriften als 1997 in Schleswig-Holstein

Frankfurter Allgemeine Zeitung 3. Dezember 2009

Volksbegehren erfolgreich
Weiß-blaue Rauchzeichen

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In Bayern wird der Nichtraucherschutz abermals zum strittigen Thema
03. Dezember 2009 Knapp 1,3 Millionen Bürger – knapp 13,9 Prozent der Wahlberechtigten in Bayern – haben es mit ihrer Unterschrift der schwarz-gelben Staatsregierung ins Stammbuch geschrieben: „Die Lockerung des Rauchverbots gefährdet Ihre Gesundheit.“ Nach dem erfolgreichen Volksbegehren, dass sich für eine Gesetzesänderung ausspricht, mit der der Nichtraucherschutz verbessert werden soll, müssen CSU und FDP sich nun im nächsten Jahr auf einen erbitterten Wahl- und Kulturkampf einstellen.
Noch nie seit 1967 hat ein Volksbegehren in Bayern eine so hohe Zustimmung erreicht. Es zielt darauf ab, in allen gastronomischen Betrieben und vielen öffentlichen Gebäuden das Rauchen zu verbieten. Im Gegensatz zu derzeit gültigen Rauchverboten soll es keine Ausnahmen mehr für kleine Lokale und abgetrennte Raucherbereiche geben. Auch in Bierzelten am Münchner Oktoberfest dürfte nach Annahme des Gesetzes im Jahr 2010 nicht mehr geraucht werden.

[Bild]
Ein Plakat der Nichtraucher-Kampagne der ÖDP in der Nähe des Münchner Siegestor
Sofern die Koalition nicht doch noch nachgibt, ist 2010 die gesamte Bevölkerung des Freistaats aufgerufen, in einem Volksentscheid über das Rauchverbot abzustimmen. Das bestehende Rauchverbotsgesetz war vom Landtag erst im August diesen Jahres aufgeweicht worden. Diese Änderung gilt als Anlass für das Volksbegehren. Der Entwurf der Gesetzesinitiative übernahm das ursprüngliche, strengere bayrische (sic) Landesgesetz aus dem Jahr 2007, strich jedoch eine Ausnahme heraus, die die Umwidmung von Lokalen zu „Raucherclubs“ erlaubte.
„Eine Ohrfeige für Gesundheitsminister Söder“
Die Initiative für das Volksbegehren ging von der nicht im Landtag vertretenen Kleinpartei ÖDP („Ökologisch-Demokratische Partei“), einer bürgerlichen Splittergruppe der Grünen, und Nichtrauchergruppen aus. Sie wurde von der SPD und den Grünen unterstützt.

Mit dem Erreichen der nötigen Stimmenanzahl wird der Gesetzesvorschlag nun an den Landtag weitergereicht. Der bayrische (sic) Innenminister Herrmann (CSU) sagte am Donnerstag, er erwarte, dass sich die Fraktionen der Regierungsparteien dagegen aussprechen werden. Die Regierung wolle zwar am gegenwärtigen Gesetz festhalten, das Volk müsse nun jedoch selbst entscheiden, wie rigoros das Rauchverbot sein soll. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Kathrin Sonnenholzner, nannte die Annahme des Volksbegehrens einen „Schlag für die wankelmütige CSU und eine Ohrfeige für Gesundheitsminister Söder“.
Das Volksbegehren muss vom Bayrischen (sic) Landtag spätestens bis Mitte April 2010 behandelt werden. Lehnt der Landtag das Gesetz ab, muss es bis Mitte Juli selben Jahres zu einem Volksentscheid kommen. Bei der Abstimmung reicht eine einfache Mehrheit aus, um das Gesetz zu beschließen. Der Landtag hat die Möglichkeit, bei dem Volksentscheid einen eigenen Vorschlag als Alternative zum Entwurf des Nichtraucher-Volksbegehrens vorzulegen.
Leidiges Thema für die CSU
Kaum ein Thema ist so geeignet, die Bevölkerung in zwei Lager zu spalten. Insbesondere die CSU leidet nach mittlerweile mehr als dreijährigem Hin und Her an einer „chronischen Rauchvergiftung“: Die Partei wird das Thema nicht mehr los – und hat immer einen beträchtlichen Teil der bayerischen Bevölkerung gegen sich, ob sie sich nun für oder gegen ein strenges Rauchverbot entscheidet.

Sebastian Frankenberger, der Hauptorganisator des erfolgreichen Volksbegehrens
Das erfolgreiche Volksbegehren ist auch nach Einschätzung von CSU-Abweichlern die Quittung für den Zickzack-Kurs der vergangenen Jahre. „Glaubwürdigkeit und Kontinuität waren nicht mehr gegeben“, sagt der Nürnberger CSU-Landtagsabgeordnete Hermann Imhof, der offen gegen die Lockerung des Rauchverbots im vergangenen Sommer rebelliert hatte.
Denn bei der CSU machten viele das Rauchverbot für den traumatischen Verlust der absoluten Mehrheit 2008 mitverantwortlich. Nun hoffen vor allem SPD und Grüne, der Staatsregierung auch beim Volksentscheid eine Niederlage zufügen zu können
„Der CSU-Glimmstengel ist abgebrannt, in der Räucherkammer des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Horst Seehofer“, sagt der Vorsitzende der SPD-Fraktion im bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher. Seehofer hat zwar gar keine Räucherkammer, denn er ist Nichtraucher. Doch hatte der CSU-Chef im Oktober 2008 höchstpersönlich die Lockerung des Rauchverbots angekündigt – eine Niederlage beim Volksentscheid wäre daher auch seine Niederlage.
Ob die CSU das Rauchverbot auch heute noch lockern würde, ist fraglich. In der Partei herrscht mittlerweile die Einsicht, dass die Niederlagen der vergangenen Jahre tiefere Ursachen hatten als die Frage, ob in Bayerns Wirtshäusern der freie Griff zur Zigarette erlaubt ist oder nicht.
Denn zwischenzeitlich hat die CSU auch bei der Bundestagswahl einen weiteren Tiefschlag einstecken müssen, bei der das Rauchen keine Rolle spielte.
SPD-Fraktionschef Rinderspacher jedenfalls sieht in einer qualmenden Vision die CSU/FDP-Abgeordneten bereits als „Räucherstäbchen“ herumlaufen – „mit der Duftmarke schlechte Laune“.
Auch für die FDP wäre ein erfolgreicher Volksentscheid ein schwerer Rückschlag. Erste Rauchwolken des kommenden Wahlkampfs stiegen bereits am Donnerstag auf. Die Koalition will nicht nachgeben, die CSU nach mehreren Kurswechseln nicht schon wieder umschwenken.
Der FDP-Abgeordnete Andreas Fischer warnte „vor einer gesellschaftlichen Spaltung, die ein totales Rauchverbot in der Gastronomie mit sich bringen würde“. Die erfolgreichen Organisatoren des Volksbegehrens bei der ÖDP dagegen jubelten bereits: „Jetzt kommt das bayerische Reinheitsgebot für Wirtshaus- und Festzeltluft.“ Das letzte Wort haben die Bürger.
Text: FAZ.NET mit dpa
Bildmaterial: dpa
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Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
08.10.2009 13.44
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Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis

08. Oktober 2009 …
Herta Müller gilt als „Chronistin des Alltagslebens in der Diktatur“, die ihre Kindheit in Rumänien als Schule der Angst durchlebt hat und davon in ihren Werken beredet und bedrückend Zeugnis ablegt. Seit Anfang der 90er Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört Müller mit Büchern wie „Der Fuchs war damals schon ein Jäger“, „Herztier“ und „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb. Das Lebenswerk der heute 56 Jahre alten deutsch-rumänischen Autorin zeugt von schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit unter dem Ceausescu-Regime, dem sie erst 1987 entkommen konnte, ……

Herta Müller wurde am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temeschwar im lange Zeit deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren. Nach den Eingriffen der Zensur in ihr erstes Buch und wiederholten Verhören und Hausdurchsuchungen verließ Müller 1987 schließlich ihre Heimat und siedelte in das damalige West-Berlin über. Schon 1984 war im Westen ihr Erzählband „Niederungen“ erschienen.
Der später folgende Prosaband „Reisende auf einem Bein“ entstand 1989 bereits in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider. Der Alltag in einem totalitären System ist Thema ihres Romans „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992). „Herztier“ (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien. …

faz.net 8.10.09


Auch Herta Müller hatte 1997 den Aufruf der Autoren gegen die „Rechtschreibreform“ unterzeichnet und weiterhin Distanz gezeigt:

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.7.00
F.A.Z. FRANKFURT, 27. Juli.[2000] Der Beschluss der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, am 1. August zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, hat zur Wiedereröffnung der Debatte über die Rechtschreibreform geführt. Bei den Lesern dieser Zeitung stieß die Entscheidung, die eine beispiellose Flut von schriftlichen und telefonischen Reaktionen zur Folge hatte, auf nahezu einmütige Zustimmung. …
Alle Verlautbarungen der Kulturbürokratie hätten ohnehin das Fehlen jeglichen Sprachgefühls bewiesen, selbst die „Autoren von Trivialromanen“ seien solcher „Dummheit“ im Umgang mit der Muttersprache „weit überlegen“. Wie Herta Müller sieht auch Günter Kunert in dem Entschluss einen Sieg der Sprache über die Kulturbürokratie. Der „Anschlag von Beamten“, meinte Kunert, sei damit noch einmal vereitelt worden; dies sei für ihn „tröstlich“.

Spiegel, KN u.a.:
Das Lebenswerk der heute 56-Jährigen deutsch-rumänischen Autorin zeugt von schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit unter dem Ceausescu-Regime, …
spiegel.de 8.10.09
kn-online.de 8.10.09


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glasreiniger
16.07.2009 12.34
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Re: Einigkeit nur beim Volksentscheid

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von Norbert Lindenthal
FAZ, 16.7.2009

CDU kündigt Bündnis auf
Große Koalition in Schleswig-Holstein geplatzt



Bei SpOn heute:

... Neuwahlen, nach der das Land lächzt.

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Norbert Lindenthal
16.07.2009 04.27
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Einigkeit nur beim Volksentscheid

FAZ, 16.7.2009

CDU kündigt Bündnis auf
Große Koalition in Schleswig-Holstein geplatzt


Auslöser der jüngsten Krise waren Konflikte um die staatliche HSH Nordbank.


[Anmerkung:
Die Regierung bürgt für die HSH Nordbank, womit jeder Schleswig-Holsteiner mit paar Tausend Euro verschuldet ist]
__________________
Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
05.05.2009 06.57
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Leserbrief von Hans Krieger

Die Sprache gehört niemandem

Es ist Peter Eisenbergs großes Verdienst, den Streit um die Rechtschreibung, den er für beendet erklärt, neu eröffnet zu haben („Lehrer, euch gehört die Sprache nicht!“, F.A.Z. vom 17. April). Denn die Folgeschäden der Reform sind täglich zu beobachten. Der gegenwärtige Schreibusus ist geprägt von allgemeiner Desorientierung, und selbst der partielle Rückbau der Reform, vor allem in der Getrennt- oder Zusammenschreibung, scheint mehr von Zufall und Beliebigkeit bestimmt zu sein als von einer Wiedergewinnung des Sprachverständnisses.

Das Problem hat Eisenberg mit wünschenswerter Schärfe formuliert: „Die Orthographie ist weder dazu gemacht, dass man mit ihr erfolgreich Wörterbuchverlage betreibt, noch dazu, in den Schulen gelehrt zu werden. Sie ist, wie sie ist... Jede noch so gutwillige, gutgemeinte Manipulation am Gegenstand hat zu unterbleiben.“ Aus ebendiesem Grund wäre der Rat für deutsche Rechtschreibung auch dann zum Scheitern verurteilt gewesen, wenn es all die Behinderungen seiner Arbeit, die Eisenberg aufzählt, nicht gegeben hätte. Er scheiterte nicht nur daran, dass er die Folgeschäden einer groben „Manipulation am Gegenstand“ nicht konsequent beheben, sondern nur mit Willkürspielräumen camouflieren durfte. Auch seine länger-fristige Aufgabe der „ständigen Beobachtung der Schreibentwicklung“ und der Erarbeitung von Vorschlägen zur „Anpassung des Regelwerks an den allgemeinen Wandel der Sprache“ krankt an einem unlösbaren Selbstwiderspruch. Denn nach der „Manipulation am Gegenstand“ gibt es keinen ungestörten „Wandel der Sprache“ mehr, an dem die Schreibentwicklung sich orientieren könnte. Aus den Chaosfrüchten der Deregulierung lassen sich Hinweise für ein angepasstes Regelwerk so wenig gewinnen, wie die marode Finanzwirtschaft aus ihrem unsoliden Derivatenhandel das Heilmittel der Gesundung schöpfen kann.

Auch ein neuer, schlankerer, vom Druck der Geschäftsinteressen weitgehend befreiter Rat für deutsche Rechtschreibung wird da wenig ausrichten können, wenn die Aufgabe nicht klar definiert ist. Mit der „Erhebung und Auswertung von Sprachdaten“ ist es nicht getan, denn erfasst würde ein künstlich gestörter Schreibgebrauch. Erst wenn ein konsistentes Regelwerk den Usus neu konsolidiert hat, kann das „Übliche“ wieder zum Kriterium des „Richtigen“ werden. Ausgangspunkt für die Wiedergewinnung vernünftiger Rechtschreibregeln kann also nicht die Reformschreibung sein, deren logische Dürftigkeit an den hilflosen Selbstkorrekturen von Duden-Auflage zu Duden-Auflage abzulesen ist (mit der besonderen Pikanterie, dass die jüngste Duden-Auflage die vom Rat für deutsche Rechtschreibung erarbeitete „Reform der Reform“ gezielt sabotiert). Leider kann auch der Kompromissvorschlag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nicht Richtschnur sein, weil er zu viele grammatikwidrige Schreibungen akzeptiert. Wir müssen dort wieder anknüpfen, wo wir noch verlässliche, durchschaubare und sprachadäquate Regeln hatten. Das ist die Rechtschreibung, die zuletzt der Duden von 1991 dokumentiert hat.

Die neue ss/ß-Schreibung wird man inzwischen als etablierte Üblichkeit akzeptieren müssen, auch wenn sie das Lesen erschwert und nachweislich die Verwechslung von „das“ und „daß" erleichtert. Wahrscheinlich auch die unsinnigen Dreifachkonsonanten. Alles Übrige, vor allem die heiklen Fragen der Groß- und Kleinschreibung und der Getrennt- oder Zusammenschreibung, war in der vor 1996 üblichen Schreibung so überzeugend geregelt, wie man es von einem Traditionsgebilde wie der Orthographie realistischerweise erwarten kann. Auf dieser Grundlage ein angepasstes Regelwerk zu erarbeiten ist eine überschaubare Aufgabe, die nicht „mittelfristig“, sondern ziemlich rasch zu bewältigen ist, wenn der Wille da ist.

Eisenberg spricht von der Verantwortung des Staates. Mit dem Eingriff in die Sprachentwicklung hat der Staat sich eine Kompetenz angemaßt, die ihm nicht zukommt; er ist nun verantwortlich für die Behebung des Schadens, den er damit angerichtet hat. Die Sprache gehört nicht den Lehrern, gewiss. Sie gehört niemandem. Am ehesten noch gehört sie jenen, die den diszipliniertesten und verantwortungsvollsten Gebrauch von ihr machen.

HANS KRIEGER, MÜNCHEN

FAZ 4.5.2009 S.8

Scannerfehler vorbehalten. (Leider hat er nicht „Übelkeit“ statt „Üblichkeit“ gelesen.)

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