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Die Zeit
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Sigmar Salzburg
30.11.2006 18.38
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ZEIT-Zeichen

Die ZEIT verwendet immer noch die kultusministerielle Schreibung für Deppen und solche, die es werden sollen. Die Zimmersche Reparatur hat kaum zu sichtbaren Konsequenzen geführt. Der Bericht über neue Forschungsergebnisse zum antiken Antikythera-Mechanismus zeigt dies wieder einmal deutlich.

Mechanische Kunsthand:

… bis in byzantinische Zeiten konnten Mechaniker nicht mehr als eine Hand voll Zahnräder zusammenschalten, so jedenfalls dachten die Altertumsgelehrten vor dem Fund von Antikythera….

„Hand voll“ schreiben noch nicht einmal die reformunterwürfigen Kieler Nachrichten.
Zusätzlich finden wir noch das Doofen-Ä, den F-Fimmel, natürlich den ss-Geßlerhut sowie längst überholte Spaltschreibungen …

Der bisher aufwändigste Versuch, dem bronzenen Rätsel auf den Grund zu gehen, ist das Antikythera Mechanism Research Project (AMRP): … Allein der 3-D-Röntgen-Tomograf, der das verwirrende Innere des antiken Automaten mit Zehntel-Millimeter-Genauigkeit abtastete, wiegt acht Tonnen. …

Die korrodierten Zahnräder waren zu fest ineinander verbacken, um sie zerstörungsfrei auseinander zu nehmen.


… und ein auf liebe Weise gewonnenes Bild:

Als Stais im Mai 1902 seine Erkenntnisse veröffentlichte, stieß er auf empörte Ablehnung. Derart raffinierte Feinmechanik passte nicht ins lieb gewonnene Bild der antiken Geisteswelt …
Keine handfeste Spur, dass sie verwirklicht worden waren, lag vor, und die Historiker wussten schon damals um die Neigung antiker Chronisten, ihre Gegenstände fantasievoll zu überhöhen….

Price erkannte, wie solch ein Getriebe den Lauf der Sonne durch den Tierkreis, die Phasen des Mondes sowie die Auf- und Untergangszeiten beider Gestirne übers Jahr hinweg vorhersagen kann. Dazu war aufwändige Rechnerei nötig…

Die Lücken mute Price aus seiner Fantasie ergänzen. Und offenbar war er dabei nicht fantasievoll genug.

Weil Wrights Job ausschließlich die Erforschung der Objekte im Museum vorsah, reiste er auf eigene Faust nach Athen und durchleuchtete das Räderwerk mit selbst gebastelten Röntgengeräten …

Laut der Rekonstruktion von Edmunds und seinen Kollegen berechnete ein zentral gelegenes Rad mit 223 Zähnen die so genannte erste Anomalie der Mondbahn:…Tatsächlich erkannten die AMRP-Forscher eine spezielle Finsternis-Vorhersagefunktion an dem Räderwerk, basierend auf den so genannten Saros-Perioden …


Nicht einmal SPIEGEL und SPRINGER verwenden die exhumierte „so genannten“-Spaltschreibung des 17. Jahrhunderts.
Eine Reformdummheit ist dem Verfasser oder seinem Korrekturautomaten jedoch entgangen:

Der Durchbruch gelang Price 1971, als er mit Hilfe der griechischen Atomenergiebehörde Gamma-Radiografien des Mechanismus machen konnte.

Die neue „mithilfe“ wird seit August von der Springer-Duden-Software erzeugt und verursacht beim Lesen der WELT ein besonders unangenehmes Schwindelgefühl, wenn sich erst am Ende einer langen Satzperiode aufklärt, ob am Satzanfang „Mithilfe“ oder „Mit Hilfe“ gemeint ist.

http://www.zeit.de/2006/49/A-Antikythera?page=all
– geändert durch Sigmar Salzburg am 01.12.2006, 07.36 –
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Sigmar Salzburg

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PL
03.08.2006 16.01
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Weisheit der Orthopäden

Die Wahrheit hinkt stets hinter der Lüge her.

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Sigmar Salzburg
03.08.2006 15.48
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Zehn Jahre auf dem Mond gelebt

Und Schluss

Die Reform der Rechtschreibreform tritt in Kraft. Was lehrt der lange Streit um »ss« oder »ß«?

Von Jens Jessen

Es ist vollbracht. Seit Anfang des Monats gilt die neue deutsche Rechtschreibung verbindlich in Schulen und Behörden. Widerstrebende Bundesländer wie Bayern und Nordrhein-Westfalen haben eingelenkt. Selbst Bild, die Welt und der Spiegel, die sich zu einer denkwürdigen überspringenden Kampfgemeinschaft gegen die Reform zusammengeschlossen hatten, wollen ihr nun folgen. Nur die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die dem Trutzbund ebenfalls angehörte, denkt noch nach.

Die allermeisten Leser werden freilich keinen Unterschied bemerken, weil in den allermeisten Fällen auch kein Unterschied besteht. Die Rechtschreibreform bezog sich immer nur auf weniger als zehn Prozent der Schreibweisen, und von diesen waren nur das gehäufter auftretende Doppel-S, manche Getrenntschreibungen oder kurios anmutende Ableitungen wie »aufwändig« (von »Aufwand«) augenfällig.
Die wenigsten haben sich bisher an alle neuen Regeln gehalten, wenige werden es in Zukunft tun. Sie müssen es im Übrigen auch nicht. Die Nachrichtenagenturen oder die ZEIT, die sich eigene Abweichungen überlegt haben, können getrost dabeibleiben. Denn der Rat für die Rechtschreibung, der nach fast einem Jahrzehnt wilder Proteste eingerichtet worden war, hat zahlreiche Neuerungen wieder kassiert, Ungereimtheiten beseitigt, neue Ungereimtheiten geschaffen, Varianten zugelassen, am Ende das ganze Reformwerk in eine undeutliche Nachbesserung der gewohnten Schreibung verwandelt.

Was also ist mit der amtlichen Einführung wirklich vollbracht? Zu den Merkwürdigkeiten der Debatte gehörte, dass in all der Aufregung vollständig vergessen wurde, zu welchem Zweck die Reform einst ins Werk gesetzt worden war, nämlich um den Schülern das Schreibenlernen zu erleichtern. Darum wurde von den Gegnern der Reform auch nicht das Naheliegende eingewandt: dass der Mensch im Laufe seines Lebens unendlich mehr liest als schreibt, und deswegen Orthografie vielleicht besser der Lese-erleichterung statt der Schreiberleichterung dienen sollte. [1] Statt damit zu argumentieren, haben die Rechtschreibgegner von Anfang an getan, als ginge es um einen Anschlag auf die eine, altehrwürdige und heilige Schreibung der deutschen Sprache.
Eine solche hat es freilich nie gegeben. Auch die plötzlich verklärte alte Rechtschreibung war nur das Ergebnis einer vielfältig nachgebesserten, im Kern aber staatlich verordneten Reform vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Schriftsteller zuvor haben anders geschrieben; bei Fontane beispielsweise findet man all die Groß- und Getrenntschreibungen, deren Übermaß man der jetzigen Reform zum Vorwurf macht. Manches spricht dafür, dass die Proteste auf dem Missverständnis beruhten, Sprache und Schrift seien unwandelbar miteinander verknüpft. Tatsächlich hängen sie aber nur lose zusammen, und die Schreibung, weit davon entfernt, jemals adäquat zu sein, hinkt stets dem Sprachwandel hinterher.

Orthografische Wörterbücher wie Wahrig oder der Duden sind darum in ihren aktuellen Ausgaben dazu übergegangen, neben einer regelgerechten Schreibung auch Varianten zu nennen. Der frühere bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, lange ein erbitterter Gegner der Reform, klagt zu Recht darüber, dass der Duden, der doch an allen Sitzungen des Rechtschreibrates teilgenommen hat, jetzt sogar manche Schreibung favorisiert, die nicht den Regeln entspricht. Tatsächlich kommt eine Auswahl von Varianten der Wahrheit über die deutsche Rechtschreibung am nächsten. Da es sich um ein gemischtes System handelt, das teils nach dem Laut, teils nach der Bedeutung geht, sind immer konkurrierende Lösungen denkbar.

Was damit auf absehbare Zeit nicht zurückkommt, ist freilich die Einheitlichkeit der Schreibung jenseits der Schulen. Die Reformgegner, die das beklagen, müssen sich allerdings auch an die eigene Nase fassen: Sie haben mit ihren Blockaden den Zustand der neuen orthografischen Freiheit mit erzeugt. Das Ergebnis ist nicht ohne Ironie. Die Anhänger einer unwandelbaren Rechtschreibautorität haben diese Autorität durch partisanenhafte Abweichung ihrerseits beschädigt.[2] Was also lehrt der Streit? Dass Menschen, die sich unter Mühen an ein übermäßig verzwicktes System – denn das war die alte Schreibung – gewöhnt haben, dieses am Ende lieb gewinnen und nicht mehr aufgeben wollen. Vielleicht damit die Mühe nicht umsonst war.

© DIE ZEIT, 03.08.2006 Nr. 32

[1] Jens Jessen hat offensichtlich in den letzten zehn Jahren nie ernsthaft die Argumente der Reformgegner zur Kenntnis genommen.

[2] Jessen kann anscheinend nicht die Autorität der Millionen denkender Schreiber von der angemaßten Autorität der Kultusminister unterscheiden.
Er kann auch nicht die seit über hundert Jahren aufgebaute Einheit von Schreibgemeinschaft und Milliarden Schriftdokumenten unterscheiden von einer nur durch Erpressung erreichbaren Augenblickseinheit der Bürger unter Führung willfähriger oder indoktrinierter Schreiber, die die gesamte vergangene Literatur alt aussehen läßt.


Weiteres vom und über den ZEIT-Schreiber Jens Jessen findet man bei der Suche auf diesen Seiten.


– geändert durch Sigmar Salzburg am 04.08.2006, 09.00 –

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Sigmar Salzburg
20.02.2006 20.20
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Zeit-Geist

Tilmann Lahme in der F.A.Z. v. 20.2.06 über die Veranstaltung zum Sechzigsten in den Räumen der „Zeit“:

Di Lorenzo redet sich nicht heraus, betont die demokratischen Strukturen und die Streitkultur des Blattes, nennt aber die Grenzen der Unabhängigkeit, etwa bei einer kritischen Berichterstattung über ein Mitglied der eigenen Konzernfamilie (Holtzbrinck) wie etwa den Rowohlt-Verlag. Selbst eigens zum Nörgeln Angereiste durchbrechen mit ihrer Empörung über das neue Layout des Blattes, zuviel Farbe, Rechtschreibfehler und den Verweis darauf, daß unter Bucerius (also „früher“) alles besser war, den Charmepanzer des Chefredakteurs nicht.

Nur am Ende fällt di Lorenzo, auf die Rechtschreibreform angesprochen, aus der Rolle. Man habe eine eigene Schreibung, eng an der Reform, entwickelt, die meisten Redakteure der „Zeit“ hielten selbst die Neuerungen für wenig geglückt, aber man wolle schon um der Schüler und Lehrer willen kein Zurück. Für eine „Anmaßung“ halte er den Versuch „einiger Medien“, auf ein Gesetzgebungsverfahren derart massiv einwirken zu wollen. Beifall und Kopfschütteln zugleich erntet er dafür. „Anmaßung“ ist ja auch vielleicht ein bißchen anmaßend.


Die Kinder als Geiseln und Waffe (Kultusminister) und als Schutzschild (Presse).


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Sigmar Salzburg

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Christian F. Langewische
12.10.2004 22.19
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Känguruh kommt nicht vom Gnu

Hier noch ein älterer Artikel aus der „Zeit“, auf den ich gestoßen bin.

Zu finden ist er unter: http://www.zeit.de/archiv/1998/42/199842.rechtschreibung_.xml

Zitat:
Känguruh kommt nicht von Gnu

Nach dem Volksentscheid gegen die Rechtschreibreform: Was denken Gymnasiasten?

der 10 fl der Immanuel-Kant-Schule Neumünster

Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass wir bald eine neue Rechtschreibung haben sollten, konnte ich es gar nicht glauben. Ich dachte, was für ein „irrer“ Mensch sollte so etwas durchsetzen wollen. Ich hielt es für totalen Quatsch. Vielleicht sollte es auch nur die Wirtschaft ankurbeln, weil ja neue Stoppschilder, Bücher und vieles mehr gekauft werden müssen.

Dann kam der Volksentscheid. Und jetzt, wo mir die neue Rechtschreibung gerade logisch erschien, sollen wir schon wieder umlernen. Schleswig-Holstein ist nun das einzige Land in Deutschland, in dem die alte Rechtschreibung gilt. Ich denke nicht, dass das ein Vorteil für uns ist, was die Gegner der Rechtschreibreform natürlich meinen.

Wo sollen die Schulen neue Schulbücher herbekommen, wenn es keinen Verlag mehr gibt, der Bücher in der alten Rechtschreibung druckt? Katrin Westpfahl, 16 Jahre
Ich habe vor ca. vier Jahren das erste Mal von der „Neuen Rechtschreibung“ gehört. Die Lehrer gaben uns als erstes einen Zettel mit der Reform und ihren Vorschlägen. Es dauerte nicht lange, bis wir unsere Deutsch-Einheit über die neue Reform beendet hatten. Nun sollten wir sie möglichst überall anwenden. Jetzt, nach vier Jahren, wo wir die Reform beherrschen, sollen wir sie wieder absetzen und uns „umgewöhnen“. Und was passiert, wenn in Schleswig-Holstein in drei Jahren doch die Reform durchgesetzt wird? Wir müssen wieder die „tolle“ Reform lernen. Also ich halte die ganze Reform für sinnlos. Jasmin Jodehl, 16 Jahre

Ich halte die Rechtschreibreform für sinnvoll, da die Reformpunkte auf Logik basieren. Daher ist es traurig, dass die Reform gekippt ist. Aber zum Glück haben die Reformgegner den Gesetzesentwurf so gestaltet, dass in dem Fall, dass die anderen Bundesländer nicht nachziehen und die alte Rechtschreibung nicht wieder einführen, die Reform trotzdem stattfindet.

Ich denke, der Grund für das Scheitern besteht darin, dass vor allem ältere Leute (älter als 50) und Leute ohne Kinder, die sich nur sehr wenig oder gar nicht damit beschäftigt haben, dagegen gestimmt haben. Jüngere Leute (jünger als 30) und Ehepaare mit Kindern, die sich meist schon etwas intensiver mit den neuen Regeln befasst haben und sie vielleicht auch schon anwenden, haben meistens dafür gestimmt. Doch der Anteil der ersten Gruppe ist größer, gerade in Schleswig-Holstein.

Diese Leute verstehe ich aber: Zwischen den ersten Überlegungen und dem Zeitpunkt, an dem die alten Schreibweisen falsch sind, liegen noch nicht einmal 15 Jahre. Das ist für eine Sprache ein sehr kurzer Zeitraum. 30 bis 40 Jahre sollten meiner Meinung nach zwischen der Einführung der neuen Schreibweise und dem Ablauf der Gültigkeit der alten Schreibweise liegen, so dass die Leute sich keine Gedanken machen brauchen, dass sie vielleicht umlernen müssen. Malte Classen, 15 Jahre

Ich finde die neue Rechtschreibung besser als die alte. Denn sie erleichtert das Erlernen für Schulanfänger, indem man mehrere Wörter ableiten kann, wie z. B. Stengel, jetzt Stängel, von Stange. Sie ist logischer bei zusammengesetzten Worten (Schiffahrt wird zu Schifffahrt), der Groß- und Kleinschreibung („das weite suchen“ wird zu „das Weite suchen“) und Wörtern wie „radfahren“, das neu als „Rad fahren“ geschrieben wird. Die Mehrheit der Leute hat sich noch gar nicht richtig mit der neuen Rechtschreibung befaßt, sie stört nur, daß sie umlernen müßten, also stimmen sie gegen sie. Janina Ullrich, 15 Jahre

Früher war ich ein totaler Gegner der Rechtschreibreform. Doch im Laufe der vergangenen zwei Jahre ist mir klargeworden, dass (daß) sie auch viele Erleichterungen enthält. Hiermit möchte ich darauf hinweisen, dass (daß) ich mittlerweile von der neuen Rechtschreibung überzeugt bin, weil sie viele logische Erleichterungen für uns enthält. Zum Beispiel rauh bzw. rau; nummerieren bzw. numerieren, oder war's andersherum?
Ich jedenfalls fühle mich vom Kultusministerium und von den Politikern ver-kohl-t, aber vielleicht wird jetzt ja alles anders.

Ich frage mich, wie es jetzt wäre, wenn ich einen Brief an meine Tante, die in Niedersachsen wohnt, schicken würde. Müsste (Müßte) meine Anrede jetzt „Ich grüße dich“ oder „ich grüße Dich“ geschrieben werden?

Wenn ich jetzt eine Schifffahrt (Schiffahrt) machen würde und an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns anlegen würde, müßte (müsste) ich dann nach der neuen oder nach der alten Rechtschreibung schreiben?

Die ganze Sache irritiert mich schon recht stark. Ich bin auch nicht bereit, alles noch einmal wieder neu zu lernen, da ich gar nicht mehr so genau die Unterschiede kenne. Ich finde dies alles ziemlich absurd. Hätte es vor ca. 4 Jahren diesen Volksentscheid gegeben und hätten nicht alles die Politiker entschieden, würde es jetzt nicht so ein Theater geben. Nils Stührwohldt, 16 Jahre

Meinetwegen könnte die Reform noch rabiater sein, z. B. dadurch, dass das „ß“ ganz abgeschafft wird, doch dadurch würde man vielleicht auch den Stil der deutschen Sprache zu sehr verändern. Manuel Stange, 15 Jahre

Als ich zum ersten Mal von der neuen Rechtschreibreform gehört habe, war ich ziemlich verwundert, denn ich wußte nicht, welche Vorteile die Reform für uns Deutsche bringen sollte. Uns Schülern ist damit nicht geholfen, denn seit der ersten Klasse lernen wir die alten Formen und haben jeden Tag damit zu tun.

Nun hieß es plötzlich: „Das Wort könnt ihr jetzt so schreiben, da müßt ihr ein Komma setzen und da nicht.“ Wir waren total durcheinander. Aber als wir uns dann langsam mit unserem Schicksal abgefunden hatten, kam der nächste Schock! Eine Gruppe von Leuten kämpfte erbittert gegen die Reform. Unterschriftenlisten, wo ich nur hinkam!

Sollten wir armen Schüler nun die neuen Rechtschreibregeln lernen oder warten, bis die „Anti-Reformer“ Erfolg mit ihrem Protest haben? Jetzt sind wir das einzige Bundesland, in dem die Reform nicht durchgesetzt wurde. Alle Schulbücher sind neu gedruckt. Sollen wir unsere Bücher jetzt selbst nach der alten Schreibweise korrigieren? Jana Erhart, 15 Jahre

Meine Abneigung gegen die Reform kommt vor allem daher, dass ich den Sinn einiger Änderungen einfach nicht für logisch erklären kann. Wieso zum Beispiel soll „stop“ mit „pp“ geschrieben werden? Na klar! Damit wir in ganz Deutschland neue Stoppschilder kaufen können. Der Staat (wo er sowieso schon soviel Geld hat) weiß ja gar nicht, wohin mit dem vielen Geld, das er beim Verkauf der neuen Duden eingenommen hat.

Oder „Känguruh“ sollte künftig ohne „h“ am Ende geschrieben werden, weil es ja angeblich von „Gnu“ abzuleiten ist. Warum, stelle ich mir die Frage, weiß bloß jedes Kind aus dem Bio-Unterricht, daß das Gnu aus Afrika und das Känguruh aus Australien kommt. Sprich: eine Verwandtschaft ist da doch eigentlich auszuschließen.
Als drittes Beispiel möchte ich „Stengel“, der „Stängel“ geschrieben werden sollte, weil man ihn angeblich von „Stange“ ableiten kann, nennen. Allerdings konnte ich bisher noch keine Ähnlichkeiten (außer der Form vielleicht) oder gar Verwandtschaft zwischen einem Blumenstengel und einer Metallstange feststellen.

Für mich ist die Rechtschreibereform nur eine Verstümmelung der deutschen Sprache. Eine Sprache ist lebendig und muss sich langsam entwickeln. Veränderungen kann es nicht von heute auf morgen, besonders nicht in so gehäufter Form, geben. Lebendig bedeutet für mich außerdem, daß es Ausnahmen geben sollte, gewisse Unregelmäßigkeiten, und nicht alles nach Schema F.

Der Schaden, den es jetzt gibt, ist vor allem dadurch entstanden, daß alle Schulen wie die „Bekloppten“ anfingen, nach der neuen Schreibung zu unterrichten und neue Bücher einzukaufen, obwohl das Gesetz noch nicht einmal beschlossene Sache war. Ich denke, schlimmer noch als die allgemeine Verwirrung der Schüler ist es für die Erstklässler der letzten drei Jahre, denn sie können gleich noch einmal von vorne anfangen. Christiane Wolf, 15 Jahre

Ich bin für die Reform, denn in der Schule wurde schon seit etwa drei Jahren mit den neuen Regeln geschrieben und ich persönlich kenne nur noch wenige der vorherigen Regeln. Ich weiß von anderen Schülern, dass es ihnen genauso ergeht. Auch da wir nur Bücher in neuer Rechtschreibung erhalten, müssen wir uns dann, wenn wir schreiben, wieder auf die alte Rechtschreibung umstellen. So macht man bestimmt mehr Fehler in Aufsätzen. Carsten Klatt, 15 Jahre

Gewisse Teile der Rechtschreibreform sind wirklich von Vorteil (weniger Kommas), andere aber völlig verwirrend und überflüssig, wie z. B. ss für ß oder die neuen Trennregeln. Deshalb denke ich: eine Rechtschreibreform ist okay, aber nicht so! Jette Seiler, 15 Jahre

Ich bin gegenüber der Rechtschreibereform geteilter Meinung. Einerseits finde ich es gut, dass die neue Rechtschreibung abgelehnt wurde, da ich die alte besser beherrsche und ich finde, dass die deutsche Sprache ihren Stil dadurch verliert. Andererseits geht mir dieses ganze Hin und Her auf die Nerven. Wenn ich später in einem anderen Bundesland studieren will, muss ich in der neuen Rechtschreibung schreiben, doch in Schleswig-Holstein kann ich in der alten schreiben. Unsere Schulbücher sind jetzt auch in der neuen geschrieben, wie soll man Kindern die alte Rechtschreibung beibringen, wenn alle Bücher nach der neuen Reform geschrieben sind? Pia Falk, 16 Jahre

Nach meiner Meinung wollen die Erwachsenen die Reform nicht annehmen, weil sie zu faul sind, die neuen Regeln zu lernen, auch wenn diese vieles vereinfachen. Dabei beachten sie nicht, dass ihre Kinder die Regeln schon beherrschen und für sie wäre die alte Rechtschreibung wie die neue für die Erwachsenen, weil sie sich umstellen müssten. Da der Mensch nun mal ein Wesen ist, das die Umwelt an sich anpasst und sich nicht der Umwelt anpasst, weil es sich nicht umstellen will, bin ich der Meinung, dass, wenn Kinder ab der ersten Klasse ebenfalls stimmberechtigt für den Entscheid gewesen wären, dass dann das Ergebnis eher zu Gunsten der Reform ausgegangen wäre. Lars Wahnfried, 15 Jahre

Ich helfe in unserer Schule in der Lernmittelbücherei, wo wir in den letzten drei Jahren Tausende von Mark ausgegeben haben. Sollen wir diese Bücher jetzt einfach nur rum liegen lassen? Wirklich absurd wäre es, wenn wir in Deutschland zwei Rechtschreibungen hätten oder mit der alten und der neuen schreiben könnten. Das kann nicht sein. Es kann nur eins richtig sein. Thorsten Sorge, 16 Jahre

Anfang 1996 wurden in Schleswig-Holstein die ersten Lehrkräfte in der neuen Rechtschreibung fortgebildet. Es erschienen Handreichungen für den Unterricht; es gab Hinweise, wie bei der Einführung neuer Schul- und Wörterbücher verfahren werden sollte. Wir haben dann nach und nach, mit den fünften Klassen beginnend, die zehn Jahre alten Sprach- und Lesebücher durch solche mit der neuen Schreibweise ersetzt.

Wir folgten den Anweisungen aus dem Ministerium und korrigierten so, daß wir die alte Schreibweise markierten und an den Rand schrieben: „neu: ...“. Fehler wurden nur gerechnet, wenn das Wort oder Satzzeichen nach der neuen und der alten Regel falsch war.

Die Schülerinnen und Schüler stellten sich recht schnell auf die neuen Schreibweisen ein, und natürlich profitierten sie bei den Zensuren davon, daß die Regeln weniger eng waren als vorher.

Als der Volksentscheid anlief, habe ich mir beim Korrigieren die Arbeit gespart, jeweils die neue Schreibweise an den Rand zu schreiben. Seit anderthalb Jahren habe ich den Schwerpunkt der Unterrichtsarbeit im Elementarbereich auf die Grammatik verlegt und die reine Orthographie seltener als sonst systematisch trainiert, weil offen war, wie es weitergehen sollte.

Offen bleibt die Sache nun wohl noch etliche Zeit – und das muß zunehmend das Rechtschreibevermögen beeinträchtigen, um das sich die Öffentlichkeit schon lange zu Recht Sorgen macht. Ich bin froh, dass ich zur Zeit nur eine 10. Klasse in Deutsch habe, bei der die Grundlagen in der Orthographie bereits gelegt sind.

Die Schülerinnen und Schüler meiner 10. Klasse reagieren wütend oder ironisch auf die Situation, wie ihre Aufsätze zeigen. Ich bin im Augenblick nur ratlos: Weder weiß ich so recht, wer eigentlich verantwortlich ist für diese Situation, noch sehe ich, wie es ohne weitere Kosten und weiteren Schaden für die Rechtschreibleistungen meiner Schüler (nach alten oder neuen Regeln) weitergehen soll. Utta Rudershausen, Studiendirektorin

(c) DIE ZEIT 1998


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Christian F. Langewische

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Norbert Lindenthal
08.10.2004 08.59
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Die Zeit

8.10.2004

Interview (als Mitschnitt vom Deutschlandfunk liegt auch eine Tonspur (mp3 7,2 MB 7.36 Minuten) vor)

15 Monate Zeit für eine neue Kultusministerkonferenz

Interview mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, CDU

Meurer: Von den Ereignissen in Ägypten nach Berlin. Dort gibt es gestern und heute eine Ministerpräsidentenkonferenz, die vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit findet als vergangene Konferenzen, denn im Mittelpunkt steht ein Mann, der bislang eher für die leisen Töne bekannt war. Unter Christian Wulff ist aber das Bundesland Niedersachsen aus der Konferenz der Kultusminister ausgestiegen. Für diesen Paukenschlag hat Wulff Zustimmung und heftigen Protest hervorgerufen. Für uns ist er jetzt am Telefon. Guten Morgen Herr Wulff!

Wulff: Schönen guten Morgen Herr Meurer.

Meurer: Sie wollten ja zunächst die Rechtschreibreform stoppen. Müssen Sie einräumen, dass Ihnen das jetzt bei der Ministerpräsidentenkonferenz nicht gelungen ist?

Wulff: Ich bin ziemlich ernüchtert über die Situation, dass die Abschaffung der alten bewährten Rechtschreibung beschlossen worden ist, jetzt aber erhebliche Probleme bestehen, die offenkundigen eingetretenen Ungereimtheiten und auch Fehlentwicklungen einzuräumen und Korrekturen vorzunehmen. Es hilft aber nichts, in solch einer Lage „Augen zu und durch“ zu sagen, sondern es muss darüber gesprochen werden, inwieweit jetzt der Rat für deutsche Sprache fair und pluralistisch von Gegnern und Befürwortern zusammengesetzt wird und dann Vorschläge macht, um eben die größten Fehlentwicklungen in verschiedenen Bereichen, ob der Getrennt- und Zusammenschreibung, bei den Übertragungen der Fremdwörter oder der Trennung sowie der Zeichensetzung, doch noch zu vermeiden und zu korrigieren. Hier gibt es jetzt einfach Erfahrungen, die gemacht worden sind, die die Gegner der Rechtschreibreform haben eben nicht verstummen lassen, sondern eher bestätigt haben. Ich gehöre seit acht, neun Jahren zu den Gegnern dieser Versuche, die Rechtschreibung neu zu erfinden.

Meurer: Sie haben ja der Kultusministerkonferenz vor Wochen vorgeworfen, sie sei borniert und abgehoben, weil sie eben die Rechtschreibreform verändern will, nicht verzögern will. Müssen Sie diesen Vorwurf jetzt an die Ministerpräsidentenkonferenz richten?

Wulff: Ich glaube, dass die Entwicklungsgeschichte der Rechtschreibreform, wie man dort kreiert hat, ohne zu berücksichtigen, dass Sprache Kulturgut ist und die deutsche Sprache sozusagen im Bestand der Bevölkerung ist auch im Konsens weiterentwickelt werden muss, bis heute nicht zureichend von den Akteuren erkannt ist, denn wenn jetzt auf jeder Ketchup-Flasche weiter eine Bezeichnung steht, die demnächst dann als Fehler angestrichen wird, wenn an allen Restaurants „Restaurant“ steht und demnächst bei den Kindern in der Schreibweise als Fehler angestrichen werden könnte, dann ist das einfach ein Auseinanderentwickeln, wo dann ja schon viele argumentieren, das ganze Thema sei unwichtig, weil eh jeder schreibe wie er schreiben wolle.

Meurer: Aber da wird Ihnen ja vorgeworfen, gerade für die Kinder müsse man es bei der Reform belassen, um nicht ein ewiges Hin und Her zu veranstalten.

Wulff: Diejenigen die gesagt haben, die neue Rechtschreibung kostet bei der Einführung gar nichts, weil eh die Auflagen immer wieder neu überarbeitet werden, die waren dann die ersten die gesagt haben, aber die Korrektur würde viel Geld kosten. Das Argument ist entweder einmal stimmig, also es ist immer stimmig, oder es hat nie gestimmt. Ich weiß, dass die Generationen, die jetzt die neue Rechtschreibung erlernt haben, die 5. und 6. Schuljahrgänge, dann bestimmte alte Regeln wieder erlernen müssten, aber trotzdem kann das ja kein Argument sein, Fehlentwicklungen, mangelnde Differenzierungen, Missverständlichkeiten fortzuführen, weil man sich dieses nicht zutraut beziehungsweise nicht schultern will.

Nun sind wir ja ein Stück weiter und es gibt ganz offenkundig nur noch den Konsens, dass man zumindest versucht, über den Rat für deutsche Sprache ein wenig Korrekturen vorzunehmen. Wenn das denn heute erreicht würde in der Fortsetzung der Ministerpräsidentenkonferenz, dann wäre immerhin ein kleiner Hauch von Versuch, in dieses Thema Befriedung zu bringen.

Meurer: Aber die Kultusminister wollten auch schon diesen Rat. Was also hat Ihr einsames Vorpreschen gebracht?

Wulff: Wissen Sie, wenn ganz offenkundig etwas falsch läuft, dann darf man es nicht davon abhängig machen, ob man es thematisiert, ob man das alleine thematisiert oder ob man es in der Mehrheit thematisiert, denn wir hätten keine Fehlentwicklungen korrigiert, wenn nicht einzelne den ernsthaften Versuch unternehmen würden, unabhängig davon, ob die Mehrheit schon deshalb dagegen ist, weil sie seit vielen Jahren in das Thema involviert ist. Inzwischen dürfte es eine breite Mehrheit bei allen Beteiligten geben, dass man aus heutiger Sicht, wenn man das damals vorausgesehen und beachtet hätte, das ganze Thema nicht so angepackt hätte. Die Selbstkritik sollte allen inne sein, dass begeistert und stolz auf das, was hier veranlasst wurde, offenkundig so gut wie keiner ist. Das sollte uns nachdenklich stimmen, dass manchmal auch falsch vorgeprescht wird.

Meurer: Sie haben vorgestern ja in Hannover entschieden und faktisch umgesetzt, dass es zum Ausstieg aus der Kultusministerkonferenz kommen soll. Wie geht es denn dort jetzt weiter?

Wulff: Wir haben den Vertrag der Vereinbarung der Länder gekündigt zum 31. Dezember nächsten Jahres. Das heißt, wir haben 15 Monate Zeit, über eine neue, eine bessere, eine verschlankte, effizientere und vor allem sparsame Kultusministerkonferenz uns einig zu werden. Ich halte es für möglich, dass wir das bereits bis Dezember diesen Jahres, also ein Jahr vor in Kraft treten der Kündigung, schaffen könnten, wenn wir uns jetzt kurzfristig über Reformbedarf verständigen. 50 Millionen Euro für die Kultusministerkonferenz im Jahr, 36 Gremien, mehr Leute als manches Kultusministerium hat, das ist völlig unverantwortlich. Wenn sich alle überall zur Decke strecken, dann kann sich nicht die Kultusministerkonferenz weiter derart verselbständigt aufführen, wie das die letzten Jahre der Fall gewesen ist.

Meurer: Aber wegen der Gehälter von einigen Beamten, muss man da gleich aus der Kultusministerkonferenz aussteigen?

Wulff: Wissen Sie, wenn seit Jahren der Reformbedarf über diese Kultusministerkonferenz von niemandem bestritten wird und dort Gremien tagen, Kommissionen, Ministerkonferenzen und während der Phase der Sparsamkeit zu überlegen brauchen wir sechs Abteilungen, wenn andere Ministerien in Ländern vier haben, und dann ein solcher Tarifvertrag geschlossen wird, wie er geschlossen wurde, an der Ministerpräsidentenkonferenz vorbei, an den Finanzministern vorbei, deren einhellige Empörung das gefunden hat, dann ist das ein Grund zu sagen, unter diesen Bedingungen bleiben wir nicht dabei, denn wir muten unseren Lehrern nicht zu Mehrarbeit, Kürzung von Sonderzuwendungen, Streichung von Weihnachtsgeld, während die Kultusministerkonferenz sagt für uns gilt das alles nicht.

Meurer: Über Ihre Entscheidung hat sich ja mancher oder haben sich viele gewundert. Wo ist der leise und bedächtige Christian Wulff geblieben?

Wulff: Gewundert haben sich darüber die Betroffenen, vielleicht gar nicht so sehr, aber sie haben sich riesig aufgeregt. Diejenigen, die die Kultusministerkonferenz seit vielen Jahren in ihrer Schwerfälligkeit beobachten, die sind dankbar und froh, dass jetzt über die Einführung des Mehrheitsprinzips bei vielen Fragen gesprochen wird, die eben dann auch beschleunigen und schneller zu Entscheidungen kommen, unser Bildungssystem besser machen. Ich glaube man darf in Deutschland nicht immer nur die Stellungnahmen der unmittelbar Betroffenen einholen, sondern man muss mal die Stellungnahmen der Bürger einholen, die mehr von Bildungssystemen und Qualität an Schulen und Hochschulen erwarten als derzeit geboten wird.

Meurer: Was sagen Sie ganz kurz zu dem Vorwurf, Wulff will sich in der CDU bundesweit profilieren?

Wulff: Der kommt immer. Der kommt vor allem von Journalisten, die sehr stark dazu neigen, lieber zu personifizieren als über die Schwierigkeiten von Bürgerversicherung oder Gesundheitsprämie zu berichten. Das Thematische ist oft komplexer, wobei dort das DeutschlandRadio natürlich voll auszunehmen ist, komplexer als über einzelne Personen zu spekulieren. Ich mache das aus der Sache heraus. Ich möchte in Niedersachsen eine Bildungspolitik, die vorbildlich ist und die in einigen Jahren dafür sorgt, dass unsere Schülerinnen und Schüler bei Pisa ganz vorne liegen.

Meurer: Herr Wulff, wir freuen uns natürlich über das Lob. – Danke schön Christian Wulff, der Ministerpräsident von Niedersachsen, heute Morgen im Deutschlandfunk. Auf Wiederhören nach Berlin Herr Wulff!

Wulff: Danke!

©Deutschlandfunk 2004 (c) ZEIT.de

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Fritz Koch
02.09.2004 11.33
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Ich hoffe inständig, daß F.A.Z., BILD, Spiegel, Süddeutsche und andere

zur vollständigen alten Rechtschreibung zurückkehren und sich nicht auf faule Kompromisse einlassen. Wir müssen sie darin unterstützen.

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Norbert Lindenthal
02.09.2004 09.22
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Die Zeit

(c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37

Reduzierte Rechtschreibung

Zum ersten Mal in der erbitterten Debatte um die Rechtschreibreform hat sich ein Fensterchen mit Aussicht auf eine vernünftige Lösung geöffnet. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, lange wütende Gegnerin der Reform, hat einen Vorschlag zur Güte unterbreitet. Zu Recht nimmt sie an, dass die Reform weder durchgesetzt noch rückgängig gemacht werden kann. Sie schlägt deshalb den Kompromiss einer »reduzierten Reform« vor, nämlich »Übernahme von Teilen des neuen Regelwerks, die brauchbar sind; Erweiterung des Spielraums von Schreibnormen; Rückkehr zur hergebrachten Rechtschreibung, wo die neue fehlerhaft ist«.

In der Tat, so könnte es gehen; vorausgesetzt, die Anhänger der Reform ließen von ihrer Rechthaberei ab und die Gegner könnten ihre kleinbürgerlichen Beißreflexe unter Kontrolle halten. Der Vorschlag hat im Übrigen den Vorzug, in der Praxis erprobt worden zu sein. Die Schreibregeln der Nachrichtenagenturen oder die weiter gehenden Modifikationen, die Dieter E. Zimmer für den Hausgebrauch der ZEIT an der Reform vorgenommen hat, folgten schon Prinzipien, wie sie die Akademie jetzt formuliert hat.

Leider ist Eile geboten. Denn schon hat der neue Duden auf eigene Faust Hunderte von eigenmächtigen »Reduktionen« der Reform unternommen, die deren Ungereimtheiten nicht lösen, sondern um neue Ungereimtheiten und lange Listen von Ausnahmen vermehren. Denn so schlecht durchdacht waren die neuen Regeln nun wieder nicht, dass sie sich beliebig und überall dort durchbrechen ließen, wo sie die Schriftbilderwartung des Auges stören. Der »Spielraum von Schreibnormen«, den die Akademie anmahnt, muss für den einzelnen Schreiber gelten; der Spielraum ist nicht für den Duden gedacht, damit dieser wiederum seine Lieblingsvarianten durchzusetzen versucht. Vielleicht könnte es sogar gelingen, zu der weisen Regelbeschränkung zu gelangen, die der Germanist Werner Betz in den siebziger Jahren vorschlug, nämlich zu einer Hand voll Regeln, mit denen sich neunzig Prozent aller Fälle lösen lassen, und die restlichen zehn Prozent freizugeben, die allein für die Verzwicktheiten und Widersprüche (übrigens einer jeden denkbaren deutschen Rechtschreibung) verantwortlich sind.

Jens Jessen

(c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37

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Norbert Lindenthal
01.09.2004 15.54
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Die Zeit

(c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37

demokratie

Schöne Demokraten

Kaum wird es schwierig, zweifeln viele Deutsche am ganzen System

Von Giovanni di Lorenzo

Früher, als alles besser war, hätte sich Gerhard Schröder bestimmt nicht so aufgeregt. Früher hätte ihm ein Eier werfender Demonstrant wohl kaum mehr als ein Achselzucken abgerungen. Früher hätte er vielleicht den Eierwerfer vor Gericht verteidigt, rauflustiger Strafverteidiger, der er mal war. Heute, unter dem Eindruck der Proteste in Ostdeutschland, spricht der Kanzler Schröder von der »Zerstörung« politischer Kultur. Und man denkt: Für eine Hundertschaft Demonstranten, zwei Eier, die ihn nicht trafen, und einen Stein auf sein Auto ist das ein bisschen übertrieben.


Doch den Kanzler und fast jeden Beobachter, der den Volkszorn aus persönlicher Anschauung erfährt, dürfte eine böse Ahnung verschrecken: Wenn schon die erste einschneidende Reform in Deutschland derart viel Ablehnung und Verdruss hervorruft, was passiert eigentlich in diesem Land bis zum Ende der vielen angekündigten Neuerungen, zumal dann, wenn sich die erhofften Vorteile dieser Veränderungen nicht schnell einstellen werden? Gerhard Schröder hat soeben für sich und seine gequälte Partei eine Antwort gefunden. Er will zusätzliche Reformen, die für den Bürger mit neuen Widrigkeiten verbunden sein werden, in dieser Legislaturperiode nicht mehr anpacken, weder den weiteren Umbau des Gesundheitswesens noch die Pflegeversicherung. Es ist ein macht- und parteipolitischer Reflex: Nur in der Reduktion von Zumutungen sieht er für seine Regierung offenbar noch eine Überlebenschance.




Aber es ist ein allzu vertrauter Reflex, der nur in einem System greifen kann, in dem sich Reiz und Reaktion in etwa berechnen lassen. In dem eine Regierung für gute Leistungen belohnt und für schlechte abgestraft, dann aber von einer Opposition beerbt wird, die in mäßig abgewandelter Form die Arbeit der Vorgänger-Regierung fortsetzt. Was aber, wenn diese vertrauten Mechanismen nicht mehr greifen? Das Erschrecken in diesen Tagen folgt der Entdeckung, dass sich eine der besten und stabilsten Demokratien der Welt plötzlich zweifelnd und verunsichert zeigt, dass Menschen sich von der Demokratie abwenden und ihnen Demokraten unfähig erscheinen, größere Probleme zu lösen. Manchmal überfällt einen das Gefühl, als fehle dem Populismus in Deutschland zum Durchbruch nur noch eines: der rechte Mann, der gegebenenfalls auch ein linker sein kann, oder vor allem ein Anti-Parteien-Politiker.


Der Fokus von Politik und Medien liegt auf den protestierenden Ostdeutschen, und im Westen geben sich viele entsetzt. Doch der Blick allein auf den Osten verharmlost die Verhältnisse. Denn jetzt werden Fehlentwicklungen in ganz Deutschland sichtbar. Anspruchsdenken, Wehleidigkeit und mangelnde demokratische Reife bei den Bürgern. Gleichgültigkeit, Opportunismus und Hochmut bei den Eliten. In hoch industrialisierten und differenzierten Gesellschaften wurde bisweilen eine gewisse Wohlstandsverwahrlosung beklagt. Offenbar gibt es aber auch eine Verwahrlosung von Demokraten. Sie halten die Segnungen des Systems im harmloseren Fall für selbstverständlich; im schlimmeren sind für sie die demokratischen Institutionen längst jedes Sinnes entleert.


Zur Beruhigung halten wir uns an lieb gewordene Einsichten. Sie sind nicht ganz falsch, und doch machen sie blind für Gefahren: Seit über zwanzig Jahren, wird dann zum Beispiel abgewiegelt, spricht man über die Krise der Volksparteien und die Politikverdrossenheit der Bürger – aber die Parteien sind alle noch da, und die Bürger gehen (jedenfalls zu einem großen Teil) noch zur Wahl. Extremisten und Populisten haben sich bislang immer selbst gerichtet, kaum dass sie die Schwelle der Parlamente überschritten hatten. Und dann ist da noch das geflügelte Wort »Bonn ist nicht Weimar« oder »Berlin ist nicht Weimar«, das auf ein Buch von 1956 zurückgeht. Aber es war der Urheber selber, der Schweizer Publizist René Allemann, der vor einigen Jahren in der Weltwoche warnte, ein sicherer Befund könne erst dann ausgestellt werden, wenn in einer Krise das »soziale Netz durch tiefe Einschnitte an seiner Tragfähigkeit behindert wird und wenn die Wirtschaft nur noch durch Rücknahme sozialer Konzessionen funktionieren kann«.


Dieser Fall ist nun da: Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte muss sich die wirtschaftlich so erfolgsverwöhnte deutsche Demokratie unter den Bedingungen der Knappheit bewähren. Diese Aufgabe geht einher mit einem beängstigenden Ansehens- und Vertrauensverlust des Systems und seiner Eliten. Wenige Tage alt sind die Ergebnisse des Datenreports 2004, an dem das Statistische Bundesamt mitwirkte. Demnach glauben nur 49Prozent der Ostdeutschen, dass die Demokratie in Deutschland die beste Staatsform sei.


Auch eine im Frühsommer vorgestellte und alles andere als alarmistisch gehaltene Studie der Bertelsmann Stiftung dokumentiert einen Negativrekord: 55 Prozent aller Deutschen sind mit der Demokratie zurzeit eher unzufrieden. Zugleich schneiden Politiker, aber auch Unternehmerverbände, Gewerkschaften und Kirchen miserabel ab. Zu der in Verruf geratenen politischen Klasse in Deutschland zählt zudem ein Teil der Medien – was nichts anderes bedeutet, als dass Kontrolleure und Kontrollierte in einen Topf geworfen werden. Gegen den Schulterschluss großer Verlage bei der Bekämpfung der Rechtschreibreform ist deshalb auch weniger der Vorwurf berechtigt, dass sich Unternehmen die Kompetenzen des Gesetzgebers anmaßten, als die Kritik, wichtige Medien steckten unter einer Decke.Glaubwürdigkeit hieße hier vor allem Unterscheidbarkeit.


Im Übrigen helfen gegenseitige Schuldzuweisungen gar nichts, sie greifen den Glauben an die Effizienz demokratischer Institutionen nur weiter an. Es ist verlogen, darüber zu klagen, unsere Politiker seien nicht gut genug. Mit wenigen Ausnahmen hat sich die Generation der 30- und der 40-Jährigen den Parteien verweigert. Ihre besten politischen Talente fanden die Aussicht auf Kärrnerarbeit in der Partei und auf öffentliche Anfeindungen genauso abschreckend wie die Höhe der festgelegten Diäten. Im Großen und Ganzen also haben wir die Politiker, die wir verdienen. Die meisten von ihnen hätten sich nie träumen lassen, eines Tages Militäreinsätze beschließen oder den Vertrag aufkündigen zu müssen, wonach die Zustimmung der Wähler mit immer neuen Wohltaten korrespondierte.

»Die Größe eines Menschen liegt in der Entscheidung, stärker zu sein als seine Voraussetzungen«, hat der französische Schriftsteller Albert Camus geschrieben zu einer Zeit, als sein Land unter deutscher Besatzung und Europa in Flammen stand. Die Voraussetzungen zur Bewältigung der Krise in Deutschland sind so schwierig nicht. Aber für die politische Klasse ist es doch eine gewaltige Bewährungsprobe, womöglich die zweitschwerste nach der Rückkehr in die zivilisierte Staatengemeinschaft. Sie muss nicht mehr wie in den Jahren des Vergleichs zwischen Bonn und Weimar beweisen, dass die Deutschen überhaupt zur Demokratie fähig sind. Aber sie muss zeigen, dass diese Demokratie auch dann funktioniert, wenn Schönwetter-Kapitäne nicht mehr über Wohlstands- demokraten herrschen. Und damals wie heute braucht es eine überparteiliche Verständigung. Denn der Umbau des Sozialstaates, die Anpassung an die globalisierte Wirtschaft, das Ringen um Gerechtigkeit und neue Formen der Partizipation lassen keine Wahl. Sie sind die Existenzfragen unserer Gesellschaft.

(c) DIE ZEIT 02.09.2004 Nr.37

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Norbert Lindenthal
19.08.2004 08.10
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Die Zeit

gefunden am 19.8.2004

Lebenszeichen

Dass das klar ist

Harald Martenstein pflegt seine persönliche Rechtschreibung

Heute soll es ein sehr persönlicher Text werden. Ich bin ein normaler Mensch, ich habe Gefühle wie ihr alle. Als die Rechtschreibreform eingeführt wurde, musste ich eine Reportage über den Anführer der Antireformrebellen machen, einen bayerischen Deutschlehrer. Das war ein mir persönlich recht unangenehmer Patron, ein Besserwisser und Brotzeittrachtenjankerbazi und eitel bis zum Gehtnichtmehr. Daraufhin war ich spontan für die Reform und habe mit viel Krawumm allerlei Kommentare in dieser Richtung geschrieben. Ich bilde mir meine Meinung meistens emotional, anschließend suche ich, meistens im Internet, sachlich-intellektuelle Argumente, die zu meinen Gefühlen passen. So machen es fast alle Kommentatoren. Aber ich bin der Einzige, der es zugibt.
Heute soll es ein sehr persönlicher Text werden. Ich bin ein normaler Mensch, ich habe Gefühle wie ihr alle. Als die Rechtschreibreform eingeführt wurde, musste ich eine Reportage über den Anführer der Antireformrebellen machen, einen bayerischen Deutschlehrer. Das war ein mir persönlich recht unangenehmer Patron, ein Besserwisser und Brotzeittrachtenjankerbazi und eitel bis zum Gehtnichtmehr. Daraufhin war ich spontan für die Reform und habe mit viel Krawumm allerlei Kommentare in dieser Richtung geschrieben. Ich bilde mir meine Meinung meistens emotional, anschließend suche ich, meistens im Internet, sachlich-intellektuelle Argumente, die zu meinen Gefühlen passen. So machen es fast alle Kommentatoren. Aber ich bin der Einzige, der es zugibt.

Mein persönliches Rechtschreibverhalten habe ich nicht verändert, außer dass ich aus Herdentrieb dass statt daß geschrieben habe wie alle. Die Kommentare für die neue Rechtschreibung habe ich ausnahmslos in alter Rechtschreibung verfasst. Zwischen meiner Lebenspraxis und den von mir vertretenen Auffassungen besteht ein Widerspruch, gewiss. Das ist aber ebenfalls bei allen so. Ich wollte mir die neuen Regeln immer mal in Ruhe anschauen, aber dann war irgendwas am Boot kaputt oder Handwerkerärger, was weiß ich. Man kommt zu nichts. Am Anfang habe ich die Texte durch das Rechtschreibprogramm im Computer gejagt, aber das dauert ewig, da habe ich es nach einer Weile wieder gelassen. Es hat sich nie jemand beschwert. Die neue Rechtschreibung ist mir praktisch schnurz, obwohl ich sie, wie gesagt, theoretisch befürworte, aber keiner merkt was. Keiner sagt: »Hey, jetzt ist es schon zwei Jahre in Kraft, jetzt könntest du wirklich mal wieder erkennen schreiben statt wiedererkennen.« Sie haben es gedruckt, wie es geschrieben war. Mein persönlicher Stil geht so: »In deinen Zügen, Yvonne, kann ich meinen verstorbenen Großonkel wiedererkennen.« Aber: »Der Alkoholnebel ist weg, Yvonne, endlich kann ich dich wieder erkennen.« Das ist mein Stil. Er wird akzeptiert. Jeder kann schreiben, wie er will. Wo ist das Problem? Wenn sie wieder die alte Rechtschreibung einführen, passiert eines bestimmt nicht, und das wäre, dass ich wieder daß statt dass schreibe, dass das mal klar ist. Ich lasse mich nicht rumschubsen. Ich habe auch Gefühle. Ich bin auch ein Rebell.

Jetzt habe ich, zum ersten Mal, im Duden nachgeschaut, wie man ein Wort in neuer Rechtschreibung schreibt, nämlich »wiedererkennen«. Es steht auf Seite 830, 21.Auflage. Ergebnis: Der Duden weiß es auch nicht. Sie haben zwischen dem »wieder« und dem »erkennen« zwar eine Lücke gelassen, aber die Lücke ist deutlich kleiner als die zwischen »wieder« und »entdecken« in dem Wort genau darüber. Sie ist allerdings eine Spur größer als die Lücke im Wort »wiedererlangen« genau darunter. Ich habe den Duden mehreren Kollegen mit rasierklingenscharfen Augen gezeigt. Sie haben auf die Lücke geschaut. Sie haben den Duden ganz nahe an ihre Augen gehalten, dann ganz weit weg. Schließlich sagten sie: »Wahnsinn. Aus dem Duden geht nicht eindeutig hervor, wie wiedererkennen zu schreiben ist.« Wo also ist das Problem?

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Norbert Lindenthal
18.08.2004 11.14
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Die Zeit

19.08.2004 Nr.35

orthografie

Wettbewerb der Besserwisser

Die neue Rechtschreibung ist kein finsteres Bürokratenwerk und vergewaltigt nicht die deutsche Sprache. In Wirklichkeit vereinfacht sie die Orthografie an den Schulen. Verbesserungen bleiben immer möglich

Von Dieter E. Zimmer

Es war ein Overkill. Die Medienkampagne, zu der sich Springer und Spiegel in einer wunderlichen Allianz zusammengefunden haben, mit der Frankfurter Allgemeinen vorweg und der Süddeutschen halbherzig hinterdrein, dürfte die Ministerpräsidenten, denen sie Druck machen soll, mehr bedrücken als beeindrucken. Was, wenn es das nächste Mal nicht gegen ein so geduldiges Objekt wie die Schreibregelung geht, die die große Mehrheit des Volkes nicht die Bohne interessiert, sondern all diese konzertierte Desinformation und Stimmungsmache den Euro oder Hartz X zu Fall bringen soll?

Darum dürfte nicht die Rechtschreibreform gescheitert sein, wie ihre erbitterten Feinde seit Jahren behaupten, sondern die Konterreform. Nur ein einstimmiger Beschluss aller 16 Ministerpräsidenten könnte sie rückgängig machen. Diese Einstimmigkeit aber wird es nicht geben, weil dem einen oder anderen rechtzeitig klar sein dürfte, dass mit dem bloßen Beschluss noch wenig getan wäre und eine demokratisch zustande gekommene Reform sich nicht durch landesherrliche Dekrete wegpusten lässt, selbst durch eine Volksabstimmung nicht. Beides könnte nur Anstoß zu einem geordneten Rückbau sein. Der aber wäre ein langwieriger Prozess, und an jedem Knotenpunkt würde man sich fragen, wie viel Sinn ein vollständiger Abriss denn eigentlich noch hätte.

Desinformation und Stimmungsmache. Unter gnadenloser Aussparung jeder gegenteiligen Meinung operiert die Medienkampagne unisono mit drei Argumenten. Eins: Die Reform wurde dem Volk von Bürokraten oktroyiert. Zwei: 2005 soll sie für jedermann Pflicht werden. Drei: Es herrschen Verwirrung und Chaos. Als furchterregende Exempel für das, was dem Volk droht, dienen jedes Mal ein paar zufällige Wörter, deren Schreibung nicht gefällt; oft sind diese warnenden Beispiele falsch.

In ein paar Zeilen konzentriert, war diese Argumentation in dem Artikel zu besichtigen, mit dem die einflussreichste Gralshüterin der deutschen Sprache den Auftakt zu der Kampagne gab, Bild: »Schlechtschreibreform ›Das habt ihr dem Volk aufgezwungen‹ – ›Fassette‹ statt ›Facette‹! ›Delfin‹ statt ›Delphin‹? Ab nächstem Jahr soll die neue deutsche Rechtschreibung Pflicht werden … De facto schreibt nun jeder, wie er will.« Indessen, Delphin und Facette durfte und darf weiterhin jeder schreiben; die eingedeutschten Schreibungen sind lediglich fakultative Varianten.

Bürokratenwillkür. Die seit fünfzig Jahren auf der Agenda stehende Reform ist in endlosen internationalen Gremiensitzungen – viel zu vielen – und Anhörungen jahrelang beraten und dabei modifiziert worden, jahrelang konnte sie öffentlich diskutiert werden, und am Ende haben Bund und Länder sowie alle neun betroffenen Staaten ihr einhellig zugestimmt. Obendrein hat dann noch das Bundesverfassungsgericht bestätigt, dass die Art der Einführung (durch Verordnungen der Landesschulbehörden statt durch Gesetze) rechtens war. Dass die Fundamentalopposition, erst ein Jahr nachdem die Entscheidungen gefallen waren, aufgewacht ist, macht den ganzen Prozess nicht undemokratisch.

»Die Politik«, »die Bürokratie« hätte »die Sprache« vergewaltigt, die »dem Volk« gehört? Um »die Sprache« geht es sowieso nicht. Wer die Rechtschreibung mit der Sprache verwechselt, hat einen allzu armseligen Begriff von dieser. Dass die Reform »die Sprache konsequent ihrer Ausdrucksmöglichkeiten beraube«, ist eine Wahnidee, von deren Haltlosigkeit sich jeder Leser in drei Minuten überzeugen könnte. Es ging nicht um die Sprache, sondern um eine minimale, die Lesbarkeit nicht beeinträchtigende Veränderung der Schreibweise für einige tausend Wörter unter Hunderttausenden. Die Änderungsquote lag zwischen zwei und drei Prozent (die unzähligen zusätzlichen Trennfugen, die die unbedachte Neuregelung der Worttrennung mit sich brachte – I|gel, In|s|t|ru|ment –, nicht mitgezählt).

Bis heute hat sich nicht herumgesprochen, nicht einmal zu allen Ministerpräsidenten, dass der Staat dem Volk gar keine Orthografie verordnen kann. Es handelt sich bei der alten wie der neuen um nicht mehr und nicht weniger als die Schulorthografie. Sie gilt nur für Schüler und Lehrer und die staatlichen Behörden. Am 1. August 2005 soll nur die siebenjährige Übergangsphase enden, in der in den Schulen Alt und Neu nebeneinander gegolten haben. Im Übrigen konnte und kann jeder schreiben, wie ihm beliebt. Die heroische Widerstandspose der Konterreformer ist darum gratis. Sie dürfen ja, durften immer, werden immer dürfen. Jeder Verlag kann abwägen, ob er den orthografischen Vorlieben seiner jetzigen oder seiner künftigen Leser und Autoren entgegenkommen will. Nur dadurch, dass die allgemeinen Rechtschreibwörterbücher der Schulorthografie folgen müssen, um an den Schulen zugelassen zu werden, breitet sich diese in die Allgemeinheit aus.

Verwirrung und Chaos. Verwirrung besteht tatsächlich, und die Kippkampagne hat sie selber geschürt, indem sie in Aussicht stellte, demnächst würden wieder die »klassischen« Schreibweisen gelten – sodass sich die Leute nun fragen, ob sie sich den neuen Duden überhaupt noch kaufen sollen. Ein Chaos jedoch herrscht keineswegs. Es besteht lediglich ein Nebeneinander von zwei geringfügig verschiedenen Orthografien. In einem Kino, das zwei klar bezeichnete Ausgänge hat, herrscht aber nicht mehr Chaos als in einem mit nur einer Tür nach draußen.

Dass beide Orthografien lange koexistieren würden, mindestens eine Generation lang, war sehr wohl vorauszusehen. Es war nie zu erwarten, dass die Allgemeinheit die einmal, mühsam genug, in der Schule erlernten Schreibweisen verlernen würde. Es war nicht einmal zu wünschen, denn in Rechtschreibdingen ist der Mensch mit Grund stockkonservativ. Ohne sein Bedürfnis, den eingeschliffenen, sich automatisch einstellenden Wortbildern treu zu bleiben, gäbe es gar keine stabilen Schreibweisen. Da überdies das Hauptfundament der Schriftkultur nach wie vor nicht die ephemere Presse ist, sondern das Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte überdauernde Buch, ist das unbefristete Fortleben der Orthografie, in der von 1901 bis 1998 sämtliche Bücher gedruckt wurden, sogar ein dringendes Desiderat. (Dass Hitler 1941 mit einem Schlag sämtliche Frakturschriften abschaffte, hat schließlich dazu geführt, dass die meisten älteren deutschen Bücher heute vielen buchstäblich unlesbar erscheinen.)

Die Reformer haben das faktische Nebeneinander zweier Orthografien nicht oder jedenfalls nicht deutlich genug vorausgesehen, den Erfolg der Reform unnötigerweise an deren sofortige Akzeptanz in der außerschulischen Öffentlichkeit gekoppelt und sich damit die heutigen Schwierigkeiten zum Teil selbst eingebrockt. Welche Orthografie sich in der Öffentlichkeit schließlich durchsetzt, entzieht sich der Regelungskompetenz des Staates. Es entscheidet sich sozusagen am Markt. Wenn jene, die heute allein die Reformschreibung lernen, aus der Schule ins Leben hinauswachsen, wo teilweise anders geschrieben wird, werden sie (sofern es dann überhaupt noch jemandem auf rechte Schreibung ankommen sollte) ihre eigene dorthin mitnehmen, und dann treten beide in unmittelbare freie Konkurrenz. Wird die neue dann als »kindisch« angesehen, siegt die alte; gilt die alte als »altmodisch«, siegt die neue. Sonst mischen sich beide.

Aber ist es nicht schlimm, dieses Nebeneinander zweier Orthografien? Werden die Kinder nicht an der Schulorthografie irre, wenn sie außerhalb der Schule Dinge lesen müssen, die ihr nicht ganz entsprechen? Muss man sie nicht aufs sorgfältigste abschirmen gegen diese Unbill? Ach, die Kids wissen schon, dass im Leben manches unübersichtlicher ist als in der Schule. Von morgens bis abends müssen sie draußen im Leben noch ganz anderes lesen. Überall auf den Straßen stehen Sachen, die weder der neue noch der alte Duden erlaubt. Wer sich die Mühe macht, im Internet nachzuforschen, wie »das Volk« tatsächlich schreibt, wenn ihm dabei niemand auf die Finger sieht, dem werden die Augen übergehen. Wir ziselieren verbissen an der Orthografie von 1901 herum, zerraufen uns die Haare, ob man Delphin vielleicht auch Delfin schreiben kann, und draußen im Leben schreiben sie ihn Dälfihn oder dell Fien, wie es gerade kommt, weil dort schon vor der Reform das Bewusstsein verloren zu gehen begann, dass es überhaupt eine Orthografie gibt und man sich an sie halten sollte. Abhanden aber kommt es nicht wegen irgendeiner Rechtschreibreform, sondern weil die Leute aus der Schrift- in die Bildkultur abwandern und immer weniger, immer unwilliger, immer unaufmerksamer lesen. Um die weitere Ausbreitung der Schreibschwäche zu stoppen, müsste diese Leseschwäche überwunden werden, sonst sind alle Orthografien perdu.

Falls die Ministerpräsidenten nicht die Rücknahme der Reform verfügen, aber dem Sperrfeuer von Bild, FAZ und Spiegel das Ziel nehmen möchten, könnten sie – wahrscheinlich ohne lange internationale Entscheidungsprozesse – sogar etwas Schreckliches tun, was aber auf den zweiten Blick viel von seinem Schrecken verlöre: Sie könnten die Übergangsphase über 2005 hinaus unbefristet verlängern. Es hätte zur Folge, dass die Lehrer alte Schreibweisen wie in den acht Jahren zuvor nicht als Fehler anstreichen müssten. Damit wäre offiziell anerkannt, was sowieso der Fall ist: dass zwei Orthografien nebeneinander existieren, und die alte taugte nicht mehr zur politischen Protestschreibung gegen staatlichen Übermut.

Rückbau. Hinter dem Irrtum, dass sich die Reform mit einem »mutigen Sprung« aus der Welt schaffen ließe, scheint die Vorstellung zu stehen, die vor der Reform gültige Rechtschreibung sei irgendwie »natürlich«, von allein aus dem Volk hervorgewachsen oder von seinen Dichtern und Denkern vom Himmel herabgebetet worden. In Wahrheit war die alte Schulorthografie reines Bürokratenwerk, 1901 von einem kleinen Expertengremium innerhalb von drei Tagen beschlossen und diskussionslos angeordnet, und sie war darum nicht schlecht. Die Wörterbücher, die das damals beschlossene Regelwerk sichtbar und zum allgemeinen Maßstab machten, lieferte Konrad Duden nach, und seitdem ruhte die Kompetenz für die »Ausdifferenzierung« der Regeln – also für die Schreibung neu aufzunehmender Wörter – bei dessen Verlag. Die alte Rechtschreibung galt also nicht von ungefähr, sie hatte eine Rechtsgrundlage.

Die Reform von 1998 hat diese durch eine neue abgelöst. Die Rechtschreibreform »kippen« hieße: entweder die neue Rechtsgrundlage für ungültig erklären – dann gäbe es gar keine Schulorthografie mehr. Oder: zum Status quo ante zurückkehren – dann müsste wieder der Dudenverlag die Regeln von 1901 weiter »ausdifferenzieren«. Das aber wäre nicht nur wenig demokratisch, sondern auch aus anderen Gründen misslich. Die alte Rechtsgrundlage nämlich war eine provisorische Notlösung in Erwartung einer Neuregelung, 1955 von den Kultusministern verfügt, weil die Einheitsschreibung damals akut bedroht schien: Es gab zwei Dudenverlage, einen in Mannheim und einen in Leipzig, die das zugrunde liegende Regelwerk jederzeit verschieden interpretieren konnten; und andere westdeutsche Verlage hatten begonnen, es tatsächlich anders zu interpretieren.

Diese unterschiedliche Ausdifferenzierung war fast unvermeidlich, weil das Regelwerk von 1901 für die allerschwierigsten Gebiete (Fremdwortschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung) überhaupt keine ausreichenden Regeln enthielt. Hier hatte seine Anwendung mit den Jahrzehnten denn auch zu den zahlreichen Absurditäten der »bewährten«, der »klassischen« Rechtschreibung geführt, deren Tücken heute wie vergessen scheinen. Es war also dringend erneuerungsbedürftig. Darum wurde damals eine Neuregelung in Aussicht gestellt, zu der sich dann aber 40 Jahre lang niemand aufraffen mochte. Heute zu dem schon vor einem halben Jahrhundert ungenügenden Regelwerk von 1901 zurückzukehren wäre ein Schildbürgerstreich, den man der Kultusbürokratie denn doch nicht zutrauen sollte. Aber ein ganz anderes, ein drittes Regelwerk anzustreben, das beider Schwächen vermiede, eröffnete die ganze Reformdebatte aufs Neue. In der Zwischenzeit – Jahre? Jahrzehnte? – gäbe es entweder gar keine Schulorthografie mehr, oder es gälte weiter die neue, aber wieder nur auf Abruf, als versteinerndes Provisorium.

Nach einem Rücknahmebeschluss müsste also zunächst eine neue Rechtsgrundlage geschaffen und juristisch abgesichert werden, ein Projekt wie ein neuer Großflughafen. Gleichzeitig müssten neun internationale Abmachungen rüde gebrochen oder zurückverhandelt werden. Dann müssten die gedruckten Schulbücher makuliert und durch neue ersetzt werden – geschätzte Kosten 190 Millionen Euro für die unbrauchbar gewordenen Lagerbestände, 60Millionen für die Umstellung –, und jemand müsste das bezahlen, entweder die Länder (also ihre Steuerzahler) oder die Eltern (durch höhere Preise). Dann müssten die zwölf Jahrgänge, die bei der Rückumstellung noch in der Schule ertappt werden, neuen Rechtschreibunterricht erhalten. Und dann würde die Fundamentalopposition vielleicht applaudieren, aber sie wäre inzwischen stark gealtert, und ihr Applaus verhallte womöglich ohne Echo.

Die neue Rechtschreibung hat einige große Schwächen. Sie wurden von Freund und Feind rechtzeitig erkannt, aber nicht behoben, weil sich Reformer und Gegenreformer gegenseitig blockierten. Da keine Seite das Gesicht verlieren wollte, arteten Kritik und ihre Abwehr zu einem Wettbewerb der Besserwisser und Rechthaber aus, in den sich die Kultusbürokratie – darin besteht ihr Versagen – inhaltlich nicht einmischen mochte oder konnte. Nach fünf Jahren Praxis liegen die Schwächen heute noch klarer zutage. Sie liegen in den alten Unsicherheitszonen Fremdwort, groß/klein, getrennt/zusammen, in denen sich ständig verschiedene Logiken gegenseitig durchkreuzen, sodass es wirklich befriedigende – jedem intuitiv einleuchtende – Lösungen gar nicht geben kann. Hier bestanden schon früher die größten Unsicherheiten, hier bestehen sie immer noch. Ist das voraus von im Voraus ein Substantiv und muss darum groß geschrieben werden? Das nachhinein von im Nachhinein? Wie steht es mit von neuem und aufs Neue? Mit dem leid in leid tun, dem not in not tun, dem feind in feind sein, die die Reform irrtümlich zu Substantiven ernannt hat, während es doch alte Adjektive sind? Hier hat die Reform nichts erleichtert, sondern nur bekräftigt, dass man Deutsch nur richtig schreiben kann, wenn man bei jedem Zweifel im Wörterbuch nachschlägt.

Die größte Schwäche der Reformschreibung aber besteht darin, dass sie an einigen Stellen tut, was keine Orthografie tun darf: jemanden zwingen, zu schreiben, was er gar nicht meint. Die Rede ist von der starken Vermehrung der Getrenntschreibung. Sie zerreißt Begriffe wie sogenannt, umweltschonend, vielversprechend, wohlverdient in ihre Bestandteile, die einzeln jedoch meist etwas anderes bedeuten, und scheint sie damit aus der Sprache zu tilgen – ein Unding.

Es gibt einen Korrekturvorschlag der Rechtschreibkommission, der von der Kultusministerkonferenz akzeptiert wurde und bis zum nächsten Jahr in die Wörterbücher eingearbeitet sein soll. In vielen Fällen erlaubt er neben den neuen Getrennt- und Großschreibungen auch wieder die alten Schreibweisen, lässt das Unentscheidbare also praktisch unentschieden. Damit verringert er de facto den Abstand zwischen Neu und Alt und durchlöchert die unhandhabbaren neuen Regeln weiter, aus denen die lebensfremden Groß- und Getrenntschreibungen hervorgingen, lässt sie jedoch als beständige Gefahrenquelle weiter bestehen.

Wer wirklich etwas für die Rechtschreibung tun will: Hier ist der Handlungsbedarf.

(c) DIE ZEIT 19.08.2004 Nr.35

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J.-M. Wagner
17.08.2004 16.05
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Re: noch eine Kündigung

Der Artikel, auf den sich Herr Morgenstern bezieht, ist unter http://www.rechtschreibreform.com/Perlen/KraftBank/KraftBank.pl?ThuAug1207:18:58CEST2004 zu finden.
__________________
Jan-Martin Wagner

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Ulrich Morgenstern
16.08.2004 23.03
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noch eine Kündigung

Dr. des. Ulrich Morgenstern
Hellkamp 11
20255 Hamburg
Tel.: 040 / 279 68 48
Mobil: 0172 / 996 93 78

Sehr geehrter Herr Dr. Naumann,

Nach langen Jahren durfte in der ZEIT № 33 ein kritischer Text zur Rechtschreibreform erscheinen, der das Thema einmal nicht mit klischeehaften Bemerkungen in launisch-desinteressiertem Ton vom Tisch wischte. Mit mir trugen sich nicht wenige Leser Ihrer Zeitung für einen kurzen Augenblick mit der Hoffnung, daß die Redaktion sich aufraffen könnte, das Prokrustesbett (wenngleich „vorsichtig repariert von Dieter E. Zimmer“) endlich vor die Türe zu stellen.

Ich bin es leid, in Ihrer Zeitung ständig Formulierungen zu lesen wie „Ich ziehe eine Hand voll Fotos aus der Tasche“ oder „eine Hand voll Körner, abgezogen und in der Pfanne gebraten“. Auch sind Ihre bedauernswerten Redakteure sicher ausnahmslos in der Lage, Äußerungen zu unterscheiden, in denen ein Kind subjektiv als „hoch begabt“ chatrakterisiert oder als „hochbegabt“ qualifiziert wird. Ihre Hausorthographie verbietet gleichwohl – entgegen den Zusicherungen Ihres Kollegen Zimmer – solche und andere Unterscheidungen. Wenn ich in der ZEIT von „Stalins Blut saufendem Innenminister“ lese, so kann ich beim zweiten Anlauf zwar erkennen, daß es Ihrem Autor nicht um die Körpersäfte des Diktators und auch nicht um die Trinkgewohnheiten seines Ministern zu tun ist, angenehm wird das Lesen durch solche Stolpersteine jedoch keineswegs. (Und beschweren Sie sich bitte nicht bei Ihren versierten Schlußredakteuren, die nach Ihrer Hausorthographie die freie Wahl hatten, nach dem Muster „abscheuerregend“ oder eben auch „Holz verarbeitend“ zu verfahren.
Wie Sie es fertigbringen, die Urheber all diesen Unfugs als „linguistische Fachleute“ zu bezeichnen, ist mir gelinde gesagt unverständlich. Ein solches Lob dürften die Schreibkommissare seit Jahren aus keiner überregionalen Zeitung mehr vernommen haben. Halten Sie das Sprachgefühl Ihrer Leser wirklich für so schlecht, daß ihnen Schreibweisen wie „der Hohe Priester“ nicht aufstießen? Ich darf annehmen, daß Ihre Mitarbeiter häufig selbst nicht bemerken, was die Reformschreibe im Einzelfall aus ihren Texten macht. Mir ist jedenfalls bekannt, daß ein nicht geringer Teil Ihrer Redaktionsmitglieder sich beim Schreiben um die Reformorthographie verständlicherweise keine Gedanken macht, da dieses Spezialwissen Sache der Schlußredaktion ist. Höchstwahrscheinlich war es auch nicht Walter Kempowski selbst, der in Ihrer Zeitung von Adalbert Stifters „Fress-Sucht“ schrieb. Natürlich ist dies kein gewöhnlicher Boulevard-Bindestrich, sondern eine Notlösung zur Verhinderung einer noch unangenehmeren Schreibweise. Auch bei solchen Kleinigkeiten irritiert es den Leser, wenn der Verfasser bzw. der Redakteur zu drartigen Umgehungsstrategien gezwungen ist.

Zu Ihrer Argumentation im einzelnen möchte ich folgendes bemerken: Wenn Sie dem Schreibgebrauch unserer zeitgenössischen Autoren einen „wilhelminischen Ursprung“ zuschreiben, so bedienen Sie ein recht billiges Klischee. Sprachgeschichtlich sind die reformierten Getrenntschreibungen weit älter. Daß sie heute schon aus grammatischen Gründen obsolet sind („Erfolg versprechender“), haben die Reformer schon bald nach der Verabschiedung des Regelwerks feststellen müssen. Die vermehrten Großschreibungen, auf welche die Rechtschreibkommission nach der Ablehnung ihrer ursprünglichen Pläne zurückgreifen mußte (dem Vorschlag eines österreichischen Hobby-Linguisten folgend) gehen sogar auf die Barockzeit zurück. Wer ist hier rückwärtsgewandt?

Sie unterstellen den Verlagen, die zur bewährten Einheitsorthographie zurückkehren, andere Motive als die „Sorge um die Lesbarkeit“. Zumindest ist von dieser Sorge in Ihrer Argumentation ebenso wenig zu spüren wie in Ihrer Zeitung. Wohlgemerkt – „ebenso wenig“, es mag also schon ein wenig Sorge vorhanden sein; ich sagte nicht „ebensowenig“, also „gar nicht“. Auch solche Unterscheidungen verbietet gleichwohl Ihre Hausorthographie.

Die „Beseitigung aller Zweifelsfälle“ hat niemals irgendjemand verlangt oder gar versprochen. Auffallend ist lediglich ihr explosionsartiges Ansteigen, gerade auch in Ihrer „Zeitschreibung“ („hoch geehrt“, aber „hochwillkonmmen“). Bezeichnend nicht nur für Ihre redaktionelle Praxis ist die Ratlosigkeit, die aus Ihrer hauseigenen Not-Orthographie spricht: „hoch + Adjektiv oder Partizip: nachschlagen!“ Was sonst?

Die Schriftsprache bedarf keineswegs immer eines „autoritativen Regelwerks“. Ist eine Einheitsorthographie erst einmal geschaffen, regelt sich die weitere Entwicklung der Rechtschreibung von selbst, sie kann durch mehr oder weniger gelungene Regelwerke nachträglich beschrieben werden. Bis zur Reform schrieb man nicht wie es im Duden steht, sondern es stand im Duden, wie man es schreibt. Ein merkwürdiger Widerspruch besteht m.E. auch darin, daß Sie dem Staat das Recht zusprechen, sprachliche „Beliebigkeit einzudämmen“, und andererseits die Rechtschreibreform „viel toleranter“ nennen als ihre angebliche „Vorgängerin aus dem Jahre 1901“. Konrad Duden hat indessen keine Schreibweisen erzwungen, die grammatisch falsch sind („Wie Recht du doch hast!“) und die Bedeutungsunterscheidungen verbieten. Auch hat er nie versucht, frei erfundene Regeln unter das Volk zu bringen und Schreibungen, die sich nicht bereits im Gebrauch bewährt hätten.

Ist es Populismus, wenn nun einige Politiker endlich den Abbruch des gescheiterten Experiments fordern, das inzwischen in „allen maßgeblichen Institutionen der Republik“ als Fehler angesehen wird? Offensichtlich stehen diese Institutionen für Sie höher als hundert Schriftsteller und sechshundert Sprachwissenschaftler, die unmittelbar nach Bekanntwerden der Reformpläne massiven Widerspruch einlegten. Sicherlich werden es unsere Autoren mit Erleichterung zur Kenntnis genommen haben, daß sie nicht an „staatliche Schreibanweisungen“ gebunden sind. Daß Schülern die durch die Lektüre zeitgenössischer Autoren erworbene Bekanntschaft mit der modernen Wortbildung des Deutschen nach derzeitiger Beschlußlage bald mit Nachteilen zu rechnen haben, scheint Sie nicht weiter zu beunruhigen.

Den „Aufstand gegen neue Trennungsregeln“ (die definitiv niemand auch nur halbwegs konsequent anwendet, auch keine Wörterbuchredaktion) gab es bereits vor der jüngsten Initiative der Bild-Zeitung.

Mit Verwunderung lese ich schließlich von Ihrer Einschätzung, daß bis 2005 die „verbliebenen Schwächen in der Rechtschreibreform“ korrigiert werden könnten. Von einer erneuten Revision über die demnächst in der 23. Auflage des Duden-Rechtschreibwörterbuchs vorgesehenen Änderungen hinaus ist bislang nichts bekannt geworden. Ihre Hoffnung ist umso erstaunlicher, da Ihre eigene Hausorthographie noch sinnentstellende Vorgaben einhält, die der Duden teils schon seit vier Jahren nicht mehr als zwingend erachtet („hoch begabt“). Ist es für eine sich als liberal verstehende Zeitung so schwer zu verstehen, daß zur Freiheit des Wortes auch die Freiheit der Wortbildung gehört? Ihre Ankündigung, sich ohne jede Prüfung „der endgültigen Fassung“ anzuschließen, zeugt von einer würdelosen Unterwerfung unter ein staatliches Wortbildungsmonopol, das von Ideologen und Stümpern mit einer geradezu sadistischen Einstellung zur Sprache geschaffen wurde.

Wenn es im deutschsprachigen Raum irgendwann wieder eine Einheitsorthographie geben sollte, dann ganz sicher nicht auf der Grundlage einer letztlich kulturrevolutionär motivierten Sprachplanung. Jeder Kompromiß wäre (abgesehen von einigen Worttrennungen am Zeilenende) sachlich vollkommen unbegründet, teuer und ohne jede Aussicht auf allgemeine Akzeptanz. Sie haben eine Möglichkeit verpaßt, das gewaltig schwankende Kartenhaus in aufrechtem Gang zu verlassen.

Es ist beschämend, daß Sie es in diesen Tagen mithin weniger Berufenen überlassen, sich für die Wiederherstellung einer differenzierten und nuancenreichen Einheitsorthographie einzusetzen. Was Sie als „Komplott im Sommer“ bezeichnen ist mir allemal lieber als Ihr Wörterkompott das ganze Jahr lang. Aus diesem Grunde habe ich Ihre Abonnementsabteilung über meine Absicht informiert, mein langjähriges Abonnement der ZEIT zum nächstmöglichen Termin kündigen.

Sollte Ihre Zeitung die Entscheidung für die weitere Teilnahme an dem sprachpolitischen Experiment widerrufen, würde ich gerne wieder zu Ihren Abonnenten zählen.

Mit freundlichen Grüßen


Ulrich Morgenstern

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Ulrich Morgenstern

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Norbert Lindenthal
12.08.2004 08.08
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Die Zeit



12.8.2004

Rechtschreibreform

Wohlbekannt oder wohl bekannt?

Wer will wirklich zurück zur alten Rechtschreibung? Eine Umfrage unter deutschen Buchverlegern

Auszug

Die Tragödie bahnte sich bereits vor acht Jahren an, als die Vorschläge für die Neuregelungen bekanntgemacht wurden. Die wenigen, durchaus kompetenten, Kritiker standen einer obrigkeitshörigen Mehrheit von Befürwortern in der auftraggebenden Ministerialbürokratie gegenüber und mußten zusehen, wie eine evident vermurkste Reform von den Kultusministern, ohne parlamentarische Legitimation, schließlich verordnet wurde. Die Schulbuchverlage unterwarfen sich ohne Protest sofort dem Diktat der Ministerien, und die Kinder- und Jugenbuchverlage, auch »dtv junior«, stellten um, damit ihre Bücher weiterhin in den Schulen benützt werden können. In allen Verlagen mußten eigene Richtlinien entwickelt werden, weil die offiziellen »amtlichen« Versionen zu verwirrend waren und sind. Der Bestand der in- und ausländischen Bibliotheken an deutscher und übersetzter Literatur sowie die Produktion der belletristischen Verlage wurden damit schlagartig als veraltet deklariert. Brutaler kann man nicht verhindern, daß sich eine ohnehin nicht gerade lesefreudige Generation der Weltliteratur öffnet. Eine zukünftige Spaltung in eine Sprache der Literatur und eine der Schulen und der Bürokratie kann aber doch ernsthaft von niemandem befürwortet werden. Um permanentes Chaos zu verhindern, muß die Reform mit dem Eingeständnis eines schweren politischen Fehlers zurückgenommen und dem evolutionären Veränderungsprozeß der Sprache wieder der natürliche Spielraum zugebilligt werden. Die schmerzlichen Kosten für eine übergangsgeregelte Rückführung sind mit Sicherheit verkraftbarer als eine Nachbesserung ohne Ende.

Wolfgang Balk, Verleger, Deutscher Taschenbuch Verlag

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