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Berliner Zeitung
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Sigmar Salzburg
22.10.2015 06.10
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Aus Michael Klonovskys Acta diurna

20. Oktober 2015

Interessant, wie die Gesinnungspresse den von „Unbekannten“ (i.e.: Linksextremisten) schwer verletzten Pegida-Demonstranten kleinredet oder ganz beschweigt oder hinter dubiosen Überschriften versteckt – „Pegida-Redner hetzen in Dresden. Ein Schwerverletzter“ (Berliner Zeitung) –, anstatt einmal umgekehrt zu fragen, ob nun nicht auch die Saat von Maas und Gabriel – erst Gewalt in den Worten, dann in den Taten – aufgegangen ist...

michael-klonovsky.de

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Sigmar Salzburg
20.08.2015 10.08
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Ickler-Interview in der Berliner Zeitung v. 11.8.2015

Torsten Harmsen

„Große Verwirrung angerichtet“
Ein Interview mit Theodor Ickler

Der Erlanger Germanist Theodor Ickler war von Anfang an ein engagierter Kritiker der Rechtschreibreform. Als PEN-Vertreter gehörte er bis 2006 dem Rat für deutsche Rechtschreibung an. Was er gegen die Reform hat, erklärt er hier im Interview.


Der Erlanger Germanist Theodor Ickler ist ein Kritiker der Rechtschreibreform.

Herr Professor Ickler, hat die Rechtschreibreform aus heutiger Sicht irgendetwas gebracht?

Nichts Vernünftiges. Sie hat aber große Verwirrung angerichtet. Das folgte schon aus ihrer Entstehung. Die Reform wurde, nachdem die Kultusminister eine frühe Fassung aus den 80er-Jahren zurückgewiesen hatten, 1996 mit heißer Nadel gestrickt. Ihr fehlt die Systematik. Wir entdeckten zum Beispiel zwischen den Wörterbüchern von Bertelsmann und Duden etwa 8 000 Abweichungen. Später wurde das etwas mehr vereinheitlicht. Aber noch um die Jahrtausendwende gab es zum Beispiel zur gleichen Zeit fünf verschiedene Duden-Ausgaben, die alle gültig waren.

Wie hat sich die Reform bis heute auf den Umgang mit der Rechtschreibung in der Schule ausgewirkt?

Am Anfang wurden die Lehrer immer verwirrter – auch durch die mehrfachen Revisionen der Reform. Viele klagten, dass in den Schulen niemand mehr wisse, wie er schreiben soll. Sie haben einfach fast alles gelten lassen. Ein Kollege von mir gab Lehrern den Ratschlag: Korrigieren Sie das Doppel-S, und ansonsten lassen Sie alles laufen wie es will.

Klagen die Lehrer auch heute noch?

Heute gibt es vor allem einen riesigen Verdruss. Die Lehrer sind überwiegend der Meinung: Wir haben so viele Schwierigkeiten im Deutschunterricht, dass die Rechtschreibung kaum noch ins Gewicht fällt. Ich hatte selbst zwei Töchter in der Schule und erlebte mit, wie die Korrekturpraxis der Lehrer schwankte und am Ende ganz aufhörte. Zur gleichen Zeit nahmen die Probleme mit dem Deutschlernen allgemein zu.

Sind daran nicht auch die digitalen Medien schuld, Twitter oder SMS? Gilt heute nicht immer mehr, dass jeder schreiben kann, wie er will?

Das stimmt so nicht. Die vielen Bewerbungsratgeber, die es gibt, schärfen einem ununterbrochen ein, dass man zweierlei nicht machen dürfe: zu spät zu einem Termin kommen und die Rechtschreibung vernachlässigen. Das sind wirklich Todsünden, wenn man sich irgendwo bewirbt. Die Gesellschaft stellt durchaus noch höchste Anforderungen an formelle Korrektheit.

Aber an welche Rechtschreibung soll man sich halten, wenn es da so große Widersprüche gibt?

In der Praxis gilt nur der Duden samt seinen Empfehlungen. Das amtliche Regelwerk ist praktisch unbekannt, und die Reformer haben auch kein Wörterbuch vorgelegt, nur eine kurze Liste, mit der man nichts anfangen kann.

Dennoch haben Sie jetzt mit dem Verleger Matthias Dräger und dem Autor Friedrich Denk einen Vorschlag gemacht, den Sie als „menschenfreundlich“ für die Schüler bezeichnen.

Wir schlagen vor, in den Schulen auch die bisherige Rechtschreibung von vor 1996 gelten zu lassen und nicht als Fehler anzustreichen. Für eine Übergangszeit muss es verschiedene Rechtschreibungen geben, die dann allerdings in sich konsistent sein sollten. Noch immer erscheinen sehr viele Bücher in der alten Rechtschreibung, unter anderem Fachbücher und Romane gerade von den bedeutenden Schriftstellern. Ich finde, unser Vorschlag vereinfacht vieles. Die Kultusminister müssten nur über ihren Schatten springen und sagen: Dieses Toleranzedikt wird jetzt in die Öffentlichkeit gebracht. Und dann lassen wir es gut sein und mischen uns nie wieder ein.

berliner-zeitung.de 11.8.2015

Es ist bezeichnend, daß sich, mit einer Ausnahme, kein Politiker, vor allem auch kein ehedem verantwortlicher Politiker, zum angeblichen Jubiläum der „Reform“ zu Wort gemeldet hat – schon gar nicht zu den vorgebrachten Vorschlägen. Alle verkriechen sich in ihren Löchern, lassen den alten Narren Zehetmair in seiner demonstrativen Selbstzerknirschung reden und hoffen, daß sich dabei niemand an ihre Namen erinnert.

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Sigmar Salzburg
11.08.2015 23.51
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Berliner Zeitung 11.08.2015

Die ungeliebte Rechtschreibreform

Von Torsten Harmsen

Vor zehn Jahren wurde die neue Rechtschreibreform in Schulen und Behörden offiziell eingeführt. Inzwischen ist der Streit darum verebbt. Aber die Probleme sind nicht kleiner geworden – auch wegen WhatsApp und Twitter.

Zugegeben, es hätte noch schlimmer kommen können. Denn im ersten Entwurf für eine Rechtschreibreform blieb kaum ein Stein auf dem anderen: Der „Kaiser“ wurde zum „Keiser“, der „Staat“ zum „Stat“, der „Frevel“ zum „Frefel“. Fremdwörter erschienen in Pseudo-Eindeutschung: „Hobbi“, „Träner“, „Schossee“, „Restorant“ oder „Pitza“.

Gott sei Dank wurde dieser Reformentwurf einer Professorenkommission aus den 80er-Jahren noch abgeschmettert. Doch die deutschen Kultusminister hatten es sich unbedingt in den Kopf gesetzt, die deutsche Schriftsprache zu reformieren, um sie zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Im August 2005 – genau vor zehn Jahren – wurde dann tatsächlich bundesweit eine neue Rechtschreibung für Schulen und Behörden verbindlich. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen zogen erst ein Jahr darauf nach.

Die Rechtschreibreform war falsch

Mittlerweile distanzieren sich ehemals Verantwortliche. Die Reform sei ein Fehler gewesen, sagte Bayerns Ex-Kultusminister Hans Zehetmair (CSU), Chef des Rates für deutsche Rechtschreibung. Bereits 2006 hatte die heutige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) zugegeben: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“ Schon die Reformfassung von 1996 stieß auf harte Kritik. In einigen Bundesländern fanden sogar Volksbegehren dagegen statt. Doch das Bundesverfassungsgericht erklärte 1998 die Einführung der Reform für rechtmäßig. Es folgten bis 2006 mehrere Nachbesserungen in besonders strittigen Feldern. Am Ende stand eine „Reform light“.

Der Duden empfiehlt die alte Schreibweise

Ein Jahrzehnt ist seitdem vergangen. Längst hört man nichts mehr vom Rat für deutsche Rechtschreibung, der 2004 gegründet wurde, um die Entwicklung der Schriftsprache zu beobachten und notfalls weitere Korrekturen vorzunehmen. Die Aufregung von einst ist einem pragmatischen Herangehen gewichen. Das beginnt beim Duden, der viele der strittigen Reformvarianten einfach dadurch umgeht, dass er die alte Schreibweise empfiehlt: etwa „Portemonnaie“ statt „Portmonee“ oder „Grizzlybär“ statt „Grislibär“.

In der Praxis existieren verschiedene Rechtschreibungen nebeneinander. Wörterbuch- und Schulverlage sowie viele Medien folgen weitgehend den reformierten Regeln von 2006. Fachbücher und Romane erscheinen dagegen oft in der alten Rechtschreibung – je nach Wunsch der Autoren. Der Roman „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann (Rowohlt, 2005 ) zum Beispiel ignoriert völlig die Reform – bis hin zur Verwendung des „ß“ statt des „ss“. Und dieses Buch ist in vielen Schulen sogar Abiturstoff

Solche Widersprüche stärken den Eindruck, dass es heute egal sei, wie man schreibt. Die Bedeutung der Rechtschreibung an den Schulen ist zurückgegangen. Diktate seien „völlig out“, sagte ein Lehrer aus Bayern. Rechtschreibfehler in Arbeiten schlügen sich kaum noch auf die Noten nieder. Eine Studie des Germanisten Uwe Grund zeigte schon 2008, dass Schüler doppelt so viele Fehler machten wie vor dem Inkrafttreten der Reform. Bei Stern TV berichtete ein Uni-Dozent sogar von haarsträubenden Fehlern in den Arbeiten von Lehrerstudenten. Viele wüssten auch am Ende des Studiums nicht, „wie Rechtschreibung funktioniert“.

Kinder schreiben weniger, dafür lebendiger

Aber hier wirken offenbar auch andere Entwicklungen. Heute wird insgesamt weniger gelesen und geschrieben. Facebook, Twitter oder WhatsApp fördern den sofortigen Austausch, bei dem es um Sprachökonomie geht, nicht um Rechtschreibung. Das hat auch überraschende Folgen. So schreiben Kinder heute weniger, aber dafür origineller und lebendiger. Das ergab eine Studie, für die Viertklässler den Inhalt eines Kurzfilms nacherzählen sollten. Wie der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski in der Süddeutschen Zeitung sagte, seien viele auch durchaus in der Lage, von der „Chat-Sprache“ auf das „Standardregister“ umzuschalten. Schülern mit Lernproblemen falle der Wechsel schwer, doch das habe andere Gründe.

„Fatatak“ statt „Vatertag“

Probleme schaffen oft die Schulen selbst. Zum Beispiel durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen, die an vielen Grundschulen eingesetzt wird. Hier sollen Schüler in den ersten ein bis drei Schuljahren so schreiben, wie sie hören und sprechen, also etwa „Toa“ statt „Tor“, „Rat“ statt „Rad“ oder „Fatatak“ statt „Vatertag“. Fehler werden nicht korrigiert. Solche Entwicklungen haben mit der Rechtschreibreform nichts zu tun. Wer sich als Lehrer an den Duden hält, der verfügt über einen recht zuverlässigen Orientierungspfad zur Ausbildung der Kinder. Denn auch Behörden oder die Wirtschaft halten sich daran. Und Rechtschreibung muss geübt werden. Hier aber werden Legastheniker herangebildet. Und das ganz ohne Not.


Widersprüche der Rechtschreibreform:

Kritiker der Reform ...
... beklagen, dass es bis heute Korrekturbedarf an widersprüchlichen Teilen der Rechtschreibreform gibt. Leider sei der Prozess durch die Politik im Rechtschreibrat abgebrochen worden. So kann man zum Beispiel den „Thunfisch“ auch „Tunfisch“ schreiben, die „Thuja“ aber nicht „Tuja“. Man schreibt „eislaufen“ klein, aber „Rad fahren“ groß (allerdings dann wieder „radfahrend“).

Weitere Beispiele für Widersprüche
„zum Teil“ – aber „zurzeit“, „die beiden“ – aber „die Einzigen“, „Stepp“ – aber „Strip“, „Tipp“ – aber „Top“.

Trennungen widersprechen mitunter dem Wortsinn, etwa bei „Diag-nose“.

Kritisiert werden auch umstrittene Wortherleitungen:
etwa „Tollpatsch“ von „toll“ (dabei kommt es vom ungarischen „talpas“) oder „behände“ von „Hand“, „belämmert“ von „Lamm“.

AUTOR
Torsten Harmsen
Wissenschaftsredakteur

Berliner Zeitung 11.8.2015

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Norbert Lindenthal
24.05.2007 19.27
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Friedrich Dieckmann 70 Jahre

Berliner Zeitung, 25.5.2007

Feuilleton

Liebe in einer gespaltenen Welt
Heute wird der Essayist Friedrich Dieckmann 70 Jahre alt


Volker Müller

Heute wird der Essayist Friedrich Dieckmann 70 Jahre alt, zwei Tage vor Pfingsten. Das lässt den Gratulanten zu des Jubilars tiefsinniger Exegese des biblischen Berichts vom „Pfingstwunder“ greifen. Mit Bedacht setzte sie der Kulturphilosoph 2002 als Epilog ans Ende eines Bandes, der Texte aus vier Jahrzehnten versammelt. Der Aufsatz ist ein Paradebeispiel für die Wissensfülle und den Gedankenreichtum, die imposante Architektur und sprachliche Brillanz Dieckmannscher Essaykunst. Mit aktuellem moralischem Impetus erinnert er die neutestamentarische Überlieferung, wonach im Jahre 32 zu Jerusalem, 50 Tage nach der Hinrichtung Jesu Christi, dessen verängstigte Jünger vom Heiligen Geist erleuchtet und zu Verkündern einer neuen Brüderlichkeit wurden – die Geburtsstunde der christlichen Kirche. Es begab sich, so die Apostelgeschichte, dass alle in der Stadt die Heilsbotschaft verstanden und in die Welt trugen. Es ist die Gegengeschichte zum alttestamentarischen Gleichnis von den Turmbauern zu Babel, deren Hybris Gott der Herr zügelte, indem er ihre Sprache verwirrte, so dass sie ohne Verständnis füreinander nicht weiterbauen konnten.

In furiosen Gedankenbögen befragt der Essay zwei Jahrtausende Weltgeschichte nach jungen Weltverbesserern oder -verderbern, über Luther, Danton und Karl Moor bis zu den Terroristen in unserer Zeit. Durchgespielt werden zwei Leitmotive, die den biblischen Gleichnissen innewohnen und Referenzpunkte des breit gefächerten Oeuvres von Friedrich Dieckmann sind. Es ist zum einen die „immer neue Warnung“ vor maßlosen Großreichen und ihren „furchterzeugten Allmachtsphantasien“ Es ist zum anderen der Appell an jeden einzelnen, sich furchtlos zu innerer Freiheit neuer Gemeinschaftlichkeit zu bekennen.

Solche Demut meinte Dieckmann bei den hunderttausend Menschen zu erkennen, die sich im Frühjahr 2002, schockiert von dem Amoklauf des Robert Steinhäuser, auf dem Erfurter Domplatz einfanden, um gemeinsam schweigende Ratlosigkeit zu überwinden. Dieckmann stellt provokante Fragen . Sind die überhand nehmenden Terroranschläge das Menetekel für die schon unabwendbaren „Folgen eines rein technizistischen Fortschritts, dessen inneres Gesetz „die Abschaffung des Menschen durch den Menschen“ ist?

Im Mainstream der Berliner Republik hat es manch einen verstört, dass dieser Kunstphilosoph aus Ostberlin, der im Herbst ‘89 nachgerade hymnisch „die Maueröffnung als Weltöffnung“ feierte, den lange ersehnten Gewinn der äußeren Freiheit so kritisch hinterfragte. Doch Dieckmann selbst wusste, was ihn erwartet. Hatte er es sich doch in der ummauerten DDR nicht nehmen lassen, die ganze Welt im Blick zu behalten. Der Bürgersohn war von einem liberalen Elternhaus geprägt. Sein Vater Johannes Dieckmann, führendes LDPD-Mitglied, war Volkskammerpräsident der DDR. Der Sohn, aufgewachsen in Dresden und Birkenwerder, war als Student in Leipzig „jäh“ von dem Bloch'schen Satz erfasst worden, dass Freiheit immer konkret sei. Er verweigerte sich dem Denkmonopol im Staate DDR, den er früh als „Parteimonarchie“ klassifizierte, erarbeitete sich kunstästhetische Freiräume, die nicht vom Kulturdogma erfasst waren. Als Kritiker, Mitarbeiter von Ruth Berghaus im BE und Buchautor trat er mit beachtlicher kunstgeschichtlicher Barschaft ins neue Deutschland.

Er darf sich zu jenen zählen, die unter den neuen Gegebenheiten ohne Brüche ihr Werk fortschreiben konnten. Bezogen auf den eigenwilligen Künstler Gerhard Altenbourg, gibt er eine – durchaus auch autobiografisch zu verstehende – Erklärung dafür: Dieckmann wendet sich gegen die „irreführende Vokabel“ von der angeblichen Nischenkunst in der DDR. Weil eher das ganze Land eine vernachlässigte Nische zwischen den beiden Großreichen gewesen sei, ein „Ort machtumgürteter Innerlichkeit mit allzeit offenem Monadenfenster gen Westen“, hatte alles, was von wie immer gelegenen Orten aus künstlerisch-geistig in ihm geschah, eine Wirkung ins Ganze und aufs Ganze.

Eines freilich ist nun neu: Der politische Friedrich Dieckmann tritt aus den poetischen Chiffren heraus auf die Bühne des realen Welttheaters. Er mischt sich vehement in die Diskurse um deutsche Zukunft, Rechtschreibreform, Stadtgestaltung und vieles mehr. Weder Ost-Nostalgiker noch West-Beharrer haben Freude an seinen nonkonformen Auslassungen über das geschichtliche Werden und Vergehen beider Teildeutschlands. Die DDR für ihn: nicht viel mehr „als der gelungene Versuch, die Deutschen an ihre Ostgrenze zu gewöhnen.“ Dieckmann bleibt bei der geübten Praxis: Er lässt seiner Weltsicht kein ideologisch vorjustiertes Ost- oder West-Okular vorhalten.

Diese Souveränität macht den mit bedeutenden Preisen bedachten Gelehrten, Mitglied von vier deutschen Akademien, zu einem gefragten geistigen Mittler. Sein Werk umfasst inzwischen Hunderte Kritiken, Aufsätze, Essays und an die zwanzig Bücher – Erkundungen zu Philosophie, Literatur und Kunst in breiter Palette. Seine Liebe zur Musik aber bestimmt das Hauptgeschäft. Aus Einzelstudien zu Mozart, Beethoven und Wagner filterte Dieckmann an der Jahrtausendschwelle großartige Essayistik. Im Titel klingt wieder sein Leitmotiv auf: „Gespaltene Welt und ein liebendes Paar.“ Diesmal die Oper als Gleichnis für Wohl und Wehe des Menschlichen in der Geschichte.

Wenn sich Oper, so Dieckmann, im Schnittpunkt der widerstreitenden Kraftlinien der Epoche ereignet, übersteigen ihre Akteure Raum und Zeit, werden sie im Schillerschen Sinne zu „Zeitgenossen aller Zeiten“. Wo aber, fragt der Essayist, ist der Schnittpunkt, wenn sich nun die Liebenden in die neue technizistische Zeitspaltung gestellt sehen? Kann der Apostelbericht vom Pfingstwunder weiterhelfen? Wer Dieckmann gelesen hat, hofft. Glückwunsch zum Siebzigsten.

Berliner Zeitung, 25.05.2007

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Norbert Lindenthal
02.07.2006 21.00
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Berliner Zeitung


Berliner Zeitung 1.7.2006

SPRACHE
Gefrorenes Chaos im neuen Duden
Torsten Harmsen

Der neue Duden ist da. Am 22. Juli kommt er auf den Markt, und man muss schon Muckis haben, um ihn zu stemmen. Denn er ist gewichtiger geworden, enthält 130 000 Stichwörter, zehntausend mehr als vor sechs Jahren. Und fast fünfmal so viele wie sein Urahn von 1880. Dieser enthielt 27 000 Begriffe – von „Aal“ bis „zwote“. Die 24. Auflage nun reicht von „Aachen“ bis „Zytotoxizität“.

Spannend ist, wie viel man über den Wandel von Gesellschaft erfahren kann – anhand der Wörter, die seit der letzten Ausgabe 2004 neu dazu gekommen sind. Bei manchen fragt man sich: Warum erst jetzt? Etwa bei „Holocaustmahnmal“, „Bundespolizei“, „Dudelfunk“ oder „Bauchgefühl“. Andere widerspiegeln Debatten der jüngsten Zeit, etwa: „Heuschreckenkapitalismus“, „durchregieren“, „Gammelfleisch“, „Feinstaubbelastung“. Oder sie zeigen, womit Leute sich so beschäftigen, wenn der Tag lang ist: „Scoubidou“, „Sudoku“, „Internettelefonie“ oder „Champagnerdusche“.

Besonders interessant ist, wie man im neuen Duden das Chaos der Rechtschreibreform Seite für Seite vor sich sieht – ein Denkmal zehnjährigen Herumreformierens. Die ursprüngliche Reform wurde vor zehn Jahren durchgesetzt, um die Schriftsprache zu vereinheitlichen und zu vereinfachen. Der Rechtschreibkrieg, der folgte, brachte aber nicht mehr Einigung, sondern eine Unzahl möglicher Varianten und Sonderformen, die oft widersprüchlich sind. Allein im letzten Jahr hat der deutsche Rechtschreibrat die Reform mehrfach reformiert. Sie soll nun endlich am 1. August vollständig in Kraft treten.

Man kann sich nun also aussuchen: Schreibt man „Flatrate“ oder „Flat Rate“, „Myrre oder „Myrrhe“, „Delfin“ oder „Delphin“, „Dekolletee“ oder „Dekolleté", „ohne weiteres“ oder „ohne Weiteres. „eincremen“ oder „einkremen“, „Eineurojob“, „Ein-Euro-Job“ oder „1-Euro-Job“, „die deinigen“ oder „die Deinigen“, „Fotochemie“ oder „Photochemie“, „eierlegende“ oder „Eier legende“ Wollmilchsau.

Damit nun aber Schulen und Ämter nicht vollends in Verwirrung stürzen, tut der Duden etwas sehr löbliches (oder Löbliches?): Er gibt Empfehlungen. Mit schönem satten Gelb unterlegt er jene Varianten, die er den Schreibenden ans Herz legt. Und diese können der Rechtschreibreform, wie sie eigentlich geplant war, widersprechen. So empfiehlt der Duden etwa „Katarrh“ und nicht „Katarr“, wie die Reformer wollten, „imstande“ statt „im Stande“, „aufwendig“ statt „aufwändig“, "Über-Ich“ statt "Überich“.

Man fragt sich nur, welche Varianten nun in der Schule als richtig gelten sollen. Vielleicht das, was dem Lehrer so am ehesten zusagt. Und im Streitfall bleibt ja immer noch das Würfeln.

Berliner Zeitung, 01.07.2006

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Detlef Lindenthal
22.06.2005 10.12
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Akademien fordern Stopp

Berliner Zeitung:
>>Mittwoch, 22. Juni 2005

Wier schraiben jetz frei nahch Schnautze
Torsten Harmsen

Zwölf deutsche Akademien forderten am Dienstag, die Einführung der neuen Rechtschreibung zu stoppen. Zu ihnen gehören die Akademie der Künste in Berlin, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Akademien in Göttingen, Mainz, Heidelberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, sowie die Union der Wissenschafts-Akademien.

Sie tun recht daran, zu erklären, dass die geplante teilweise Einführung der Reform zum 1. August „Schüler und Lehrer vor eine unlösbare Aufgabe“ stelle. Ihre Argumente: Die neue Rechtschreibung liege in zwei Fassungen vor – von 1996 und 2004. Die letzte Fassung (vom Juni 2004) sei in noch keinem Schulbuch vollständig dargestellt. Jene Bereiche, die die Kultusminister für unstrittig erklärten, seien dies nie gewesen „und sind es auch heute nicht“. Sie enthielten sogar Verstöße gegen die Regeln der Grammatik und Wortbildung.

Die Akademien wenden sich an die Ministerpräsidenten. Diese sollen den Beschluss der Kultusminister zurücknehmen und ein Moratorium verhängen. Das hatte in der vergangenen Woche übrigens auch Hans Zehetmair gefordert, der Chef jenes Rechtschreibrates, den die Kultusminister Ende 2004 selbst ins Leben riefen, um die umstrittene Reform noch einmal zu überprüfen. Und den sie jetzt übergehen. Denn die Schüler sollen schon nach den Ferien schlechte Noten für Schreibweisen bekommen, die nach wie vor in Zeitungen und Büchern als richtig gelten.

Die Kultusminister schreiben die Zersplitterung der Sprachgemeinschaft politisch fest, statt die Situation als das zu sehen, was sie ist: eine äußerst sensible Zwischenphase, an derem Ende hoffentlich ein Kompromiss steht. In Ländern wie Frankreich hütet eine alte Akademie das Kulturgut Sprache. Im deutschen Rechtschreibrat dagegen haben die Akademien nur drei von 38 Sitzen. Aber immerhin. Dafür sitzt der Beamtenbund nicht mehr drin – schon fast eine Revolution.

Was soll man eigentlich als Erziehungsberechtigter zweier Schulkinder tun, wenn diese künftig miese Noten erhalten für das, was man selber schreibt? Muss man den Mund halten, um den Schulfrieden nicht zu gefährden, auch wenn man sich immer noch „schneuzt, wenn es not tut“, während sie sich „schnäuzen, wenn es Not tut“? Obwohl man noch immer Stengel schreibt statt Stängel, Tip statt Tipp, bankrott gehen statt Bankrott gehen? Wie soll man schreiben, wenn keine allgemeinen Regeln mehr gelten? Solange das so ist, schreiben wir doch einfach wieder wie Goethes Mutter – frei nach Schnauze: Ich trage ales mit Gedult und warte auf beßre Zeyten.<<
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/feuilleton/459702.html

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Meine Anmerkung: schneuzen / schnäuzen, wenn es not / Not tut und Tip / Tipp halte ich nicht für die größte Schwierigkeit; bedenklicher wird es, wenn der Vater ganz selbstverständlich die deutschen Wörter kennenlernen oder bekanntgeben benutzt und seine Kinder für die Verwendung derselben Wörter mit dicker roter Tinte bestraft werden; was mag in den Seelen dieser Kinder vorgehen, wenn sie merken, daß sie sich vor einer überstarken beamteten Unrechtsmacht ducken müssen, weil sonst guillotinegleich der rote Tintenstift auf ihre deutsche Sprache niedersaust?

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Detlef Lindenthal

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Norbert Lindenthal
01.09.2004 18.25
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Berliner Zeitung

Donnerstag, 02. September 2004

ORTHOGRAFIE

Buchstabenschrift würde in China nur Verwirrung stiften

Otto Mann

PEKING, 1. September. Die Kinder in China, aber auch in Hongkong, Taiwan und Singapur haben es nicht leicht. Jahrelang müssen sie büffeln, bevor sie zumindest die rund 4 000 im Alltag gebräuchlichen Schriftzeichen beherrschen, und wer Jura, Medizin oder Informatik studieren will, braucht sogar die dreifache Menge. Doch auch wenn die chinesische Schrift Außenstehenden kompliziert, verwirrend und völlig unpraktisch erscheint – von einem Bedürfnis nach einer Rechtschreibreform, einer möglichen Einführung lateinischer Buchstaben gar ist nichts zu spüren. Schließlich brauchen auch die Kinder in Deutschland oder England Jahre, bis sie halbwegs fehlerfrei schreiben können. Und ohne die Schriftzeichen wäre die Kommunikation jenes Fünftels der Menschheit, das die älteste lebende Sprache der Welt spricht, erheblich gestört.

Chinas Dialekte unterscheiden sich phonetisch oft so stark wie in Europa die Sprachen. Unterhalten sich etwa geborene Shanghaier in ihrem Dialekt, verstehen Pekinger oder Kantonesen kaum ein Wort. Das in der Provinz Sichuan gesprochene Chinesisch klingt für die Leute aus den meisten anderen Landesteilen wie eine Fremdsprache. Nur die Schriftzeichen sind überwiegend identisch und machen zuweilen die Verständigung erst möglich.

Selbst wenn die Bedeutung der Dialekte allmählich zurückgeht, weil an allen chinesischen Schulen das auch in Rundfunk und Fernsehen gebräuchliche Hochchinesisch (Mandarin) gelehrt wird, kann auf die Schriftzeichen nicht so schnell verzichtet werden. Es gibt nämlich nur weniger als 500 Silben – also unbegrenzt viele Möglichkeiten, sich durch völlig gleich klingende Lauteinheiten mißzuverstehen. In dem von der Peking-Universität herausgegebenen Handwörterbuch der Gegenwartssprache etwa finden sich für die Silbe „yi“ 58 Schriftzeichen, die alle etwas Verschiedenes bedeuten. Man wüsste also nicht, was gemeint ist, wenn man lateinisch „yi“ schreibt statt des entsprechenden Zeichens.

Überdies haben sich die Schriftzeichen auch als computerfreundlich erwiesen. Intelligente Eingabesysteme ermöglichen es inzwischen, sie oft schneller auf den Bildschirm zu bringen als westliche Sprachen. Die beiden Zeichen für „Deutschland“ beispielsweise haben zwar 23 Striche, erfordern aber nur vier Anschläge auf der Tastatur.

Chinas wichtigste Rechtschreibreform fand in zwei Etappen 1956 und 1964 statt. Sie setzte landesweite Standards für die Schriftsprache und reduzierte für viele Zeichen die Zahl der Striche, Punkte und Bögen, so dass sie sich leichter erlernen und einprägen lassen. Wurde zum Beispiel das Pferd bis dahin mit zehn Strichen geschrieben, so reichen seither drei.

Von allen anderen chinesischen Sprachräumen schloss sich indessen nur Singapur diesen Veränderungen teilweise an, nicht aber Hongkong, Taiwan und Macau. So werden die beiden Zeichen für Taiwan auf dem chinesischen Festland nur mit 17, auf der Insel selbst aber weiterhin mit 39 Strichen geschrieben. An eine Vereinfachung denkt trotzdem kaum jemand, zumal die meisten die „alten Zeichen“ ohnehin schöner und harmonischer finden als die abgespeckte Version.

Mit diesem Beitrag beenden wir unsere Serie zum Umgang mit der Rechtschreibung in anderen Ländern. Zuvor erschienen: Italien (17. 8.), Russland (19.8.), Frankreich (20.8.), Türkei (23.8.), EU (24.9.), Dänemark (26.8), Japan (28.8.), Großbritannien (30.8.).

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DS
30.08.2004 18.49
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Berliner Zeitung



Dienstag, 31. August 2004

Schriftsteller gegen Ja und Amen

Kritik am Darmstädter Rechtschreibkompromiß


Reinhard Markner

Zur Vorstellung schräger Projekte eignet sich kein Gebäude besser als Werner Düttmanns virtuos verwinkelte Akademie der Künste am Hanseatenweg. Gestern fand in der Berliner Akademie eine Gastvorstellung der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung statt. Die renommierte Darmstädter Akademie, die sich für die Feinheiten der deutschen Sprache besonders zuständig fühlt, hatte eine Delegation unter der Anführung ihres Präsidenten Klaus Reichert in die Hauptstadt entsandt, um neuerlich für ihren Vorschlag zur Wiederherstellung des Rechtschreibfriedens zu werben. Anwesend war auch dessen Hauptautor, der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg.

Der Kompromißvorschlag wurde bereits 1999 ins Gespräch gebracht und bei Gelegenheit der vorletzten Leipziger Buchmesse anhand einer synoptischen Wörterliste nochmals erläutert. Das Darmstädter Konzept ist erklärtermaßen ein Beitrag zum „Rückbau“ der Rechtschreibreform. So sieht es beispielsweise vor, „zu allem ja und amen sagen“ zu schreiben und nicht, wie von den Reformern beschlossen, „zu allem Ja und Amen sagen“. Den Ministern des Kultus, so die Überlegung der Akademiker, könnten solche Korrekturen herzlich egal sein, solange man zu den „besonders sichtbaren Zügen der Neuregelung“ ja und amen sagt, allen voran zur ss-Schreibung. Denn wer „dass“ schreibt, schreibt reformiert. Mehr als diesen Anschein braucht es eigentlich nicht.

Werbung für das Zweitbeste

Die Akademie schreibt selbst „daß", aber sie mag es nicht für jedermann empfehlen. Sie ruft auf zur Rettung jener Rechtschreibreform, die sie ablehnt. Das ist nicht leicht zu verstehen, und so ist das Darmstädter Werben für die „zweitbeste Lösung“ (die beste, das wurde gestern erneut bekräftigt, wäre die Wiederherstellung der herkömmlichen Rechtschreibung), bei den Adressaten auch nicht auf Begeisterung gestoßen. Die Rechtschreibreformer äußerten schroffste Ablehnung, während es die Politiker vorzogen, die unerbetene Einmischung in ihre orthographischen Angelegenheiten zu ignorieren.

Das änderte sich erst im vergangenen Frühjahr, als der vierte Bericht der Reformkommission auf ein verheerendes Echo stieß. Um die Öffentlichkeit zu besänftigen, luden die Minister die Akademie ein, mit den Reformern Verhandlungen zu führen. Diese blieben ohne Ergebnis. Seither werben die Minister für einen „Rat für deutsche Rechtschreibung“, der weitere Reparaturen an der Reform vornehmen soll. Kritiker sollten in diesem Gremium „eingebunden“ werden, heißt es mit einer verräterischen Metapher.

Wertminderung im Buchregal

Geschlossen tritt die Akademie nicht für ihren Kompromißvorschlag ein. 37 Mitglieder der Darmstädter und der Berliner Akademie, unter ihnen Wulf Kirsten, Michael Krüger, Reiner Kunze und Guntram Vesper als Erstunterzeichner, ferner Tankred Dorst, Joachim Fest, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Hans Maier, Odo Marquard und Hans Wollschläger, haben gestern vor weiteren Konzessionen an Politik und Geschäftsinteressen gewarnt. Nicht nur die wehklagenden Schulbuchkonzerne seien von der Reform betroffen, sondern auch die Literaturverlage. Diese gerieten in die „Zwangslage“, Neuauflagen „entweder in der bisherigen, dann von Amts wegen fehlerhaften Schreibung nachzudrucken oder mit hohen Kosten neu zu setzen“. Eine endgültige Durchsetzung der Reform würde „zu einer schlagartigen Wertminderung aller privaten wie öffentlichen Buchbestände führen“. Als „der vernünftigste Weg aus der verfahrenen Situation“ sei nicht der Akademievorschlag, sondern „eine völlige Rücknahme der überflüssigen, inhaltlich verfehlten [. . .] Rechtschreibreform“ anzusehen.

Bemerkenswerterweise ist die Erklärung auch von Friedhelm Kemp und Harald Weinrich unterzeichnet worden, zwei Mitgliedern der Orthographiekommission der Darmstädter Akademie. Das verheißt nichts Gutes für die Konsensfähigkeit des Akademievorschlags, der ja auf strategischen Annahmen beruht, die durch die bisherigen Ereignisse jedenfalls nicht bestätigt worden sind. Für bloß politisch motivierte Kompromisse, so meinen die Dissidenten, ist die deutsche Sprache wohl doch zu schade. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sollte es sich auch sein.

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Dominik Schumacher
24.08.2004 18.45
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Berliner Zeitung

Mittwoch, 25. August 2004

Außerhalb jeder rigiden Ahndung

In dieser Woche erscheint der neue Duden. Für mehr Klarheit wird er nicht sorgen

Reinhard Markner

Die neue Rechtschreibung endlich amtlich!“ Das verheißt die Banderole, die um den „Duden 2004“ geschlungen ist. Nun war die reformierte Rechtschreibung seit jeher „amtlich“, wie sich schon dem Titel des Regelwerks von 1996 entnehmen ließ. Amtlich – man könnte auch sagen: aktenkundig – wird nicht die Reform der deutschen Rechtschreibung, sondern die Reform dieser Reform, jedenfalls deren erste Stufe.

5 000 „neue Wörter“ soll der wie stets knallgelbe Band enthalten. Gemeint sind neue deutsche Begriffe wie zum Beispiel Christopher Street Day, Payroll, Slowfood, Starterkit oder Workflow. Nicht gemeint sind die zahllosen altmodischeren Wörter, die nun, nach acht Jahren, von Staats wegen rehabilitiert sind. Man erkennt die meisten von ihnen an dem diskriminierenden Zusatz „auch“: „hoch bezahlt, auch hochbezahlt“, „nichts sagend, auch nichtssagend“.

Die viel geschmähte, auch vielgeschmähte neue Getrenntschreibung, ihr ambitioniertestes Projekt, ist den Reformern zerbröselt. Das zeigt der neue Duden deutlich, wenn auch nicht mit letzter Konsequenz. So hat die Mannheimer Redaktion zwar „dahinterkommen“ und „davorschieben“ ersatzlos an die Stelle von „dahinter kommen“ und „davor schieben“ gesetzt, sie bleibt aber bei der Unterscheidung zwischen „hier bleiben“ und „dableiben“. Das wäre nicht nötig gewesen. Denn die Liste der als Verbzusätze zugelassenen „Partikeln“ ist Anfang Juni nicht nur um „dahinter“, „davor“ und einige andere Adverbien ergänzt, sie ist darüber hinaus geöffnet worden. Die Folgen dieser Maßnahme für die endlich vorläufig endgültige neue deutsche Rechtschreibung sind schwer abzusehen, für den Duden kam sie offenbar zu spät. Hunderte von Wörtern könnten betroffen sein, hier sind sie indes noch nicht berücksichtigt.

Ein Ratschlag für Schüler

Eins ist immerhin klar: Alle Bemühungen, die Daseinsberechtigung des Wortes „sogenannt“ zu leugnen, waren vergebens. In den letzten Jahren führte es eine klandestine Existenz unter der Abkürzung „sog.“ Jetzt kommt es wieder zutage (auch zu Tage), und man soll die sogenannte neue Rechtschreibung auch offiziell wieder so nennen dürfen. Jedenfalls wahlweise.

Ist das ein Fortschritt? Viele halten die amtliche Rechtschreibung für progressiv, denn sie ist ja „neu“ und „reformiert“. Aber die Zerschneidung unzähliger Schreibungen in zwei oder sogar drei Stücke („hier zu Lande“) war von vornherein eine zutiefst reaktionäre Maßnahme. Die Reformer wollten nicht nur die Regeln der Getrennt- und Zusammenschreibung grundlegend verändern, sie wollten zugleich der Tendenz zur Wortverschmelzung begegnen. Das war gleichbedeutend mit der Absicht, die Sprachentwicklung auf diesem Gebiet nicht nur aufzuhalten, sondern sogar teilweise rückgängig zu machen. Inzwischen gibt man sich bescheidener. Die Getrennt- und Zusammenschreibung, so heißt es in der letzten Wortmeldung der vor ihrer Auflösung stehenden Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung, sei "äußerst schwierig in Regeln zu fassen“. Sie müsse „in ganz besonderer Weise [. . .] sowohl offen als auch außerhalb jeder rigiden Ahndung im schulischen Bereich bleiben“.

Darauf sollte sich jeder Schüler berufen, dem eines der offiziell immer noch verbotenen Verben wie zum Beispiel auseinandersetzen, fertigstellen oder kennenlernen angestrichen worden ist. Der neue Duden kennt nur die gespaltenen Schreibungen. Er schreibt ferner vor: „wohl tönend, auch wohltönend“, aber nur „wohltuend“, „Rad fahrend“ oder jetzt auch wieder „radfahrend“, aber weiterhin nur „Rad fahren“ und wie immer schon „das Radfahren“. Für die Schule ist das alles aus Sicht der Urheber dieser Bestimmungen letztlich irgendwie irrelevant: „Getrennt- und Zusammenschreibung kann auf Grund seiner Komplexität, Kompliziertheit und Offenheit nicht Gegenstand eines eng normierenden schulischen Rechtschreibunterrichts bzw. schulischer Fehlerkorrektur sein.“ Eine grammatisch verrutschte, inhaltlich aber nicht unberechtigte Feststellung. Es dürfte allerdings schwierig sein, sie in didaktische Handlungsanweisungen zu überführen.

Komplex, kompliziert und offen – das ist die amtliche deutsche Rechtschreibung und ihr Schicksal. Eine vergleichende Übersicht, die dem eigentlichen Wörterverzeichnis des neuen Dudens vorangeht, zeigt es. Nicht einmal hier ist es der Redaktion gelungen, alte und neue Rechtschreibung korrekt darzustellen. Als neue Schreibung gilt allein „heiß geliebt“, als alte allein „Fußballänderspiel“. Das ist falsch, aber vielleicht sollten diese durchaus bezeichnenden Versehen keine allzu „rigide Ahndung“ erfahren. Sie wäre aufzusparen für jene Bereiche, in denen der Nonsens der Rechtschreibreform weiterhin ungebremst tobt, man denke nur an die Silbentrennung: Buche-cker, Fol-klore, Hemis-phäre, Jugos-lawe, Pä-diatrie oder Päd-iatrie oder Pädi-atrie oder Pädia-trie oder Pädiat-rie. Hier sah die Zwischenstaatliche Kommission „keinen Änderungsbedarf“, die von ihr gegängelte Duden-Redaktion auch nicht. Die Reform der Reform ist tief greifend, auch tiefgreifend, aber noch lange nicht abgeschlossen. Es bleibt beim „Missstand“ und seiner möglichen Kaschierung als „Miss-Stand“, es bleibt beim „Onestepp“, dessen „engl.“ Herkunft und Aussprache eine andere Schreibung fordert, es bleibt bei den grammatisch falschen Großschreibungen „Pleite gehen“ und „heute Morgen“.

Tarnsprache

Die Duden-Redaktion schreibt zum letztgenannten Fall: „Die Bezeichnungen von Tageszeiten nach Adverbien wie ‚gestern‘, ‚heute‘, ‚morgen‘ werden als Substantive angesehen und großgeschrieben.“ Das ist Tarnsprache. Gemeint ist: Die betreffenden Wörter sind, wie wir sehr wohl wissen, mitnichten Substantive, und es kommt ihnen daher auch keine Großschreibung zu. Aber eine im staatlichen Auftrag handelnde Kommission hat anders entschieden, und wir glauben uns deren Anordnungen nicht widersetzen zu können.

Es gelte „nicht so sehr die Rechtschreibung zu reformieren, als vielmehr die Reformer zu kurieren“, hat der langgediente, inzwischen verstorbene Duden-Chef Günther Drosdowski einmal geschrieben. Das allerdings war und ist aussichtslos; er selbst ist daran jedenfalls gescheitert. In der jetzigen Situation gilt es nicht so sehr die reformierte Rechtschreibung zu reformieren, als vielmehr die deutsche Sprache zu kurieren, die an diesem fehlgeschlagenen Experiment Schaden genommen hat. Der Heilungsverlauf wird schwierig sein und sich voraussichtlich längere Zeit hinziehen. Wem an einer raschen Besserung gelegen ist, wird nicht zum neuen Duden greifen.

Duden. Die deutsche Rechtschreibung. 23., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Dudenverlag Mannheim, Leipzig, Zürich, Wien 2004. Geb. 1152 S. 20 Euro.

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Norbert Lindenthal
18.08.2004 19.35
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Berliner Zeitung

Donnerstag, 19. August 2004

ORTHOGRAPHIE

Reform als Zarenerlass

Katja Tichomirowa

MOSKAU, im August. Regeln und Normen waren offenbar zu jeder Zeit eine deutsche Leidenschaft. Was die Erforschung von Sprache, Literatur und Schrifttum anging, wurde den deutschen Wissenschaftlern der eigene Sprachraum schon im 19. Jahrhundert zu eng. Die erste „Russische Rechtschreibung“ jedenfalls stammt aus der Feder eines Deutschen. Unheilvoll scheint sich dieser anfängliche Fremdeinfluss nicht ausgewirkt zu haben: Das Regelwerk des Philologen Jakob Karlowitsch Groth, herausgegeben 1885 von der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, erlebte 22 Auflagen und galt, bis die Bolschewiki 1918 zur zweiten großen Rechtschreibreform der russischen Sprachgeschichte ansetzten.

Die erste Reform hatte bereits Peter der Große initiert. Er trennte in den Jahren 1708 bis 1710 das kirchenslawische vom „bürgerlichen“ Alphabet, ließ Betonungs- und Abkürzungszeichen sowie einige Buchstaben verschwinden und vereinfachte so den weltlichen Schriftverkehr. Peters Reform war im Wesentlichen eine Schriftreform, ein verbindliches Regelwerk schuf erst Groth. Als absolutistischer Herrscher hatte der Zar bei der Durchsetzung seiner Änderungswünsche kaum Widerstand zu fürchten.

Überhaupt bedurfte bislang jede Reform der russischen Rechtschreibung eines diktatorischen Willens oder eines vorausgehenden revolutionären Umsturzes. Ansonsten wurden allenfalls Ausschüsse und Kommissionen gebildet, die sich einer Rechtschreibreform widmen sollten. Ihre Entwürfe und Vorschläge durchsetzen konnten sie freilich nie. So hatte die Russische Akademie der Wissenschaften bereits 1904 einen „Unterausschuss für Fragen der Rechtschreibung“ gegründet. Diesem Ausschuss unter der Leitung von F. F. Fortunatow war trotz des viel versprechenden Namens seines Vorsitzenden kein Glück vergönnt. Sein Entwurf wurde abgelehnt.

Erst eine Verfügung des Volkskommissariats für Bildung im Dezember 1917 setzte die im Wesentlichen auf den Vorschlägen Fortunatows beruhende Reform durch. Wie die erste Rechtschreibreform unter Peter I. eliminierte sie veraltete Buchstaben und Schreibweisen. Fortan gab man sich mit dem revolutionären Regelwerk zufrieden, erst nach dem Tode Stalins unternahmen Philologen zaghaft neue Versuche. Der Vorschlag einer Orthographie-Kommission des Institutes für Russische Sprache der UdSSR von 1964 wurde jedoch unter lautem Getöse abgelehnt. Man geißelte die Kommissionsmitglieder und ließ die bestehende Rechtschreibung unangetastet.

Den bislang letzten Vorstoß zu einer Rechtschreibreform unternahm der „Rat für Russische Sprache der Regierung der Russischen Föderation“ vor vier Jahren. Grammatikalisch sinnlose Rechtschreibregeln sollten beseitigt und den Schulkindern das Erlernen der Schriftsprache erleichtert werden. Doch die Vorschläge der Kommission missfielen der Regierung. Als schließlich selbst die Gattin des Präsidenten, Ludmilla Putina, sich in der Öffentlichkeit für den Schutz der russischen Sprache vor modischen Neuerungen stark machte, zogen sich die Experten verschüchtert zurück. Man arbeite weiter am Projekt einer Rechtschreibreform, ist zu hören. Die Kommission allerdings tagt nun hinter verschlossenen Türen.

Mit diesem Beitrag wird unsere Serie zum Umgang mit der Rechtschreibung in anderen Ländern fortgeführt. Am 17. August erschien ein Beitrag aus Italien.

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Norbert Lindenthal
17.08.2004 06.38
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Berliner Zeitung



Dienstag, 17. August 2004

TAGEBUCH

Einstimmigkeit als Falle

Torsten Harmsen

Schnecke, griechische Landschildkröte, reaktionärer Club – so hat man die Kultusministerkonferenz (KMK) schon genannt. Die Ministerrunde endlich ganz abzuschaffen, forderten jetzt der FDP-Chef Guido Westerwelle und der CDU-Vize Christoph Böhr. Der Deutsche Kulturrat geht nicht so weit, aber er will das Prinzip der Einstimmigkeit aufheben, das die Kultusminister der 16 Bundesländer in ihren Entscheidungen lähmt.

Anlass für den Unmut ist das Hin und Her der Kultusminister in der Rechtschreibreform. Eben noch – im Juni – hatten sie einstimmig beschlossen, dass die Reform nächstes Jahr endgültig in Kraft tritt, da murrten einige Ministerpräsidenten und Verlage. Die KMK knickte ein, setzte die Reform für Oktober wieder auf die Tagesordnung, und es ist kaum zu erwarten, dass dort erneut ein einstimmiger Beschluss fällt. Die Situation ist verkorkst, die Reform hängt in der Luft.

Das Prinzip, das die KMK lähmt, war einst fortschrittlich gemeint. Indem sich die Länder auf Einstimmigkeit verpflichteten, sollten ideologische oder parteipolitische Übermächte für alle Zeiten verhindert werden. Die Bildungshoheit jedes einzelnen Landes sollte den zentralstaatlichen Missbrauch von Bildung und Kultur unmöglich machen. Und einzelne Modelle – wie etwa die Gesamtschulidee der SPD – sollten nicht zum Standard für die ganze Bundesrepublik erhoben werden können.

Das Prinzip wird jedoch zur Falle, wenn es nicht mehr um die Abwehr von Gleichmacherei, sondern um gemeinsame Reformen geht. Diese scheitern daran, dass jedes Land jeden Beschluss blockieren kann, so wie es die Unionsländer jüngst mit dem mühsam errungenen Elite-Uni-Kompromiss taten.

Die Abschaffung der KMK zu fordern, wie es Westerwelle tut, ist jedoch reiner Populismus. Denn ein Gremium zur Abstimmung wird auf alle Fälle gebraucht. Die KMK-Schnecke kriecht (mühsam zwar, aber immerhin) vorwärts auf dem Weg zur Vereinheitlichung des Bildungswesens. Diese Ansätze darf man nicht zerstören, es sei denn, man plane die Abschaffung des Bildungsföderalismus. Doch wozu? Man braucht kein bundesdeutsches „Ministerium für Volksbildung“, kein neues bürokratisches Monster. Und es gibt Staaten, in denen beides ganz gut funktioniert: flexibler Föderalismus und zentrale Steuerung. Kanada gehört dazu. Solche Länder sollte man sich genauer anschauen.

Künftig sollte man auch erst an den Beschluss von Reformen gehen, wenn diese äußerst gründlich vorbereitet wurden – durch ein unabhängiges Gremium, auf das sich alle Länder geeinigt haben. Dann reicht auch in der KMK eine Mehrheitsentscheidung – so wie in einer Demokratie allgemein üblich.

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Norbert Lindenthal
16.08.2004 20.42
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Berliner Zeitung

Dienstag, 17. August 2004

TAGEBUCH

Unerträglichkeit des Jeins

Torsten Harmsen

Sie ist das älteste Ministergremium der Bundesrepublik, und sie hört wenig Schmeichelhaftes: rückwärts kriechende Schnecke, griechische Landschildkröte, reaktionärer Club – so hat man die Kultusministerkonferenz (KMK) genannt. Sie abzuschaffen, forderten am Wochenende der FDP-Chef Guido Westerwelle und der CDU-Vize Christoph Böhr. Der Deutsche Kulturrat geht nicht so weit, aber er will das Prinzip der Einstimmigkeit aufheben, das die Minister der 16 Bundesländer in ihren Entscheidungen lähmt. Künftig soll es nur noch Mehrheitsentscheidungen geben.

Anlass ist die Entscheidungsschwäche der Kultusminister in der Rechtschreibreform. Der Einstimmigkeitszwang der KMK wirkt hier verheerend. Es geht um ein Ja oder Nein zur Reform, darauf können sich die Minister aber nicht einigen. Also wächst das Chaos.

Die Rechtschreibreform ist zwar besonders spektakulär, aber auch in anderen Bereichen zeigt sich das Grundproblem der KMK. Es ist ein typisch deutsches – geprägt von der historisch begründeten Angst vor dem Zentralismus, vor allem in der Bildung und Kultur. Indem die Länder sich einst auf Einstimmigkeit verpflichteten, sollten ideologische oder parteipolitische Übermächte für alle Zeiten verhindert werden. Eine Partei sollte ihre Modelle – etwa die SPD die Gesamtschule – nicht auf die ganze Bundesrepublik ausweiten können. Der Zweck der KMK ist es, die Bildungshoheit jedes einzelnen Landes zu sichern. Jedes Land kann jeden Beschluss blockieren, so wie es etwa die Unionsländer mit dem mühsam errungenen Kompromiss zum Elite-Uni-Wettbewerb taten, als es um das Geld des Bundes ging. Die KMK, so wie sie ist, eignet sich also nicht für die Durchsetzung großer Reformen.

Ihre völlige Abschaffung zu fordern, ist jedoch reiner Populismus, denn eine Abstimmung zwischen den Ländern muss es weiter geben. Es sei denn, man will den Bildungsförderalismus gänzlich abschaffen. Was sich die KMK allerdings dringend fragen muss, ist, warum in anderen Ländern beides funktioniert: Föderalismus und zentrale Steuerung. Kanada führt zum Beispiel regelmäßig in den Schulen aller Provinzen Leistungstests durch, die zentral ausgewertet werden. Vielleicht denkt man hier pragmatischer. Vielleicht bereitet man Reformen zunächst auch gründlich vor. Daran hapert's in Deutschland.

Künftig sollte man erst an den Beschluss von Reformen gehen, wenn eine möglichst breit zusammengesetzte Wissenschaftlergruppe, auf die sich alle Länder geeinigt haben, einen gut durchdachten Entwurf vorlegt. Dann reicht auch eine Mehrheitsentscheidung der Kultusminister – so wie in allen demokratischen Gremien. Und dann gibt es auch kein Zurück mehr.

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Dominik Schumacher
16.08.2004 07.13
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Berliner Zeitung

Samstag, 14. August 2004

Der wütende Verleger

Kampagne der Kronen-Zeitung gegen Rechtschreibreform

Bernhard Baumgartner

WIEN, 13. August. Dem mächtigen Herausgeber der Kronen-Zeitung ist wieder einmal der Kragen geplatzt. „Schluß damit“ polterte der 83-jährige Hans Dichand unter seinem Pseudonym „Cato“ in einem seiner rar gewordenen Leitartikel. Stein des Anstoßes ist die Debatte um die neue Rechtschreibung, die nun auch in Österreich losgebrochen ist. Die "überflüssige bürokratische Regulierungswut“ habe zu der „irrsinnigen Reform“ geführt. Also forderte der Verleger der größten österreichischen Tageszeitung in alter Rechtschreibung: „Schluß damit! So schnell wir können!“.

Am Freitag legte das Blatt dann mit dem Cover „Die neue Rechtschreibung: die größten Dummheiten“ nach. Im Inneren zog sich das Thema über etliche Seiten. Eine Umstellung auf die alte Rechtschreibung plant die Krone im Unterschied zur deutschen Bild-Zeitung jedoch nicht. „Zähneknirschend“ bleibe man dabei, hatte die Chefredaktion des Blattes vor einer Woche verkündet.

Alles in allem sieht es nach dem Beginn einer der gefürchteten und für die Krone typischen Kampagnen aus, die sich oft über Wochen Aufmacher für Aufmacher hinziehen. Das wäre nicht ungewöhnlich und als Sommerthema abzutun, wäre da nicht der schwelende Konflikt zwischen den Krone-Hälfteeigentümern Hans Dichand und dem Essener WAZ-Konzern. Die WAZ hatte sich ja für die Beibehaltung der neuen Rechtschreibung ausgesprochen. Die plötzliche wilde Opposition der Krone wird daher von Insidern auch als weiterer Nadelstich Dichands gegen die WAZ interpretiert: „Da spricht einige dafür“, meinte auch ein WAZ-Vertreter. Zwischen den Gesellschaftern sei das jedoch bisher kein Thema gewesen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass Dichand eine Botschaft an den verhassten Mit-Gesellschafter über die Zeitung schickt. Zwischen Dichand und WAZ läuft seit Monaten ein Schiedsverfahren, in dem die WAZ Dichand als Geschäftsführer des Blattes ablösen will.

Bis zum Start der jüngsten Krone-Kampagne war die aus Deutschland überschwappende Rechtschreibdebatte in Österreich eher unengagiert geführt worden. In seltener Einigkeit hatten sich die Verleger und die Nachrichtenagentur APA zur Beibehaltung der neuen Regeln ausgesprochen. Auch bei der bürgerlichen Qualitätszeitung Die Presse, die als eine der letzten im Vorjahr widerwillig umgestellt hatte, denkt man nicht mehr an eine Rückkehr. Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hatte eine Rückkehr kürzlich ausgeschlossen.

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Dominik Schumacher
16.08.2004 07.03
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Montag, 16. August 2004

UMRFAGE

Jeder dritte Berliner will alte Rechtschreibung
Vor allem junge Menschen befürworten neue Regeln

Christine Richter

BERLIN, 15. August. Knapp ein Drittel der Berliner (32 Prozent) will zur alten Rechtschreibung zurückkehren, 26 Prozent möchten an den neuen Regeln festhalten. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Berliner Zeitung, für die zwischen dem 9. und dem 12. August ingesamt 1 004 Menschen in Berlin befragt wurden. Weitere 19 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, beide Regeln – die alten und die neuen – parallel gelten zu lassen. Nochmals 20 Prozent hielten eine Mischform für die beste Lösung. Damit zeichnete sich beim Streit um die Rechtschreibung keine eindeutige Mehrheit für die eine oder die andere Variante ab.

Vor allem die jüngeren Menschen wollen an der neuen Rechtschreibung festhalten. 53 Prozent der befragten Berliner zwischen 14 und 18 Jahren bevorzugen sie, nur neun Prozent von ihnen wollen zu den alten Regeln zurück. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sie die neuen Regeln in der Schule bereits lernen und anwenden. Bei den 19- bis 29-Jährigen halten sich die Ansichten die Waage: 29 Prozent plädieren für die neuen, 31 Prozent für die alten Regeln. Ähnliche Ergebnisse ermittelte Forsa auch in den anderen Altersgruppen.

Nach wie vor bestehen aber große Unsicherheiten hinsichtlich der neuen Rechtschreibung. 29 Prozent der Befragten und sogar 49 Prozent der Über-60-Jährigen geben an, diese überhaupt nicht zu beherrschen. Ein paar Regeln beherrschen nach eigenen Angaben insgesamt 58 Prozent der Berliner, weitere zwölf Prozent sind überzeugt, dass sie alle Regeln der neuen Rechtschreibung anwenden können. Von den jüngeren Berlinern zwischen 14 und 18 Jahren geben jeweils 50 Prozent an, dass sie „ein paar Regeln“ beziehungsweise „alle Regeln“ beherrschen.

Berlin Seite 21

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Norbert Lindenthal
10.08.2004 05.31
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Berliner Zeitung

Dienstag, 10. August 2004

Flehen um Klarheit

Doch einheitliche Rechtschreibregeln sind fraglicher denn je

Birgit Walter

Jetzt wird sogar schon über eine Volksabstimmung zur Rechtschreibreform debattiert. Das Grundgesetz lässt noch nicht einmal einen Volksentscheid zur EU-Verfassung zu, aber 70 Rechtsprofessoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollen das Volk zur Rechtschreibung fragen. Und wer darf da hin gehen? Nur die Erwachsenen, die das Neue nicht wollen, was eine verständliche Regung ist? Oder auch die Kinder, die ungefragt das Neue lernen mussten und sich mit dem Alten neuen Stress aufhalsen würden? Gilt das Wahlrecht dann ab sieben? Muss man Grundkenntnisse in der Rechtschreibung nachweisen, oder dürfen auch die votieren, die seit dem Ende der Schulzeit weder ein Buch noch eine Zeitung in die Hand nehmen? Da werden sich die Rechtsprofessoren sicher schnell einig werden, wie hier zu verfahren ist.

Seitdem der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und der Springer-Verlag am Freitag plötzlich ihre Rückkehr zur alten Rechtschreibung verkündet haben, wird die durch die Reform ausgelöste Rechtschreibunsicherheit ergänzt durch ein rechtliches Chaos in der ganzen Frage. Im August nächsten Jahres sollte bindend werden, was seit 1998 in den Schulen gelehrt wird. Und jetzt?

Jetzt ist noch vollkommen offen, ob die alte oder die neue Rechtschreibung das Tauziehen gewinnt oder doch eine Mischform aus beiden Regelwerken. Derzeit werden in den Zeitungen alle Varianten gehandhabt: von der strengen alten bis zur modifizierten neuen Rechtschreibung, wobei jede Zeitung anderen Regeln folgt, die mitunter von Redakteur zu Redakteur differieren.

Den dringendsten Klärungsbedarf haben die Schulen und die Schulbuchverlage. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hat daher auch ein schnelles Ende der Debatte gefordert. Nichts sehne man mehr herbei, „als ein Ende der Debatte und wieder Klarheit, was die Normen in der Orthografie betrifft“. Von den Ministerpräsidenten erwarte er eine Entscheidung, „wie immer sie auch aussehen mag“.

Aber Klarheit ist nicht in Sicht, nur Meinungen werden abgesondert. So verwies ein Sprecher der Bundesregierung auf frühere Äußerungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder, der es für falsch halte, nach der abgeschlossenen Diskussion um die Änderungen die Reform wieder rückgängig zu machen. Der Leiter der Duden-Redaktion, Matthias Wermke, zeigte sich „fast sicher“, dass es bei der Reform bleibe. Hinter dem derzeitigen „Aufstand“ stünde kein Konzept. Johano Strasser vom Schriftstellerverband PEN plädiert dagegen für eine Rücknahme der Rechtschreibreform so schnell wie möglich. „Die Reform ist als geheime Kommandosache von der Bürokratie ausgeheckt worden“, sie dürfe dem Publikum nicht aufgezwungen werden. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes Konken warnte vor einem „Waterloo der deutschen Sprache“. Es könne nicht sein, dass 60 Prozent der Medien zur alten Rechtschreibung zurückkehrten, während der Rest weiter die neuen Regeln anwende. Die Medien müssten ihrer Vorbildfunktion gerecht werden. Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer, sagte dieser Zeitung: „Die Rechtschreibreform war sicher nicht bis ins letzte Detail gelungen, aber das kann durch Korrekturen ausgebügelt werden. Eine komplette Rolle rückwärts halten wir aber nicht für sinnvoll. Das würde die Verwirrung perfekt machen und Kosten in Millionenhöhe verursachen. Haben wir in Deutschland wirklich keine anderen Sorgen?“

Offenbar nicht. Dieses Thema wird uns weiter verfolgen als bis zur nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 8. Oktober. Denn von ihr darf man keine Klarheit erwarten, weil sich ihre Teilnehmer nicht einig sind: Bisher wollen zwölf der 16 Bundesländer an der Reform festhalten. Nur Niedersachsen und das Saarland wollen zurück zur alten Schreibweise, Bayern und Baden-Württemberg wünschen eine Zwischenlösung. Bei dieser Konstellation ist doch bestenfalls eine Verlängerung der Übergangszeiten in Sicht, niemals eine Einigung. Aber ohne Einigung kann jeder machen, was er will. Schleswig-Holstein hat 1996 schon einmal probiert, den Reform-Unsinn nicht mitzumachen. Auch heute kann jedes Land theoretisch seine eigenen Schreibregeln aufstellen, gesetzliche Hürden gibt es nicht. Alles basiert auf Freiwilligkeit, auch die Absichtserklärungen der Schweizer und Österreicher. Jeder darf schreiben, wie er will. Aber wer kann das wollen?

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