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Forum > Beispielsammlung über Sinn und Unsinn
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Sigmar Salzburg
05.01.2015 21.41
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Karaseks Woche

Megageil! Die Sprache wird immer größenwahnsinniger

Je weiter die Globalisierung fortschreitet und die Welt dadurch enger wird, umso marktschreierischer werden die Superlative, mit denen wir den nötigen Sprachlärm erzeugen zu müssen glauben.

Von Hellmuth Karasek

Alles ist megageil und supergalaktisch, aus dem „viel genannten“ wird der „meistgenannteste“, doppeltgemoppelt brüllt besser. Der Nürnberger Journalist Andreas Hock hat die Sprachsünden in seinem Buch "Über den Niedergang unserer Sprache“ (dass ich ein Vorwort dazu geschrieben habe, hindert mich nicht, das Buch zu erwähnen, da ich nicht an Verkauf und Gewinn beteiligt bin) auf die Goethe-Überschrift gebracht, indem er dem Olympier in den Mund schiebt: „Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?“

Achten Sie mal drauf, wie „der Einzigste“ um sich greift, neben dem bestbezahltesten Manager oder Banker und dem meistgesuchtesten Verbrecher ist es das öftest gebräuchlichste Wort...

Ein schönes Spiel hat sich Hock ausgedacht, indem er völlig veraltete, ehrwürdige Wörter mit modernem Slang koppelt, zum Beispiel den „Dienstmann“. Und das klingt so: „Räum dein Scheiß selber auf, bin doch nicht dein Dienstmann!“ Oder „zuvörderst“: „Halt's Maul, Alter, zuvörderst bin ich dran!“ Oder „Schmaus“: „Ey, nach dem Schmaus gestern hatte ich die ganze Nacht Sprühwurst.“ Muss ein megageiles, superkrasses Silvester gewesen sein, das, wie die Rechtschreibreform, „voll in die Hose“ ging.

morgenpost.de 4.1.2015

Wegen Karaseks Reformkritik auf Filzlatschen werde ich mir das reformierte Buch aber doch nicht kaufen!

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Sigmar Salzburg
03.09.2014 07.33
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Ruchlose Buchlose

Gestern abend besuchte uns ein Türke. Er erzählte, im Türkischen gebe es ein Schimpfwort, das hieße Kitapsiz, „Buchloser“ (v. arab. kitab, „Buch“). Sein Vater habe des öfteren Leute als „Buchlose“ beschimpft, obwohl er selber nur ein einziges Buch besaß, den Koran, den er aber nicht lesen konnte, weil der wie üblich auf arabisch gedruckt war.

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Sigmar Salzburg
18.08.2014 11.00
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Ein Buch, das heute aussortiert würde

Vor 65 Jahren verlieh ich ein Buch, das ich nie wieder zurückbekommen habe. Das habe ich immer bedauert, denn darin habe ich viel Wissenswertes zum ersten Mal gelesen. Zufällig fand ich jetzt ein gleiches in einem Altbuch-Angebot wieder und habe es mir kommen lassen:

F. L. Dunbar- von Kalckreuth
Von Tausend Dingen
Georg Dollheimer Verlag Leipzig 1937
400 Seiten

Heute würde solch ein dass-loses Buch aus jeder Schülerbibliothek entfernt werden. Es ist überdies in Fraktur gedruckt – was mir als Zehnjährigem nie Schwierigkeiten bereitete. Gesammelt sind darin Tausende von interessanten Notizen aus Wissenschaft, Kultur und Geschichte. Als es heute morgen eintraf und ich es aufschlug, war mir alles wieder vertraut. Manches hatte ich überhaupt nie vergessen, z.B.:

200 Weltsysteme.
Außer unserem Milchstraßen System, dem Andromedanebel und dem Magellannebel am südlichen Himmel sind noch etwa 200 andere Weltsysteme [ heute Billionen ] bekannt geworden, die nach den beiden Astronomen Hubble und Shaley über 100 Millionen Lichtjahre entfernt sind und die Form sogenannter Spiralnebel besitzen. Der nächste, die Weltinsel Andromeda, ist 870.000 Lichtjahre entfernt ... [ heute 2,5 Milliarden geschätzt ]

Atom und Kosmos.
Am Anfang der 92 Elemente, aus denen der Baustoff (die Materie) unseres Weltalls sich zusammensetzt, steht als leichtestes der Wasserstoff mit nur einem Elektron...
[ Notizen eines Vorbesitzers in Steno: „Element = Urstoff ...“ ]

Atomzertrümmerung, Umwandlung von Materie in Energie.
Viel wichtiger als das Ziel der Alchimie, Metalle zu verwandeln, ist für die künftige Entwicklung der Menschheit die theoretische Möglichkeit, beliebige Stoffe in Energie zu verwandeln; denn die Energie, die in den Atomen eines walnußgroßen Metallstücks vereinigt ruht, würde befreit genügen, um einen großen Ozeandampfer nach Amerika und wieder zurück zu bewegen. [ Der Beweis durch die Atombombe lag für mich vier Jahre zurück. ]

Der Mensch als Maß aller Dinge.
An Größe steht der Mensch genau zwischen dem größten aller Dinge, einem Spiralennebel dem kleinsten aller Dinge, einem Quantum ultravioletten Lichtes…

Wie viele Kinder kann ein Mann haben?
Es ist überliefert, daß König August der Starke von seinen vielen Freundinnen 350 Kinder erhielt…

Heilige tote Sprachen.
Oft führen tote Sprachen noch ein „geheiligtes Leben“ im religiösen Kultus fort. So lebte die nichtsemitische Sprache der Urbewohner Mesopotamiens, der Sumerer, im Gottesdienst der Babylonier, welche die sumerischen Gebete, Hymnen und Litaneien übernommen hatten, noch um Jahrtausende fort. Der Kult in sumerischer Sprache galt als besonders heilig. Schließlich bestand diese alte Sprache auch noch in spätassyrischer Zeit fort ...

Der größte Grammatiker.
Als der größte Grammatiker der Welt gilt der Inder Panini, der schon 300 v. Chr. alle Wurzeln des altaiischen [ind] Veda-Sanskrits mit größtem Scharfsinn und Genauigkeit verzeichnete. Seine Kunst der Wortvergleichung wird erst heute wieder erreicht.

Älteste Schriftstücke.
Aus dem Jahr 3000 v. Chr. stammt das älteste entzifferte Schriftstück, das in Uruk in Mesopotamien gefunden wurde. Es stellt eine Mischung aus Wort- und Silbenschrift dar...

Der älteste Roman.
Der älteste Roman ist die „Geschichte zweier Brüder“, der vor 3200 Jahren von einem thebanischen Schriftsteller Ennana, dem Hofbuchhändler des Pharao Merenptah, verfaßt wurde.

Der erste Journalist.
Der erste Journalist großen Stiles, wenn auch in übler Bedeutung des Wortes, war der aus Arezzo in Italien stammende Satiriker Pietro Aretino. 1542 beim Empfang des venetianischen Gesandten in Pesciera ritt Kaiser Karl V., als er Aretino erkannte, dem ersten Interviewer und Pamphletisten entgegen und ließ ihn zu seiner Rechten reiten. Diese scheinbar nur äußere Höflichkeit kennzeichnet doch die Macht des entstehenden Zeitungswesens. Europas stolzester Herrscher begriff damals schon den ungeheuren Einfluß der Feder auf die Politik.

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Sigmar Salzburg
10.08.2014 11.42
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Fachlektüre

Sieglind Bruhn (*1951)
Hindemiths große Instrumentalwerke
Edition Gorz 2012

Hindemith kontrapunktisches Meisterwerk, Ludus tonalis, komponiert sechs Jahre nach den Klaviersonaten, ist sein umfangreichstes und zugleich letztes Solowerk für Klavier… Der Titel bedeutet „Tonspiel“. Diese wörtliche Übersetzung gibt jedoch nur einen Teil der im Lateinischen mitschwingenden Bedeutungsnuancen wieder. Das Substantiv ludus kann wie sein deutsches Gegenstück auf das Spiel eines Instrumentes, eine Freizeitbeschäftigung nach Regeln, einen sportlichen Wettstreit oder – im Hinblick auf Hindemiths intensive Beschäftigung mit alter Musik besonders nahe_liegend – ein mittelalterliches liturgisches Drama hinweisen.

Die Autorin hat die wichtigste Bedeutung vergessen: „Ludus“ bedeutet auch „Schule“. Das Werk soll unterschiedliche Spiel- und Kompositionstechniken darstellen und üben, wie es schon in der Vorrede zum „Wohltemperirten Clavier“ (nicht „Wohl_temperierten Klavier“) hieß:

„Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertiget von Johann Sebastian Bach.“

Frau Bruhns Werk ist (natürlich) in Reformschreibung gedruckt, leider auch in den Zitaten. Zufällig hat mir meine Tochter gerade das Büchlein aus dem Insel Verlag mit Hindemiths Hamburger Rede zum Bachfest 1950 geschenkt. Dort heißt es am Schluß richtig:

„Ist es einer Musik gelungen, uns in unserem ganzen Wesen nach dem Edlen auszurichten, so hat sie das Beste getan. Hat ein Komponist seine Musik soweit bezwungen, daß sie dieses Beste tun konnte, so hat er das Höchste erreicht. Bach hat dieses Höchste erreicht.“

Ich hatte diese Rede damals gehört, aber als Elfjähriger naturgemäß nicht sehr verinnerlichen können.

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Sigmar Salzburg
19.07.2014 07.29
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Der gläserne Leser

Die Zukunft des Lesens

Sie sind praktisch, klein, handlich und auf ihnen lassen sich ganze Bibliotheken unterbringen: E-Book-Reader...

Bisher sind E-Books bei deutschen Lesern nicht sonderlich beliebt. Ihr Marktanteil beträgt gerade mal zwei Prozent. In den USA liegt er dagegen zehn mal höher...

Sind E-Books also nur eine technische Spielerei, die sich nicht durchsetzen wird? So einfach ist das nicht, hat Eva Wolfangel im Zuge ihrer aufwendigen Recherchen im Augustheft von bdw herausgefunden.

Tatsache ist nämlich, dass Menschen auf E-Readern schneller und effektiver lesen und die Inhalte besser aufnehmen als in gedruckten Büchern.[?] Zudem arbeiten Wissenschaftler inzwischen an Möglichkeiten, den Lesern die Geräte noch schmackhafter zu machen. Ein Beispiel ist das selbstständige Einblenden von Erklärungen oder Übersetzungen, wenn der Leser etwas nicht versteht. Dazu verfolgt eine eingebaute Kamera seine Augenbewegungen und registriert, wann die Konzentration des Nutzers nachlässt oder wann er hängen bleibt. Allerdings: Auf diese Weise droht der Leser gläsern zu werden...

wissenschaft.de 18.07.2014

Ein Aspekt wurde hier schon erwähnt. Die ferngesteuerte, politisch korrekte Anpassung der Texte ist nur eine Frage der Zeit, die Überwachung der Bürger auch.

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Sigmar Salzburg
07.06.2014 18.41
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Dworkin postum in der häßlichen Reformschreibung

Ronald Dworkin
Religion ohne Gott

Aus dem Amerikanischen von Eva Engels
Suhrkamp 2014

Aus der Suhrkamp-Verlagswerbung:

»Der Ausdruck ›religiöser Atheismus‹ ist kein Oxymoron.«

Das Zentrum wahrer Religiosität, so der bekennende Atheist Albert Einstein, bilde das »Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit«. In diesem Sinne sei er, Einstein, ein tiefreligiöser Mensch. Aber was ist religiös an einer solchen Haltung, in der Gott offensichtlich keine Rolle spielt? ...

Von der Physik über die Politik bis hin zum Recht erkundet Religion ohne Gott den Perspektivenwechsel, der mit einem solchen gottlosen Verständnis von Religion verbunden ist. Das Buch, das mit einer eindrucksvollen Reflexion über Tod und Unsterblichkeit schließt, ist das Vermächtnis eines bekennenden religiösen Atheisten. Es weitet den Blick für das, was wichtig ist.

... und eine Leseprobe S. 13:

William James war der Ansicht, dass Religion zwei wesentliche Komponenten habe. Eine davon sei das tiefe Gefühl, es gebe »Dinge im Universum«, die »sozusagen den Schlußstein legen und das letzte Wort haben«.³ Aus Sicht der Theisten füllt Gott diese Rolle aus, wohingegen ein Atheist denken kann, dass die Verantwortung, ein gutes Leben zu führen, das letzte Wort hat beziehungsweise den Schlussstein legt und dass diese Verantwortung in nichts verankert ist oder sein muss, das noch grundlegender wäre.

3 Siehe Wiliam James, Der Wille zum Glauben und andere Populärwissenschaftliche Essays, Stuttgart 1899, S. 27

Schade, daß Dworkins Werk postum ohne Not in der häßlichen neuen Rechtschreibung erschienen ist, anders als sein voriges Buch von 2012 „Gerechtigkeit für Igel“. Schon auf dieser einen Seite wird die Reform-Untat unserer verantwortungslosen Politiker schlagend vor Augen geführt.

Ich brauche mir das Buch wohl nicht zu kaufen, denn wie ich den Andeutungen entnehme, dürfte vieles darin meinen Ansichten entsprechen. Ich würde die allerdings nicht Religion nennen, denn dazu enthalten sie zu wenig Unsinn.

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Sigmar Salzburg
13.04.2014 08.46
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Reform-ss oder nicht?

Alt und doch aktuell: Auerbachs Sprüche

Berthold Auerbach hatte unter dem Titel „Tausend Gedanken des Collaborators“ eine Aphorismensammlung zusammengetragen, die 1875 erstmals erschien und heute nur noch antiquarisch erhältlich ist. Es ist eine Sammlung von Lebensweisheiten, die heute noch eine unverminderte Aktualität haben, so Martin Schmidt und Hermann Kinder. Sie haben diese Sammlung beherzt entstaubt und als neues Büchlein herausgebracht, versehen mit einem kritischen Nachwort.

Zudem wurde eine Modernisierung der Orthographie im Sinne der unreformierten deutschen Rechtschreibung (unter Wahrung des Lautstandes) vorgenommen, so Kinder im Nachwort der Ausgabe. Manche Gedanken von Auerbach sind veraltet (so zu Geschlechtern, Politik oder Nation), manche sind jedoch heute noch verständlich. Kinder stellte einige dieser Lebensweisheiten vor und interpretierte sie. Zum Beispiel: „Man ist länger tot, als man lebt“, sagte eine Bauersfrau. Darum solle man lustig sein, so lange man lebe.

Eine Mietwohnung suchen macht verstimmt und missmutig. Warum? Auerbach meint: „Wohl wie du dir deines Fremdseins auf der Welt neu bewusst wirst.“ Oder: „Es gibt Menschen, denen die Ehre wie ein Faß Wein erscheint. Jeder Schoppen, den ein anderer trinkt, ist ihnen weggetrunken.“ Auch mit diesem Ausspruch hat Auerbach wohl bis heute Recht behalten: „Wenn man zum Kriege drei Dinge braucht: Geld, Geld und Geld, so brauchen die Künste des Friedens, vor allem die dichterische Gestaltung, auch drei Dinge: Ruhe, Ruhe und Ruhe.“ ...

schwarzwaelder-bote.de 11.4.2014

Man kann heute nie sicher sein, ob die Zeitungen die Texte in ihrer originalen Orthographie zitieren.

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Sigmar Salzburg
27.03.2014 11.20
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Hamed Abdel-Samad

Der islamische Faschismus
Eine Analyse


Hardcover, Droemer HC
224 S. 18,- €
ISBN: 978-3-426-27627-3

Aus dem Vorwort

»Wanted Dead«
Einmal sah ich auf Facebook ein mit Photoshop gefaktes Bild. Ein böse dreinblickender, bärtiger Mann hält ein Plakat hoch, auf dem geschrieben steht: »Enthauptet diejenigen, die behaupten, der Islam sei die Religion der Gewalt.« Ich habe herzlich gelacht über diese elegante und doch sehr treffende Beschreibung der bitteren Realität. Das Lachen blieb mir jedoch im Hals stecken, als ich plötzlich mein eigenes Porträt auf Facebook entdeckte, versehen mit dem Schriftzug »Wanted Dead«. Anlass für diesen Mordaufruf war ein Vortrag, den ich am 4. Juni 2013 in Kairo gehalten hatte...

droemer-knaur.de

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Sigmar Salzburg
26.02.2014 18.47
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Die Tugendterroristen in Aktion

Thilo Sarrazins Buch „Der neue Tugendterror“ (DVA) liegt seit gestern in den Buchhandlungen. Es ist, wie zu erwarten, in der „leichter lern- und lesbaren“ reformierten Rechtschreibung veröffentlicht. Der Teil des Tugendterrors, der zu ihrer Durchsetzung die „Leid tragenden“ Schulkinder instrumentalisierte, wird daher mit keinem Wort erwähnt. Sarrazin schreibt im übrigen:

„Ich analysiere das Glaubensbekenntnis jener, die im heutigen deutschen Meinungsklima auf der Seite des Guten sind und demgemäß immer Recht haben.“

Wer in diesem Forum mitgelesen hat, wird vieles schon kennen und bestätigen können. So recht der Autor hat – er wird von den Medien, die auch Zielscheibe seiner Kritik sind, erwartungsgemäß zerrissen. Spiegel online bietet gleich drei Schreiber auf, um den Autor standrechtlich zu erledigen.

Jan Fleischhauer behauptet, die hohe Auflage des Buches beweise, daß man sich um die Meinungsfreiheit in Deutschland keine Sorgen zu machen brauche. Nicht erwähnt wird, daß nur der hohe Bekanntheitsgrad den Autor schützt. Aber selbst er wird kurz darauf demonstrativ aus einer ARD-Gesprächsrunde ausgeladen, um dem Oberhaupt einer spanisch-marrokanischen Unterwanderer-Familie Platz zu machen. spiegel.de 13.2.14

Stefan Kuzmany schreibt unter dem Titel
„Der schon wieder“:
„Seine Taktik ist altbekannt: Erst wird ein Tabu konstruiert, um es dann mit großem Getöse zu brechen.“
Als ob nicht in den letzten Jahrzehnten Tabus wie nie zuvor aufgebaut worden sind, die man nur der Wirklichkeit zu entnehmen braucht. spiegel.de 24.2.14

Für Jakob Augstein ist Sarrazin schließlich ein
„Böser Geist der sozialen Kälte“, der die Gleichheit der Menschen ablehne:
„Nun nimmt Sarrazin nicht weniger als die Gründungsidee des Westens aufs Korn: die Gleichheit des Menschen.“
Dabei vermengt er rechtliche und soziale Gleichheit. Und auch er unterstellt wie Fleischhauer:
„Sarrazins Buch über den Tugendterror zieht seine Wucht nicht aus der Sorge um das Wohl der Welt, sondern aus der gekränkten Eitelkeit des Autors.“ spiegel.de 24.2.14

Der „Focus“ ist in seinen Unterstellungen noch dreister: Aus der Bemerkung, die Intelligenzquotienten wiesen bei Männern eine größere Streuung auf als bei Frauen, macht Focus die Behauptung, Männer seien intelligenter als Frauen. focus.de 23.2.14
:

Thilo Sarrazin: Männer sind klüger als Frauen

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Sigmar Salzburg
19.01.2014 09.48
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Keine Quäntchenwelten

Am 16.11.13 hatte ich auf die deutsche Ausgabe der Sammlung von Aufsätzen des Physikers John S. Bell „Sechs mögliche Welten der Quantenmechanik“ (Oldenbourg Verlag) hingewiesen. Da mich das Thema ungleich mehr interessiert als die Affenreform, habe ich mir das Buch kommen lassen. Dabei stelle ich wieder die in wissenschaftlichen Texten weit verbreitete Handhabung fest: Es werden nur die neuen ss beachtet bzw. maschinell erzeugt. Das meiste andere wird herkömmlich vernünftig geschrieben: im allgemeinen, des öfteren, als erster, im wesentlichen, im voraus, zur Zeit...

Da solche Texte keine Lyrik enthalten, finden wir dort auch wohl kaum die unpoetischen Fürze der „Reform“, wie „rau“, „belämmert“ „Quäntchen“ oder „Tollpatsch“.

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Sigmar Salzburg
25.09.2013 07.25
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Empirische Philosophie

„Quantenmechanik ist eine empirisch begründete Theorie (sonst wäre niemand auf so etwas Abwegiges gekommen)“

H.Dieter Zeh in „Physik ohne Realität: Tiefsinn oder Wahnsinn“ (Springer-Verlag 2012), S. 198

Wie erwähnt, hatte ich mir die Schriften von Prof. H.Dieter Zeh kommen lassen – aus philosophischem Interesse und weil sie auf seiner Homepage in traditioneller Rechtschreibung verfaßt sind. Leider wurden die Aufsätze für die Buchausgabe durchgängig in die reformierte ss-Schreibung übersetzt – alles übrige blieb aber unangetastet. Naturgemäß wimmelt es nun von „Messer-gebnissen“ und ähnlichem. Der Zeilentrennautomat teilte zudem den „symmetrieb-rechenden Phasenübergang“. Herkömmlich blieben aber „im allgemeinen“, „im wesentlichen“, „im folgenden“, „des öfteren“ usf. Ein verwendetes Wort habe ich im Duden nicht gefunden: Hinter „Win-win-Situation“ fehlt „Winzecke“ (S. 161).

Zum Inhalt: H.D. Zeh ist vertritt die Viele-Welten-Interpretation der Quantenphysik nach Hugh Everett (1957). Grundlage ist die Schrödinger-Gleichung ohne zusätzliche Hilfskonstruktionen wie Wellenkollaps u.ä. Die Welt wird verstanden als unendlichdimensionales Ganzes, von dem wir nur Teile wahrnehmen können. Während die gleichermaßen bedeutsame Relativitätstheorie vergleichsweise leicht verständlich ist, konnte in der Quantentheorie bis heute keine auch nur annähernde Einigung über deren philosophisch substantielle Aussage erreicht werden.


Siehe auch:
H.Dieter Zeh „Die sonderbare Geschichte von Teilchen und Wellen“
uni-heidelberg.de

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Sigmar Salzburg
26.08.2013 09.20
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Scheindemokratie

„Die Mitmachfalle“

Das Buch von Thomas Wagner mit diesem Titel wird in der „jungen Welt“ besprochen (die die Mitmachfalle „Rechtschreibreform“ weiterhin links liegen läßt):

Heiner Geißler gilt in der breiten Öffentlichkeit als unkonventioneller »Querdenker«; er ist zwar Christdemokrat, aber auch Mitglied von ATTAC, außerdem plädierte er als »Schlichter« im Konflikt um das Bahnhofsprojekt »Stuttgart 21« für die Bürgerbeteiligung bei großen Bauvorhaben. Daß Geißler ein parteiischer Vermittler war, der das Steuermilliarden verschlingende Baggerloch nicht hinterfragen, sondern im öffentlichen Dialog legitimieren wollte, merkten viele Stuttgarter erst im nachhinein. Die Bewegung gegen »Stuttgart 21« wurde ein Opfer dessen, was der Soziologe und jW-Redakteur Thomas Wagner im Titel seines neuen Buchs die »Mitmachfalle« nennt...

Ähnliche Drahtzieher stehen, wie Wagner zeigt, auch hinter anderen, angeblich bürgernahen Prozessen: Unternehmen inszenieren Bürgerinitiativen, um die Ansiedlung von Ikea- oder Aldi-Märkten durchzusetzen; kirchliche Gruppen gründen »Bürgerplattformen« und geben vor, die Einwohner eines ganzen Viertels zu repräsentieren. Finanziell unterstützt werden derartige Projekte insbesondere von der Bertelsmann-Stiftung...

Thomas Wagner: Die Mitmachfalle – Bürgerbeteiligung als Herrschaftsinstrument. Papyrossa Verlag, Köln 2013, 163 Seiten, 12,90 Euro

jungewelt.de 26.8.2013

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Sigmar Salzburg
02.08.2013 17.17
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Unreformierte Rezension in „Ossietzky“

Wer ist eigentlich der Staat?

fragt Daniela Dahn in ihrem neuen, überaus lesenswerten und glänzend formulierten Buch, und sie stellt die These auf, daß es heute nicht mehr ausreicht, eine Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat zu postulieren, sondern daß eine Zeit der Selbstermächtigung unweigerlich anbrechen müsse, da sonst die weltweiten Konflikte niemals zu lösen sein werden...

Mit ihren Formulierungen trifft Daniela Dahn den Nerv: »Ausgegangen ist die Macht vom Volk und nie zurückgekehrt. Auch bei den Abgeordneten hat sie nur einen Zwischenstopp gemacht. 80 Prozent von ihnen fühlen sich inzwischen ohnmächtig.« – »In Europa ist die Kluft zwischen arm und reich inzwischen so groß wie vor der französischen Revolution.« – ... »Die Parlamente haben Macht an die Regierung abgegeben, die hat die Macht an die EU, diese an die Weltbank, alle haben Macht an die Profitwirtschaft abgegeben.«

Doch Daniela Dahn ist auch zuversichtlich: Denn die heute unvollkommenen Demokratien seien dabei, neue Demokraten »auszuwerfen«, man könne das in allen Ländern sehen, diese Menschen sind unduldsamer und selbstbewußter als früher, sie verlangen echte Teilhabe an der Macht und eine freiheitliche, demokratische Grundordnung, die ihnen der Staat längst nicht mehr garantiert.

Der Staat selbst ist Teil des Problems. Er bedarf einer Veränderung. Parlamentarismus hat sich überlebt, neue Formen der Bürgerbeteiligung müssen entwickelt und durchgesetzt werden, das muß gesetzlich neu verankert werden. Die Staatsgewalt muß zu ihren Bürgern zurückgebracht werden, mittels Gesetzen.
Anja Röhl

Daniela Dahn: »Wir sind der Staat! Warum Volk sein nicht genügt«, Rowohlt Verlag, 174 Seiten, 16,95 €

Ossietzky 15

Das Buch leider in Rowohlt-Reformschreibung

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Sigmar Salzburg
06.07.2013 10.28
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Gerechtigkeit für Igel

Christoph Pöppe rezensiert bei spektrum.de das Buch des Rechtsphilosophen Ronald Dworkin (1931-1913), „Gerechtigkeit für Igel“, das deutsch 2012 bei Suhrkamp in bewährter Orthographie erschienen ist. Sowohl die Gedanken Dworkins als auch die altertümelnde Reformschreibung Pöppes sind bemerkenswert:

... Für die Wahrheitsfindung nach Dworkin muss man in einem langen, mühsamen Prozess Erfahrungen sammeln und Argumente abwägen.

Vor allem aber müsse die ganze Interpretiererei von dem Bestreben geleitet sein, das einheitliche Gebäude der Werte herzustellen. Insbesondere seien Begriffe wie Freiheit, Gleichheit und Demokratie so zu interpretieren, dass sie eben nicht, wie häufig behauptet, im Widerspruch zueinander stehen.

Im zweiten Teil des Buchs setzt Dworkin dieses Programm dann in die Tat um, mit zum Teil überraschenden Ergebnissen. So postuliert er, dass jeder Mensch zu einer gelungenen Lebensführung verpflichtet sei. Daraus ergibt sich die Forderung, dass niemand ihn an der Erfüllung dieser Pflicht hindern darf, und daraus die klassischen Menschenrechte, die im deutschen Grundgesetz auf die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ hinauslaufen.
Unter Dworkins Interpretation bleibt auch von der gängigen Vorstellung von Demokratie nicht viel übrig. Er zählt zahlreiche Fälle auf, in denen eine Mehrheitsentscheidung die – von ihm sehr extensiv ausgelegten – Menschenrechte beeinträchtigt, und setzt an die Stelle des „majoritären“ Demokratiebegriffs einen „partnerschaftlichen“, den ich mir näher ausgeführt gewünscht hätte.

Immerhin rechtfertigt er ausführlich die „judicial review“, jenes sowohl in den USA als auch hier zu Lande gültige Prinzip, nach dem ein Gremium von nicht gewählten, sondern nur der gemeinschaftlichen Wahrheitsfindung verpflichteten Richtern eine Entscheidung des Parlaments aufheben darf, selbst wenn es damit dem Willen des ganzen Volks zuwiderhandelt...

Ich gestehe, dass mich Dworkins monumentales Gedankengebäude fasziniert. Das gilt vor allem für die These, dass Wahrheit schon dadurch – und nur dadurch – zu Stande kommt, dass man ein großes, umfassendes und vor allem widerspruchsfreies Gedankengebäude errichtet.

spektrum.de 5.7.2013

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Sigmar Salzburg
18.04.2013 05.52
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Das sogenannte Gute

Woher kommt Altruismus und wie_viel Altruismus ist natürlich?
[Buchbesprechung]
Moral hat sich von innen nach außen, vom Kern der tierischen und menschlichen Gefühle zum komplizierten Regelwerk entwickelt. Und diese Gefühle erfüllen ein Bedürfnis, dass es dem Nächsten, zunächst dem familien- und gruppenmäßig nächsten, gut geht, und entsprechen einer Abneigung, ihm Schaden zuzufügen. Ohne Sollen.

Frans de Waal: “The Bonobo and the Atheist. In Search of Humanism Among the Primates“, Norton & Company New York, London 2013, 289 Seiten, Hardcover ab 16,83 Euro.

hpd.de 16.4.2013

Hier wollte der Rezensent unterscheiden zwischen dem sozial Nächsten und dem räumlich Nächsten. Die herkömmliche Kleinschreibung hat man jedoch meist die Reihenfolge beschränkt.

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