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Norbert Lindenthal
23.08.2004 12.34
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

23.8.2004

Rechtschreibung
Wiener Kongreß ohne konkretes Ergebnis

23. August 2004 Spitzenbeamte aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein haben sich am Montag in Wien zu Beratungen über die Zukunft der Rechtschreibreform getroffen. Das Gespräch ging wie erwartet ohne konkretes Ergebnis zu Ende.

Diskutiert wurde unter anderem der deutsche Vorschlag, einen Rat für Rechtschreibung einzurichten, der die so genannte Zwischenstaatliche Kommission ablösen soll, deren Mandat im kommenden Jahr endet. Die Ergebnisse des Treffens sollen in einen Entwurf einfließen, der von deutscher Seite vorgelegt wird, wie eine Vertreterin des österreichischen Bildungsministeriums nach der Sitzung mitteilte.

Rat gegen Rat

Besprochen worden seien die Zusammensetzung und die Aufgaben des künftigen Rats sowie der Geltungsbereich der Rechtschreibregeln in Schule und Verwaltung, sagte Heidrun Strohmeyer laut einer Meldung der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Über die Zukunft der Rechtschreibreform nach den jüngsten Entwicklungen habe man hingegen nicht gesprochen. Österreich stehe aber weiter zu den neuen Schreibregeln. An der Sitzung nahmen neben Strohmeyer unter anderen der Generalsekretär der deutschen Kultusministerkonferenz, Erich Thies, der Generalsekretär der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, Hans Ambühl, und der Vorsitzende der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, Karl Blüml teil.

Am Sonntag hatten Reformgegner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in München einen unabhängigen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ ausgerufen. Das Gremium, das sich für die Wiederherstellung der Schreibweisen vor der Reform einsetzen will, sprach den Kultusministern das Recht ab, „eine weitere Rechtschreibkommission zu berufen, deren einzige Aufgabe es sein kann, das offenkundige Scheitern der Rechtschreibreform hinauszuzögern“.

Text: FAZ.NET mit Material von AP

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Dominik Schumacher
23.08.2004 10.10
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

23.08.2004, Nr. 195 / Seite 33

Rechtschreibreform
Geheimsache Deutsch
Von Hannes Hintermeier


Wer hat sich das mit der Majonäse ausgedacht?

22. August 2004 Er sei jetzt ein Jahr in Österreich gewesen und habe dort gelernt, was ein „scharfes s“ sei – nämlich das fälschlicherweise so bezeichnete Pendant des gemeinhin als „sz“ bekannten Buchstaben ß. Dies erklärte Dieter Nerius unlängst im Bayerischen Rundfunk.

Nerius war von 1975 bis 2001 Professor für germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Rostock, leitete von 1974 an die Forschungsgruppe Orthographie der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Universität Rostock; er war von 1980 bis 1986 Mitglied des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie, von 1993 bis 1997 zuerst Mitglied, später stellvertretender Vorsitzender der Kommission für Rechtschreibfragen des Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim. Und er ist, man ahnt es, seit jenem Schicksalsjahr 1997 Mitglied der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, mithin einer der Väter der Reform.

Nerius glaubt fest an seine Berufung

Zeitlebens hat der knapp Siebzigjährige sich mit Fragen der Orthographie und Lexikologie beschäftigt, schon in seinen frühesten Publikationen unternahm er „Untersuchungen zur Herausbildung einer nationalen Norm der deutschen Literatursprache“ (1967); acht Jahre später legte er weitere „Untersuchungen zu einer Reform der deutschen Orthographie“ vor.

Dieter Nerius ist ein glühender Anhänger der Reform, ja ihr theoretischer Kopf: der Typ des Wissenschaftlers, der sein ganzes Berufsleben mit einem Thema zubringt. Der zu DDR-Zeiten dem Reisekader angehörende Orthographiefachmann ist fest davon überzeugt, daß nur der Staat die Kompetenz hat, die Sprache zu reformieren. Nerius glaubt fest an seine Berufung – auch wenn er in sieben Jahren Kommissionsarbeit vom „scharfen s“ noch nie etwas gehört hat.

Aufenthalt im akademischen Milieu

Die Kommissionsmitglieder verkörpern ein Spezialistentum, das sich als ungewöhnlich beratungsresistent erwiesen hat. Je stärker der Einspruch gegen die Details der Reform wurde, als desto unversöhnlicher, weil im Besitz der Reformhoheit, erwies sich das Gremium. Am Ende wollte es gar die totale Kontrolle (F.A.Z. vom 30. Januar) und nur noch alle fünf Jahre berichten.

Nun sind es germanistische Sprachwissenschaftler gewohnt, sich hinter den Reihen ihrer bibliographischen Befestigungsanlagen zu verschanzen. Öffentlichkeit meiden sie eher; sie bevorzugen den Aufenthalt im akademischen Milieu, wo sie Netzwerke und Zitierkartelle bilden. Dort, in den Schattenfugen germanistischer Zeitschriften, probten sie die Reform, lange bevor sie Wirklichkeit wurde.

Wer ist wer?

Wer Aufklärung im Internet sucht, wird auch auf der Homepage der Kommission kein vollständiges Bild erhalten. Ein Gruppenfoto zeigt die symbolträchtigen zwölf bei einer Art Klassentreffen, ohne Nachweis von Datum, Ort und Fotografen. Dem Vernehmen nach ist das Bild mehrere Jahre alt. Auf einer Treppe stehen, freundlich lächelnd, die Erfinder der neuen Rechtschreibung, 1986 eingesetzt von den Kultusministern der deutschsprachigen Länder. Wer ist wer?

Die Homepage bleibt die Aufklärung schuldig, offeriert aber kurze Lebensläufe, die immer erst dann einsetzen, wenn die jeweilige Biographie schon mitten in der Germanistik angelangt war. Zehn Männer und zwei Frauen, der Großteil, soweit auf der unvollständigen Homepage zu ermitteln, zwischen 1935 und 1948 geboren. Ein gut Teil davon Jahrgängen zurechenbar, die man als Achtundsechziger kennt, ein gut Teil heute in Amt und Würden ergraut. Sieben Deutsche aus Ost und West, drei Österreicher, zwei Schweizer.

Gerhard Augst und Karl Blüml

Gerhard Augst ist seit 1973 Professor für Germanistische Linguistik an der Universität-Gesamthochschule Siegen; sein Steckenpferd sind synchrone Etymologien beziehungsweise Volksetymologien; die Wissenschaft wollte seinen Herleitungen nicht folgen, weswegen sein „Wortfamilienwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ (1998) umstritten ist. Augst hat viel publiziert, rangiert aber nach Einschätzung von Fachkollegen im Mittelfeld. Er ist Mitarbeiter der Duden-Grammatik und einer der engagiertesten Vertreter der Reform. Schöpfungen wie „verbläuen“ oder „Zierrat“ gehen auf sein Konto.

Hofrat Karl Blüml ist ein Wiener Ministerialbeamter, der als derzeitiger Vorsitzender der Kommission die Klaviatur in Bürokratien zu spielen weiß. Fachlich weniger involviert, hat er sich in einem Zeitungsinterview auch schon mal aus dem Fenster gehängt und als Ziel der Reform die Entmachtung des Duden-Monopols genannt.

Dehn, Gallmann, Hauck und das ostdeutsche Dreiergespann

Über die Kompetenz in Rechtschreibfragen ist bei Mechthild Dehn wenig bekannt, da sie andere Felder beackert: Sie ist seit 1987 Professorin für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Hamburg; in die Kommission rückte sie spät nach, sie gilt als Unterstützerin der Linie von Gerhard Augst.

Peter Gallmann war Korrektor der „Neuen Zürcher Zeitung“ und hat als Schüler von Horst Sitta schon an Sitzungen der Kommission teilgenommen, als er noch kein Mitglied war. Kollegen beschreiben ihn als dogmatisch und halsstarrig, aber auch als kreativ und wissenschaftlich potent: Der Duden-Autor ist für die größtmögliche Vermehrung der Großschreibung, „im Übrigen“ und „des Öfteren“ sind Neuerungen, für die Gallmann kämpft. Seit 2002 hat er einen Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft in Jena.

Werner Hauck leitet seit 1974 die Sektion Deutsch der Zentralen Sprachdienste der schweizerischen Bundeskanzlei, kommt also aus der Verwaltung und ist als Wissenschaftler nicht ausgewiesen. Klaus Heller bildet zusammen mit Dieter Nerius (dessen Mitarbeiter er war) und Dieter Herberg das ostdeutsche Dreiergespann. Seit seiner Dissertation beschäftigt er sich mit Fremdwortschreibung, zu DDR-Zeiten an der Ostberliner Akademie, später wurde er, wie viele andere auch, vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS) übernommen.

Experte in Fragen der Getrennt- und Zusammenschreibung

Der Sekretär der Kommission ist Autor des Hauses Bertelsmann. Dem Vernehmen nach fiel er weniger durch wissenschaftliche Brillanz als dadurch auf, daß er der freien Wirtschaft Seminare anbot, die Firmen auf die neue Rechtschreibung vorbereiten sollten. Auch Dieter Herberg kommt aus dem Stall von Nerius, auch er wirkt heute am IDS. Der hochspezialisierte DDR-Wissenschaftler gilt als ordentlich, aber unauffällig. Er ist Experte in Fragen der Getrennt- und Zusammenschreibung, deren neue Regelung besonders großen Unmut hervorruft.

Rudolf Hoberg lehrt seit 1974 in Mannheim germanistische Sprachwissenschaft, bekannter wurde er jedoch als Vorsitzender der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden, welche er gegen interne Widerstände auf eine Pro-Reform-Linie getrimmt hat; auch er ist Duden-Autor. Der Österreicher Richard Schrodt ist außerordentlicher Professor am Germanistischen Institut der Universität Wien, man hat ihn der Kommission empfohlen, weil er als glühender Reformverehrer galt; er ist nicht spezialisiert auf Fragen der Orthographie und zeigt in seinen Publikationen ein breiteres, auch historisch ausgerichtetes Themenspektrum.

Gegenspieler von Nerius

Der gebürtige Böhme Horst Sitta ist emeritierter Professor für Deutsche Sprache der Universität Zürich. Als Germanist ist er anerkannt, zu Fragen der Rechtschreibreform hat er nur wenig publiziert; er ist in der Kommission der Gegenspieler von Nerius, verfolgt aber im wirklichen Leben für den Duden-Verlag eine erfolgreiche Strategie der Besitzstandswahrung in der Schweiz.

Zusammen mit Peter Gallmann hat er mehrere Bücher zur neuen Schreibweise herausgebracht. Ulrike Steiner ist Redakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, an dem auch Karl Blüml mitarbeitet. Dieses Wörterbuch zielt auf eine größere Abgrenzung des Österreichischen vom Hochdeutschen, in dem es Austriazismen kanonisiert. Frau Steiner ist das jüngste und am wenigsten beschriebene Blatt im Zwölferrat.

Zweckbündnis aufrechterhalten

Der langjährige Leiter der Duden-Redaktion Günther Drosdowski hat die Zustände in der deutschen Rechtschreibkommission in einem Brief an den Germanisten Theodor Ickler bereits im November 1996 festgehalten. Die Reformer, schreibt Drosdowski, „mißbrauchten die Reform schamlos, um sich Ansehen im Fach und in der Öffentlichkeit zu verschaffen, Eitelkeiten zu befriedigen und mit orthographischen Publikationen Geld zu verdienen. Selten habe ich erlebt, daß Menschen sich so ungeniert ausziehen und ihre fachlichen und charakterlichen Defizite zur Schau stellen.“

Die Kultusbürokratie, die diese Kommission einsetzte, sieht aus naheliegenden Gründen nicht ein, daß man einem Fluidum wie Sprache nicht mit dem germanistischen Schraubenschlüssel allein beikommt. Dazu hätte es feinerer Instrumente bedurft, als sie Politik und generative Grammatik zur Verfügung stellen. Aber beide schützten einander über die Jahre und hielten ihr Zweckbündnis noch aufrecht, als sich längst abzeichnete, daß der Auftrag „Vereinheitlichung und Vereinfachung“ gescheitert war.

„Einige wenige Personen“

Im Chor der Politikerstimmen, der sich seit kurzem erhebt, waren vereinzelt auch Kommissionsmitglieder zu vernehmen. Im „Tagesspiegel“ etwa brachte Gerhard Augst gleich schwere Geschütze in Stellung: Er glaube nicht, daß die Rechtschreibung das eigentliche Thema sei, man wolle „vielmehr den ganzen Unwillen gegen die anstehenden Sozialreformen auf der Rechtschreibung symbolisch abladen“.

Und Klaus Heller sattelte in der „taz“ noch drauf: Nur „einige wenige Personen“ versuchten aufgrund ihrer publizistischen Macht, „einen demokratischen Prozeß auszuhebeln, der über Jahrzehnte in vielen Ländern durch viele wissenschaftliche, politische und andere gesellschaftliche Gremien gestaltet worden ist“.

Es war nicht gut, daß die Kommission so lange die Deckung gesucht hat, aber es wird nun immer deutlicher, daß sie dies mit guten Gründen tat. Nun, auf dem Scherbenhaufen und kurz bevor im Herbst ein Rat für die deutsche Rechtschreibung die Aufräumarbeiten übernehmen soll, zeigt sich vollends, auf welch fragwürdigen Prämissen sie ihr Regelwerk gründete.

Bislang war stets zu hören, daß der künftige Rat für Rechtschreibung im Kern aus den Mitgliedern ebenjener Kommission bestehen soll, die er ablöst, weil ihr Scheitern sogar von den energischsten Verteidigern nicht länger abgestritten werden kann. Unglaublich? Ja, aber nicht unglaublicher als die Vorgeschichte der Kommission.

Heute trifft sich in Wien die Zwischenstaatliche Kommission für die deutsche Rechtschreibung zur Krisensitzung. Obwohl das Gremium die Verantwortung für das Scheitern der Reform trägt, ist es seinen Mitgliedern bisher gelungen, fast vollständig im Hintergrund zu bleiben. Kaum jemand kennt die Namen der Experten, die das mißlungene Regelwerk ausgeheckt haben. Auch in Wien wird wieder hinter verschlossenen Türen getagt. Wir haben sie einen Spalt geöffnet.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2004, Nr. 195 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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Dominik Schumacher
22.08.2004 21.25
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

Rechtschreibreform
„Sprache gehört dem Volk

22. August 2004 Einen unabhängigen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ haben Bürger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz am Wochenende in München gegründet. Das als Verein konstituierte Gremium will dem erklärten Willen der Bevölkerungsmehrheit entsprechen und sich für die Wiederherstellung der einheitlichen Rechtschreibung einsetzen, wie sie vor der Rechtschreibreform üblich war.

Die Gründungsversammlung sprach den Kultusministern das Recht ab, „eine weitere Rechtschreibkommission zu berufen, deren einzige Aufgabe es sein kann, das offenkundige Scheitern der Rechtschreibreform hinauszuzögern“.

Vernünftigster Weg

Die Rückkehr zur bewährten Schreibung, die allen, auch den Schülern nach wie vor bekannt sei, sei der einfachste, sicherste und wirtschaftlich vernünftigste Weg zu einer zweckmäßigen und modernen Orthographie. „Nur so werden die Kultusminister auch ihrer Verantwortung gegenüber den heutigen und künftigen Schülern gerecht“, schreiben die Gründungsmitglieder.

Zum Vorsitzenden des unabhängigen „Rates für deutsche Rechtschreibung“ wurde der Journalist Hans Krieger gewählt; seine Stellvertreter sind Gerhard Ruiss, der Geschäftsführer der IG Autoren in Wien, und der Schweizer Gymnasiallehrer Stefan Stirnemann. Zu den Gründungsmitgliedern gehören außerdem der Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk, der Verleger Walter Lachenmann, der Konstanzer Rechtswissenschaftler Bernd Rüthers und der Münchner Rechtsanwalt und Lektoratsleiter Johannes Wasmuth.

Erste Ehrenmitglieder sind der Erlanger Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, der Schweizer Verleger Egon Ammann, der frühere Generaldirektor der Bayerischen Staatlichen Bibliotheken Eberhard Dünninger und der Mainzer Sprachwissenschaftler Wilhelm Veith. Unter den Schrifstellern zählen Günter Kunert und Reiner Kunze sowie Wulf Kirsten und Elfriede Jelinek zu den Ehrenmitgliedern, außerdem der Münchner Didaktiker Karl Stocker und der Münchner Buchwissenschaftler Reinhard Wittmann.

Das Gremium wolle dem Grundsatz Geltung verschaffen, daß die Sprache dem Volk gehöre und die orthographische Selbstregulierung zurückgewinnen, heißt es in der Gründungserklärung.

Kein Krisentreffen

Am Montag treffen sich in Wien der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Erich Thies, und die Vertreter Österreichs und der Schweiz, um über die Zusammensetzung des vereinbarten „Rates für deutsche Rechtschreibung“ zu beraten, der die sogenannte Zwischenstaatliche Kommission ablösen soll. Angeblich soll jedoch der Kern der Zwischenstaatlichen Kommission, welche die Rechtschreibreform zu verantworten hat, auch in dem neu zu gründenden staatlichen „Rat für deutsche Rechtschreibung“ mitarbeiten.

Über die genaue Zusammensetzung wollen die Kultusminister eigentlich im Oktober entscheiden. Das Treffen in Wien war bereits vor der derzeitigen Diskussion um die Rechtschreibreform vereinbart worden. Von einem Krisentreffen, wie verschiedentlich berichtet, kann nicht die Rede sein. Auch sind öffentliche Stellungnahmen der leitenden Beamten aus den drei Ländern nicht zu erwarten.

Text: oll. Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Norbert Lindenthal
20.08.2004 19.36
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2004, Nr. 194 / Seite 35 Bildmaterial: dpa

Rechtschreibung
Auch ohne Reform: Österreich hat ganz eigene Sprachprobleme

Von Erna Lackner

20. August 2004 Wenn Rechtschreibung etwas zu essen wäre, wenn ein Wort bei orthographischer Veränderung anders schmeckte, dann hätte es in Österreich keine Rechtschreibreform geben können. Denn wenn es ums Kulinarische geht, sind Österreicher äußerst heikel, auf ihre Eigenarten bedacht – und sprachbewußt.


Rechtschreibreform?
Halb so schlimm. Beim Essen sind die Österreicher heikel

Sogar eine von der Europäischen Union anerkannte Liste mit dreiundzwanzig spezifisch österreichischen Wörtern gibt es, die den Eßgenuß schon mal verbal absichern sollen: Beiried (Roastbeef), Fisolen (grüne Bohnen), Kren (Meerrettich), Lungenbraten (Filet), Paradeiser (Tomaten), Ribisel (Johannisbeeren), Topfen (Quark), Vogerlsalat (Feldsalat). Und als im Vorjahr eine EU-Regelung den gebräuchlichen Ausdruck Marmelade auf Supermarktwaren durch Konfitüre ersetzen wollte, rief die „Kronen Zeitung“ zum Aufstand auf, und Österreichs Politiker hatten sich in Brüssel stark zu machen. Mit Erfolg: Österreich behielt seine Marmelade.

Rechtschreibregeln munden nicht richtig

Gemäß dem Satz, man ist, was man ißt, verteidigt Österreich sein kulinarisches Kapital bis aufs Messer. Hingegen wird die jetzt in Deutschland geführte Diskussion um die Rechtschreibreform in den österreichischen Medien grosso modo eher als eine typisch deutsche und wenig bedeutende Beckmesserei abgehandelt. Daß die Schwerpunkte der deutschen und der österreichischen Kultur unterschiedlich sind, sprach schon vor fünfzig Jahren Heimito von Doderer in den „Dämonen“ an, als er den Bankdirektor Altschul sagen ließ: „In Deutschland, besonders in Westdeutschland, woher ich stamme, wie Sie wissen, ist man sich weit mehr im klaren darüber, wie hier, daß Bücher, wenn ich so sagen darf, Lebensmittel sind.“

Weil Rechtschreibregeln so oder so, also ohnehin nicht richtig munden, ging die Reform in Österreich von Anfang an geschmeidig und ohne größeres Aufbegehren über die Bühne. Und auch zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Schon im Herbst 1996, zwei Monate nach der „Wiener Erklärung“ am 1. Juli 1996, bei der sich die Kulturpolitiker der deutschsprachigen Länder auf einen Zeitplan einigten und sich verpflichteten, die neue Orthographie von 1998 an einzuführen, wurde an Österreichs Schulen mit der neuen Rechtschreibung begonnen: wenn schon, denn schon.

Was liegt, das pickt

Österreichs Lehrer gingen also wie Musterschüler voran – so daß „unsere Schüler“ heute, wie ministerielle Obrigkeiten in diesen Tagen gern betonen, schon acht Jahre problemlos nach den neuen Regeln schreiben. Soll heißen: Umkehr ausgeschlossen. In dem konservativen Land, das gleichwohl oder gerade deswegen punktuelle Modernitätsschübe braucht, um jung und zeitgemäß dazustehen, waren die anfangs gegen die Reform protestierenden Schriftsteller und altmodischen Bildungsbürger rasch auf verlorenem Posten. Auch die Zeitungen stellten, mit Ausnahme der bis vor einem Jahr widerständigen, aber dann doch umschwenkenden „Presse“, ihre Korrektorate und Rechtschreibprogramme rasch um, um nicht alt auszusehen.

Inzwischen ist zwar auch vielen Meinungsmachern ein Licht aufgegangen, daß es doch um mehr geht als um die Wahl zwischen „ss“ und "ß", daß man sich von ehrgeizigen Ministerialbürokraten und im Grunde desinteressierten Politikern hat über den Tisch ziehen lassen. Aber nun müssen „die armen Schüler“ als Hauptargument herhalten, damit man auf dem einmal eingeschlagenen, nun also bequemeren Weg bleiben kann und die Reform, ob recht oder schlecht, nicht zurücknehmen muß – ganz nach der Kartenspielregel: „Was liegt, das pickt!“

Auf dem diffamierenden, unsachlichen Niveau angekommen

Mit ihrem blitzschnellen Hinweis auf die drohenden Kosten bei einer Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung zeigten sich die Schulbuchverleger als Pragmatiker, womit sie den theoretisch argumentierenden Reformgegnern den letzten praktischen Mut abgraben, für ihre Sache einzustehen. „In Deutschland nimmt man die Reform wichtiger, als es sein müßte, und macht eine Frage der Nation daraus. Zum Glück herrscht in Österreich in dieser Angelegenheit die Vernunft“, sagte einer der Schulbuchverleger, die mit Gratisschulbüchern (seit drei Jahrzehnten trägt der Staat die Kosten) ihr Geschäft machen.

Und fast alle Zeitungen, bis auf die „Kronen Zeitung“, die letzte Woche entsprechend der Mehrheit der Österreicher „Schluß mit neuer Rechtschreibung“ forderte, aber selbst vorläufig nicht zur Tat zu schreiten scheint, lassen in ihren Meinungsbeiträgen hoch die neuen Fahnen wehen, bespötteln die deutsche Debatte als Sommerlochgeschichte oder als das Anliegen älterer Herren, die nicht mehr umlernen möchten – womit man auf jenem persönlich diffamierenden, unsachlichen und emotionalen Niveau angekommen ist, das österreichischen Politikern stets als Unkultur vorgeworfen wird.

Er hat offenbar nicht vor, wichtige Autoren ernstzunehmen

Zwar gibt es einige Meinungsumfragen, deren Zahlen alle auf eine mehr oder weniger große Mehrheit von Befürwortern der alten Rechtschreibung hinweisen, doch die Medien des Landes wissen nur zu gut, daß Rechtschreibung kein angstbesetztes Thema ist, mit dem sich eine Anti-Atom- oder eine Anti-Gentechnik-Bewegung starten ließe. Sie wissen auch, daß ihr Einfluß auf die Politiker nicht groß genug ist, um eine Umkehr durchzusetzen, zumal der wirklich entscheidende Medienfaktor Österreichs, die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt ORF, naturgemäß kein Interesse an dem Thema hat.

Das Wochenmagazin „profil“ machte den „Krieg um die Rechtschraibung“ zum Titel und tat darunter mit der Frage „Zurück zu den schlechten alten Regeln?“ deutlich seine Meinung kund. Im Heftinnern erklärt Karl Blüml, der österreichische Vorsitzende der sogenannten Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission, daß die sachlich veranlagten Wissenschaftler nicht mit den Emotionen zum Thema konkurrieren könnten und wollten, um die emotionalen Reaktionen dann doch psychologisch auszuführen: „Niemand läßt sich gern etwas wegnehmen, was er mühsam erworben hat. Irgendwie ist das so, als hätte man bis jetzt in seinem Leben alles falsch gemacht.“ Daß dies auch für die Kommissionsmitglieder gelten könnte, bleibt ungesagt. Der Wiener Schulinspektor, der seit 1973 Mitglied der österreichischen Neuregelungskommission ist, spricht von einem „Hornberger Schießen“, in dem die Medien ihre Macht ausspielten und pädagogisch nicht verantwortungsvoll vorgingen. Über den Schriftsteller Robert Menasse, der die neue Rechtschreibung als „rassistisch, neoliberal und reaktionär“ geißelte, kann sich der Reformer Blüml, der die Bildungsministerin und auch den Bundeskanzler hinter sich weiß, belustigt hinwegsetzen mit dem Ratschlag: „Vielleicht sollte Menasse mit Franzobel darüber sprechen?“ Er hat offenbar nicht vor, wichtige Autoren ernstzunehmen.

„Eine fast nahezu eigenständige Sprache“

Liest man das Rechtschreibmanifest einer Schriftstellergruppe um Christian Ide Hintze, Leiter einer Schule für Dichtung in Wien, in dem dringlich die Erweiterung der dreiundzwanzig österreichischen Wörter auf der schon erwähnten EU-Liste und "Österreichisches Deutsch“ als Staatssprache in der Verfassung gefordert wird, „in einem europäischen Kontext“, mit einer eigens zu kreierenden österreichischen Rechtschreibung, dann ist man auch als Literaturfreund irritiert ob der bunt chaotischen Aufmüpfigkeit. "Österreich muß nicht immer dem deutschen Weg folgen“, fordert Marlene Streeruwitz, die auch etwas dagegen hat, daß österreichische Asylwerber „deutsches Deutsch“ lernen müssen und dann doch österreichisch sprechen.

Auch Robert Schindel, der dazu auffordert, bei künftigen Rechtschreibreformen nicht mehr mitzumachen, bläst vollmundig in das kleinteilig differenzierte Horn: "Österreich ist ein souveräner Staat. Die Deutschen haben trotz Schnitzler und Kafka nicht begriffen, daß es ein österreichisches Deutsch gibt.“ In seinen Büchern (auf Schindels ausdrücklichen Wunsch bei Suhrkamp verlegt in der neuen Rechtschreibung) achte er darauf, daß österreichische Ausdrücke nicht korrigiert würden. „Was uns am meisten von unseren deutschen Nachbarn trennt, ist die gemeinsame Sprache“, sagte Karl Kraus, an den auch der „Extremschrammler“ Roland Neuwirth erinnert. „Wir sind einfach die ältere Nation“, sagt der Autor und Musiker und behauptet, Österreichisch sei eine „fast nahezu eigenständige Sprache“. Fast nahezu.

Aber doppelt hält doch besser. Bisher schätzten sich viele österreichische Schriftsteller glücklich, in einer Sprache, die hundert Millionen Menschen verstehen, zu veröffentlichen, und zwar in den großen deutschen Verlagen. (Den Österreichischen Bundesverlag und zahlreiche andere Verlage, auch einträgliche für Schulbücher, hat ja der österreichische Finanzminister erst vor einem Jahr an den deutschen Klett Verlag verkauft.) Und nun spricht ein Dramatikerkerl wie Peter Turrini davon, daß die österreichische Literatur mehr mit der marokkanischen zu tun habe als mit der deutschen Literatur! Die österreichische Debatte um die Rechtschreibreform ist ein fahrender Bummelzug, auf den begeistert und profilisierungstüchtig die patriotischen Sezessionisten aufspringen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2004, Nr. 194 / Seite 35
Bildmaterial: dpa

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Norbert Lindenthal
19.08.2004 23.21
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004, Nr. 171 / Seite 29
Bildmaterial: dpa



Hüter der Sprache: Enzensberger

Rechtschreibreform
Hans Magnus Enzensberger: An unsere Vormünder

26. Juli 2004 In memoriam Johann Balhorn. Daß das schöne Wort Reform in Deutschland einen fauligen Mundgeruch angenommen hat, liegt nicht zuletzt an der Skrupellosigkeit einer Mafia, die sich vor Jahren in irgendwelchen Hinterzimmern zusammengerottet hat, um mit der deutschen Sprache gründlich aufzuräumen.


Funktionäre, Didaktiker und Agenten des Duden-Monopols waren es, die sich anmaßten, über die Rechtschreibung als geheime Kommandosache zu verfügen. Ein Kreis von Legasthenikern, der es zu Ministerämtern gebracht hat, deckt, vermutlich aus Größenwahn und Eitelkeit, diese Leute und möchte uns vorschreiben, wie wir uns auszudrücken haben. Dieser Klüngel, die Ku-Mi-Ko, ist kein Verfassungsorgan. Sie hat uns nichts zu sagen.

Das demokratische Medium

Wer sich als Herrscher über die Sprache aufspielt, hat nicht begriffen, daß es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat. Selbsternannte Autoritäten kann es da nicht geben. Was eine Sprachgemeinschaft akzeptiert und was sie ablehnt, darüber entscheiden Millionen.

Ein einfacher Test dürfte als Beweis genügen: Welche Idiome haben es zu Weltsprachen gebracht? Das Lateinische mit seinen zahllosen Flexionen; das Arabische, das nur die Konsonanten schreibt und es dem Leser überläßt, die Vokale zu ergänzen; das Französische mit seiner abwegigen Orthographie und das Englische mit seinem blühenden Chaos; nicht aber Sprachen, die über eine vernünftige Rechtschreibung verfügen, wie das Italienische und das Finnische.

Eine dreiste Lüge

Es ist eine dreiste Lüge, wenn die Sprachplaner behaupten, es ginge ihnen ja nur um die armen Schüler, die von den alten, ach so schwierigen Schreibweisen überfordert wären. Woher kommt es dann, daß diese bedauernswerten Geschöpfe überall auf der Welt, und zwar besonders in Deutschland, fast alle fließend Englisch sprechen und mühelos jeden Hit buchstabieren, der in den Charts auftaucht?

Autoren, Linguisten, Gelehrte aller Fakultäten haben seit Jahren die Idiotie dieser verordneten Reform decouvriert. Inhaltlich ist dazu nichts Neues mehr zu sagen. Politisch bemerkenswert ist jedoch die Unbelehrbarkeit der ministerialen Ignoranten und die Feigheit derer, die ihnen auf die servilste Art und Weise gehorchen.

Die Feigheit der Lehrer

Damit meine ich zum einen die Schullehrer. Sie sind allesamt praktisch unkündbar; selbst einen Narren oder einen Alkoholiker loszuwerden, verbietet das heilige Beamtenrecht. Gleichwohl halten sich sogar Pädagogen, die aus Erfahrung wissen, daß die Reform ihre Schüler schädigt, sklavisch an die unsinnigen Vorschriften von Amtsinhabern, die selber nicht imstande sind, einen vernünftigen deutschen Satz hervorzubringen.

Zweitens sind es Verleger und Redakteure, denen keine Bürokratie etwas vorschreiben kann, die sich, wider besseres Wissen, in vorauseilendem Gehorsam dieser deutschen Hanswurstiade gebeugt haben, statt sich an eine schlichte Maxime des Großen Kriminellen Vorsitzenden Mao Tse-tung zu halten: „Es kommt darauf an, wer den längeren Atem hat.“

Es ist überflüssig, sich weiter über die Ignoranz und die Präpotenz der Ku-Mi-Ko zu ereifern; es genügt, ihre Anweisungen zu ignorieren. Dazu ist keine besondere Zivilcourage erforderlich. Ein kleiner Vermerk auf jedem Manuskript, auf jeder Schulaufgabe genügt: „Nicht nach Duden!“ Es gibt Schriftsteller und Redaktionen, die, mit wachsendem Erfolg, nach dieser Regel verfahren.

Wer sich als Herrscher über die Sprache aufspielt, hat nicht begriffen, daß es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat.

Der Verfasser ist Schriftsteller. Widmungsträger Johann Balhorn d. J. (1528 bis 1603) war ein Lübecker Buchdrucker, in dessen Verlag 1586 das mittelalterliche „Lübische Recht“ in einer angeblich korrigierten Neuauflage erschien, die jedoch viele Fehler enthielt. Angeblich leitet sich von seinem Namen der Begriff „verballhornen“ her.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2004, Nr. 171 / Seite 29
Bildmaterial: dpa

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Norbert Lindenthal
16.08.2004 20.34
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faz.net Frankfurter Allgemeine

17.8.2004, Nr. 190, Seite 37

Rechtschreibung
Entscheidet sich das Schicksal der Reform in der Schweiz?
Von Jürg Altwegg


Peter von Matt: „Plädoyer für die Lockerung der Fronten“

FAZ.net Spezial
Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung

16. August 2004 „Bitte mehr Hochdeutsch“ überschrieb der „Tages-Anzeiger“ einen Kommentar auf der ersten Seite. In mehreren Beiträgen befaßte sich die Zeitung mit dem Vormarsch der Mundart: „Die Dialektwelle drängt das Hochdeutsche in eine Nebenrolle.“ Der Arbeitgeberpräsident, der regelmäßig die Defizite der Schulabgänger beklagt, wurde befragt. Von der Züricher Handelskammer berichtete das Blatt, daß ihr Deutschdiplom für karriereorientierte Männer kein Thema mehr sei. „Bedauerlich“ sei das, wurde der Schulpräsident zitiert: „In vielen Firmen ist man nicht mehr in der Lage, auf Hochdeutsch umzustellen, wenn jemand aus der Westschweiz anruft. Am Schluß reden sie Englisch miteinander.“

Der „Tages-Anzeiger“ veröffentlichte seinen Report Ende Juli aus aktuellem Anlaß: Ein Abgeordneter von Christoph Blochers Schweizerischer Volkspartei hatte für die Bildungskatastrophe wieder einmal die überbezahlten Schulmeister verantwortlich gemacht. Er schlug vor, massenhaft Lehrer aus Deutschland zu holen. Die seien sehr viel billiger und würden wohl zumindest im Fach Deutsch die Kinder zu besseren Leistungen führen. In den Diskussionen, die der Vorstoß auslöste, wurden viele Gründe aufgeführt: psychologische, politische, pädagogische. Keiner nannte als Ursache die neue deutsche Rechtschreibung.

Kulturkampf um Europa

In der frankophonen Westschweiz, die von keiner Reform der Orthographie heimgesucht wurde und wo es keine Mundart gibt, fällt der Befund des Sprachzerfalls genauso dramatisch aus. Der Analphabetismus ist zur Realität geworden.

Als die deutschsprachigen Länder in den neunziger Jahren ihre Rechtschreibung zu reformieren begannen, tobte in der Schweiz ein Kulturkampf um Europa. Der Graben zwischen der lateinischen Schweiz – Tessin und Romandie – und der alemannischen Mehrheit war so tief wie zuletzt im Ersten Weltkrieg. Selbst gemäßigte Politiker bedienten sich einer Rhetorik, die einen Bürgerkrieg befürchten ließ. „The End of Switzerland“ titelte die Westschweizer Zeitung „Le Temps“, als Zürich in den Schulen Englisch als erste Fremdsprache zuließ. Zehn Jahre danach ist dieser Kampf entschieden: Englisch hat sich als fünfte Landessprache und Idiom der nationalen Verständigung etabliert. Es ist längst die führende Zweitsprache der Schweizer. Fußball wird nicht mehr in der Nationalliga A und B gespielt, sondern in der Super- und der Challenge League. In Zürich beginnt gerade das neue Schuljahr mit „Frühenglisch“ in der Primarschule.

Hang zum Frühenglisch und zur Mundart

In der Westschweiz, wo das Deutsche bei den Schülern so unbeliebt ist wie in Frankreich, ist die Tendenz zum Englischen nicht weniger stark. Inzwischen geht es den Bildungspolitikern darum, im Dienste des nationalen Zusammenhalts bis zum zwölften Lebensjahr das Erlernen einer zweiten Fremdsprache zu beginnen. Der Widerstand dagegen kommt aus der Deutschschweiz – mit Zürich an der Spitze. Diesmal wird er mit der Überforderung der Kinder begründet.

Der Hang zum Frühenglisch und zur Mundart ist Merkmal der jüngsten Sprachentwicklung in der deutschen Schweiz. Das ist für die italienisch- und französischsprachigen Landsleute ebenso ein Problem wie für die Ausländer. Letztere machen zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Soeben hat Basel ein Gesetz erlassen, das Aufenthaltsbewilligungen vom Besuch von Deutschkursen abhängig macht – so weit ging zuvor kein Kanton.

Begünstigt Affinität zur Mundart neue Rechtschreibung

Seit Zürich im Alleingang und gegen landesweiten Protest das Tabu der ersten Fremdsprache brach, sind viele Dämme geborsten. Zwar fördert der Staat die Sprachminderheiten und den Kulturaustausch nach wie vor mit bedeutenden Mitteln. Doch aus finanziellen Gründen will die Regierung auf ein geplantes Sprachgesetz verzichten. Es hätte die Grundlage für eine verpflichtende Unterstützung der mehrsprachigen Kantone geschaffen. Diesen Rückzieher kritisiert die Politikerin Lili Nabholz, die im Auftrag des Europarats eine vielbeachtete Studie über die Lösung des Sprachproblems in Belgien vorgelegt hat. Belgische Zustände sind in der Schweiz nach dem beigelegten Streit über Europa nicht zu befürchten – beängstigender ist inzwischen vielmehr die gegenseitige Gleichgültigkeit. Vom nächsten Jahr an werden in Graubünden die Schulbücher nur noch in der Einheitssprache Rumantsch Grischun gedruckt und nicht mehr wie bisher in allen fünf Dialekten, die durchaus auch Schriftsprachen sind.

Als solche wird immer mehr auch das Schweizerdeutsche verwendet. Vor diesem Hintergrund erfolgte der Schrei nach deutschen Lehrern. Möglicherweise hat eine gewisse Affinität zur Mundart bewirkt, daß die neue Rechtschreibung in der Schweiz recht gut angekommen ist. Die „Gämse“ mag im Schriftbild schockieren – dem Dialekt ist sie mindestens so nahe wie die Gemse.

Die Elite pflegt die alte Schreibweise

Der Widerstand gegen die Reform hielt sich in Grenzen. Als die „Schweizer Monatshefte“ zur bewährten Rechtschreibung zurückkehrten, fand dieser Schritt zwar viel Beachtung, aber in Deutschland war das Echo größer als in der Schweiz. „Es rächt sich jetzt“, kommentierte das Nachrichtenmagazin „Facts“ die Entscheidung der Springer-Verlage und des „Spiegels“, „daß die Schweiz die Reform zügiger an die Hand genommen hat als Deutschland. In den Schulen ist die neue Rechtschreibung umgesetzt, die Debatte über Vor- und Nachteile abgeschlossen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich ein Drittel der Lehrerschaft der Reform noch immer widersetzt und die Grundsatzdebatte nie eingeschlafen war.“

Jetzt läuft die Debatte auch in der Schweiz auf Hochtouren. Der Verleger Egon Ammann schlägt die Gründung einer Institution nach dem Vorbild der „Académie française“ vor. Der Schriftsteller Urs Widmer plädiert „für etwas Durcheinander“. Peter Stamm kritisiert die Konservativen. Adolf Muschg, als Gegner bekannt, nuanciert seinen Standpunkt: „Ich bin für eine Überprüfung der neuen Regeln und nicht für eine Rückkehr zur alten Orthographie“, wird er von „Facts“ zitiert.

Die Lage ist relativ übersichtlich: Die Elite – nicht nur der Schriftsteller – pflegt die alte Schreibweise. So hält es auch der zu Hanser gehörende Züricher Verlag Nagel & Kimche – der seine Jugendbücher in der neuen Orthographie druckt. Die Zeitungen und Magazine haben längst umgestellt und bleiben im Moment dabei. Die NZZ hat eine eigene Schreibweise entwickelt und hält bislang daran fest. Die Bildungspolitiker bleiben bei der Reform – als „Ajatollahs“ werden von ihnen auch schon mal die Kritiker bezeichnet.

Rechtschreibreform kein totalitäres Schreckgespenst

Viele stufen das Verhalten der „deutschen Großverlage“ als „arrogant“ ein, auch geht die Rede vom „deutschen Sommertheater“. Schweizer Demokraten sind es gewohnt, auch Entscheide, die sie anders gefällt hätten, zu akzeptieren und Niederlagen umzusetzen. Aus helvetischer Sicht ist in Deutschland ein Machtkampf zwischen Medien und Politik im Gange, der von einem Generationenkonflikt überlagert wird. Die Sieger werden aus dieser Sicht Schulen und Jugendliche sein. „In drei Jahrzehnten werden die heutigen Grundschüler auf den Sesseln der jetzt amtierenden Chefredaktoren sitzen“, prophezeit das Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Niemand wird mehr von der Reform reden; vielleicht wird man wieder aufwendig schreiben dürfen, vielleicht aber auch nicht, und man wird aufwändig für eine der vielen Irregularitäten der deutschen Sprache halten.“

Gegen die Normen des Dudens haben die Schweizer – für die das ß ein rotes Tuch ist – viele Abweichungen durchgesetzt. Ihre Erfahrung mit mehreren Sprachebenen mag dazu geführt haben, daß die Rechtschreibreform nur von wenigen als totalitäres Schreckgespenst empfunden wurde. Diese Gelassenheit ist so sehr verankert, daß in den neuen Debatten überhaupt nie die antideutschen Klischees mobilisiert wurden, die ansonsten beim geringsten Zerwürfnis mit dem „großen Kanton“ schnell zur Hand sind. Das könnte sich ändern, falls die Reform gekippt werden sollte. Dann wird man sich anpassen und umstellen müssen. Das wissen alle.

Funktioniert die politische Kultur der Viersprachigkeit noch?

Das Unbehagen der Schweizer gegenüber Deutschland hat viel mit Sprache zu tun. Die Erkenntnis, daß das Land eine einflußreiche Rolle spielen kann und seine Stimme in Deutschland durchaus gehört wird, hat die Haltung der Schweiz keineswegs flexibler gemacht. Sie möchte das Zünglein an der Waage sein. Angesichts der zunehmenden Verhärtung hat der in beiden Ländern gleichermaßen angesehene Literaturwissenschaftler Peter von Matt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ ein „Plädoyer für die Lockerung der Fronten“ publiziert. Seinem Heimatland wirft von Matt vor, an der kritisierten Willkür mitschuldig zu sein: „Die Schweiz hat bei den internationalen Gesprächen versagt, als sie eine breite Vernehmlassung verhindern half.“ Den Reformern unterstellt er Unerbittlichkeit: Auf konstruktive Vorschläge – zum Beispiel die Rechtschreibung der „NZZ“ – gingen sie nicht ein. Statt mit Durchhalteparolen im „Kasernenton“ an die Nachbarn zu appellieren, solle sich die Schweiz auf ihre Rolle der Vermittlung besinnen: Es gibt Lösungen und Kompromißmöglichkeiten.

„Es ist die Aufgabe der Schweiz, die Fronten im letzten Moment zu lockern, den drohenden Termin in Frage zu stellen und ein neues Gesprächsklima zu schaffen“, fordert von Matt. „In der Schweiz kann man das, sonst gäbe es das Land schon lange nicht mehr!“ Das stimmt. Aber funktioniert die politische Kultur der Viersprachigkeit mit ihrem von Peter von Matt beschworenen Gesprächsklima der Vermittlung und des Dialogs noch? Zweifel sind leider angebracht. Im Umgang mit den sprachlichen Minderheiten des eigenen Lands hat die Deutschschweiz unter Zürichs Regie genau jene Willkür salonfähig gemacht, die sie jetzt den Deutschen unterstellt: eine rücksichtslose Politik der vollendeten Tatsachen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2004, Nr. 190 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

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16.08.2004 20.09
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13.8.2004, Seite 7

Rechtschreibung
Kompromiß gesucht
Von Stephan Löwenstein

13. August 2004 Kultur ist Ländersache, daher fällt auch die Rechtschreibung in die Kompetenz der Länder. Genauer: Die Entscheidung, welche Schreibung in den Behörden gebraucht und an den Schulen gelehrt wird, obliegt den Landesregierungen. Vor allem wegen des Schulunterrichts liegt es auf der Hand, daß eine sinnvolle Regelung nur gemeinsam unter den Ländern gefunden werden kann. Daher sind die entscheidenden Gremien die Konferenz der Ministerpräsidenten und die Kultusministerkonferenz. Beide treffen Entscheidungen nur im Konsens.

Anfang Juli hat der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) auf Antrag von Christian Wulff (CDU) aus Niedersachsen das Thema auf die Tagesordnung für das nächste Treffen der Regierungschefs vom 6. bis zum 8. Oktober gesetzt. Stoiber sitzt derzeit der Ministerpräsidentenkonferenz vor, im Oktober geht der Vorsitz turnusgemäß an den Berliner Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) über, der dann auch Gastgeber und Leiter des Treffens sein wird. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) wird sich dann, eine Woche später, mit der Sache noch einmal befassen. Auf Antrag des saarländischen Kultusministers Jürgen Schreier hat die derzeitige Vorsitzende der KMK, die rheinland-pfälzische Ministerin Doris Ahnen, die Tagesordnung entsprechend ergänzt. Doch wurde in ihrem Haus zugleich deutlich gemacht, daß man das für überflüssig halte: Habe man sich nicht erst Anfang Juni einstimmig darauf geeinigt, die Reform vom 1. August 2005 an verbindlich zu machen? Und ein Vierteljahr später sollten die Kultusminister ebenso einstimmig das Gegenteil beschließen? Auch in der KMK geht der Vorsitz turnusgemäß weiter, das Treffen am 14. und 15. Oktober im saarländischen Orschloz wird Schreier leiten.

Ein Kompromißvorschlag

Wegen der gebotenen Einstimmigkeit hat der Vorsitz keine allzu große Bedeutung. Doch hat Schreier mit der Ankündigung eines Kompromißantrags zu erkennen gegeben, daß er das Treffen nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich leiten will. Sein Vorschlag, den er am Dienstag in der Saarbrücker Zeitung skizzierte, zielt darauf, die Übergangszeit für den Gebrauch bewährter wie reformierter Rechtschreibung auf unbestimmte Frist zu verlängern. „Ich will nur den Termin, an dem das Alte falsch und nur das Neue richtig wird, nicht wie ein Fallbeil greifen lassen.“

Gleichzeitig solle der neue „Rat für Rechtschreibung“ unverzüglich eingesetzt werden, um Veränderungen an der Reform vorzunehmen. Die KMK hatte am 4. Juni die Einsetzung dieses Rats beschlossen, der die Aufgaben der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung sowie der jeweiligen Beiräte übernehmen soll; sie will den Rat ohnehin „zügig einsetzen“. Schreier sagte: „Ich möchte haben, daß es weiter so bleibt, wie es ist: Die neuen Regeln werden gelehrt, alte Schreibweisen werden aber nicht falsch. Sie werden in der Schule als alt gekennzeichnet, aber nicht als Fehler gewertet. Was dann kommt, ist ein Prozeß. Das ist organisch, das ist menschlich.“

Schreier stellt klar, er wolle nicht zurück zur alten Rechtschreibung. Er setze auf den Wettbewerb einer konkurrierenden Rechtschreibung, bei der letztlich das Akzeptierte übrigbleibe. „Ebenso wie es falsch war, daß die neue Rechtschreibung administrativ verordnet wurde, wäre es jetzt auch falsch, die alte per Verordnung wieder einzuführen.“ Schreier gibt an, es gehe ihm darum zu vermeiden, daß viele Medien anders schrieben, als die Schüler es in der Schule lernten; das sei den Schülern nicht zuzumuten. Da allerdings zumindest der Spiegel-Verlag und die Axel Springer AG, jetzt auch der „Rheinische Merkur“, angekündigt haben, in allen ihren Druck- und Internetprodukten wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung zur bewährten Rechtschreibung zurückzukehren, wäre dieses Ziel auch nach Schreiers Vorschlag nicht erreicht.

Nahezu allein auf weiter Flur

Der saarländische Kultusminister steht mit seinem Vorschlag in einem Gegensatz zu früheren Äußerungen seines Ministerpräsidenten Peter Müller (CDU), der sich für eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung ausgesprochen hatte. Müller steht aber mit dieser Klarheit im Kreise der Ministerpräsidenten nahezu allein auf weiter Flur, offen zur Seite steht ihm nur Wulff. Sympathie für eine Rückkehr haben mehr oder weniger diskret auch Stoiber sowie der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) und der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) erkennen lassen. Doch wollen sie offenbar Rücksicht auf ihre Kultusminister nehmen. Die aber wollen von einer vollständigen Rücknahme der Reform nichts wissen. Es ist daher auch nicht zu erwarten, daß es eine Initiative aus den Reihen der Ministerpräsidenten gibt, die Sache den Kultusministern „aus der Hand zu nehmen“. Eine Mehrheit für ein solches Vorgehen wäre nicht in Sicht, schon gar nicht die erforderliche Einstimmigkeit.

Es deutet daher vieles darauf hin, daß die Gegner der Rechtschreibreform im Kreise der Ministerpräsidenten auf dem Treffen im Oktober einen Kompromiß anstreben, wie ihn Schreier vorgeschlagen hat. Von seiten Böhmers verlautete am Donnerstag: „Trotz aller Fragwürdigkeit schafft bei der derzeitigen Beschlußlage eine Rücknahme so viele Probleme, daß die Verwirrung noch größer würde. Deshalb wäre es besser, über eine verlängerte Einführungsdauer und Veränderungen nachzudenken.“

Der Kompromißbereitschaft förderlich könnte der Umstand sein, daß die Streitlinien nicht entlang den Parteilinien verlaufen. So sprechen sich gegen eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung seitens der CDU die Regierungschefs Milbradt, Althaus, von Beust und Koch aus. Koch gehörte zwar früher zu Kritikern der Reform, bekundet aber inzwischen die Auffassung, der Zug sei „abgefahren“.

Von seiten der SPD findet sich allerdings kein Ministerpräsident, der sich klar gegen die Reform ausspricht. Nur einige Bundestagsabgeordnete haben hier Position bezogen, was aber nur atmosphärische Bedeutung hat. Parteipolitische Anti-Reflexe könnten allerdings die forschen Töne von Oppositionsführern von der CDU, denen Wahlen bevorstehen, hervorrufen. So hatte der nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers angekündigt, die CDU werde nach einem Wahlsieg „dafür sorgen, daß man zu den bewährten Regeln zurückkehrt.“ Am Dienstag forderte, moderater, der rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Christoph Böhr in der „Bild“-Zeitung, der Rechtschreibkommission, „die schon die letzte Rechtschreibreform verbockt hat, das Heft des Handelns aus der Hand“ zu nehmen. Als einzige Partei hat sich die FDP mit den Stellungnahmen ihres Vorsitzenden Guido Westerwelle, ihres Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Gerhardt und ihrer Generalsekretärin Cornelia Pieper eindeutig gegen die Rechtschreibreform positioniert.

Das bedeutet allerdings nicht, daß sich in den Reihen der übrigen, auch der sozialdemokratischen Ministerpräsidenten ausschließlich begeisterte Anhänger der Reform, wie sie ist, befinden. Die Befürworter einer Revision sehen hier durchaus heimliche Verbündete. Es kommt ihnen daher darauf an, eine „Brücke“ zu finden. Auch ist das Bestreben erkennbar, es den Kultusministern zu ermöglichen, ihr „Gesicht zu wahren“. Daher spielt in den Überlegungen der „Rat für Rechtschreibung“, dessen Einsetzung die Kultusminister selbst beschlossen hatten, eine zentrale Rolle.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2004, Nr. 187 / Seite 7
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz





Nur 3,4 Prozent

Wäre eine Rückkehr zur bewährten Schreibung für Grundschüler eine Katastrophe? Die folgende Aufstellung der betroffenen Wörter bezieht sich auf den Grundschullehrplan Bayern, 2000, 2. Auflage.

Der Grundwortschatz, der am Ende des vierten Schuljahrs von den Schülern verlangt wird, umfaßt 700 Wörter. Insgesamt finden sich darunter 24 Wörter (3,4 Prozent), die gemäß Rechtschreibreform anders als früher zu schreiben sind:

- 1 Wort unter der Rubrik „Häufig gebrauchte Wörter“, – 4 Wörter im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 1 und 2, – 19 Wörter im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 3 und 4.

Es sind dies folgende Wörter (hier in neuer Schreibung):

in der Rubrik „Häufig gebrauchte Wörter“: dass;

im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 1 und 2: isst muss Spagetti Stängel;

im Grundwortschatz der Jahrgangsstufen 3 und 4: biss bisschen floss Fluss frisst goss Kompass Kuss lässt misst nass nummerieren Nuss Pass riss schloss tausende vergisst wusste.

Von den 24 „Neuschreibungen“ entfallen somit 20 auf die neue ss-Schreibung. (F.A.Z.)

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Norbert Lindenthal
11.08.2004 22.47
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Haus des Seins

11. August 2004 Was ist heute noch konservativ? Eine CDU-Alleinregierung offenbar nicht. Sonst hätte das Land Hessen im Streit um die Rechtschreibreform längst klare Stellung gegen die überflüssigen Neuerungen bezogen. Statt dessen argumentiert Kultusministerin Karin Wolff formalistisch, die Dinge müßten ihren Lauf nehmen, nachdem sie nun einmal angestoßen worden seien. Und nennt es Verläßlichkeit, wenn die hessische Landesregierung auf dem schlechten Neuen beharrt. Eine Sache um ihrer selbst willen durchzusetzen, unbeeindruckt von fundierter Kritik und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments: Dies kann ja wohl nicht der Ausweis des Konservatismus am Anfang des 21. Jahrhunderts sein.

Auch aus Wiesbadener Politikermund hört man in diesen Tagen, die Ankündigung von Spiegel, Springer und Süddeutscher Zeitung, zur alten Orthographie zurückzukehren, sei „Sommertheater“. Und Deutschland habe derzeit ganz andere Sorgen. Derlei Aussagen lassen sich nur damit erklären, daß einige Regierende selber schon Opfer jener Entwicklungen geworden sind, die letztlich zum Armutszeugnis für die deutschen Bildungseinrichtungen geführt haben. Was nämlich soll wichtiger sein als die Sprache, in der sich die Bevölkerung ausdrückt? Mit der sie sich Bildung aneignet? In der sie denkt? „Die Sprache ist das Haus des Seins“: Heideggers Wort in Politikers Ohr.

Die sprachliche Entwicklung vieler Kinder läßt zu wünschen übrig. Die Verhunzung des Deutschen hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Mit der Sprachkompetenz gehen Differenzierungsvermögen, Gedankenschärfe und damit am Ende Konkurrenzfähigkeit verloren. Die Orthographie ist ein nicht zu unterschätzendes Moment in diesem Zusammenhang. Verbindliche Regeln geben eine Sicherheit, von der aus auch schöpferische Regelverletzungen möglich sind.

Die Germanistik, die seit langer Zeit an Legitimationsschwund leidet, ist mit dem Versuch, mittels der Rechtschreibreform endlich einmal wieder ihre gesamtgesellschaftliche Bedeutung unter Beweis zu stellen, kläglich gescheitert. Der Schaden muß jetzt begrenzt, die Farce beendet werden. Kulturkonservative Verantwortung ist gefragt. Auch in Wiesbaden. In der gegenwärtigen Situation kann es nur eines geben: schleunigst zurück zum Duden, 20. Auflage. MICHAEL HIERHOLZER

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Norbert Lindenthal
10.08.2004 23.36
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11.8.2004 FAZ, Seite 36

Rechtschreibung
Anarchisch? Weg damit!

Von Esther Kilchmann und Michael Hanfeld

10. August 2004 Angeblich rund sechzig Prozent aller Leser in diesem Lande werden demnächst wieder die alte Rechtschreibung zu sehen bekommen. So groß soll die Gruppe sein, die der Springer-Verlag mit seinen Zeitungen und Zeitschriften und der „Spiegel“-Verlag erreichen.

Dabei sind die Reichweiten von 1,15 Millionen Lesern dieser Zeitung, die bereits am 1. August 2000 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt ist, und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit 1,3 Millionen Lesern noch gar nicht mitgerechnet. Doch was machen die anderen – nicht weniger bedeutsamen – vierzig Prozent? Namentlich die 331 Regionalzeitungen, die auf eine täglich verkaufte Gesamtauflage von 15,8 Millionen Exemplaren kommen?

Sie warten – wie eine Stichprobenbefragung unter Chefredakteuren ergibt – ab, mißmutig oder hoffnungsvoll. Sie wollen sich von überregionalen Großverlagen nicht bevormunden lassen. Sie sind abhängig von der Schreibweise, welcher die Nachrichtenagenturen folgen, namentlich die Deutsche Presse-Agentur. Und sie sind bewegt vor allem von einer Frage, der neben der normativen Kraft des Faktischen und der sich abzeichnenden Machtprobe in der Politik in der Sache wohl entscheidende Bedeutung zukommt: Was bedeutet das für unsere jungen Leser? Für jene Leser also, um welche sich alle Zeitungen als vermeintliche „alte“ Medien mit Verve bemühen müssen und die mehr oder weniger in toto mit der neuen Rechtschreibung aufwächst.

„Extrem unwohl“

Es wäre ihm, sagt etwa Matthias Friedrich, der Chefredakteur des „Wiesbadener Kuriers“, „extrem unwohl, wenn wir in der Zeitung eine andere Schreibung praktizierten als jene, welche die Schüler in der Schule lernen“. Dann täte sich „ein ernster Graben auf“. Das Verhalten von Spiegel und Springer, sagt Friedrich, „dient nicht dem Ziel, das Chaos zu verkleinern“, es führe vielmehr „zu mehr Unsicherheit“.

Ähnlich sieht dies Uwe Knüpfer, der Chefredakteur der „Westfälischen Allgemeinen Zeitung“, die mit ihren dreiundzwanzig verschiedenen Lokalausgaben und einer Auflage von einer Million Exemplaren das Herzstück das WAZ-Konzerns darstellt. „Wir kehren nicht zur alten Rechtschreibung zurück“, sagt er, „und sind der Auffassung, daß Verlage nicht Politik machen sollten, wir sollten Beobachter bleiben.“ In der Sache sei es wohl am sinnvollsten, „sich zügig zu bemühen, allzu grobe Unsinnigkeiten der neuen Rechtschreibung aufzuheben und es dann bei dieser zu belassen“.

„Wir bleiben dabei!“

Eindeutig fällt die Reaktion bei der zum Madsack-Konzern gehörenden „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ aus. „Wir bleiben dabei!“ schrieb dort am Wochenende der Chefredakteur in einem Kommentar. „Fast anarchisch“ findet der Chefredakteur der „Kölnischen Rundschau“, Jost Springensguth, das Vorgehen von Spiegel und Springer, es gebe "überhaupt keinen Grund“ von der neuen Rechtschreibung abzuweichen.

Für Peter Bauer von den „Bremer Nachrichten“ sind diese zur Genüge gegeben, vor allem kritisiert er, daß die Reform von der Politik einfach "übergestülpt“ worden sei: „In der Redaktion sind wir eigentlich alle dagegen.“ Jetzt wird auch hier auf die Agenturen geblickt; „Meldungen zurückzuredigieren können wir uns nicht leisten“, meint Bauer.

„Wir haben nachzudenken“

Abwägend gibt sich der Chefredakteur des „General-Anzeigers“ in Bonn, Joachim Westhoff. Man werde sorgfältig nachdenken, was dies für die Zeitung bedeute, und sei noch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Auf den Widerstand gegen die Rücknahme der Reform, wie sie Politiker wie der sächsische Ministerpräsident Milbradt oder die rheinland-pfälzische Kultusministerin Ahnen, müsse man noch nicht soviel geben, meint Westhoff. Es werde spannend sein, zu sehen, wie es politisch weitergeht. „Wir haben nachzudenken.“

„Kein Alleingang“ heißt es bei den „Nürnberger Nachrichten“, wo nach den Worten von Heinz-Joachim Hauck ebenfalls die Entscheidung der Agenturen maßgeblich ist. Ein aktueller Anlaß, die Rechtschreibung umzustellen, sei nicht gegeben, erklärt Dieter Soika von der „Freien Presse“. Bis auf weiteres werde sich die Zeitung deshalb beobachtend verhalten.

Verhaltene Reaktionen

Für Ernst Hebeker vom „Münchner Merkur“ steht trotz seiner persönlichen Präferenz der herkömmlichen Schreibweise die Einheitlichkeit im Vordergrund. Vielleicht werde sich nun ja eine modifizierte Reform durchsetzen, hofft er. Bis dann bleibe allerdings auch die Rückkehr immer ein Thema. „Die Reaktionen bleiben in unseren Breitengraden eher verhalten“, sagt hingegen der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“, Sergej Lochthofen. Es gebe gewichtigere Probleme. Neunzig Prozent der Leser, so seine Erfahrung, wüßten nicht einmal, mit welcher Rechtschreibung ihre Zeitung erscheine.

Interessant ist, wie es Zeitungen halten, die zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) zählen, die im letzten Jahr als neuer Gesellschafter und finanzieller Retter bei der „Süddeutschen Zeitung“ eingestiegen ist, die sich vorsichtig zur alten Rechtschreibung bekannt hat. Jörg Bischoff, Chefredakteur der „Südwest Presse“, verweist in dieser Frage auf die Kultusministerkonferenz, und gibt der Rücksichtnahme gegenüber den Kindern Priorität. „Wir bleiben dabei, es sei denn, die Kultusminister kippen um“, sagt Peter Christ, der Chefredakteur der „Stuttgarter Zeitung“.

„Abgehobene Debatte“

„Die Debatte ist etwas befremdlich, wenn man auf die Probleme schaut, die dieses Land wirklich hat.“ Es sei eine „abgehobene Intellektuellendebatte“, die von solchen geführt werde, die sich viel früher hätten äußern sollen, meint Christ, der die Entscheidung für die neue Rechtschreibung wie die Mehrzahl seiner von uns befragten Kollegen vor allem mit der Rücksicht auf nenmehr acht Jahrgänge von Schülern begründet. „Es herrscht bereits genügend Chaos“, stimmt dem Thomas Hauser von der „Badischen Zeitung“ (die nicht zur SWMH gehört) zu, wichtig sei, " die „Sprache in die Zeitung zu nehmen, die die Kinder lernen“.

Und was denken die Leser? „Sommertheater, was soll der Quatsch, keine Rückkehr zur alten Rechtschreibung“, sagt Uwe Knüpfer von der WAZ, es handle sich um „ein künstlich hochgespieltes Thema“, sagt Thomas Hauser von der „Badischen Zeitung“. Dieter Soika von der Freien Presse aus Chemnitz verweist abermals auf die „größeren Probleme“, die zumal im Osten die Leser bewegten. Bei der Umstellung seien die Leser zwar mehrheitlich gegen die Reform gewesen, unterdessen hätten sie sich aber an die neue Schreibung gewöhnt.

„Halb so schlimm“

Das Ganze sei „halb so schlimm“, schildert Peter Bauer die Einstellung der Leser der „Bremer Nachrichten“. Anders ist dies beim „Münchner Merkur“, schätzungsweise neunundneunzig Prozent der Leserschaft seien für die Rückkehr, meint Ernst Hebeker, und man sehe sich mit massiven Reaktionen und zuweilen ultimativen Forderungen konfrontiert.

Derweil sind einer Umfrage zufolge vierundvierzig Prozent der Leser der „Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen“ für die alte und sechsundfünfzig Prozent für die neue Rechtschreibung. Geteilt ist auch das Leser-Echo in Hannover, dort hat man festgestellt, daß sich dieselbe Debatte wie bei der Einführung der neuen Rechtschreibung abzeichnet, ältere Leser befürworten eher die alte, jungen die neue Schreibung, in Stuttgart sollen die Leser mit Mehrheit für die neuen Schreibweisen sein.

„So schnell wie möglich zurück“

Das deutlichste Votum dieser selbstverständlich nicht repräsentativen Befragung kommt zum Schluß: Martin Lohmann, Chefredakteur der im Mittelrhein-Verlag erscheinenden Koblenzer „Rhein-Zeitung“, „möchte so schnell wie möglich zur ,richtigen' Rechtschreibung zurückkehren“. So schnell wie möglich heiße, wenn es logistisch zu leisten sei, hat er seinen Redakteuren in einer Mitteilung erklärt. Solange die Agenturen in neuer Rechtschreibung lieferten, sei dies noch nicht der Fall. „Aus diesem Grund habe ich die Chefredakteure aller Agenturen, die uns beliefern, aufgefordert, zur früheren Rechtschreibung zurückzukehren.“

Zahlreiche Mails und Briefe von Lesern bestärkten ihn in diesem Schritt, sagt Lohmann. Die Rechtschreibreform befinde sich schließlich noch in der Probephase und es sei klar, daß sie „ihren Test nicht bestanden“ habe: „Also: Hakt sie ab! Weg damit! Wir brauchen eine klare Rechtschreibung!“ Das Argument mit den gebeutelten Schülern will Lohmann nicht gelten lassen. Due Kultusminister hätten allein Grund, sich bei diesen zu entschuldigen.

Der Chefredakteur der Deutschen-Presseagentur, auf die für die Zeitungen soviel ankommt, war übrigens nicht zu sprechen. das Büro von Wilm Herlyn verwies an den Pressesprecher, der nicht zurückrief. Vor dem Wochenende hatte die dpa die Meldung verbreitet, daß sie sich zunächst ein Bild von der Meinung ihrer Kunden machen wolle. Damit viel Spaß.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2004, Nr. 185 / Seite 36
Bildmaterial: dpa

„Sommertheater, was für ein Quatsch“, das meinen die Leser der WAZ angeblich zur Debatte über die Rechtschreibreform. Der Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ in Koblenz aber will ganz schnell „zur ,richtigen' Rechtschreibung zurück“.

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Norbert Lindenthal
09.08.2004 17.08
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9.8.2004


„Überglücklich“ über den Beschluß: Michael Klett

Interview

„Wir nehmen ja ohnehin dauernd Änderungen vor“

06. August 2004 Der Staat muß den Verlagen nur die Freiheit geben, den Übergang zur bewährten Rechtschreibung selbst zu organisieren: ein Gespräch mit Michael Klett, dem Chef von Deutschlands größtem Schulbuchverlag.

Herr Klett, Millionen Schüler kennen Ihren Namen, weil er auf ihren Büchern steht. Begrüßen Sie die Nachricht von der Rückkehr zur klassischen Rechtschreibung beim „Spiegel“-Verlag und bei den Organen des Springer-Konzerns?

Ausdrücklich! Ich bin überglücklich über diesen Beschluß.

Sie selbst gehören ja zu den eher gemäßigten Kritikern der Rechtschreibreform.

Vielleicht eher zu den zerrissenen. Als Schulbuchverleger passen mir die Kosten, die die von den Reformern verordneten willkürlichen Änderungen an der Sprache zur Folge hatten und haben, natürlich überhaupt nicht. Als Bürger, der sich durch das unlegitimierte Reformtreiben entmündigt sieht, und als literarischer Verleger bin ich sehr glücklich über jeden Schritt, der eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung unterstützt. Als Schulbuchverleger bin ich gewissermaßen Lieferant des Staates und muß dem folgen, was der Staat verlangt. Auf der anderen Seite habe ich ein kulturelles Gewissen, das mir sagt, wie unnötig und unsinnig diese sogenannte Reform ist.

Würde es denn wirklich so teuer, wenn die Ministerpräsidenten sich zur Rücknahme entschlössen?

Das kommt ganz darauf an. Es wird bestimmt sehr teuer, wenn die alte Rechtschreibung mit einem Schlag wiedereingeführt würde.

Sie würden sich also eine lange Übergangsfrist wünschen?

Ich hätte zwei Ideen. Zum einen brauchten wir eine Übergangszeit, wo die Rücknahme in kleineren Schritten vorgenommen wird, etwa erst die Getrenntschreibung, dann die s- und ß-Regelung. Das würden kleine Häppchen sein, daß es nicht so schädlich wäre. Zum anderen sollte der Staat den großen Schulbuchverlagen eine Kartellerlaubnis geben, die schrittweise Anpassung selbst festzulegen.

Das große Problem der Verlage ist der Wettbewerb. Insofern haben die langen Übergangsfristen, die wir in der Vergangenheit hatten, überhaupt nichts genutzt. Denn die meisten Schulbuchverleger, vor allem die kleineren, die weniger Titel im Programm haben, haben sich gesagt: Ich drucke gleich in der neuen Rechtschreibung, um so einen Marktvorteil zu erwerben. Und deshalb mußten wir alle nachziehen.

Wenn wir nun die Erlaubnis zu einem Sonderkartell bekämen, uns also mit dem Einverständnis der Kultusminister selbst über die schrittweise Rücknahme einigen dürften, wäre dies die für die Schulbuchverlage beste und billigste Lösung, denn wir müssen ja ohnehin dauernd Änderungen vornehmen, um die Bücher an die ständig überarbeiteten Lehrpläne anzupassen. Es wäre also sinnvoll, wenn man die Änderungen, die ohnehin vorgenommen werden müssen, mit der schrittweisen Rücknahme der Rechtschreibreform in Einklang bringen könnte.

Wie hoch wären die Umstellungskosten für das literarische Programm?

Diese würden gering ausfallen. Der Verlag Klett-Cotta hat mit einigen Ausnahmen von Autoren, die ausdrücklich darauf bestanden haben, nie in der neuen Rechtschreibung gedruckt.

Wie schätzen Sie die Reaktion der Lehrer auf eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung ein?

Natürlich gibt es Falken, die unbedingt die neue Rechtschreibung haben wollen, doch diese scheinen mir eher in der Minderheit. Dann gibt es jene, die an der alten Rechtschreibung festhalten und keine Fehler in der neuen Rechtschreibung benoten. Diese Gruppe sagt sich: Solange die Übergangsfrist nicht abgelaufen ist, kann mich niemand der Unregelmäßigkeit zeihen, da mache ich einfach, was ich will – eine Art subversives, anarchisches Verhalten im kleinen. Ganz ähnlich verhält sich meines Erachtens die schweigende Mehrheit, die einfach abwartet, was passiert. Die öffentliche Debatte hat ja zu einer großen Verunsicherung insbesondere innerhalb der Lehrerschaft, geführt. Viele sagen sich natürlich, warum sollen wir uns jetzt hier abmühen, wenn es nachher sowieso wieder alles anders aussieht.

Durch den Beschluß von „Spiegel“ und Springer werden gut sechzig Prozent der Deutschen erreicht. Was erhoffen Sie sich von diesem Schritt?

Ich wünsche mir, daß der lange Atem, von dem Hans Magnus Enzensberger erst letzte Woche in dieser Zeitung gesprochen hat, der Mao-Tse-tung-Atem gewissermaßen, kürzer wird. Mit anderen Worten: daß es immer unmöglicher wird für die Ministerpräsidenten, nicht zu handeln.

Der Kultusministerkonferenz sollte also die Autorität in dieser Frage entzogen werden?

Genau. Das ist meines Erachtens der einzige Weg. Die Kultusministerkonferenz hat sich so festgelegt, daß sie ihr Gesicht verlieren würde. Jetzt müssen die Ministerpräsidenten die Kastanien aus dem Feuer holen.

Ist es nicht vor allem ein Gesichtsverlust für die Rechtschreibkommission, die die vielen sinnentstellenden, sprachverhunzenden und unnötigen Änderungen ausgetüfelt hat?

Nicht nur in der Kommission muß endlich begriffen werden, daß man mit einer Rechtschreibreform nicht einfach die Sprache ändern kann. Einzig die Anpassung der Rechtschreibung an das Geschehen der Sprachentwicklung könnte der Zweck einer Reform im wohlverstandenen Sinne sein, nicht die Umlenkung der Entwicklung durch obrigkeitliche Vorgaben. Es wäre viel sinnvoller, wenn wir eine staatliche oder halbstaatliche Sprachkommission nach dem Vorbild etwa der Académie Française bekämen, die ganz behutsame Anpassungen vornimmt, über die vorher endlos und sorgfältig debattiert wird. Mit Recht! So müßte es auch bei uns sein.

Halten Sie es für möglich, daß bei der öffentlichen Debatte auch grundsätzlich über die Berechtigung von Gremien wie der Kultusministerkonferenz in solchen Fragen diskutiert wird?

Das könnte gut sein, und dabei könnte der, ich möchte einmal sagen, Föderalismus in Schulsachen erörtert werden.

Wie das?

Nun ja, es ist ja bereits gefragt worden, ob ein einzelner Bundeskultusminister die Verantwortung für eine solche Rechtschreibreform auf sich genommen hätte, wo in einem Ministerkollektiv von sechzehn es nachher keiner so richtig gewesen ist.

Würden Sie eine radikale Reform unseres Bildungsföderalismus begrüßen?

Das System, das wir haben, hat sich aus meiner Sicht bewährt. Es wäre traurig, wenn es jetzt auch noch Schaden nähme. Den Politikern muß jetzt allerdings klar sein, daß es in dieser Sache keine Ruhe mehr geben wird, bis wir nicht endlich wieder gehört werden.

Die Stuttgarter Ernst Klett AG ist der größte Schulbuchverlag Deutschlands. Die Verlage der Klett-Gruppe halten zur Zeit mehr als zehntausend Titel lieferbar. Etwa die Hälfte des Konzernumsatzes von 321 Millionen Euro (2003) erwirtschaftet Klett mit dem Schulbuchgeschäft. Das Gespräch mit dem Vorstandschef Michael Klett führte Felicitas von Lovenberg.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2004, Nr. 182 / Seite 29
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Norbert Lindenthal
07.08.2004 18.42
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Rechtschreibung

„Damit ist die unsinnige Reform gekippt“

07. August 2004 Der Druck auf die Ministerpräsidenten, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, wächst. Immer mehr Länderchefs sind bereit, sich von dem Reformversuch zu verabschieden. So sagte ein Sprecher des Ersten Bürgermeisters von Hamburg, Ole von Beust (CDU), der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Eine Rücknahme der Reform durch die Kultusminister würde an Hamburg nicht scheitern.“ Bislang verhalte sich der Senat der Hansestadt jedoch neutral.


Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte dem Blatt, man solle jetzt “das Scheitern der Rechtschreibreform“ eingestehen. “Wir sind kurz vor dem Ziel. Jetzt können wir es wirklich schaffen, mit einem mutigen Sprung zur alten Rechtschreibung zurückzukehren.“

Nach Ansicht von Wulff müßten die Ministerpräsidenten auf ihrer Konferenz Anfang Oktober Konsequenzen ziehen. “Viele Länderchefs sagen mir hinter vorgehaltener Hand, sie hätten von Anfang an Unbehagen gehabt, wollten ihren Kultusministern nicht in den Rücken fallen.“ Jetzt sollten sich die Ministerpräsidenten “einen Ruck geben, die klassische Rechtschreibung als Ausgangsbasis zu nehmen, um von dieser Grundlage aus für eine behutsame Weiterentwicklung zu sorgen.“ Allerdings wies Wulff auf die nötige Einstimmigkeit der Länderchefs hin. Die größte Gefahr sei, “daß sich ein Ministerpräsident querstellt und sich die anderen dann hinter ihm verstecken können. Es ist bedrückend, daß der Langsamste das Tempo bestimmen kann“.

Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) nannte die Entscheidung der Großverlage “den entscheidenden Markstein“, der für ganz Deutschland die Rückkehr zur alten Schreibweise markiere. “Damit ist die unsinnige Reform gekippt. Wir werden nun prüfen, inwiefern wir in allen Bereichen der Landesverwaltung nur noch die alte Rechtschreibung anwenden werden.“
Der Chef der nordrhein-westfälischen CDU, Jürgen Rüttgers, sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Als erstes sollten die Ministerpräsidenten nach der Sommerpause die endgültige Einführung der Reform stoppen und diese wichtige Frage nicht ausschließlich den Kultusministern überlassen.“ Die CDU werde nach einem Wahlsieg bei der Landtagswahl im Mai 2005 dafür sorgen, daß man zu den bewährten Regeln zurückkehrt.

Bei CDU und FDP wird der Schritt von Springer und “Spiegel“ gelobt. CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Ich begrüße es ausdrücklich, daß große deutsche Verlage zur alten Rechtschreibung zurückkehren.“

Der Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Wolfgang Gerhardt, hält die Rechtschreibreform für gekippt. “Damit ist der Versuch gescheitert, unsere Sprache gegen den Willen des Volkes in ein künstliches Korsett schnüren zu wollen“, sagte Gerhardt der Zeitung. Er freue sich darüber und werde “meiner Fraktion im Bundestag und allen Mitarbeitern empfehlen, fortan nur noch die alte Schreibweise zu benutzen.“

Text: @rwi
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Bayern: Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Stoiber glaubt, daß die neuen Regeln der Rechtschreibung zum Teil wieder geändert werden müssen. Er werde in die Diskussion bei der Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Oktober „ergebnisoffen“ hineingehen.

Baden-Württemberg: Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) will nach Angaben eines Sprechers des Staatsministeriums den Beratungen in der Ministerpräsidentenkonferenz nicht vorgreifen. „Daß in der Rechtschreibreform übers Ziel hinaus geschossen wurde, ist aber offensichtlich.“

Berlin: Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) hat sich deutlich für die Beibehaltung der neuen Rechtschreibregeln ausgesprochen. In den Berliner Schulen werde sich am Prinzip der neuen Rechtschreibung nichts ändern.

Brandenburg: Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche (SPD) hat sich gegen eine Rücknahme der Rechtschreibreform gewandt. Reiche warnte in der „Berliner Zeitung“ (Samstag-Ausgabe) vor den finanziellen Problemen nach einer Rücknahme der Reform.

Bremen: Der Sprecher des Bremer Bildungssenators sieht keine Veranlassung zur Rücknahme der Reform. „Wir halten an der Reform, wie wir sie beschlossen haben, erst mal fest.“

Hamburg: Der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) sagte gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: “Eine Rücknahme der Reform durch die Kultusminister würde an Hamburg nicht scheitern.“

Hessen: Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hält eine Rücknahme der Rechtschreibreform für nicht mehr zu machen. Der Termin sei verpaßt worden, inzwischen sei schon eine ganze Schülergeneration durch die neuen Regeln gejagt worden, sagte Koch Ende Juli.

Mecklenburg-Vorpommern: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) hält an der Rechtschreibreform fest. Die Reform sei einstimmig von Bund und Ländern beschlossen worden.

Niedersachsen: Niedersachsens Regierungschef Christian Wulff (CDU) hat seine Ministerpräsidenten-Kollegen dazu aufgerufen, die Rechtschreibreform im Herbst zurückzunehmen. Wulff sagte der „Bild am Sonntag“, in den vergangenen Wochen hätten sich immer mehr Ministerpräsidenten hinter seine Forderung gestellt.

Nordrhein-Westfalen: Das Düsseldorfer Schulministerium will an der Reform festhalten. Die neuen Regeln hätten sich in den Schulen bewährt, ließ Schulministerin Ute Schäfer (SPD) erklären.

Rheinland-Pfalz: Der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck (SPD), will an der Rechtschreibreform festhalten. Beck kritisierte im „Tagesspiegel“, der Vorstoß der Axel Springer AG und des Spiegel- Verlags habe „viel mit Kampagne und Public Relations, wenig mit Inhalt zu tun“.

Saarland: Peter Müller, saarländischer Ministerpräsident und erklärter Gegner der neuen Rechtschreibung hat die Rückkehr von Axel Springer AG und Spiegel-Verlag zur alten Rechtschreibung gelobt. „Damit ist natürlich ein neues Faktum gesetzt“, sagte der CDU- Politiker.

Sachsen: Sachsen ist für eine Beibehaltung der Regelung: „In den Schulen, Verwaltungen und auch Firmen mühen sich alle seit sechs Jahren, die neue Rechtschreibung zu lernen und zu schreiben. Sie mag noch nicht von allen perfekt beherrscht werden. Aber wenn wir jetzt zur alten Rechtschreibung zurückkehren, wäre die Verwirrung komplett“, sagte Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU).

Sachsen-Anhalts: Sachsen-Anhalts Bildungsstaatssekretär Winfried Willems hat die angekündigte Rückkehr der Verlage Axel Springer und Spiegel zur alten Rechtschreibung kritisiert. Die neue Rechtschreibung sei durch alle Bundesländer beschlossen und von der Kultusministerkonferenz im Juni 2004 nochmals einstimmig bestätigt worden.

Schleswig-Holstein: Eine Rückkehr zur alten Rechtschreibreform lehnt Schleswig-Holstein ab. „Eine Rückkehr zur alten Schreibweise sorgt nur für überflüssige Verunsicherung an den Schulen“, sagte Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD).

Thüringen: Thüringen wird nach Aussagen von Kultusminister Jens Goebel (CDU) bei der Rechtschreibreform nicht zurückrudern. Es könne nicht angehen, daß durch die Willensbekundung von Verlagen über das Schicksal der Reform entschieden werden könne.

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Norbert Lindenthal
06.08.2004 22.08
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faz.net Frankfurter Allgemeine Zeitung

6.8.2004

Rechtschreibreform

Chronik einer Überwältigung

06. August 2004 Die Geschichte der Rechtschreibreform läßt sich mit einem Staffellauf vergleichen, bei dem der Stab unabhängig davon weitergereicht wurde, ob in Deutschland eine Monarchie, eine Diktatur oder eine Demokratie den Herrschaftsrahmen abgab. Unablässig variierten die „Neuerer“ alte Vorschläge; nur die ideologische Verbrämung änderten sie von Fall zu Fall. Sie waren sich bewußt, daß die Öffentlichkeit ihre Pläne nicht billigen werde.


1876 Die erste orthographische Konferenz in Berlin verläuft ergebnislos. Sie hatte die Rechtschreibung vereinheitlichen und systematisieren sollen.

1880 Der Lehrer Konrad Duden gibt sein „Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ heraus. Es fußt auf der preußischen Schulorthographie.

1901 Die zweite orthographische Konferenz in Berlin beschließt für den deutschen Sprachraum „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis“. Es ist die erste einheitliche Schreibnorm. Dudens Wörterbuch verschafft ihr zunächst in den Schulen und bei Druckern, dann allgemein Anerkennung. Richtschnur des „Duden“ war seither die behutsame Anpassung an den sich wandelnden Sprachgebrauch.

1924 Gründung des „bunds für vereinfachte rechtschreibung“. Sein „minimalprogramm“ lautet, alle Wörter klein zu schreiben.

1931 Erfurter Rechtschreibungsprogramm. Der Vertretertag des Bildungsverbands der deutschen Buchdrucker entwirft eine Mindestreform, deren Kernforderungen in den Rechtschreibentwürfen der nächsten 65 Jahre ständig wiederkehren werden: 1. Kleinschreibung mit Ausnahme der Satzanfänge und Namen („gemäßigte Kleinschreibung“). 2. Vermehrte Getrenntschreibung; keine Unterscheidung von sinnlicher und übertragener Bedeutung. 3. Eindeutschung von Fremdwörtern. 4. Trennung nach Sprechsilben. 5. Schrittweise Beseitigung aller Dehnungszeichen und der Bezeichnungen der Vokalkürze. 6. Ersetzung „schwieriger“ Buchstaben durch andere, zum Beispiel f statt v (frefel), s statt ß und dergleichen mehr. Danach würde „Vieh“ zu „fi“.

1933 Die „Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums“ in München, kurz „Deutsche Akademie“ genannt, setzt sich für die Einrichtung eines „Deutschen Sprachamts“ ein, das 1935 geschaffen wird, aber keine Kompetenzen erhält. Der Generalsekretär der Akademie, Franz Thierfelder, wirbt dafür, daß auf den „völkischen Aufbruch“ der „Aufbruch der Sprache“ folgen müsse.

1941 Bernhard Rust, preußischer Kultusminister und seit 1934 auch Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, setzt eine Orthographiekommission ein. Ihre „Vorschläge zur Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung“ stimmen weitgehend mit dem Erfurter Programm überein. Sie favorisieren die „gemäßigte„Kleinschreibung. Diskutiert wird darüber, ob das stimmlose „s“ nach kurzem Vokal „ss“ und nach langem Vokal "ß" geschrieben werden sollte. Kein Komma vor „und“ und „oder“. Nicht zuletzt wegen der Glorifizierung der „Führerreden“ erhält das gesprochene Wort Vorrang vor dem geschriebenen Wort. Entsprechend werden die Laut-Buchstaben-Angleichungen und die Trennung nach Sprechsilben aufgegriffen. Die Reform soll der deutschen Sprache Weltgeltung verschaffen. Rust muß dem Reichsinnenministerium zusichern, daß über die Vorarbeit nichts an die Öffentlichkeit gelange.

1944 Rust und seine sprachwissenschaftlichen Berater legen einen überarbeiteten, vorsichtigeren Gesetzentwurf („Kleine Rustsche Reform“) vor: 1. Eindeutschung von Fremdwörtern (Filosof, Frisör, rytmisch), 2. Die Neuregelung der Groß- und Kleinschreibung wird verschoben. Empfohlen wird statt der „gemäßigten“ Kleinschreibung „vermehrte Groß- und Auseinanderschreibung“. (Diese Anregung wird die Reform von 1995/96 aufgreifen.) 3. In Zusammensetzungen werden Konsonanten nur zweimal geschrieben: Schiffahrt, aber auch Schiffracht. 4. Trennung nach Sprechsilben: Pä-da-go-ge. 5. In Satzverbindungen vor „und“ und „oder“ kein Komma.

27. Juni 1944: „Tagesparole des Reichspressechefs“: Über die neuen Regeln für die Rechtschreibung sei in der Presse bis auf weiteres nicht zu berichten.  

24. August 1944: „Führerbefehl“ Adolf Hitlers: Die Arbeiten an der Rechtschreibreform seien bis Kriegsende zurückzustellen. Die noch nicht ausgelieferte Auflage von einer Million Exemplaren der Kleinen Reform wird eingestampft.

1952 Franz Thierfelder, inzwischen Generalsekretär des Instituts für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, regt die Gründung der „Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege“ an.

1954 Stuttgarter Empfehlungen. Die Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege faßt ihre Vorschläge in acht Punkten zusammen, die dem Erfurter Programm der Drucker von 1931 und den Rustschen Plänen von 1941 ähneln, gibt sich aber weniger radikal. Die Reform soll der Erleichterung des Schreibens im Unterricht, der Stärkung des Deutschen als internationaler Verkehrssprache sowie der Vermeidung eines Minderwertigkeitsgefühls von weniger Gebildeten dienen. Thomas Mann, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt lehnen die Empfehlungen ab.

1955 Die Kultusministerkonferenz beschließt, daß an Schulen der „Duden“ verbindlich sei. Die DDR schließt sich der Regelung stillschweigend an.

1956 Die Zweiteilung Deutschlands spaltet auch den „Duden“. Der „West-Duden“ erscheint beim Bibliographischen Institut (AG) in Mannheim, seit der Verlag in Leipzig enteignet worden ist. Der „Ost-Duden“ wird vom „Volkseigenen Betrieb Bibliographisches Institut“ in Leipzig herausgegeben, der sich die Verlagsrechte widerrechtlich aneignet.

1958 Wiesbadener Empfehlungen des Arbeitskreises für Rechtschreibregelung. In den wesentlichen Punkten – Kleinschreibung von Substantiven, Zusammen- und Getrenntschreibung, vereinfachte Kommaregeln, Silbentrennung – folgen sie den Anregungen von 1931, 1941 und 1954. Der Vorstoß scheitert am Protest der Öffentlichkeit.

1972 Die Hessischen Rahmenrichtlinien für den Schulunterricht verdächtigen die Schriftsprache, sie diene den besser Gebildeten und kapitalistischen Ausbeutern als Herrschaftsinstrument. Die Richtlinien geben der Förderung der sprachlichen (vor allem mündlichen) Kommunikationsfähigkeit Vorrang. Demgegenüber sei das Erlernen der Rechtschreibung zweitrangig.

1973 Kongreß „vernünftiger schreiben“ in Frankfurt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Verband deutscher Schriftsteller und das PEN-Zentrum Deutschland setzen sich mit antikapitalistischer Begründung vor allem für die Kleinschreibung der Substantive ein. Internationaler Wiener Kongreß, veranstaltet von der Österreichischen Gesellschaft für Sprachpflege und Rechtschreiberneuerung. In Wien können sich west- und ostdeutsche Linguisten quasi auf neutralem Boden treffen. Variation der alten Reformpläne.

1977 Gründung der „Kommission für Rechtschreibfragen“ am Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheim.

1978 Zweiter Wiener Kongreß.

1987 Die deutsche Kultusministerkonferenz läßt ein neues Regelwerk ausarbeiten. Den Auftrag erhalten nicht etwa die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und andere Akademien, sondern zwei in der Tradition der Reformer stehende Einrichtungen, nämlich das Institut für deutsche Sprache in Mannheim (nicht zu verwechseln mit der Duden-Redaktion) und die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden. Es handelt sich um Theoretiker. Kein Schriftsteller, kein Lehrer, kein Journalist, also kein Sprachpraktiker, dem es vor allem auf die Verständlichkeit des Geschriebenen für den Leser ankäme. Mit einer Ausnahme treten sämtliche Mitglieder der Kommission für die Kleinschreibung von Substantiven ein.

1988/89 Die Kommission hält sich an die überlieferten Reformvorschläge: Der apt ißt mit dem keiser al im bot. Der erste Entwurf gelangt aus Versehen in die Öffentlichkeit und scheitert am allgemeinen Protest.

1992 In Rorschach in der Schweiz verabschieden Sprachwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Entwurf zur Rechtschreibreform. Er enthält kein Wörterverzeichnis, läßt daher keinen Schluß über das Ausmaß der geplanten Neuerungen zu. Zur Groß- und Kleinschreibung werden drei konkurrierende Vorschläge gemacht.

1993 Die Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz fürchtet nach der Erfahrung von 1988 öffentliche Kritik. Der Entwurf wird daher zunächst nur interessierten Verbänden vorgestellt. Es handelt sich um die vorsichtigste Empfehlung in der Geschichte der Reformvorschläge. Bezeichnenderweise greift sie die Anregung auf, der Kleinschreibung von Substantiven eine vermehrte Großschreibung bei gleichzeitig reduzierter Zusammenschreibung vorzuziehen (vergleiche 1944). Unterscheidungsschreibungen werden weitgehend, aber nicht so radikal wie im Erfurter Programm von 1931 aufgehoben. Trennung nach Sprechsilben. „Gemäßigte“ Eindeutschung von Fremdwörtern. „ss“ nach kurzem, "ß" nach langem Vokal (vergleiche 1941). In Zusammensetzungen werden Konsonanten nach kurzem Vokal dreifach geschrieben: Schifffahrt wie Schifffracht. „Liberalisierung“ der Zeichensetzung. Im Gegensatz zu einigen Wortführern von 1954 und 1958 stehen die Reformer unserer Tage nicht im Verdacht, je Sympathien für die Nationalsozialisten gehegt zu haben.

November 1994 3. Wiener Gespräche. Sprachwissenschaftler und Kultusbeamte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie aus Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten billigen den Entwurf. Kein Minister nimmt daran teil. Es gibt kein Protokoll. Auf einer Pressekonferenz der deutschen Kultusminister werden den Journalisten die Leitlinien vorgestellt; dazu wird eine exemplarische, aber keine vollständige Wörterliste präsentiert. Die erste Reaktion ist Erleichterung darüber, daß die Reformer von der Kleinschreibung der Substantive und der Ersetzung von „v“ durch „f“ (kein „frefel“) sowie von „ai“ durch „ei“ Abstand nehmen.

1995 In einem am 29. November 1995 in der „Rheinischen Post“ veröffentlichten Interview sagt der bayerische Kultusminister Zehetmair: 1. „Ich habe Hunderte von Briefen erhalten, vornehmlich aus Österreich und der Schweiz – mit der Tendenz, daß die meisten Menschen die Reform überhaupt nicht wollen.“ 2. „Wenn man alle Ministerpräsidenten zur Reform befragt, gewinnt man den Eindruck, sie würden davon am liebsten gar nichts wissen.“ 3. „Es gibt aber auch die Diskussion darüber, ob die Landtage in die Entscheidung mit einbezogen werden müssen. Wenn das der Fall ist, wird die Reform – da bin ich mir sicher – nicht stattfinden.“ Zehetmair kündigt „ein paar kleine Korrekturen“ an. Deshalb muß der bereits gedruckte neue „Duden“ wieder geändert werden.

Dezember 1995: Die Kultusminister der deutschen Länder stimmen der überarbeiteten Fassung zu und versichern sich der Rückendeckung durch die Ministerpräsidenten. Das redigierte Regelwerk wird an alle Teilnehmerstaaten verschickt.

1996

Juli 1996: „Gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung“ in Wien. Von deutscher Seite unterzeichnen der Präsident der Kultusministerkonferenz, Reck, und im Auftrag des Bundesinnenministers dessen Staatssekretär Lintner. Ferner unterzeichnen Minister oder Beauftragte aus Belgien, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Österreich, Rumänien, der Schweiz und Ungarn. In einer Presseerklärung der deutschen Kultusminister heißt es, der gemeinsame Zeitplan sehe vor, „daß die Neuregelung der Rechtschreibung am 1. 8. 1998 wirksam wird“.

August 1996: Zehn Bundesländer führen die neuen Regeln an den Schulen ein und schaffen damit – zwei Jahre vor dem vereinbarten Inkrafttreten – vollendete Tatsachen, auf die sie sich fortan berufen, um die Unzumutbarkeit einer Revision zu begründen. Einen Tag nach der Wiener Absichtserklärung erscheint das Bertelsmann-Rechtschreibwörterbuch, das der Verlag auch an alle 40 000 deutschen Schulen verschickt. Der neue Duden, dessen Privileg durch die Neuregelung aufgehoben ist, kommt Ende August heraus. Im Laufe der nächsten vier Jahre übernimmt er wieder die Marktführerschaft.

Oktober 1996: Die Bevölkerung lehnt die Neuregelung ab. Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelt: 75 Prozent sagen: „Wir brauchen keine Reform.“ 12 Prozent sprechen sich dafür aus; 13 Prozent sind unentschieden.

Oktober 1996: „Frankfurter Erklärung“. Die Veröffentlichung der vollständigen Wörterliste und die unterschiedlichen, teilweise einander widersprechenden Regelauslegungen der Wörterbuch-Verlage lassen das ganze Ausmaß und die Fehler der Neuregelung erkennen. Daher fordern Schriftsteller, Germanisten, Verleger und Journalisten auf der Frankfurter Buchmesse, bei der bisherigen Rechtschreibung zu bleiben. Falls die Reform verwirklicht werde, stehe eine „jahrzehntelange Verwirrung“ bevor.

25. Oktober 1996: Auf die „Frankfurter Erklärung“ antworten die Kultusminister mit einer vom Institut für deutsche Sprache vorformulierten „Dresdner Erklärung“: Der demokratische Entscheidungsprozeß sei abgeschlossen; der verspätete Protest der Schriftsteller und Publizisten könne daran nichts ändern. Die Neuregelung habe den „Normalbürger“ im Blick. Literaten brauchten sich um Orthographieregeln nicht zu kümmern; sie könnten auch künftig „frei mit der Sprache umgehen“. Schriftsteller und Publizisten müßten „zur Kenntnis nehmen, daß ihre Interessen deshalb bei der Neuregelung der Rechtschreibung nicht im Vordergrund stehen“. Das Institut für deutsche Sprache übernimmt zwischenzeitlich ohne Auftrag die Koordination und Agitation für die Reform.

1997

März 1997: In Mannheim konstituiert sich eine zwischenstaatliche Kommission, die statt des „Duden“ in Zweifelsfällen entscheiden soll. Sie besteht überwiegend aus den Verfassern der Neuregelung selbst. Nach der öffentlichen Kritik beauftragen die Kultusminister die Kommission, den Korrekturbedarf festzustellen.

Oktober 1997: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erklärt die vorzeitige Umsetzung der Reform für rechtswidrig. Gegen seinen Kultusminister Wernstedt setzt Ministerpräsident Schröder durch, daß die neuen Regeln für den Unterricht ausgesetzt werden. Niedersachsen bleibt das einzige Land, das ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts abwartet. Das OVG Lüneburg hat noch nicht entschieden.

1998

Januar/Februar 1998: Die Kultusminister und das Bundesinnenministerium lehnen alle Vorschläge der Kommission zur Änderung der teilweise als fehlerhaft erkannten Neuregelung ab.

März 1998: Der Deutsche Bundestag spricht sich gegen die Reform aus: „Die Sprache gehört dem Volk.“ Der vom Bundestag beschlossene interfraktionelle Gruppenantrag hat keine rechtlichen Konsequenzen für die Kultusministerkonferenz. Allerdings fordert der Bundestag, daß die Neuregelung nicht ohne Überarbeitung und Wiedervorlage in die Amtssprache zumal der Bundesbehörden eingeführt werde. Alte und neue Bundesregierung setzen sich über diesen Plenarbeschluß hinweg.

Mai 1998: 567 Professoren der Sprach- und Literaturwissenschaften warnen: „Eine derart fehlerhafte Regelung, die von den bedeutendsten Autoren und der großen Mehrheit der Bevölkerung mit guten Gründen abgelehnt wird und die Einheit der Schriftsprache auf Jahrzehnte zerstören würde, darf keinesfalls für Schulen und Behörden verbindlich gemacht werden.“

14. Juli 1998: Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Karlsruhe attestiert den Kultusministern, daß sie eine Reform verordnen dürfen, ohne dazu parlamentarisch ermächtigt zu sein.

August 1998: Offizielle Einführung der neuen Schreibweisen an allen Schulen.

September 1998: Bei einem Volksentscheid lehnen die Schleswig-Holsteiner die Einführung der neuen Regeln mit klarer Mehrheit ab.

1999

Vom 1. August 1999 an versenden die Deutsche Presse-Agentur (dpa) und die anderen deutschsprachigen Nachrichtenagenturen alle Texte in der neuen Schreibung. Allerdings beachten sie weiter die alten Kommaregeln; ferner machen sie die Eindeutschung von Fremdwörtern nicht mit. Sie bleiben dabei, bei feststehenden Begriffen nicht nur das Substantiv, sondern auch das Adjektiv groß zu schreiben. Mit den Nachrichtenagenturen stellen sich die Zeitungen um.

September 1999: Der Landtag in Kiel beschließt einstimmig die Einführung der neuen Rechtschreibung an den 1200 Schulen des Landes. Damit verwirft er den Volksentscheid.

August 2000: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kehrt zur alten Rechtschreibung zurück.

4. Juni 2004: Die KMK beschließt kleinere Änderungen an der Reform, die vor allem die Getrennt- und Zusammenschreibung betreffen. Die Reform soll aber wie geplant im August 2005 an deutschen Schulen verbindlich werden.

13. Juni 2004: Politiker von CDU und FDP schließen sich der Forderung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff an, die Rechtschreibreform abzuschaffen.

17. Juni 2004: Auch Kulturstaatsministerin Christina Weiss spricht sich für eine Änderung aus.

26. Juli 2004: Die Bundesregierung wendet sich gegen Bestrebungen mehrerer unionsregierter Länder, die Rechtschreibreform zu kippen.

August 2004: Spiegel-Verlag und Axel Springer AG folgen dem Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und kehren zur bewährten Rechtschreibung zurück.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: ZB

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