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Sigmar Salzburg
20.01.2012 11.16
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Vor dem Schreibreformschub der …

… Vitaminschub für den Volkskörper

Die Nazis waren begeisterte Vitaminanhänger. Die erst wenige Jahre zuvor entdeckten lebenswichtigen Stoffe sollten, so die damalige Ideologie, „den Volkskörper von innen stärken“, berichtet der Historiker Heiko Stoff. „Die Nationalsozialisten waren überzeugt davon, dass der Erste Weltkrieg auch deshalb verloren wurde, weil die Bevölkerung durch Mangelernährung geschwächt war. Ein zweites Mal sollte das nicht passieren.“

… Doch selbst beim Pharmakonzern Roche, der 1934 als erste Firma mit der synthetischen Produktion von Vitamin C begann, bestanden von Anfang an Zweifel, ob dieses Vitamin wirklich jemand braucht. Klar, es kann Seefahrer vor Skorbut bewahren. Aber ein Massenmarkt versprach sich der Pharmakonzern davon zunächst nicht.

Noch 1936 berichteten Roche-Mitarbeiter, dass die Spezialisten unter den Ärzten die Vitamin-Therapie schlicht ablehnten, 80 Prozent würden über den „Vitamin-Fimmel“ sogar lachen. In einem firmeninternen Schreiben hieß es damals, dass zunächst "überhaupt erst das Bedürfnis“ nach Vitaminen geschaffen werden müsse. Regelmäßig werde Vitamin C nur eingenommen, „wenn etwas Hokuspokus gemacht“ werde.
Zum Glück für Roche waren in Deutschland die Nazis an der Macht – die auf genau diesen Hokuspokus abfuhren.

spiegel.de 19.1.2012

Die Nazis sind noch auf ganz anderen Hokuspokus abgefahren. Man darf nicht vergessen: Diese damals noch junge Partei hatte als erstes außer etlichen Extremisten auch Spinner aller Art, Esoteriker, Völkische, Germanentümler, Gottsucher, Okkultisten, Ökofreaks, Sozialromantiker etc. angezogen – wie heute bei den Grünen, Violetten oder Piraten, vor allem in ihren Anfängen. So ist neben der Rasse„forschung“ und den Germanenkulten u.a. die Pseudowissenschaft Homöopathie stark durch Heinrich Himmler gefördert worden. Auch notorische Schreibreformer sahen ihre Stunde gekommen, wurden aber wegen fehlender „Kriegswichtigkeit“ bis nach dem „Endsieg“ vertröstet. Erst später, nach fünfzig Jahren Lobbyarbeit, konnten die Reformer eine Mehrheit der maßgeblichen Kulturpolitiker zu dem Glauben übertölpeln, daß der „Volkskörper“ eine Rechtschreibreform braucht. – Peter Eisenberg:

„Nach dem Krieg wurde der Verein von einem Teil der übriggebliebenen Personen mit einem Teil der übriggebliebenen Vereinsziele unter der Bezeichnung 'Gesellschaft für deutsche Sprache GfdS' neu gegründet. Nach wie vor diente und dient sich der Verein politischen Institutionen zur sprachlichen Hilfestellung an. ( über die GfdS)

80 Prozent der Deutschen lachten über den Schreibreform-Hokuspokus – mußten aber bald sehen, daß mit der Schülergeiselnahme ein Massenmarkt erzwungen wurde – der nichts als Nutzlosigkeit und Verwirrung produziert.

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Sigmar Salzburg
01.12.2011 14.14
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Schriftstellerin und Bürgerrechtlerin

Christa Wolf ist tot

Sie galt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit und als die große Chronistin von DDR und deutscher Teilung. Nun ist Christa Wolf im Alter von 82 Jahren gestorben.

spiegel.de 1.12.2011

Dem Frankfurter Appell zur Rechtschreibreform, in dem die „Beendigung des Experiments Rechtschreibreform“ gefordert wird, sind im Verlauf der Frankfurter Buchmesse weitere 150 namhafte Persönlichkeiten des literarischen Lebens beigetreten, unter ihnen die Autoren Volker Braun, Robert Gernhardt, Durs Grünbein, Bodo Kirchhoff, Georg Klein, Alexander Kluge, Martin Mosebach, Sven Regener, Rüdiger Safranski, Urs Widmer und Christa Wolf sowie die Verleger Dr. Hans Dieter und Wolfgang Beck, Matthias Bischoff (Eichborn), Daniel Keel (Diogenes), Michael Klett, Michael Krüger und Klaus Wagenbach. (11.10.2004)

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Sigmar Salzburg
04.11.2011 14.51
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Spiegel v. 11.10.2004 (fehlte hier noch)

RECHTSCHREIBREFORM

Letzte Chance

Von Hage, Volker; Knaup, Horand; Schmitz, Christoph; Schreiber, Mathias

Niederlage für die Kultusfunktionäre: Die ungeliebte Rechtschreibreform wird überprüft. Ein Rat aus Schriftstellern, Journalisten und Sprachwissenschaftlern soll Korrekturen einarbeiten.

Die Sitzordnung im weiträumigen Büro des Regierenden Bürgermeisters von Berlin war locker, der Ton von Anfang an rau. „Es kann nicht sein, dass da einer einfach ausschert“, polterte die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD). Der so attackierte niedersächsische Regierungschef Christian Wulff (CDU) keilte aus seinem Couchsessel zurück: „Das ist hier doch alles Parteipolitik.“ Parteipolitik? „Das lasse ich mir von Ihnen nicht gefallen“, dröhnte wiederum der Sozialdemokrat Peer Steinbrück, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

Wie immer bei ihren vierteljährlichen Treffen hatten sich die 16 Ministerpräsidenten zum Kamingespräch hinter verschlossene Türen zurückgezogen. Kaum waren sie unter sich, schoss die Phonzahl in die Höhe. „Bleiben Sie bei der Wahrheit“, blaffte der Mecklenburger Harald Ringstorff (SPD) den Kollegen Wulff an. Der konterte: „Sie können nicht von mir verlangen, dass ich das zurücknehme.“

Anlass für die ruppige Auseinandersetzung war Wulffs Ankündigung, sein Land werde, auch wegen der verunglückten Rechtschreibreform, aus der Kultusministerkonferenz (KMK) austreten. Das Bürokratenwerk ist ihm wie Millionen Bürgern und Hunderten Schriftstellern, Sprachwissenschaftlern und Verlagsoberen schon lange ein Gräuel: „Sie stiftet nur Verwirrung.“ Jede Nichteinigung, so appellierte der Bayer Edmund Stoiber (CSU) am Donnerstagabend an die Streithähne, führe zu einer Blamage und damit Schwächung aller.

Widerwillig ließen sich auch Reformfreunde wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) für einen Kompromiss gewinnen. Die neue Rechtschreibung wird zum 1. August 2005 eingeführt. Aber: Vorher prüft ein „Rat für deutsche Rechtschreibung“, dem Gegner und Befürworter angehören, welche Neuerungen wirklich Verbesserungen bedeuten.

Auch auf der Frankfurter Buchmesse war der Streit um die Orthografie, neben dem überraschenden Literaturnobelpreis für Elfriede Jelinek, das Topthema. Die einen hofften auf eine Renaissance des Bewährten, andere witterten ein Täuschungsmanöver der Politik.

„Ich erwarte von dieser neuen Entwicklung Gutes, auch wenn sich die Befürworter einer schlichten Rückkehr zum Bewährten nicht durchsetzen konnten“, sagte Martin Walser. „Ganz auf null zurück – das geht wohl nicht. Dass man jetzt die Reform reformieren will, und zwar wegen der Kritik an ihr energischer als ursprünglich geplant, ist doch ein Zeichen von Lebendigkeit.“

Skeptischer äußerte sich der Schriftsteller Bodo Kirchhoff: „Wir können jetzt nur noch auf einen Aufstand der Buchstaben hoffen. Die Politik betrachtet Sprache als ein Vereinfachungsinstrument zur Durchsetzung eigener Interessen. Daher ist es logisch, dass sie in einen Gegensatz zu allen tritt, für die Sprache vor allem ein Ausdrucksmittel ist.“

Nach jahrelangem Reformstreit ist der bizarre Disput um Fremdwörter und Trennungen, Getrennt- und Zusammenschreibung in eine neue, möglicherweise entscheidende Phase getreten. Ein 36-köpfiges Gremium aus Pädagogen und Germanisten, Verlagsleuten und Literaten soll das umstrittene Regelwerk bis zum Stichtag im August noch einmal überprüfen.

Allerdings: „Wenn der Rat mit seiner Entscheidung nicht fertig wird“, sagt ein einflussreicher Ministerpräsident, „steht auch der Einführungstermin wieder zur Disposition.“

Abgerissen ist der Protest gegen die von Ministerialen und Sprachexperten ausgetüftelte und 1998 eingeführte Reform nie. „Ich kenne niemanden, der Ketchup nach den neuen Regeln schreibt“, grummelte der Saarländer Peter Müller (CDU) im Kreis der Ministerpräsidenten. „Warum wir gerade jetzt, im Zeitalter der Globalisierung, mit der Eindeutschung beginnen“, stöhnt Stoiber, „versteht kein Mensch.“

Die großen Zeitungsverlage sind gespalten. Soeben kehrten die meisten Blätter aus dem Verlag Axel Springer zur alten Schreibweise zurück. Die „FAZ“ hatte die Neuerungen nach kurzer Erprobung verworfen. Das Verlagshaus Gruner + Jahr wiederum akzeptierte die Reformregeln weitgehend. Der SPIEGEL kündigte jüngst die Rückkehr zur alten Schreibweise an, sollte es nicht zu substanziellen Veränderungen kommen.
Große Schriftsteller wie Hans Magnus Enzensberger haben ihr Entsetzen über die Reform („nur noch ein Trümmerhaufen“) eindringlich zu Protokoll gegeben, ebenso der Deutsche Elternverein. In der vergangenen Woche auf der Buchmesse unterzeichneten rund hundert Autoren eine Resolution gegen das Diktat der Kultusbürokratie, darunter Enzensberger, Günter Grass, Siegfried Lenz und Ulla Hahn.

Tatsächlich stiftete die Reform eher Verwirrung als Klarheit. Was früher ein „frischgebackener“ Ehemann war, ist heute ein „frisch gebackener“. „Feuer speiend“ und „Hilfe suchend“ ist Pflicht, „heilbringend“ aber möglich. Es gibt den „Fotografen“ und die „Grafologie“, aber weiterhin den „Philosophen“. Kaum weniger kunterbunt sind die Trennungsregeln und die Kommasetzung ausgefallen. Was vorher nur ein „vielversprechender Politiker“ war, ist heute auch ein „viel versprechender Politiker“.

Wer so genannte Experten an der Sprache „herumfummeln lässt“, so der Schriftsteller Günter Kunert, „wird mitschuldig daran, dass wir Deutschen auch im Denken immer mehr absacken“. Dass es vor allem darauf ankomme, dass Schüler möglichst wenige Fehler machten, sei ein schlichter Denkfehler: „Es kommt doch gerade darauf an, dass möglichst viele Schüler ihr Gehirn so anstrengen, dass sie die Sprache, wie sie ist, beherrschen.“

Eine letzte Chance, zumindest den schlimmsten Aberwitz zu eliminieren, bietet der nun beschlossene Rechtschreibrat. Mitreden dürfen viele: 18 Mitglieder aus Deutschland, jeweils 9 aus Österreich und der Schweiz. Wobei allerdings offen bleibt, warum 18 Deutsche 82,5 Millionen Bundesbürger repräsentieren, während 9 österreichische Delegierte 8 Millionen Österreicher und 9 Schweizer knapp 5 Millionen Deutsch sprechende Schweizer vertreten.

„Plural“ geht es auf deutscher Seite auch bei der Auswahl der Vertreter zu: 16 sollen es sein, vom Institut für Deutsche Sprache, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über den Dudenverlag und die Verbände der Journalisten, Zeitungs- und Zeitschriftenverleger bis zum deutschen PEN-Zentrum und zum Germanistenverband.
Jeder Verband hat einen Sitz, zwei Sitze bekommen lediglich das Institut für Deutsche Sprache und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Eine gerechte Sache, viele kommen zu Wort. Aber sind es am Ende nicht zu viele?

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit meldete vergangenen Freitag Zweifel an, ob ein solcher Groß-Rat überhaupt „konsensfähig“ sei. Akademie-Präsident Klaus Reichert hält das Gebilde gar für einen „unbeweglichen Elefanten“. Reichert ist noch gar nicht sicher, ob er im Rat überhaupt mitwirken will.

Als größtes Handicap könnte sich erweisen, dass viele Verbände nicht in der Lage sind, einen Standpunkt zu definieren, weil sich Gegner und Befürworter im eigenen Verein erbittert gegenüberstehen. Im Rat können sie aber nur mit einer Stimme auftreten, was leicht zu einem Minimalkonsens verleiten kann.

Der Dichter Durs Grünbein hat bereits alle Hoffnung fahren lassen: „Ich bin in dieser Angelegenheit Fatalist – ich habe keine Hoffnung mehr, dass wir zur alten Rechtschreibung zurückkehren. Ich schreibe zwar weiter, wie ich will. Aber mein Kind wird mich bald lesen wie einen Autor aus der Mörike-Zeit.“

Politiker, die immer mit Kompromissen leben müssen, sehen das naturgemäß weniger düster. Der deutsche Bundeskanzler, den im fernen Hanoi die Nachricht von der Einsetzung des Sprachrats ereilte, gab sich entspannt. Gerhard Schröder ist zwar kein Freund der auch von ihm als merkwürdig empfundenen Neuerungen, akzeptiert sie aber notgedrungen, weil sie mittlerweile an den Schulen gelehrt werden. Allerdings tue er sich mit jeder Form von Rechtschreibung schwer, gab er bereitwillig zu. Er diktiere eben schon zu lange fast alle Texte. Als Ministerpräsident von Niedersachsen hatte er Autogrammkarten mit den Worten „Frohe Weinachten“ verteilt, was ihm umgehend ein Kooperationsangebot des Legastheniker-Verbands einbrachte.

Am vergangenen Donnerstag, beim Eintrag in das Gästebuch der Gedenkstätte für Mahatma Gandhi in Neu-Delhi, erging es ihm nicht viel besser. Er verewigte sich mit einem Hermann-Hesse-Zitat, leichte Unsicherheiten bei der Groß- und Kleinschreibung sowie das scharfe "ß" der alten Rechtschreibung inklusive: „Damit das mögliche entsteht, muß immer wieder das unmögliche versucht werden.“

VOLKER HAGE, HORAND KNAUP, CHRISTOPH SCHMITZ, MATHIAS SCHREIBER

[Bild]• Edmund Stoiber, Peter Müller, Christian Wulff, Peer Steinbrück, Heide Simonis, Wolfgang Böhmer, Ole von Beust am 7. Oktober.



Spiegel 11.10.2004

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Sigmar Salzburg
04.11.2011 08.15
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BAP-Sänger Niedecken erkrankt

Köln – „Mit großem Bedauern müssen wir mitteilen, dass aufgrund einer schweren Erkrankung von Wolfgang Niedecken alle anstehenden Termine, darunter auch die ab dem 8. November geplante BAP-Tournee, verschoben werden müssen“, teilte Niedeckens Management mit. „Bis auf Weiteres stehen alle Planungen still.“

Anfang des Jahres hatte Niedecken seine Autobiografie „Für 'ne Moment“ veröffentlicht. „Ich habe mich immer gegen Hochdeutsch oder Englisch in den Songtexten gewehrt“, sagte er einmal. BAP dürfe sich nicht austauschbar machen.

spiegel.de 3.11.2011

Zu Niedecken siehe auch hier.

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Sigmar Salzburg
02.11.2011 20.38
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Forschungsskandal in den Niederlanden

Renommierter Psychologe gesteht Fälschungen

Laut einem Bericht des zu „Science“ gehörenden „Science Insider“ kamen erste Hinweise auf Stapels Fehlverhalten von drei Nachwuchsforschern. Im Nachhinein waren sie nicht die Ersten, die solche Vorwürfe machten – aber die Ersten, die ernst genommen wurden…

spiegel.de 2.11.2011

Beim Rechtschreibschwindel war es etwas anders: Daran glaubten die Ersten in der Politik – und wurden als letzte ernst genommen. Für die „Reform“ wurde noch nicht einmal viel gefälscht, es wurde einfach ohne Nachweis behauptet.

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Sigmar Salzburg
18.10.2011 08.49
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... und nach 16 Jahren Rechtschreibreform

Rechtschreibkunde für Grundschüler

Teddy erklärt das kurze i

Von Heike Sonnberger

Um die Orthografie steht es schlecht in Deutschland, klagen Schulexperten. Softe Achtundsechziger-Methoden hätten viel kaputt gemacht [und die Rechtschreibreform!], schon ab der ersten Klasse mangele es an Struktur und Regelkunde. Teil des Problems: Viele Lehrer haben selbst zu wenig Ahnung von der deutschen Sprache.

Vorne neben der Tafel, auf zwei zusammengerückten Grundschulstühlen, steht ein Spielzeugboot aus Holz. Darin sitzen sechs Teddybären mit selbstgestrickten Pullis. Sie haben sechs Buchstaben um den Hals: f-i-n-d-e-n. Lehrerin Barbara Pagel, 30, hebt das Boot in die Luft, schwenkt es hin und her.

„Welche der beiden Silben in dem Wort ist betont?“, fragt Pagel. Ihre Klasse klatscht zweimal in die Hände: Patsch-patsch. Fin-den. „Die erste!“, ruft Zweitklässler Paul*. „Und ist das 'i' in der ersten Silbe lang oder kurz?“ Viele kleine Arme sausen in die Luft. „Kurz, weil der Matrose Max dabei ist und der Kapitän auf See nur kurz arbeiten muss“, sagt ein anderer Junge.

Der Kapitän ist ein Teddy mit rotem Pulli. Er sitzt an zweiter Stelle im Boot und steht für das „i“. Der Matrose Max sitzt daneben, trägt einen blau-weißen Pulli und ein Schild mit dem Buchstaben „n“ um den Hals. Und weil Max mit in der vorderen Hälfte des Bootes sitzt, schreibt man „finden“ mit kurzem „i“. Und nicht „fienden“ oder „fihnden“.

Die Regel funktioniert für die meisten deutschen Wörter mit „i“ in der ersten Silbe – bis auf Ausnahmen wie etwa „Tiger“. Da muss Kapitän „i“ lange arbeiten, weil Matrose Max nicht im vorderen Teil des Bootes sitzt, und man müsste ihm ein helfendes „e“ zur Seite stellen: ein „Tieger“ mit „ie“.

„Wirklich repräsentative Studien gibt es nicht“

„Doch eigentlich ist die deutsche Sprache regelmäßiger als viele denken“, sagt Pagel. An der Schule Iserbrook in Hamburg vermittelt sie ihren Schülern ab der ersten Klasse die Orthografie nach festen Regeln. Mitentwickelt und wissenschaftlich begleitet hat das Konzept die Sprachdidaktikerin Inge Blatt von der Uni Hamburg.

Demnach identifizieren die Kinder betonte und unbetonte, offene und geschlossene Silben, erkennen lange und kurze Vokale. Überfordert scheinen sie nicht zu sein: „Das mit den Bären hat uns geholfen, so haben wir es leichter gelernt“, sagt der achtjährige Finn*. Und die sieben Jahre alte Yara* sagt stolz: „Ich habe das seit der ersten Klasse begriffen.“ Pagel setzt das um, was Experten verstärkt fordern: Einen Rechtschreibunterricht, der Schülern genauer vermittelt, wie die deutsche Sprache aufgebaut ist. Das Ziel: Kinder in Deutschland sollen wieder besser schreiben lernen.

Aber steht es wirklich so schlimm um die Orthografie? Eine Antwort ist nicht leicht zu finden. Für eine Ergänzungsstudie zur Iglu-Leseuntersuchung 2006 wurde bundesweit das Rechtsschreibvermögen von Grundschülern abgefragt. In einem Test mit 35 Wörtern schrieben die Kinder im Durchschnitt beinahe die Hälfte falsch. Die Ergebnisse waren geringfügig besser als die der ersten Iglu-Studie fünf Jahre zuvor. „Bei der ersten Untersuchung waren wir etwas schockiert“, erinnert sich die pensionierte Schulforscherin Renate Valtin, die damals dem Iglu-Wissenschaftlerteam angehörte.

Im Rahmen der Iglu-Studie 2011 wird Rechtschreibung nicht wieder getestet. Stattdessen haben die Bundesländer eigene Tests in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse sie im kommenden Jahr vorstellen wollen, teilt die Kultusministerkonferenz mit. Mindestens bis dahin aber bleibt die Datenlage mau. „Wirklich repräsentative Studien, die für ganz Deutschland verallgemeinerbar sind, gibt es nicht“, sagt Valtin.

Mit bunten Bildchen zum Wort

Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber von der Pädagogischen Hochschule Freiburg ist dennoch sicher: „Um die Rechtschreibung steht es absolut nicht gut.“ Und die Wurzel des Übels liege in der Art, wie Orthografie gelehrt werde. Rechtschreibregeln würden in der Grundschule vernachlässigt. Röber hat, ähnlich wie ihre Kollegin Blatt von der Uni Hamburg, eine silbenanalytische Methode zum Schreibenlernen für Grundschüler entwickelt. Statt mit zweigeteilten Schiffchen arbeitet sie mit Häusern und Garagen. In ihrer Analyse sind sich die beiden einig: Die Strukturen der Rechtschreibung dürfen nicht zu kurz kommen.

Es gibt aber auch Pädagogen, die halten Rechtschreibregeln ab Klasse eins für weniger wichtig. Zu ihnen gehört Cornelia Kastel, 56. Sie unterrichtet seit mehr als 20 Jahren nach der Methode „Lesen durch Schreiben“. Ihre Schüler üben nicht gemeinsam das ABC, sondern sie schreiben von Anfang an Wörter und Texte. Dafür hören sie auf die Klänge der Buchstaben und schreiben dann die passenden Buchstaben von einer Anlauttabelle mit bunten Bildern ab. So sollen sie die Laute und die dazugehörigen Buchstaben verinnerlichen und nebenbei auch lesen lernen, in ihrem eigenen Tempo, sagt Kastel.

In Kastels Lerngruppe aus Erst- und Zweitklässlern sitzt Martin*. In seiner fünften Schulwoche beugt er sich über sein Heft, daneben liegt die Anlauttabelle mit den erklärenden Bildchen. „Ich schreibe das Wort Lupe“, sagt er. „L – und jetzt ein B wie Banane? Ein E wie Ente?“ Martin überlegt. Dann strahlt er: „Ein U wie Hut!“ Und schreibt „Lh…", weil „Hut“ mit „h“ beginnt und die Bilder in der Tabelle nach ihren Anfangsbuchstaben ausgewählt sind. Kastel unterbricht ihn und erklärt den Fehler. „Er kann noch nicht lesen, was er geschrieben hat“, sagt sie. Manchmal helfen sich ihre Schüler auch gegenseitig.

Kastels Schüler tasten sich selbstständig schreibend an die Orthografie heran. Werde es zu regelhaft, gehe die Kommunikation unter, sagt die Lehrerin. Noch mehr Regeln, das müsse nicht sein. „Sprache ist wie ein tanzender Tausendfüßler“, sagt sie. „Er tanzt wunderschön, bis jemand fragt: Mit welchem Fuß fängst du eigentlich an?“

Unvermögen im Lehrerzimmer? „Vielen sind präzisere Regeln zu komplex“

Die Methode „Lesen durch Schreiben“ entstand in den achtziger Jahren. Ihr Begründer ist der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen. Sie war in den neunziger Jahren verbreitet, nun werde sie kaum noch in der reinen Form angewandt, sagt Peter May vom Hamburger Institut für Lehrerfortbildung.

Damals marschierten viele Fachleute in eine andere Richtung als heute. Rechtschreibung war bei manchem Achtundsechziger als willkürlich verpönt, in den Siebzigern sollten darum die Fesseln der Orthografie gelockert werden, sagt May. „Man sagte sich damals: Es gibt Wichtigeres im Leben, es gibt ja Wörterbücher.“ Als Folge sei die Rechtschreibkompetenz zunächst in Westdeutschland und nach der Wende auch im Osten massiv eingebrochen.

In Großstädten hat heute beinahe jeder zweite Schüler mindestens einen ausländischen Elternteil. Die Rahmenbedingungen hätten sich dadurch verändert. „Die Schule ist nicht schlechter geworden, aber die Probleme sind größer als früher.“ Wenn das Gefühl für die Sprache fehle, werde es mit einem weniger regelbasierten Schreibenlernen problematisch. Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen und keine gute Aussprache haben, seien von dem kreativen Ansatz überfordert, sagt May.

Konsonanten blau, Vokale rot

Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben aber längst nicht nur Schüler, die zu Hause kein Deutsch sprechen. Auch junge Muttersprachler können sehr oft nicht hören, dass in „Fisch“ ein „i“ steckt und dass „Butter“ auf „er“ endet, sagt Erziehungswissenschaftlerin Röber. Darum wollen sie und viele ihrer Kollegen den Schülern stärker als bislang beibringen, wie die deutsche Sprache funktioniert. Die ehemalige Iglu-Forscherin Renate Valtin bemängelt: „Meist erschöpft sich der Rechtschreibunterricht im Abschreiben, Abschreiben, Abschreiben, Üben, Üben, Üben.“ Einsicht in die Strukturen der Sprache komme dabei zu kurz.

Grundschullehrerin Barbara Pagel hat nach dem Referendariat in Hamburg-Wilhelmsburg unterrichtet – einem der ärmeren Viertel in der reichen Stadt. Dort hatten viele Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch, die meisten stammten aus bildungsfernen Haushalten. „Nur mit freiem Schreiben hätten die Kinder viel weniger Erfolg beim Lesen und Schreiben gehabt“, sagt sie. Stattdessen ließ sie ihre Schüler Vokale mit roten, Konsonanten mit blauen Stiften schreiben. Sie brachte ihnen bei, dass jede Silbe mindestens einen roten Buchstaben braucht.

Um das vermitteln zu können, muss sich jedoch erst der Lehrer mit den Gesetzmäßigkeiten der Sprache auseinandersetzen. „Vielen sind neue, präzisere Rechtschreibregeln zu komplex“, sagt Röber. An Grundschultafeln beschränkten sich die Regeln auf Sätze wie: Nomen erkennt man am Artikel und man schreibt sie groß. Solche vagen Vorgaben führten jedoch oft auf die falsche Fährte.

Auch Renate Valtin glaubt, dass es Lehrern oft selbst am Rüstzeug für eine umfassende grammatische Regelkunde fehlt. „Viele Lehrer haben bisher viel zu wenige Grammatikkenntnisse erworben.“ Damit Orthografie Schülern nicht bis ins spätere Leben ein Rätsel bleibt, müsse sich bei der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte etwas ändern.

Auch Lehrerfortbilder May hält die Lehrerausbildung für den Schlüssel zu besserer Rechtschreibung, sieht sie aber schon auf einem guten Weg. „Ein guter Lehrer weiß, welche Methode er bei welchen Kindern anwendet“, sagt er. Ein geniales Kind finde es womöglich tödlich langweilig, wenn es jeden Tag Regeln lernen müsse. Dann sei das freie Schreiben nach Jürgen Reichen eine gute Lösung. Bei vielen Schülern allerdings müsse man ein wenig Freiheit gegen mehr Struktur eintauschen, wenn sich das Rechtschreibniveau verbessern soll. Letztlich, sagt May, komme es immer auf den Schüler an.

* Namen der Kinder von der Redaktion geändert

spiegel.de 18.10.2011

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Sigmar Salzburg
19.08.2011 05.51
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Humor gegen rechts

… Oft müssen sich Nazi-Gegner ihren Spott nicht einmal ausdenken, die Rechten liefern Material: NPD-Abgeordnete im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sprechen vom Philosophen "Decartess" (René Descartes) und vom Dichter „Franz Grillpanzer" (Grillparzer). Und Neonazis, die sich als Bewahrer der deutschen Sprache geben, stolpern über ihre Rechtschreibung. Dann steht auf Plakaten „Nationaler Wiederstand" und auf Wänden "Türen raus“ statt „Türken raus“.

Wer sich darüber lustig macht, trifft einen wunden Punkt. „Dass sich die Nazis darüber aufregen, ist ein Indiz, dass es funktioniert“, sagt Forscher Dietzsch.
spiegel.de 18.8.2011

Die Beispiele zeigen wieder, wie nötig auch die Rechten die „Rechtschreibreform“ hätten.

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Norbert Lindenthal
19.06.2011 03.57
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wer übersieht »übersähte« Straßen

Redakteure des Spiegel sehen …


von brennendem Müll und Trümmern übersähte Straßen.
__________________
Norbert Lindenthal

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Norbert Lindenthal
13.06.2011 18.44
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… schallende Ohrfeige

Spiegel 13.06.2011

Niederlage bei Volksabstimmung
Italiener sagen Nein zur Atomkraft – und zu Berlusconi

Von Hans-Jürgen Schlamp

REUTERS
Italien hat abgestimmt: Deutlich mehr als 50 Prozent aller Wahlberechtigten beteiligten sich nach Hochrechnungen an einem Referendum und votierten gegen die Atomenergie und gegen die Privatisierung der Wasserwerke. Für Regierungschef Berlusconi ist das Ergebnis eine schallende Ohrfeige.




1999 wurde in Schleswig-Holstein noch das Volk und die Rechtschreibung von allen Parteien geohrfeigt. 12 Jahre später wird (in Stuttgart, Rheinland-Pfalz und Italien) schon etwas anders gespielt. Aber der Spiegel sagt hier im Titel noch nicht offen, wem die Niederlage gilt.

Norbert Lindenthal

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Norbert Lindenthal
22.05.2011 16.31
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Titelgeschichte mit großem Photo von Fritz Rahn

Der Spiegel 4/1956 Mittwoch, 25.1.1956

Der Spiegel-Artikel von 1956 wird als PDF im Originalaussehen angeboten. Viele Bilder. 3,2 MB


25.01.1956 

SPRACHE / RECHTSCHREIBUNG
Meer ist mehr als mer
(s. Titel)

Die bundesdeutschen Abiturienten werden _ in diesem Jahr zum letztenmal einigermaßen ungerüstet, mit dem für Reifeprüflinge typischen Gefühl des Wissens-Chaos, vor das Lehrertribunal treten. Schon ihre Nachfolger vom nächsten Winter können sich – so steht zu hoffen – bei ihrem Gang vor die Prüfungskommission auf eine Gedächtnisstütze modernster Konstruktion verlassen.

Die Patentmarke bürgt für beste Qualität. Hersteller des neuen Lerngerätes ist der Stuttgarter Verlag Ernst Klett, als Schulbuch-Verlag dem Lehramt wohlbekannt. Auch der Name des Konstrukteurs dieser Verstandes-Kletterstange, eines Wissensregisters in ausgeklügelter Tabellenform, ist Lehrern wie höheren Schülern wohlvertraut: Dr. Fritz Rahn. Der Große Herder verzeichnet den pensionierten Oberstudienrat aus Schorndorf in Württemberg als „Pädagogen und Spracherzieher“. Er hat gemeinsam mit dem Philologen Wolfgang Pfleiderer das in den meisten höheren Schulen eingeführte Unterrichtswerk „Deutsche Spracherziehung“ verfaßt und zehn Jahre Arbeit in sein synchronoptisches Tafelwerk zur deutschen Kulturgeschichte investiert.

Dieser neue Versuch einer synchronoptischen Geschichtsdarstellung – ein ähnliches Unternehmen des Ehepaares Peters erlitt aus politischen Gründen Schiffbruch (SPIEGEL 47/1952) rundet das reformerische Lebenswerk des 64jährigen Schulpraktikers Fritz Rahn vorläufig ab. Es hat ihm nicht nur Lehr-Erfolge und hohe Auflagen eingetragen, sondern auch den Vorwurf der Inkonsequenz, zum Beispiel wegen seiner Haltung zur vieldiskutierten Rechtschreibreform. Rahn steht heute in der Auseinandersetzung um eine Reform der Rechtschreibung (etwa „rüttmus“ statt „Rhythmus“, „rükker“ statt „Rückkehr“ oder „kwal“ statt „Qual“) auf der Seite der scheinbar Konservativen.

Die Diskussion über das Rechtschreibproblem, über die Frage, ob in Deutschland und im gesamten Gebiet der deutschen Sprache, also auch in Österreich, in der Schweiz und in Luxemburg, etwa „ee“ statt „Ehe“, „kan“ statt „Kahn“ oder „kann“ und – ausgenommen die Satzanfänge – alles klein geschrieben werden soll, ist bald nach dem letzten Kriege wieder aufgelebt. Ihren Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung in den vergangenen beiden Jahren.

Beide Seiten – die Fürsprecher einer von allen „Willkürlichkeiten“ der deutschen Rechtschreibung rigoros gereinigten „Stromlinien“-Schreibung und die Verteidiger der oft verwirrend schwierigen Rechtschreibregeln – haben sich in diesem Streitgespräch hoffnungslos ineinander verkrallt und führen es mit auffallender Gereiztheit, die sich in unsachlichen Argumenten und persönlichen Verunglimpfungen widerspiegelt.

Der Streitfall ist nicht neu. Ihm liegt zugrunde, daß sich die Sprache fortwährend verändert, daß aber ihr „Sprachbild“, die Schrift, hinter dieser Entwicklung zurückbleibt und mitunter eigene Wege geht. Die starr beibehaltenen Schreibregeln führen von der sich wandelnden Sprache immer weiter weg und schließlich zur „Versteinerung“ der Schrift, die – vom natürlichen Sprachleben getrennt – praktisch abgestorben ist und damit nicht mehr die gesprochene Sprache abbildet, sondern einen ganz anderen Sachverhalt. Dies scheint das Schicksal der Buchstabenschrift zu sein, die feste Buchstabenkombinationen für wandelbare Sprachformen setzt.

Die Rechtschreibreformer bemühen sich nun um eine engere Verbindung von Laut-Erscheinung und Sprachbild, also um eine Angleichung der Schrift an die lebendige Sprache, sie zielen letztlich – „Schreibe, wie Du richtig sprichst!“ – auf eine mehr phonetisch begründete „Laut“-Schrift, nach Klopstocks Schreib-„Regel der Sparsamkeit“: „Kein Laut darf mehr als ein Zeichen, kein Zeichen mehr als einen Laut haben.“

Wie sich eine von der natürlichen Sprachbewegung abgelöste Buchstabenschrift entwickelt, zeigt die Situation im Englischen und Französischen. Lauterscheinung und Sprachbild, Sprech-Sprache und Schrift also, haben sich offenbar endgültig voneinander getrennt, die Schrift als das abgeleitete Phänomen ist dabei auf einem früheren Stande stehengeblieben und „versteinert“.

So hat heute das Französische für ein und denselben Laut ganz verschiedene Schreibweisen, zum Beispiel in „sans“ – „cent“ – „sens“ – „sent“. Das englisch gesprochene „i“ wird gar auf sechsfach verschiedene Art geschrieben: „ea“ – „i“ – „ee“ – „e“ – „ey“ – „ei“, ganz abgesehen von den Absonderlichkeiten der englischen Lautlehre, zum Beispiel „gh“ wie „f“ zu sprechen und so fort. Das Englische, Französische und das Deutsche sind die einzigen lebenden Sprachen, in denen der f-Laut in Wörtern griechischer Herkunft noch mit dem Lateinischen „ph“ bezeichnet wird.

Andere Sprachgemeinschaften dagegen haben ihre Schrift laufend „auf Stromlinie“ gebracht, etwa die Türken, die 1928 die arabische durch die lateinische Schrift ersetzten, oder die Holländer, die 1947 ihre Schrift vereinfachten, und selbstverständlich die Amerikaner, die bereits „favor“, „judgment“, „meter“ oder „traveled“ schreiben statt „favour“, „judgement, „metre“ oder „travelled“, wie es das konservative Englisch im Widerspruch zur modernen Sprech-Sprache vorschreibt.

Vor diesem „Veralten“, einem Auseinanderfallen von Sprechen und Schreiben, möchten die Rechtschreibreformer das Deutsche bewahren. So jedenfalls lautet ein Hauptargument der Universitätsprofessoren an der Spitze der Reformpartei. Ihren stärksten Antrieb erhält die rechtschreib-revolutionäre Bewegung jedoch von unten her, von den Volksschullehrern und ihren Verbänden. Deren Argumente stützen sich auf die tatsächlich großen Zeitverluste beim Eintrichtern widersinniger „Recht“schreibungen wie etwa:

ernst nehmen – Ernst machen
in bezug auf – mit Bezug auf
heute mittag – diesen Mittag.

Diese Beispiele beziehen sich nur auf willkürlich anmutende Groß- und Kleinschreibung, die allerdings ein Hauptproblem des Deutschunterrichts wie der Rechtschreibung in allen Lebenslagen ist. Tatsächlich stammen 30 Prozent aller Schreibfehler im Deutschaufsatz aus diesem Zwist zwischen Logik und Rechtschreibregel.

Der verhaßte Duden

Eine noch größere Fehlerquelle aber ist die im Deutschen verwirrend schwierige „Rechtschreibung der Vokaldauer“, der verschiedenartigen Kennzeichnung von Längen und Kürzen. 40 Prozent aller Rechtschreibfehler in der Schule entfallen auf dieses Problem, das durch Beispiele leicht zu belegen ist:

kühn – grün
man – Mann
nahm -Name
malen – mahlen
Uhrzeit – Urzeit
Maschine – Schiene
Beere – Schere

Nur etwa 32 Prozent aller langen Vokale sind im Deutschen durch ein besonderes Dehnungszeichen hervorgehoben. Nur etwa sechs Prozent aller kurzen Vokale sind durch Konsonantenverdoppelung gekennzeichnet. Der „f“-Laut wird außer mit „ph“ (Philologe) auch mit „v“ bezeichnet (Vers, verfehlt), das in anderen Wörtern wieder wie „w“ gesprochen wird (Viktor, Violine). „D“, „edt“ und „th“ werden wie „t“ gesprochen (Land, Thron, wandte), „ks“ und „chs“ wie „x“ (lax, Knacks, Lachs). „Tz“, „ts“, „zz“ klingen wie „z“ (Dezember, Katze, Bootsdeck, Razzia), und ebenso sind „eu“, „äu“ und „oi“ gesprochen nicht voneinander zu unterscheiden (Eule, Mäuler, Boiler).

Gänzlich verwirrend schließlich erscheint die deutsche Kommataregelung („Ich habe keine Lust zu schreiben“, aber: „Ich habe keine Lust, ihm zu schreiben“) und die Silbentrennung („ge-stern“, aber „gestrig“; „Par-odie“, aber „Rhap-sodie“). Alle diese Unregelmäßigkeiten tragen nicht dazu bei, Ausländern und Schülern das Deutschlernen zu erleichtern. Im übrigen ist durch Versuchsdiktate festgestellt worden, daß offenbar kein Deutscher, auch kein Sprachprofessor, völlig fehlerfrei schreiben kann.

Die Lehrer plädieren nun für den Abbau dieser Unregelmäßigkeiten und für eine „Normierung“ der Schriftsprache mit dem Argument, der Unterricht müsse entlastet werden, damit man Zeit für wesentlichere Dinge gewinne. Darüber hinaus verweist die Reformpartei auf die Möglichkeit, der oft schon beim Kinde spürbaren Abneigung gegen die Grammatik und insbesondere gegen die Rechtschreibung entgegenzuwirken.

Dieses psychologische Moment ist eine der stärksten Waffen im Kampf gegen das überkommene Schriftbild. Der mit dem Schreiben-Lernen beginnende Deutschunterricht überfordert den Abc-Schützen beträchtlich: Nicht einmal ein Professor der Sprachwissenschaften kann definieren, was ein „Hauptwort“ ist. Diese erste und in den meisten Fällen trübe Erfahrung mit der geschriebenen Muttersprache schafft alsbald eine instinktive Abneigung gegen Deutschunterricht und Grammatik, dann oft einen ausgewachsenen Minderwertigkeitskomplex.

Jedem Bürochef ist der Typ der anscheinend intelligenten, aber orthographisch wenig sattelfesten Sekretärin vertraut, die unter ihrem „Bildungsmangel“ regelrecht leidet; der Arzt und Psychologe weiß davon mehr. Quell allen Unglücks ist die leidige Tatsache, daß im Personalbüro wie in der Gesellschaft als Maßstab für Intelligenz das in Deutschland wohl meistgehaßte Buch gilt: der Duden. An diesem Pegel mißt jeder den eigenen oder fremden Bildungsstand, die Duden-Regeln gelten als codifiziertes Rechtschreibrecht.

Dabei ist „der Duden“ und mit ihm eine offizielle deutsche Rechtschreibung erst einige Jahrzehnte alt. Als der Soester Gymnasialdirektor Konrad Duden 1880 sein „Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ mit Unterstützung staatlicher Stellen erscheinen ließ, wurden zum ersten Male die etwa seit Luthers Bibel-Übersetzung währenden Bemühungen um eine einheitliche Schriftsprache zusammengefaßt. 1876 hatte eine in Berlin tagende „Konferenz zur Herstellung größerer Einigung in der Rechtschreibung“ die Orthographie wenigstens innerstaatlich, das heißt in den Grenzen des kleindeutschen Reiches geregelt.

Die erste Duden-Ausgabe fixierte diese Konferenz-Ergebnisse: Das altertümliche th (Rath, Wirth) wurde nur noch im Anlaut vor einfachen Vokalen gebraucht (thun, Thor, Thal); die Infinitiv-Endung -iren wurde zu -ieren; die Vokalverdoppelung (gaab, queer) wurde auf bestimmte Wörter wie Staat, Paar, Waage, eingeschränkt; die Endung -niss wurde zu -nis (Gleichnis, Kenntnis).

Aber eine für das gesamte deutsche Sprachgebiet verbindliche Konvention war noch nicht in Sicht, solange etwa Fürst Bismarck seinen Beamten „bei steigenden Ordnungsstrafen“ die Anwendung der zum ersten Male offiziell formulierten Rechtschreibregeln untersagte. Der konservative Kanzler teilte offenbar die Ansicht, die schon Schopenhauer seinem Leipziger Verlag Brockhaus und dessen Haus-Orthographie gegenüber vertreten hatte: „Daß ein Ladenmensch, ein Buchdrucker und seine schwarzen Myrmidonen aus dem Schmierloch die deutsche Sprache regieren wollen, ist nicht nur ein Übelstand, sondern eine Infamie.“ (Ähnlich hatte Wilhelm Raabe der Rechtschreibung wegen einem Bonner Reform-Professor „eine Feindschaft geschworen, an die nur Hannibals Haß gegen die Stadt Rom annähernd heranreichte“.)

Erst kurz nach der Jahrhundertwende, 1901, kam nach langem Verhandeln eine gesamtdeutsche Konvention zustande. Damals fiel auch das th in „Thür“, „Thor“ oder „Thal“. Mit der Neuauflage von 1903 wurde der Duden zu dem im gesamten deutschen Sprachgebiet anerkannten Rechtschreib-Codex – obgleich seine Jurisdiktion in keinem Gesetz, keinem Paragraphen des öffentlichen Rechts verankert ist. Es gibt daher außerhalb der Kanzleien, der Korrektoren-Räume und der Schulzimmer noch immer einige Individualisten, die dem Duden zum Trotz und nur ihrem Sprachgefühl gehorchend „Albtraum“ statt dudengerecht „Alptraum“ schreiben, die gleichsam „Kopf“ (und nicht, wie der Duden vorschreibt: „kopf“) stehen über viele Rechtschreibregeln, die wissen, daß sie im Grunde „recht haben“, obwohl sie – des Duden wegen – deshalb bisweilen „Unrecht leiden“, die es also mit Schopenhauer halten, der seinen Setzer anfuhr, „das Letzte, das er, der Setzer, denken möge, sey, daß er, Schopenhauer, sich in der Orthographie etwa geirrt habe“.

NS-Deutsch und Sowjet-Deutsch

Dabei ist der Duden, der von einer ständigen Redaktion – sie ist gegenwärtig zweigeteilt in Sitz Leipzig und Sitz Wiesbaden – fortlaufend überarbeitet wird, in anderen Fällen allzu fortschrittlich. Er verzeichnet seit etwa fünfzehn Jahren zum Beispiel „Kolumbus“ oder „Kolorado“, wobei er „Colorado“ als „engl. Schreibung von: Kolorado“ erklärt. Er dekretiert ähnlich „Chikago“, während er die originale Schreibweise „Chicago“ wider alle Vernunft als „engl. Schreibung von: Chikago“ definiert.

Dieses Rechtschreib-Unrecht wird auch noch in der neuesten Auflage des Duden vom Vorjahr konserviert. Es handelt sich um ein fatales Erbe, um Regeln des NS-Erziehungsministers Rust aus dem Jahre 1940. Sie sind nach wie vor Duden-gültiges Rechtschreibrecht, wie die Ständige Konferenz der Kultusminister in ihrer letzten Tagung kurz vor Weihnachten noch einmal ausdrücklich festgestellt hat.

Etwa zu der Zeit, als die Rust-Regeln Duden-Recht wurden, im Jahre 1941, veröffentlichte die Wochenzeitung „Das Reich“ einen Aufsatz unter dem Titel „Die Reform der deutschen Rechtschreibung“. Der Verfasser argumentierte temperamentvoll für eine weitgehende Änderung des gewohnten Schriftbildes, unter anderem trat er für generelle Kleinschreibung ein. Der Vorschlag fand ein kräftiges Echo in zahlreichen Leserzuschriften an den Verfasser des Artikels: Fritz Rahn.

Daß sein Name heute mit ganz entgegengesetzten Überlegungen und Vorschlägen zur Reform-Frage verbunden ist, bezeichnet Rahn selbst als das Resultat jenes Pro-Reform-Aufsatzes. Die sich rege entwickelnde, auf Goebbels-Befehl sofort abgestoppte Diskussion im „Reich“ habe ihn „veranlaßt, erst eigentlich in die ganze Problematik der Sache einzudringen… (Ich) gewann in stürmischen Auseinandersetzungen die Einsicht, daß Reformen der gedachten Art in dem Augenblick ein völlig verändertes Gesicht bekommen, wo sie sich vor der Wirklichkeit bewähren sollen. Die schwere Sorge um den erschütterten Bau der geistigen und wirtschaftlichen Kultur ist es, die den Verfasser veranlaßt, sich zu einer Überzeugung zu bekennen, die so weit von seiner früheren abweicht.“

Diese Überzeugung, nämlich daß eine abrupte und radikale Reform der Rechtschreibung keinesfalls wünschenswert sei, hat Fritz Rahn zum erstenmal 1952 in einer Denkschrift für eine Konferenz der „Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege“ niedergelegt, die vom Leiter des Stuttgarter „Instituts für Auslandsbeziehungen“, Dr. Franz Thierfelder, gegründet worden ist.

Rahn verfaßte diese Denkschrift in der Nacht vor dem Reformertreffen. Er warnte vor den Gefahren einer rationalisierten und dadurch ideologisch nivellierten Sprache – ohne zu wissen, daß unter den Teilnehmern der Thierfelderschen Rechtschreib-Konferenz fünf Delegierte aus der Ostzone saßen, darunter der schon 1946 mit einem offenkundig sowjetamtlich inspirierten Reform-Vorschlag vorgeprellte Abteilungsleiter für deutsche Sprache und Literatur an der (Ostberliner) Deutschen Akademie der Wissenschaften, Professor Dr. Wolfgang Steinitz, weiter der Präsident der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Professor Dr. Theodor Frings, sowie der Leiter der Leipziger Duden-Redaktion, Dr. Wolfgang Ebert.

Das Aufgebot an Sachsen lokalisiert den Schwerpunkt der Reform-Bewegung. Auch die besonders reformfreudigen Niedersächsischen Lehrerverbände werden – wenn es um die Rechtschreibreform geht – von echten Sachsen repräsentiert, und der Leiter der reformfreudigen Arbeitsgemeinschaft, Dr. Thierfelder, ist seiner Herkunft nach ebenfalls Ober-Sachse. Er glaubt, „daß zwischen Leipzig und Dresden von jeher ein gutes Deutsch geschrieben und ein schlechtes Deutsch gesprochen wurde“.

Die Unruhe über Rahns reformfeindliche Argumentation war in diesem Kreis groß. Rahn weigerte sich auch, die „Empfehlungen zur Erneuerung der deutschen Rechtschreibung“ zu unterzeichnen, die 1954 von der Thierfelderschen „Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege“ herausgegeben wurden.

Die Zusammensetzung dieser Arbeitsgemeinschaft ist annähernd repräsentativ für die Situation und für die Elemente der stärksten Aktivität in Sachen Rechtschreibreform nach dem letzten Kriege. Drei Stützpunkte heben sich heraus: einmal Ost-Berlin, wo schon bald nach Errichtung der Militärregierung die Deutsch lernenden Russen offenbar aus rein egoistischem Interesse zur Vereinfachung der deutschen Grammatik drängten; dann Wien, das in den Verantwortlichen eines „Österreichischen Wörterbuches“ seine Aktivisten hat, und endlich Sachsen; der Reformeifer dieses linguistisch so bedauernswert gebrandmarkten Volksstamms mag nicht nur mit seiner querulantischen Mentalität, sondern wohl auch mit einem – aus jener Brandmarkung gespeisten abgründigen Ressentiment gegen die Sprachnorm zu erklären sein.

Alle diese Reform-Aktivisten unter einen Hut zu bringen, ist auch dem rührigen Generalsekretär Dr. Thierfelder nicht so ganz gelungen. In gesonderten Aufsätzen zu einer deutschen Rechtschreibreform machten einige Unterzeichner der „Empfehlungen“ aus ihren von diesen Empfehlungen abweichenden Ansichten kein Hehl. Gesprächsweise bekennt sich sogar Dr. Thierfelder zu einer Meinung, die mit seinen „Empfehlungen“ recht wenig übereinstimmt. Diese sehen im einzelnen vor:

* „Gemäßigte Kleinschreibung“ (grundsätzliche Kleinschreibung aller Wortarten; große Anfangsbuchstaben nur für den Satzanfang, für Eigennamen und Anrede).
* „Vereinheitlichung der Buchstabenverbindungen“ (z statt tz: „spitzen – spizen“; ss in Antiqua statt sz/ß: „er schloss“).
* „Beseitigung rechtschreiblicher Doppelformen“ (Quarg – Quark; so daß – sodaß; Zwetschge – Zwetschke).
* „Angleichung der Fremdwörter an die deutsche Schreibweise“ (Fotograf, Teater, Katarr, Zilinder, Mütus).

Darüber hinaus handelt es sich um Empfehlungen zur Getrennt- oder Zusammenschreibung, zur Silbentrennung am Zeilenende, zur Vereinfachung der Zeichensetzung sowie zur Kennzeichnung langer und kurzer Vokale, wobei zum Beispiel „ie“ zu „i“, das lange „i“ also nicht gekennzeichnet werden soll (di libe).

Man hat versucht, diese Stuttgarter „Empfehlungen“ durch „Schreck-Beispiele“ zu ironisieren. Aber Sätze wie „forsicht, der kan kan lek sein“ oder „hir kan man weise reden hören“ geben kein objektives Bild. Die Textprobe muß zumindest größer sein (s. Kasten).

Dagegen hat nun Fritz Rahn „Betrachtungen und Vorschläge“ zur Diskussion gestellt, die von der Feststellung ausgehen: „Die Rede von den Willkürlichkeiten und Widersprüchlichkeiten der Regeln ist sachlich unbegründet.“

Rahn opponiert aggressiv gegen die angeblich „unwiderleglichen“ Argumente der Reformer: „Es war immer, ein besonderes Anliegen der Reformer, ihren Gegnern wenigstens das eine Zugeständnis abzuringen, die heutige Rechtschreibung sei aufs „schimpflichste“ verunziert durch zahllose alte Zöpfe, durch Widersprüche, Willkürlichkeiten und Spitzfindigkeiten. Bei gewissenhaftem Zusehen zeigt sich, daß von Widersprüchlichkeiten gar keine Rede sein kann, – ja daß eher der furchtbare Schulmeisterernst Tadel verdient, mit dem hinter gewissen Schreibgewohnheiten eherne Gesetze vermutet wurden, und die eiserne Konsequenz, mit welcher dann hinterher diese vermeintlichen Gesetzlichkeiten vom Duden in ein unerbittlich starres Regelsystem gepreßt wurden.“

Diese Absage des Spracherziehers an die Logistik des Duden und der Sprach-Professoren, diese Kampfansage des alten Pädagogen an die Pedanterie seiner Schulmeister-Kollegen ist bei Rahn gewiß sachlich begründet, sie ist aber ebensosehr auch emotionell unterbaut. Wer ihm begegnet, weiß sofort, woher diese Einstellung stammt, dieses Plädoyer für einen „Naturschutzpark Sprache und Schrift“, dieser gezielte Ausfall gegen die mit Heckenschere und Bandmaß manipulierenden Sprach- und Schreib-Gärtner. Der hochgewachsene weißhaarige Herr von 64 mit dem Aussehen eines 45jährigen schließt zwar den Schillerkragen gern mit einem hals-engen Pullover ab, aber der geistige Habitus des alten „Freideutschen“ und Wandervogels quillt doch sozusagen aus allen Knopflöchern.

Rahn stammt aus dem Bannkreis des jetzt 80jährigen Gustav Wyneken, des Schulreformers und Begründers der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. Wyneken war einer der Väter jener gegen den Spießbürgergeist der Vätergeneration opponierenden „Jugendbewegung“ der Jahre vor und nach dem ersten Weltkrieg. Selbstverantwortlichkeit und Bündische Jugend, vaterländische Gesinnung und Hoher Meißner, Naturverbundenheit und Klampfe – das sind Schlagworte, die das Erscheinungsbild dieser neuromantischen, äußerlich bald ins Modische umschlagenden Gesinnungswelle blitzartig erhellen.

Mit der Natur wurde der 1891 in Tettnang „am Bodensee“ – Entfernung zum Wasser: eineinhalb Wegstunden – geborene Fritz Rahn, Ältester unter sechs Geschwistern, bereits durch die -Erziehungspraktiken des vom Wandertrieb besessenen Vaters vertraut. Rahn senior übergoß den nervösen Knaben samstags nach dem Heißbad mit kaltem Wasser; er härtete seinen Ältesten ab durch ebenso panoramagesegnete wie strapazenreiche Gepäckmarsch-Wandlerungen über die Schwäbische Alb – aber er legte mit solchen Gewaltkuren doch den Grund für die gewissermaßen gut durchlüftete Lebenseinstellung seines Sohnes.

Dessen Wanderlust hält in seinem siebten Lebensjahrzehnt unvermindert an, nur reagiert er sie seit langem mit Motorenkraft ab., „Es war nur natürlich, daß ich mir einen Kraftwagen kaufte, sobald ich das Geld dazu hatte“, bemerkt Rahn in seinen „Vita“ von 1947. „Ich möchte … das Auto, das mich sieben Jahre in ganz Deutschland herumtrug, als den reichsten Freudenquell und dazu als das wichtigste Bildungsmittel bezeichnen, das mir das Leben beschert hat. … Es ermöglichte mir, aus einer Landschaft genau das herauszuholen, was ich davon haben wollte.“

Das Auto nennt der leidenschaftliche Auto-Wanderer Rahn auch als seinen wichtigsten, weil zeitsparenden Helfer, wenn er erklärt, wie sich ein schriftstellerisches Lebenswerk von elf Büchern und etwa viermal soviel Aufsätzen neben seiner Gymnasiallehrertätigkeit – vor allem am Stuttgarter Eberhard-Ludwig-Gymnasium – bewerkstelligen ließ., „Gedichte meiner Buben“ lautet der merkwürdig anmutende erste Buchtitel, den die Unterzeile erklärt: „Versuche dichterischer Gestaltung in der Schule.“

Der glänzend rezensierte Erstling von Anfang 1927 ließ den Erlanger Ordinarius für Philosophie, Paul Hensel, aufhorchen. Ein halbes Jahr später war der Altphilologe Fritz Rahn, der sein Abitur einst mit „Ungenügend“ in Griechisch bestanden hatte, Doktor der Philosophie. Seine Dissertation behandelte das Thema „Die Ästhetik des Wortes“.

Dieser Titel der Doktor-Arbeit des 36jährigen kann als Schlagzeile über Rahns gesamter Lebensarbeit stehen. Ob es sich um seine „Schule des Schreibens – Ein Lehrgang der Stilbildung“ für höhere Schulen von 1931/33 oder um seine „Stilkunde deutscher Prosa“ für Hochschulen (1937) handelt, um seine vielteilige „Deutsche Spracherziehung“, die 1933 zum erstenmal herauskam, oder um seine „Neue Satzlehre“ von 1940 – immer geht es Rahn um eine tiefere, nicht nur rein rationale und logistische Behandlung der Sprachmaterie, eben um die „Ästhetik des Wortes“.

Leben und Lehre stimmen daher bei ihm überein. Der Mann, der „Sprachbildung als Politikum“ und als „Teil der rechtesten Erziehung des Menschen“ auffaßt, ist scheinbar universal. Er ist ein gesuchter Feuilletonist und nebenbei ein passionierter Geiger. (Während der Arbeit an seiner „Spracherziehung“ schloß er das Instrument allerdings für sechs Jahre ein.)

Siebzehn große Schaukästen in seinem Schorndorfer Heim zeugen für ein Hobby des Hausherrn: die Schmetterlingssammlung. Sein Buch von 1943 „Schmetterlinge“ ist eine Rarität, die Auflage ging im Kriege fast völlig verloren. Rahns Vielseitigkeit beweisen Arbeiten über die gegenstandslose Malerei, über die Theorie der Violintechnik und über literarischen Kitsch. In einem angriffsfreudigen Aufsatz erörterte er die gewiß aktuelle „Frage der künstlerischen Sittlichkeit im Spätwerk Thomas Manns“ und in einer Feuilleton-Folge die Heilwirkungen der Wildbader Warmquellen.

Zwischen all diesen Themen, so verschiedenartig sie auch scheinen, besteht dennoch eine Verbindung. Mit seiner Musizierpraxis und auch mit seiner subtilen Jagd auf Schmetterlinge glaubt Rahn, sein Empfinden für Nuancen der Sprache, für die Interpretation des von ihm höchstverehrten Lyrikers Mörike entscheidend gefördert zu haben. Naturanschauung und Sprachgefühl stehen nach Rahn ebenso in stetiger Wechselwirkung zueinander wie Sprache und Schrift.

Immer verbindet sich bei ihm das Methodische mit der Intuition. Der „Philologe vom alten Schlag und entschiedene Parteigänger eines modernen Humanismus, der den Typus des Pädagogen mit dem des leiderfahrenen Musikanten, des Naturphilosophen und des so leidenschaftlichen wie besonnenen Autowanderers verbindet“, der Schulmann und Ästhet legt zum Beispiel auch seine Landschaftseindrücke in seinem Erinnerungsvorrat säuberlich ab, zweifach registriert als „Landschaften der geschlossenen Weite“ und solche der „heroischen Intimität“. Er sortiert also auch optische Eindrücke nach ästhetischen Kategorien.

Pä-da-go-gik oder Päd-ago-gik?

Aus der Ästhetik, der alten Lehre von den Sinneswahrnehmungen und späteren „Wissenschaft vom Schönen“, sind darum auch seine Hauptargumente gegen eine Rechtschreib-Revolution hergeleitet. Rahn sieht seine Aufgabe wie Karl Kraus im Kampf „gegen Massenjargon und Sprachverderbnis“, nennt die Schreib- und Druckschrift ein „Bildungsgut von hoher Strukturtiefe“ und wendet sich daher gegen alle Rationalisierung der deutschen Rechtschreibung. Der überzeugte Demokrat schwäbischer Färbung – „Der 20. Juli war unsere geschichtliche Stunde!“ – sieht sich als „Widerstandskämpfer gegen die Tyrannei der Fachgelehrsamkeit“.

Deren Ansicht formuliert der Dekan der Bonner philosophischen Fakultät, der Sprachhistoriker und -philosoph, Professor Dr. Weisgerber: „Die Schrift ist … Dienerin, Hilfe, Verstärkung … der Sprache.“ Dagegen steht der Standpunkt Rahns: „Die Schrift ist nicht bloß ein technisches Instrument, sondern ein Teil der Sprache selbst. Ihre „Willkürlichkeiten“ sind darum durchaus – wenn auch nicht rein rational – zu begründende Phänomene.

Professor Weisgerbers Meinung ist, „daß Fragen der Schrift kein Tummelplatz für Gefühle und keine Zufluchtstätte für romantische Vorlieben sind“. Rahn argumentiert: „An die Schrift rühren heißt immer zugleich an eine Sprache selbst rühren.“

Kronzeuge der Rechtschreibreformer ist seit alters her, zumal wenn es um die Kleinschreibung oder das Dehnungs-h geht, der große Germanist Jakob Grimm. In der Einleitung zu seinem „Deutschen Wörterbuch“ (beg. 1852) findet sich der Satz: „Die unnütze festhaltung der (deutschen) vulgarschrift … ist es, die den albernen gebrauch groszer buchstaben für alle substantiva veranlaszt hat .. .“ Und das Dehnungs-h betreffend: „Wenn kam, Rat, Schwan – warum dann nicht lam, Nat, Zan?“

Dagegen Rahn: „Jakob Grimms grimmiges Schelten auf die Barbarei der deutschen Schreibung war selbst eine romantische Barbarei … Der große Sprachforscher verkennt eine wichtige Seite der Schrift … bemerkt vor allem nicht, daß auch die Schreibung auf ihre Weise dem expressiven Charakter der Sprachzeichen zu dienen hat: ‚Meer‘ glänzt weiter hinaus als ‚mer‘, ‚See‘ ist glatter als ‚se‘, ‚Lahm‘ lahmer als ‚lam‘, ‚Ahn‘ ehrwürdiger als ‚an‘, ‚Liebe‘ sehnsüchtiger als ‚libe‘, ‚Gier‘ gieriger als ‚gir‘, ‚Riese‘ größer als ‚rise‘ …“

Rahn will damit sagen: Ein Wort ist nicht nur eine willkürliche Buchstabenkombination, mehr oder weniger tote Schriftmaterie, an der man ohne Scheu herumoperieren darf, sondern immer auch optisches Signal an das Gehirnmagazin der Begriffe so gut wie an das Gefühl, ein Bildzeichen also, das an eine ganz bestimmte Objekt„gestalt“ gebunden ist. In dieser „Gestalt“ hat jedes Glied seine Funktion, und dasselbe gilt von seinen Schriftzeichen. Das verleiht dem angeblich so willkürlich gebrauchten Dehnungs-h oder -e hohe Bedeutung: nämlich die eines Blickfangs oder eines Mittels zur Wortverbreiterung, das dem „Ansehen“ der Wortgestalt in doppelter Hinsicht dient.

Rahn definiert auch den tieferen Sinn der scheinbar sprunghaften Groß- und Kleinschreibung im Deutschen. Er interpretiert den Schreibvorgang nicht als mechanischen Prozeß, sondern als „Durchordnen des Weltbildes“: Durch Großschreibung verleiht der Schreiber dem Objekt eine höchste Würde, er gibt ihm Personalcharakter. Damit besitzt unsere Schriftnorm, die auf dem „augenhaften Gliederungs- und Sinndeutungsprinzip“ beruht, ebenso Symbolcharakter wie die individuelle Handschrift.

Daraus erklärt sich aber auch der Beginn der Großschreibung beim Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen (um 1500). Damals vollzog sich im Gebrauch der Schrift eine kopernikanische Wende. Der schreibende Mensch unterschied fortan zwischen Substanz und Akzidens, zwischen Hauptsache und Nebensache in einer Aussage und damit in seinem „Weltbild“. Rahn ist geneigt, in diesem sinnvollen Durchordnen ein konstituierendes Merkmal der deutschen Kultur zu sehen.

Dieser Gedankengang erklärt aber endlich auch die Tatsache, daß nur das Deutsche noch an der Groß- und Kleinschreibung festhält, nachdem Norwegen 1907 und Dänemark 1949 die Großschreibung offiziell abgeschafft haben. Die übrigen Sprachen kennen diese Durchgliederung nicht, weil sie ihrem Wesen nach anders strukturiert sind. Dazu kommt die grammatikalische Besonderheit des Deutschen, deren „Schachtelbau“ („allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen“) ,das Erfassen des Substantivs hinauszögert. In der Erziehung zu diesem sinnvollen „Durchgliedern“ des Satzes aber sieht der alte Schulmann Rahn die besondere Aufgabe des Deutschunterrichts.

Fritz Rahn versucht außerdem, die starren Rechtschreibregeln an bestimmten Stellen aufzuweichen und so dem Schreibenden gewisse Freiheiten zu geben. Daß nicht alles einem noch ungefestigten Sprachgefühl überlassen werden darf, daß Leitregeln notwendig sind, weiß der pensionierte Oberstudienrat aus dreißigjähriger Praxis. Nur vom Duden als einer rein logisch begründenden, angeblich unfehlbaren Auskunftsquelle hält er nicht viel.

„Man hat erlebt, zu welch unerträglichen Spitzfindigkeiten gerade im Duden das heroische Bemühen geführt hat, wenigstens in der Schreibung den logischen Gesichtspunkt durchzupeitschen. In der Zwischenzeit haben wir gelernt, daß die Sprache lückenhaft ist, Behelfscharakter trägt und sich notwendig jeder durchgreifenden Systematisierung entzieht, und sollten endlich bereit sein, die Folgerungen daraus zu ziehen. Kein Reformplan der Welt wird in der Schreibung den Grundsatz konsequenter Logik durchführen können.“

Rahns eigene „Vorschläge zur Vereinfachung der Regeln“ sind knapp und klar formuliert:

* „Alle ungefühlten Substantivierungen von Adjektiven und Verben werden grundsätzlich klein geschrieben. -Leitregel: Nur wo der unverschleierte bestimmte oder unbestimmte Artikel steht, werden abgeleitete Hauptwörter
… groß geschrieben.“ (Zum Beispiel: das Neue – aber: etwas neues. Das Rudern – aber: er ist beim rudern.)
* Es wird eine Liste derjenigen Fremdwörter aufgestellt, die als Lehnwörter betrachtet und eingedeutscht werden.“ (Zum Beispiel: Foto, Frisör, Montör, Büro, Turist, fär und andere. Alle übrigen wie bisher .)
* In strittigen Fällen werden zusammengehörige Wörter getrennt geschrieben. (Zum Beispiel: nebenher gehen, hinterher laufen, Rad fahren).
* „Die Silben werden einheitlich nach Sprechsilben getrennt.“ („Kasten“, „Locken“, „-sten“, „Locken“, „Pä-da-go-gik“ statt bisher „Päd-ago-gik“).

Der Schulmann Fritz Rahn macht zugleich „Vorschläge zur schulischen Handhabung“, die jene Toleranzen des Regelsystems betreffen. „Um den Schwierigkeiten des Rechtschreibunterrichts in den Schulen gerecht zu werden, könnte eine Reihe von Fällen unfruchtbaren Schwierigkeitsgrades für die Schule freigegeben werden, dergestalt, daß zwar die gültige Regel gezeigt wird, daß aber Verstöße gegen diese gültigen Regeln nicht als Fehler angestrichen und gewertet werden dürfen. Diese Fälle sind die folgenden:
* „Die Schreibung aller substantivierten Adjektive, Pronomina, Zahlwörter und Verbalformen, soweit sie von einem ungelernten Sprachempfinden nicht ohne weiteres als Substantive zu fühlen und zu erkennen sind, wird freigegeben.“ (Zum Beispiel: er hält haus, tut not, fährt rad, gibt preis. – Die Dreizehn ist eine seltsame Zahl – aber: wenn auch dreizehn eine seltsame Zahl ist …; das Für und Wider …, aber: abgesehen von allem für und wider…) .

* „In strittigen Fällen dürfen zusammengesetzte Wörter getrennt geschrieben werden.“
* „Alle in der Umgangssprache gebräuchlichen Fremdwörter dürfen phonetisch geschrieben werden.“
Und der ergraute Lehrer kann sich die Anweisung nicht versagen:
* „Oberstufenschüler der höheren Schulen haben den Nachweis zu erbringen, daß die geltenden Regeln von ihnen beherrscht- werden.“

Diese Rahnschen „Vorschläge“ hat sich, wie es den Anschein hat, eine Institution zu eigen gemacht, die nach Namen und Anspruch eigentlich ernst genommen werden müßte: die Darmstädter „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“. Ihr eigenes Gutachten, das als Gegenvorschlag zu den von ihr abgelehnten Stuttgarter „Empfehlungen“ an die Ständige Konferenz der Kultusminister gerichtet wurde, enthält Gedanken und Vorschläge, die deutlich denen Fritz Rahns gleichen.

Rahn weiß, daß seine Gegner geneigt sind, in diesen Vorschlägen „einen faulen und lahmen Kompromiß zu sehen“, in deren Reformschrift ausgedrückt also einen „ferfelten forschlag“. Er glaubt aber, und steht damit nicht allein, daß seine Vorschläge: „vielleicht den rettenden Weg weisen, der die ständige Selbstkorrektur der deutschen Rechtschreibung verbürgt“.

Textprobe in Stuttgarter Reformschrift

Gesang der Geister über den Wassern
(Goethe)
Des menschen sele
gleicht dem wasser:
vom himmel kommt es,
zum himmel steigt es
und wider nider
zur erde muss es,
ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,
steilen felswand
der reine stral,
dann staubt er liblich
in wolkenwellen
zum glatten fels,
und leicht empfangen,
wallt er verschleiernd,
leisrauschend,
zur tife nider.

Der Spiegel-Artikel von 1956 wird als PDF im Originalaussehen angeboten. Viele Bilder. 3,2 MB


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Norbert Lindenthal

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Norbert Lindenthal
27.03.2011 07.04
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zehnmillionenfach

Der Spiegel 27.3.2011

Radioaktivität am AKW Fukushima zehnmillionenfach erhöht

REUTERS/ TEPCO via Kyodo
Die Lage an der japanischen Atomruine Fukushima gerät völlig außer Kontrolle: Die Radioaktivität an Reaktor 2 ist jetzt zehn Millionen Mal höher als normal, meldet Betreiber Tepco. Die Rettungsarbeiten an dem Meiler wurden unterbrochen.
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Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
26.03.2011 12.07
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Milliarden in den Sand gesetzt

Analphabetismus in Deutschland

… Die Universität Hamburg hat vor kurzem das Ergebnis der ersten empirischen Studie zum Thema vorgestellt: Von allen in Deutschland lebenden Personen zwischen 18 und 64 Jahren sind rund 7,5 Millionen funktionale Analphabeten.
Die Zahl ist erschütternd. Monika Tröster forscht am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung im Bereich Alphabetisierung. Sie stellt als erstes klar: „Es ist keine individuelle Schuld oder Dummheit.“ Zum einen können die Ursachen in der Familie liegen: „Wenn in der Familie nicht vorgelesen, kaum geschrieben und nur wenig kommuniziert wird, fehlt den Kindern die Vorbilderfahrung.“ …

spiegel.de 25.3.2011

Es ist unfaßbar: Da haben die Kultusminister in einer seltenen gemeinsamen Kraftanstrengung, die die Volkswirtschaft rd. 5 Milliarden Euro gekostet hat, die Tollpatsch- und Stussschreibung eingeführt, ä's, ss und Großbuchstaben vermehrt – und keinem Analphabeten ist nun das Schreiben leichter geworden.

Ich muß auch immer wieder nachsehen: als erstes muß nach der „Reform“ großgeschrieben werden, Kleinschreibung ist nicht zulässig; zum einen muß trotz Dativ auch nach der „Reform“ klein geschrieben werden, Großschreibung ist weiterhin nicht zulässig – wie systematisch!

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Sigmar Salzburg
07.01.2011 16.15
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Lächerliche Arbeitsergebnisse des Rates

Theodor Ickler hat auch bei sprachforschung.org seinen Artikel veröffentlicht.

P.S. Icklers Beitrag ist in heysefreier Rechtschreibung verfaßt, wie es auch andere tun (z.B. Markner; auch ich für die „GeZeiten“ des sh:z), wenn sie nicht möchten, daß ihr Text deformiert wird. Man kann es sportlich sehen – tatsächlich zeigt es aber nur den entwürdigenden Zustand, der von den Kultusministerversagern mit der „Reform“ herbeigeführt worden ist.

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Norbert Lindenthal
07.01.2011 14.14
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Spiegel über Süddeutsche

Der Spiegel 7.1.2011

Der Rechtschreibreformkritiker Theodor Ickler mokiert sich über die lächerlichen Ergebnisse, zu denen der Rechtschreibreformbericht 2010 komme.

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Sigmar Salzburg
08.12.2010 14.44
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Die Sick-Deutsch-Kolumne

Tanke? Nein, danke!
Von Bastian Sick

Während sich Politiker und Beamte alle Mühe geben, die Sprache aufzublähen und zu verkomplizieren, findet im Sprachalltag ein genau entgegengesetzter Prozess statt: Die Sprache wird vereinfacht. Die Denkweise wird zur Denke, die Sprechart zum Sprech …

Schon in den achtziger Jahren war es schick, statt von „Musik“ einfach von „Mucke“ zu sprechen: „Ey, total geile Mucke!“, hieß es anerkennend, wenn jemand eine LP mit Musik aufgelegt hatte, die richtig rockte. Oder: „Die Mucke geht echt voll ab!“ Die Mucke-Hörer von damals sind längst erwachsen, was aber nicht bedeutet, dass alle dem Jugendjargon entwachsen wären…

spiegel.de 8.12.2010

Bastian Sick, wie gewohnt wenig tiefschürfend...
Schon in den sechziger Jahren wurde ich bisweilen zu einer „Mugge“ eingeladen – einer Gelegenheit, ein paar Mark als Musiker nebenher zu verdienen. Wikipedia schreibt:


Der Duden gibt Mucke als korrekte Schreibweise an und leitet das Wort von engl. muck („Dreck“, „Drecksarbeit“) her.

Zutreffender scheint das Zitat aus dem Ostrock-Lexikon zu sein:

Mugge ist die umgangssprachliche Kurzbezeichnung für ein „MUsikalisches GelegenheitsGEschäft“. Dieses dem Begriff zugrunde liegende „Musikalische Gelegenheitsgeschäft“ entstammt einer ostdeutschen Honorarordnung aus den 50er Jahren. Musiker haben bekanntermaßen ihren eigenen Humor und so wurde der behördliche Sprachgebrauch abkürzend zur Mugge...

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