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Sigmar Salzburg
22.10.2016 06.10
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Hans Krieger

Reformdummheit

Dummheit im Verbund mit Macht
hat noch stets Verdruß gebracht.
Rüstet sie zur Schreibreform,
pfuscht und schadet sie enorm.
Weggesäbelt wird Bewährtes
und ersetzt durch Grundverkehrtes.
Nur weil sich was ändern muß,
endet mit SS der Kuß,
und das arme Känguru(h)
findet nirgends seine Ruh,
denn man hat – wie abgeschmackt! –
schnöd sein ‚h‘ ihm weggezwackt.

Umreformt wird permanent,
bis die Klarheit ausgetrieben.
Was wird groß, was klein geschrieben,
was zusammen, was getrennt?
Nichts ist mehr gewiß, und selten
weiß man, welche Regeln gelten.
Macht »seit Langem« (groß!) denn Sinn?
Substantiv steckt keines drin.
Gibt es für die Trennung »kleins-
te« ein Argument? Nein, keins.
Willkürnorm wird oktroyiert,
die das Sprachgefühl kastriert.
Das trifft mehr als nur die Schreibung:
Wörter starben, die wir kannten,
andre sind nur noch Varianten –
die Reform ist Sprachentleibung.

Auch wenn das nur Schaden bringt,
ist man stolz, daß es gelingt,
denn man fühlt sich ja so gern
mehr als andere modern.
Die Reformer, selbst-ernannt –
wohl bekannt? Nein, wohlbekannt –,
prahlen auf dem Trümmerhaufen:
»Ist doch wunderbar gelaufen.«
Manche Blattlaus wär halt bloß
gerne elefantengroß.

Gegen Dummheit wächst kein Kraut
außer: daß man ihr mißtraut
und, wenn sie der Staat diktiert,
nicht mit Schafsgeduld pariert.

Hans Krieger

(Wettbewerbsbeitrag)

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Sarah Lange
15.09.2014 12.57
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Das Gedicht von Heinz Erhardt behandelt jetzt nicht direkt die Rechtschreibung, aber die Sprache beziehungsweise Fremdsprache im Allgemeinen. Ich musste sehr schmunzeln, als ich es zum ersten Mal las. Heinz Erhardt eben

Viel Spaß beim Lesen (die meisten werden es wohl schon kennen)

Die polyglotte Katze

Die Katze sitzt vorm Mauseloch,
in das die Maus vor kurzem kroch,
und denkt: „Da wart nicht lang ich,
die Maus, die fang ich!“

Die Maus jedoch spricht in dem Bau:
„Ich bin zwar klein, doch bin ich schlau!
Ich rühr mich nicht von hinnen,
ich bleibe drinnen!“

Da plötzlich hört sie – statt „miau“ -
ein laut vernehmliches „wau-wau“
und lacht: „Die arme Katze,
der Hund, der hatse!

Jetzt muss sie aber schleunigst flitzen,
anstatt vor meinem Loch zu sitzen!“
Doch leider – nun, man ahnt's bereits -
war das ein Irrtum ihrerseits.

Denn als die Maus vors Loch hintritt -
es war nur ein ganz kleiner Schritt -
wird sie durch Katzenpfotenkraft
hinweggerafft! – -

Danach wäscht sich die Katze die Pfote
und spricht mit der ihr eignen Note:
„Wie nützlich ist es dann und wann,
wenn man 'ne fremde Sprache kann...!“
__________________
Wer zugibt, dass er feige ist, hat Mut.

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Sigmar Salzburg
22.06.2014 10.31
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Rainer Maria Rilke

Das Karussell

Jardin du Luxembourg

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elephant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur daß er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elephant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elephant.

Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel. . .


Ich interpretiere das „Land“ nicht als „Kindheit“, sondern als „Land der (kindlichen) Phantasie“...
Siehe aber Ickler. – Zur Rechtschreibung siehe dies.


PS: In der Schule habe ich seinerzeit ein einstündiges Referat über Rilke gehalten
und in allen drei Wertungen die Bestnote erhalten, nach Protesten der Mitschüler,
obwohl unser Direktor in einem Punkt der Interpretation Abstriche machen wollte,
weil mir da „doch etwas Lebenserfahrung fehlte ... hö, hö, hö!“

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Sigmar Salzburg
30.08.2012 13.22
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Paul Celan 1967

Oranienstraße 1

Mir wuchs Zinn in die Hand,
ich wußte mir nicht
zu helfen:
modeln mochte ich nicht,
lesen mocht es mich nicht –

Wenn sich jetzt
Ossietzkys letzte
Trinkschale fände,
ließ ich das Zinn
von ihr lernen,

und das Heer der Pilger-
stäbe
durchschwiege, durchstünde die Stunde.



Monika Köhler hat in Ossietzky 16/2012 eine bemerkenswerte Interpretation (in Kulturrechtschreibung) verfaßt, die ausführlicher und tiefgehender ist als die kurzen Andeutungen in der Morgenpost 17.12.09 (in Deformschreibe).

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Sigmar Salzburg
16.08.2008 07.19
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Reiner Kunze wird 75

Reiner Kunze verkörpert die deutsch-deutsche Geschichte wie nur wenige Künstler. In der DDR wurde der regimekritische Schriftsteller bespitzelt und gegängelt, bis er 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte.

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer sieht Kunze wie viele andere eine zunehmende Bagatellisierung der DDR-Diktatur. «Man müsste ja blind sein, wenn man keine Verharmlosung beobachten würde», sagt der Autor, der am 16. August 75 Jahre alt wird.

Mit seiner Frau Elisabeth hat Kunze eine Stiftung gegründet, die zeigen soll, «wie im geteilten Deutschland die Mauer mitten durch den Menschen hindurchging». Nach dem Tod der Eheleute soll ihr Wohnhaus an der Donau im niederbayerischen Obernzell ein Dokumentations- und Ausstellungszentrum werden – eine «Stätte der historischen Wahrheit». Dafür sichten und kommentieren beide knapp 1000 zeitgeschichtliche Briefe sowie Stasi-Dokumente, Fotos, Filme und Tonaufnahmen.

Der in Oelsnitz im Erzgebirge als Sohn eines Bergarbeiters geborene Kunze musste in den 50er Jahren seine akademische Laufbahn an der Leipziger Universität aus politischen Gründen aufgeben. Vorübergehend blieb ihm nur ein Job als Hilfsschlosser, ehe er freiberuflicher Autor wurde. Im Jahr 1976 erschien dann der Prosa- Band «Die wunderbaren Jahre». Das Buch, das später ein Bestseller wurde, führte zum Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband.

Die Machthaber in Ost-Berlin waren froh, als die Kunzes das Land verlassen wollten: sie genehmigten den Ausreiseantrag im Frühjahr 1977 binnen Tagen. Kaum im Westen, erhielt Kunze die bedeutendste Literaturauszeichnung der Bundesrepublik, den Georg-Büchner-Preis. Seitdem lebt das Paar in der Nähe von Passau, wo Elisabeth Kunze damals Arbeit als Kieferorthopädin fand.

Kurz nach der Wende wurde Kunze die von der Stasi über ihn angelegten Akten übergeben – fast 3500 Seiten, die letzten Einträge stammten vom Oktober 1989. «Ich wollte die überhaupt nicht haben», berichtet er. Dennoch arbeitete Kunze die zwölf Ordner Blatt für Blatt durch, schrieb die Dokumentation «Deckname Lyrik» und enttarnte damit seinen früheren Freund und damaligen Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme als Stasi-Informanten. Böhme verlor seine Posten und wurde aus der Partei ausgeschlossen.

Kunzes Bücher haben eine Millionenauflage erreicht und sind in 30 Sprachen übersetzt worden, selbst in Korea lesen die Menschen den deutschen Dichter. Im vergangenen Jahrzehnt ist er immer wieder gegen die Rechtschreibreform auf die Barrikaden gegangen. Auch nach der mittlerweile beschlossenen Reform der Reform kann Kunze der neuen amtlichen Schreibung nichts abgewinnen.

«Es ist ein Chaos», sagt er. «Die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung ist zerstört, die Sprache wird eine lange Leidenszeit haben.»

Trotz der intensiven Arbeit an seiner Stiftung ist Kunze auch weiter als Lyriker aktiv. Erst kürzlich ist der Gedichtband «lindennacht» erschienen, im Herbst wird er auf Lese-Tour gehen. Zudem unterstützt er die Übersetzer, die sein jüngstes Werk in ihre Heimatsprachen übertragen. So wird Kunze auch seinen Geburtstag mit der Arbeit an seinem literarischen Werk verbringen, denn die französische Übersetzerin hat sich für einen Besuch in Niederbayern angemeldet. «Wir werden mächtig arbeiten», sagt Kunze. «Dann wird hoffentlich ganz unbemerkt der Geburtstag vorbeigegangen sein.»

Das Allgäu online
15.08.2008

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Sigmar Salzburg
12.08.2008 07.00
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Ringelnatz zum 125.

„Überall ist Wunderland. Überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband – Wie irgendwo daneben.“ Der Verfasser dieser Zeilen war nicht nur emsiger Dichter – den Überlieferungen nach schon seit seinem sechsten Lebensjahr – sondern auch Matrose, Buchhalter, Maler, Privatbibliothekar und Kabarettist. Joachim Ringelnatz – mit bürgerlichem Namen Hans Bötticher – wurde am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig geboren.
[…]
Im Jahr seines 125. Geburtstages würdigt ihn seine Geburtsstadt Wurzen mit allerlei Feierlichkeiten. Zudem wird ein Gässchen nach ihm benannt, so wie er es sich einst in einem kleinen Gedicht gewünscht hatte:

„Mein Ideal wäre,
Daß man nach meinem Tod (grano salis)
Ein Gäßchen nach mir benennt, ein ganz schmales
Und krummes Gäßchen mit niedrigen Türchen,
Mit steilen Treppchen und feilen Hürchen,
Mit Schatten und schiefen Fensterluken.
Dort würde ich spuken.“

ana/dpa


Nach Focus online 7.8.2008
Ringelnatz 125

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Sigmar Salzburg
09.06.2008 14.40
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Peter Rühmkorf ist tot

Er war einer der profiliertesten deutschen Lyriker und Essayisten, ein Virtuose der Sprache: Der Büchner-Preisträger Peter Rühmkorf ist tot. Wie sein Verlag mitteilte, starb der Schriftsteller bereits am Sonntag im Alter von 78 Jahren.
[…]
1999 erschien eine Ausgabe seiner Werke. Rühmkorfs neuester Gedichtband trägt den Titel „Paradiesvogelschiß".

Spiegel online 9.6.2008

Zur „Rechtschreibreform“ am 8.3.2006 siehe hier

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Sigmar Salzburg
05.05.2008 08.00
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Falscher Schiller

Im Mai 2006 wurde Schillers Sarkophag in der Fürstengruft geöffnet. Forscher stellten fest, dass in den Relikten DNA enthalten ist. Als Nächstes wurde Schillers Schwester Christophine exhumiert, außerdem seine Schwester Luise Schiller, Sohn Ernst und Mutter Charlotte Schiller. Zwei Institute im österreichischen Innsbruck und im amerikanischen Maryland bestätigten den Befund. Nach der DNA-Analyse kann der Schädel demnach nicht der echte sein.

WELT online 5.5.2008

Bislang wurden laut MDR zwei Schädel in der Fürstengruft dem Dichter zugeschrieben, die nun beide untersucht wurden: Jener im Sarkophag von 1826 sowie der so genannte Froriep-Schädel, den der Anatom August von Froriep 1911 ausgegraben hatte.

AFP 4.5.2008

… Thüringens Tourismuschefin Bärbel Grönegres gibt sich ganz entspannt. Man müsse deswegen nicht kopflos werden im Thüringer Tourismus. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn Schiller und Goethe so beeinander lägen, wie es sich zumindest Goethe gewünscht hätte. „Mir tut Herr Goethe etwas leid, wenn er demnächst neben einem leeren Sarg allein liegen muss“, sagte Grönegres bei MDR 1 RADIO THÜRINGEN.

MDR 5.5.2008

Im NDR Klassik (inzwischen „Klassik-Dudelfunk“) kam die Meldung nur einmal – am 4.5. morgens um 3 Uhr. Das hat Klassikfreunde nicht zu interessieren. War auch Goethes Schiller-Schädel, den er jahrelang bei sich zu Hause im Schrank stehen hatte und kaum wieder herausrücken wollte, ein Fehlgriff?

literaturknoten.de

Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

(Goethe)

Kurz vor Abschluss des aufwändigen Forschungsprojekts kommt unter den Experten ein schlimmer Verdacht auf: Wurde Schillers Schädel von Grabräubern gestohlen und das echte Relikt durch ein Double ersetzt? Auf diese Ungeheuerlichkeit deutet auch die Analyse des Gebisses des Schwabe-Schädels hin. Offenbar wurden Zähne im Kiefer des Schädels sehr fachmännisch ausgetauscht, damit das Zahnbild dem des Dichters ähnelt.

Spiegel online 4.5.2008

Stoff für Verschwörungstheoretiker.


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Sigmar Salzburg
11.04.2008 07.14
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Reiner Kunze

Die sprache hat den mund zu halten,
wenn die hohen staatsgewalten
sich für ihren vormund halten
und barbaren sie verwalten.



aus FAZ.NET 9. April 2008
Wulf Segebrecht
Es lebe die Trikolore

Die Verse dürfen hier natürlich nicht fehlen,
wenn sie anderswo schon allgemein zugänglich sind.

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Sigmar Salzburg
19.03.2008 17.13
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Die WELT zitiert Peter Rühmkorf

19. März 2008

Peter Rühmkorf – „Ja, Provokation machte Spaß"

Peter Rühmkorf gilt als einer die bedeutendsten deutschen Lyriker der Nachkriegszeit. Im Alter von 14 Jahren schrieb er seine ersten literarischen Arbeiten. Mit WELT ONLINE spricht der 78-Jährige über Autoritäten, apokalyptische Lyrik und sein ambivalentes Verhältnis zu den Achtundsechszigern.
[…]
Rühmkorf: … Früher stand das Tragische und Zerrissene und ernsthaft Kaputte oft im Vordergrund. Doch mit der Zeit scheinen diese Tränen getrocknet zu sein, und es gibt mehr zu lachen.

WELT ONLINE: Ihre Lyrik hat aber immer noch einen apokalyptischen Beiklang. Im neuen Gedichtband heißt es:

Wo die Erde bereits wie ein durchgedrehter Brainburger / durch die große kapitalistische Imbißbude saust, / rasend, / rotierend, / dem Selbstverzehr entgegen, / bis der letzte Biß und der letzte Schiß in einem Reim / zusammenfallen / und die Führung endgültig an die Kakerlaken übergeht...“

Rühmkorf: Das ist ein Vortrage-Gedicht, man muss es öffentlich vortragen. Dann merkt man, wie komisch es ist. …

welt.de

Am 8.3.06 sagte Rühmkorf auf meine Frage nach der „Rechtschreibreform“:

„… Ich war der Meinung, daß das Schreiben einer leichten Reform bedürfe – aber nicht einer Blödsinnsreform!“

nachrichtenbrett.de

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Sigmar Salzburg

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Sigmar Salzburg
01.03.2008 15.05
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Christian Morgenstern

DIE DUMMHEIT SPRICHT

Der Mensch begießt, wer weiß warum,
den Nächsten mit Petroleum;
und steckt ihn an, und dieser ihn,
und beide brennen sie wie Kien.

[...]

(Auch in der allerletzten Reformschreibung sind „der Nächste“ und „der nächste“ nicht mehr zu unterscheiden.)
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Sigmar Salzburg

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Sigmar Salzburg
22.02.2008 10.06
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Morgenstern

Letztens hatte mir meine Tochter zum Geburtstag ein
Frühlingsgedicht von Christian Morgenstern kalligraphisch abgeschrieben:

… so faß ich deinen Frühlingskopf, Natur,
dein überschwenglich holdes Maienhaupt …


Ich habe mich freudig bedankt und brachte es nicht fertig,
sie darüber aufzuklären, daß kleinliche Bürokratenseelen angeordnet haben, hier zwei seit Jahrhunderten übliche Schreibweisen als „Fehler“ zu verfolgen

Gewiß, im Adelung (um 1800) steht „überschwänklich“, aber das weist auch nur auf die Wortfamilie „schwenken, schwanken, schwingen, Schwengel …“ hin, die sonst nicht der ä-Schreiberei unterworfen wurde.

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Sigmar Salzburg

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Sigmar Salzburg
23.01.2008 15.09
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Joachim Ringelnatz

Abendgebet einer erkälteten Negerin

Ich suche Sternengefunkel.
Sonne brennt mich dunkel.
Sonne drohet mit Stich.
Warum brennt mich die Sonne im Zorn?
Warum brennt sie gerade mich?
Warum nicht Korn?
Ich folge weißen Mannes Spur.
Der Mann war weiß und roch so gut.
Mir ist in meiner Muschelschnur
So negligé zu Mut.
Kam in mein Wigwam
Weit über das Meer,
Seit er zurückschwamm,
Das Wigwam
Blieb leer.
Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – -
Warte nur balde
Kängurst auch du.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)

(Mein Großonkel kannte Ringelnatz persönlich und erzählte, daß geistiges Getränk sein Reden zunehmend gereimter werden ließ.)
Theodor Ickler wies jetzt auf die reformverstümmelte Version hin, die bei Joker u.a. vertrieben wird:

„Drüben am Walde kängt ein Guru“



Dies ist natürlich kein Kindergedicht. Goethes „Nachtlied“ (ohne „-h“ falsch betont) ist auch für Erwachsene kaum noch erkennbar und der „Guru“ zu wenig verfremdet.

(Das Ärgernis der Reformverstümmelungen ist sogar Thema einer neueren „Nachtlied“-Parodie des Dichters Hans Flachs:

Änderers Machtlied

Über allen Gipfeln
ist Ruh,
an letzten Zipfeln
des Känguru[h]
fehlt nun ein Hauch.
Das Rau[h]e schweiget
im Blätterwalde.
Warte nur, balde
schweigest du auch.

aus: Hans Flachs „Gedichte, h-arm- und stiellos“
)




__________________
Sigmar Salzburg

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Sigmar Salzburg
16.09.2007 10.32
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Reiner Kunze

Spottverse auf die Reform

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Sigmar Salzburg
02.07.2006 09.58
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Robert Gernhardt ...

... der Meister der Platitüden, war kein Freund der Plattitüden-Schreibung – verständlich:

OBSZÖNE ZEICHNUNG
AM VOLKSBILDUNGSHEIM

Pimmel an der Wand —
daß ich dich hier fand!

Malte ihn doch selber mal
prahlend an die Wände,
nahm ihn in natura auch
in die Künstlerhände.

Hielt ihn tags mit Filzstift fest
und ihm nachts die Treue,
taglang stand er an der Wand,
nachts stand er aufs neue.


… „aufs neue“ bedeutet hier einfach „wieder“. Die reformierte Stussschreibe „aufs Neue“ macht daraus das tatsächliche „Neue“ – und kann damit die Phantasie der Neuschreibopfer noch einige Zeit nutzlos beschäftigen.

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Sigmar Salzburg

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