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Sigmar Salzburg
16.02.2016 15.03
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Wer hätte das 1996 gedacht ...

... daß drei Jahre später auch der spottende „Spiegel“ den Kotau vor der Stussschreibreform der Kultusminister macht! – Spiegel 1.7.1996:

Am Rande
Gräulicher Mückenschiss


In sechs Tagen schuf der HERR Himmel und Erde samt beweglichem Inventar; und danach sah er „an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut“ (1. Mose 1).

Wenn am Montag dieser Woche die Vertreter deutschsprachiger Länder die Reform der Rechtschreibung besiegeln, haben sie eine wesentlich längere (zwei Jahrzehnte) Schöpfungsgeschichte hinter sich; und siehe da, keiner wird sagen, es ist sehr gut.

Denn die Experten, die als vermeintliche Chaos-Bewältiger antraten, haben nur kleine, oft krumme Brötchen gebacken; auf den mosaischen Tafeln des neuen Schreib-Bundes, die sie errichteten, steht auch ein Haufen Unsinn.

Am Anfang war das Wort: „Tolpatsch“ beispielsweise muß nun „Tollpatsch“ geschrieben werden; das Wort hat mit „toll“ nichts zu tun, es stammt aus dem Ungarischen und meinte „breitfüßig“ dahinlatschende Soldaten. Ebensowenig hängt „einbleuen“ (nun: „einbläuen“) sprachgeschichtlich mit „blau“ zusammen, „greulich“ (nun: „gräulich“) mit „grau“ und „belemmert“ (nun: „belämmert“) mit „Lamm“.

Just die lautliche „Anlehnung an die Wortfamilie“ war ein Ziel der Reformer. Welch göttlicher Ratschluß aus „Zierat“ „Zierrat“ (wie „Vorrat“) machte, bleibt völlig dunkel; „Zierat“ gehört zu Wortbildungen wie „Armut“ und „Kleinod“.

„Behände“ (statt „behende“) muß man, „Nessessär“ („Necessaire“) darf man, „Portmonee“ („Portemonnaie“) soll man schreiben; „Hämorrhoiden“ kann man so oder so: „Hämorriden“. Alle „Schifffahrt“ hat nun fff-Qualität; der „Mittag“ (Mitt-Tag) hingegen ruht weiterhin auf nur zwei t-Trägern.

„Belämmert“ zwar, doch „behänden“ Fußes nun zum „Schlussstrich“ und zur Frage: „Nulllösung“ oder „Mückenschiss“? (ß wird nach kurzem Vokal zu ss). Von den mehreren hunderttausend deutschen Wörtern ändern sich nur ein paar hundert, die Zahl der Rechtschreibregeln schrumpft von 212 auf 112*. Dafür dräuen neue Unklarheiten.

Denn ob die Reformer nun „sitzen bleiben“ (auf ihren Stühlen) oder „sitzenbleiben“ (in der Schule), ist in Zukunft (1998) nicht mehr auszumachen. Dann schreibt man generell „sitzen bleiben“, und dann ist guter „Zierrat“ teuer.

DER SPIEGEL 27/1996

spiegel.de 1.7.1996

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Sigmar Salzburg
24.09.2012 12.38
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Ein Neubürger (SH) und CDU-Kandidat 2000 sagt, wo es langgeht

„Prima Sonntag“, Neumünster 10.10.1999:

Volker Rühe, der neben dem Stuhl [von] Heide Simonis auch gleich noch den von CDU- Landes-Chef Peter Kurt Würzbach absägen will, dürfte ein paar potenzielle Wähler weniger haben. Denn für die Gegner der neuen Rechtschreibung hat der Ex-Verteidigungsminister kein gutes Ohr. „Von mir aus kann man hier Plattdeutsch sprechen, aber eine eigene Rechtschreibung kommt mir nicht ins Haus“, stellte Rühe klar.

Siehe auch: Rühe beruft sich auf Helmut Kohl.

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Sigmar Salzburg
21.11.2011 09.46
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Spiegel v. 4.8.1997: Nach dem Wiesbadener Urteil

RECHTSCHREIBUNG

Die wollen durch die Wand

Von Darnstädt,

Wird die Rechtschreibreform doch noch gekippt? Der Einspruch des Wiesbadener Verwaltungsgerichts markiert womöglich den Anfang vom Ende des Jahrhundertprojekts. Der Staat, so argumentieren Juristen, habe in Fragen der Rechtschreibung eigentlich gar nichts zu sagen.

An neuen Vorschriften hat der Richter Rudolf Rainer, 58, meistens seine Freude – selbst wenn es nur Kommaregeln sind. "Öfter mal was Neues“, sagt der Wiesbadener Jurist, das halte den Geist gesund.

Rein gar nichts hat der Verwaltungsrichter gegen eine Rechtschreibreform, auch wenn es der nun geplanten „irgendwie an Ernsthaftigkeit“ mangele. Aber als Jurist sei er „Handwerker“. Und der Handwerker sagt: „Was nicht geht, geht nicht.“

Weil es „nicht geht“, stoppte die 6. Kammer des Wiesbadener Verwaltungsgerichts unter Rainers Vorsitz am Montag vergangener Woche den Neuschreib-Start an hessischen Schulen. Von Verfassung wegen, so das Gericht, dürften die Schüler bis auf weiteres Schiffahrt statt Schifffahrt schreiben.

Der 23-Seiten-Beschluß aus Wiesbaden, ein Verdikt unterster Instanz und nur im vorläufigen Rechtsschutzverfahren, wird die umstrittene Jahrhundertreform womöglich zum Kippen bringen. „Endgültig in den Brunnen gefallen“, unkte schadenfroh Bildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU), sei nun die neue Orthographie, und Rolf Wernstedt, derzeit als Vorsitzender der Kultusministerkonferenz Schutzherr des Reformprojekts, empörte sich: Ein kleiner Richter könne doch nicht im Ernst „die ganze Republik auf den Kopf stellen“.

Er kann, im Ernst. Die Rechtschreibreform ist unter die Juristen gefallen, weil die Kultusminister selbstherrlich mit einfachen Verwaltungsvorschriften ohne jede gesetzliche Grundlage agierten. Nun steht das Jahrhundertwerk allerorten zur Disposition der Verwaltungsgerichte.

Und die Aussicht, daß Bundesland für Bundesland die Richter in immer neuen und einander widersprechenden Verdikten für oder gegen Schreibweisen und Silbentrennung urteilen, daß Tausende wütender Eltern nach Wiesbadener Vorbild durch die Instanzen prozessieren, löst bei den Verfechtern der Reform Panik aus.

Bonner Politiker raten zum taktischen Rückzug. Die Reform, in den meisten Bundesländern schon angelaufen, solle sofort gestoppt werden. Der rechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Norbert Geis, denkt an ein Moratorium für ein Jahr: Es habe wenig Sinn, die Rechtschreibung im Kleinkrieg mit den Gerichten durchzupauken.

Doch genau das haben die Kultusminister offenbar vor: „Ich sehe keine Alternative“, sagt der bayerische Reformer Hans Zehetmair.

Der CSU-Politiker warnt vor einem Chaos, sollte die Reform gestoppt werden. Tausende von Schülern müßten wieder neue Regeln lernen, nämlich die alten, ebenfalls Tausende von neuen Schulbüchern, die bereits gekauft wurden, müßten eingestampft werden, von den Schulbuchverlagen drohten Schadensersatzklagen in Millionenhöhe.

Stur stellt sich auch der vom Wiesbadener Verwaltungsgericht verdonnerte hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD): „Ich kann nur beharrlich bleiben.“

Der Wiesbadener Minister warnt die Kollegen, zu wackeln. „Der bei einem Stopp folgende Ärger würde die Erleichterung bei manchen ausgleichen.“ Nun gehe es nicht mehr um die Rechtschreibung, sondern um die Verläßlichkeit staatlichen Handelns, die Ministerpräsidenten könnten doch nicht eine Reform, die sie selbst mit beschlossen hätten, einfach wiederaufheben, ohne daß es ein einziges neues Sachargument gebe.

Holzapfel hofft für sein Land auf die Beschwerdeentscheidung der nächsten Instanz, des Verwaltungsgerichtshofes in Kassel. Doch wie auch immer die ausfällt, den Kollegen in den anderen Bundesländern ist damit wenig geholfen – und die haben es in den nächsten Wochen ebenfalls mit ihren Richtern zu tun. Der Spruch von Wiesbaden, droht der Jenaer Staatsrechtsprofessor Rolf Gröschner, der vielerorts Rechtschreibkläger vertritt, „war erst der Anfang“.

Demnächst wird das Oberverwaltungsgericht in Schleswig-Holstein in einem ähnlichen Rechtsstreit entscheiden, auch ein Beschluß des Verwaltungsgerichts Hannover steht an. Weitere Klagen laufen in Mainz, Berlin, Gelsenkirchen und München.

Auch in Thüringen, wo das Verwaltungsgericht Weimar den Eilantrag einer Mutter abwies, wird noch lange nicht Frieden sein. Hier muß ebenfalls nun das Oberverwaltungsgericht urteilen.

In den Kultusministerien herrscht Festungsstimmung. Wie lange wird die Front der 16 Länderregierungen gegen die allgemeine Verunsicherung zu halten sein? Was passiert, so debattieren auch sozialdemokratische Länderregenten, wenn etwa in Hannover der Genosse Gerhard Schröder die Zahlen der Allensbach-Umfrage liest, wonach 75 Prozent der Wähler den Reformunfug anhalten wollen? Was, wenn der Populist plötzlich ausschert und kurz vor dem Beginn seines Wahlkampfs den Stopp der Neuschreibung verkündet?

Die Organisatoren der Rechtschreibreform beruhigen sich damit, daß die Kultusbürokratie, einmal in Gang gebracht, so schnell nicht mehr zu bremsen ist. Bernd-Axel Widmann von der Hamburger Schulbehörde sieht „eine große Bewegung, eine Lawine“ voranrücken, „die können Sie nicht mehr anhalten“.

In der Hansestadt wird mit Schuljahresbeginn in dieser Woche die neue Schreibweise in den ersten und fünften Klassen eingeführt. Doch schon seit vergangenem Jahr gilt ein Beschluß, wonach „die noch geltenden Regeln mit den künftig geltenden Regeln zusammen erarbeitet werden“ sollen.

Obgleich die Reform erst im August folgenden Jahres verbindlich wird – so das Übereinkommen der Kultusminister vom Herbst 1995 –, ist sie ähnlich wie in Hamburg ein bißchen und nach Gusto schon verbreitet vollzogen. Und der vorauseilende Gehorsam der Pädagogen wirkt politisch wie Beton.

Das zeigte sich vor wenigen Wochen in Bonn, wo sich Abgeordnete des Bundestagsrechtsausschusses mit Kultusbürokraten der Länder trafen, um im stillen über eine mögliche Verschiebung der Reform zu beraten.

In einem Info notierten die Parlamentarier für ihre Kollegen, daß sie von den Betonköpfen aus den Ländern geradezu brüskiert worden seien: Überlegungen zu einer möglichen Verschiebung „wurden von allen Vertretern der Kultusministerkonferenz schließlich mit der Begründung abgelehnt, es seien alle notwendigen Maßnahmen zur Einführung ... getroffen worden. Es gebe nichts Zusätzliches mehr zu veranlassen. Deshalb könne auch nicht mehr innegehalten werden“.

So „arrogant, auf hohem Roß" wie die Kultusminister, sagt der Unions-Fraktionsjustitiar Joachim Gres, habe er „selten Leute erlebt“. Gres: „Die wollen durch die Wand.“

Gres gehört zu den Unterzeichnern des Gruppenantrags von 50 Bundestagsabgeordneten, die erreichen wollen, daß das Parlament in Bonn sich gegen die Rechtschreibreform ausspricht. Der Bund selbst ist an dem umstrittenen Projekt nur am Rande beteiligt: Innenminister Manfred Kanther (CDU) hat eine Vereinbarung unterschrieben, wonach sich die Bundesregierung in ihrer Amtssprache an den neuen Regeln orientieren wird.

Doch den Bundestagsrebellen geht es ums Grundsätzliche. Der Rechtsausschuß-Vorsitzende Horst Eylmann (CDU) etwa sieht das staatliche Hineinfingern in die Orthographie als Rückfall in den Obrigkeitsstaat: „Die Sprache gehört dem Volk.“

Weil es nun um viel größere Fragen als die der richtigen Silbentrennung geht, hoffen die Kultusminister, aus ihrer Bedrängnis durch ein Machtwort des Bundesverfassungsgerichts erlöst zu werden. „Ganz schnell“, so fordert der Hannoveraner Wernstedt, müßte der Streit von Karlsruhe entschieden werden.

Doch die Karlsruher haben schon deutlich gemacht, daß sie die Sache eher lästig finden. Bereits vor einem Jahr mußten sie über eine Verfassungsbeschwerde urteilen, die der Professor Gröschner für sich und seine Tochter Alena gegen die Vereinbarung der Kultusminister erhoben hatte. Die Dringlichkeit der Sache begründete Gröschner damals mit der bevorstehenden Unterzeichnung des Rechtschreibabkommens durch Deutschland, Österreich, die Schweiz und andere deutschsprachige Staaten. Doch das Bundesverfassungsgericht erklärte die Klage für unzulässig.

Der Beschwerdeführer sei noch gar nicht selbst, unmittelbar und gegenwärtig betroffen, entschied Karlsruhe. Er solle warten, bis die neue Rechtschreibung an den Schulen wirklich eingeführt werde, und dann zunächst den Rechtsweg ausschöpfen.

Die Weisheit dieses Spruches wird von Verfassungsrechtlern mittlerweile heftig bezweifelt. Denn nun tut Gröschner, wie ihm geheißen, und klagt – als Vertreter empörter Eltern – vor zahlreichen Verwaltungsgerichten. Und der Weg zurück nach Karlsruhe wird diesmal schwierig.

Erst wenn Gröschner – für die von ihm vertretenen Kläger – vor mindestens zwei Verwaltungsgerichtsinstanzen verloren hat, kann er erneut Verfassungsbeschwerde erheben. Stellt sich Karlsruhe stur, muß er sogar bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen. Wenn er aber gewinnt, hat Karlsruhe sowieso nichts mehr zu sagen: Die Gegenseite, die Kultusminister, können keine Verfassungsbeschwerde erheben.

Gleichwohl wäre die Frage, wer unter welchen Voraussetzungen dem Volk Kommasetzung und Silbentrennung vorschreiben darf, beim Verfassungsgericht allemal besser aufgehoben als bei Richter Rainer. Denn die Rechtsprobleme im Streit um die Orthographie sind tatsächlich Neuland.

Der eigensinnige Plan der Kultusminister wirft gleich drei verfassungsrechtliche Grundsatzfragen auf:

* Wer bestimmt, was Schüler lernen müssen?

* Darf der Staat bestimmen, wie man schreibt?

* Und wenn er es darf, muß es dann der Bund oder müssen es die Länder regeln?

„Wesentliche“ Entscheidungen über die Schulbildung, so die Karlsruher Vorgabe, können nicht einfach von der Kultusbürokratie getroffen werden, sie bedürfen einer gesetzlichen Grundlage. Eine parlamentarische Legitimation sei nicht nur aus rechtsstaatlichen Gründen, sondern auch zum Schutz der Grundrechte von Eltern und Kindern erforderlich.

„Wesentlich“ war nach einem Urteil der Karlsruher Richter die Einführung des Sexualkundeunterrichts. 1977 wurde deshalb die Hansestadt Hamburg verurteilt, dafür ein ordentliches Gesetz zu erlassen. Andererseits wurde die einst leidenschaftlich umstrittene Einführung der Mengenlehre im Mathematikunterricht in den siebziger Jahren von den Gerichten als unwesentliche Entscheidung angesehen.

Handelt es sich um eine wesentliche Entscheidung, 52 Kommaregeln auf 9 zu reduzieren, „dass“ statt „daß" zu schreiben? Ja, sagt Richter Rainer. Nein, sagt etwa das Verwaltungsgericht in Weimar.

Selbst bei der obersten Instanz, auf den Fluren des Bundesverwaltungsgerichts, debattieren derzeit die Richter hitzig. Nicht im Ernst, so sagen die einen, könne man es als wesentlich bezeichnen, daß ein Schreibanfänger „dass“ statt „daß" lerne – es müsse ihm und seinen Eltern schlicht egal sein.

Nicht so ganz, sagen die anderen. Wenn die Erwachsenen, noch dazu die Dichter, bei der alten Schreibweise bleiben, bringe das Verwicklungen. Dann gelte nicht mehr der Satz, daß man in der Schule fürs Leben lerne.

Der Marburger Vater Hermann Günzel, über dessen Klage das Verwaltungsgericht Wiesbaden zu entscheiden hatte, geht sogar noch weiter. Er sieht seine „erzieherische Autorität“ dadurch untergraben, daß er selber wie ein „Erstkläßler“ die neue Rechtschreibung lernen müßte. Richter Rainer bestätigte ihm, daß sein verfassungsrechtlich geschütztes Elternrecht verletzt sei.

Günzels Einwand rührt an den Kern des großen Streits. Hinter hochtrabenden verfassungsrechtlichen Ausführungen steht oft nicht mehr als die Unlust der Erwachsenen, sich nun mit Mühe neue Rechtschreibregeln anzueignen. Ist die staatliche Enteignung für sicher gehaltener Kulturtechniken zulässig?

Der Verfassungsrichter Paul Kirchhof schrieb im „Handbuch des Staatsrechts“, es sei ein Recht der Bürger, sich gegen Sprachlenkung und Sprachbeeinflussung zu wehren. Ein obrigkeitlicher Eingriff zur „Reform der Schreibweise“ sei also nicht zulässig.

Der Frankfurter Verfassungsrechtsprofessor Erhard Denninger sieht grundsätzliche Fragen im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern berührt. „Ist die Rechtschreibung überhaupt eine Materie“, fragt Denninger mittlerweile auch in seinen Vorlesungen an der Universität, „die staatlicher Regelung zugänglich ist?“ Der Streit um ein paar Buchstaben könne vielmehr zum Beispiel dafür werden, daß es Dinge im Leben gebe, aus denen sich die Obrigkeit herauszuhalten habe. Von oben dürfe „ja auch keine neue Logik“ verordnet werden.

Wohlweislich hat sich der Staat in Deutschland aus Fragen der Rechtschreibung weitgehend herausgehalten. 1955 beschlossen die Kultusminister lediglich, vorerst die Fortschreibung des allgemeinen Schreibgebrauchs durch den Duden für allgemeinverbindlich zu erklären – eines der vielen Provisorien der Bonner Republik, mit dem auf Dauer alle zufrieden waren, die Linguisten einmal ausgenommen.

Der letzte vorsichtige Versuch, die Rechtschreibung auf Vordermann zu bringen, stammt aus dem Jahre 1901 – damals gab es in Deutschland noch einen Kaiser, und Schüler waren rechtlose Objekte der Verwaltung.

Auf einer „Orthographiekonferenz“ in Berlin trafen sich Kulturverwalter und legten eine einheitliche Rechtschreibung fest. Einzelne Veränderungen wagten sie auch – etwa die Beseitigung des allseits beliebten th zugunsten des t.

Der Geist der Kaiserzeit weht sogar durch die neue Reform. 1989 erklärte der Leiter der Kommission für Rechtschreibfragen beim Institut für deutsche Sprache, Gerhard Augst, die „Abwicklung des Vorgangs in den Jahren 1901 bis 1903“ könne „ein Muster dafür sein, wie eine neue einheitliche Rechtschreibung in allen deutschsprachigen Staaten Anfang der neunziger Jahre herbeizuführen“ sei.

Doch die Reformer unter dem Grundgesetz gehen viel weiter als die kaiserlichen Rechtschreibverwalter. Anders als damals geht es diesmal nicht nur um Vereinheitlichung, sondern um Geschmäcklerisches. Die Orthographie soll verbessert werden, nach dem Geschmack von Sprachwissenschaftlern und Kulturbürokraten.

Wenn überhaupt der Staat die Rechtschreibung verändern darf, so die Ansicht einiger Verfassungsrechtler, dann dürfe dies nur der Bund. Zwar steht die Kulturhoheit den Ländern zu – aber der Streit um die Orthographie zeigt ja zur Genüge, welche fatalen Folgen das lockere Miteinander der 16 Länder zeitigt. „Unser Föderalismus kann nicht so weit gehen“, warnt der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Rupert Scholz, von Beruf Staatsrechtsprofessor, „daß 16 Länder unter Umständen 16 verschiedene Sprachen und Rechtschreibungen beschließen.“

Die Reform sei eine „gesamtstaatliche Aufgabe“. Dafür, folgert Scholz, sei Bonn zuständig. Eine Zuständigkeit „aus der Natur der Sache“ und am Grundgesetz vorbei hat der Bund auch schon in anderen Fällen reklamiert – etwa bei der Gesetzgebung für die Stasi-Akten oder bei der Einführung des Feiertages am 3. Oktober.

Doch die Länder, ohnehin ständig in Angst um ihre Kulturbefugnisse, könnten so einen Bonner Übergriff, so befreiend er auch wäre, niemals akzeptieren. Der bedrängte hessische Kultusminister Holzapfel denkt statt dessen über Reparaturmaßnahmen aus eigener Kompetenz nach.

Für den Fall, daß er auch in der nächsten Instanz verliert, hat der Sozialdemokrat schon ein Gesetz in der Tasche. Mit der rot-grünen Regierungsmehrheit will er dann binnen weniger Tage ein eigenes Rechtschreibgesetz durchbringen, das Richter Rainers Rügen berücksichtigt.

Doch Holzapfels Notbrücke würde die Kollegen in den anderen Bundesländern unter Zugzwang bringen, gleichzeitig die gleichen Gesetze in ihren Landtagen durchzusetzen – ein unrealistisches Projekt. „Wären 16 Gesetze notwendig“, sagt der Düsseldorfer Kultusstaatssekretär Friedrich Besch, „so wäre dies der Tod der Reform.“

Zumindest Richter Rainer, mutmaßt der zornige Holzapfel, habe das wohl auch nicht anders gewollt: „Rechtsfremde Gründe“, sieht der Minister, hätten den Juristen bei seinem Spruch geleitet.

„Ich bin ja kein Politiker“, kontert der Gescholtene, „ich bin nur ein kleiner Richter.“

DER SPIEGEL 32/1997

spiegel.de 4.8.1997

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Sigmar Salzburg
15.11.2011 09.59
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Volksbegehren zur Rechtschreibreform Berlin 1999

Am 19.5.1999 druckte die Berliner Zeitung meinen Leserbrief zum drohenden Scheitern des Volksbegehrens. Er wurde hier noch nicht veröffentlicht:

Heimtückische Abstimmung

Lokales Zu „Wenige unterschreiben gegen die Rechtschreibreform“ von Fina Geschonneck (11. Mai):

Kommt es in Berlin zur Volksabstimmung, dann scheitert die Rechtschreibreform. Scheitert aber die zuvor notwendige Unterschriftenaktion, dann erweist sich das Instrument „Volksbegehren“ als absichtsvolle Fehlkonstruktion der Parteien mit dem Ziel, Volkswillen zu verhindern – nach dem bei hirntoten Organspendern angewandten Prinzip: wer nicht widersprochen hat, dem werden Organe entnommen. Nur ein demokratisch unempfindliches Gemüt kann solchem Volksbegehren „mit großer Gelassenheit“ entgegensehen, wie die Schulsenatorin Stahmer. Spätestens seit dem Scheitern der „Reform“ in Schleswig-Holstein hätten die Kultusminister ihre Zwangsmissionierung aufgeben müssen. Statt dessen setzt man darauf, daß die Bürger andere Sorgen haben, als zu Bedingungen, hundertfach schlechter als in Schleswig-Holstein, entlegene Orte zu suchen, um öffentlich Unterschriften zu leisten. Diese Art von Demokratie ähnelt doch sehr den einstmaligen „Volksdemokratien“ östlicher Prägung. Besonders heimtückisch ist: Dieser Farce die Unterschrift verweigern, heißt auf ein Stück Demokratie verzichten.
Sigmar Salzburg ...

Berliner Zeitung 19.05.1999

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Sigmar Salzburg
24.10.2011 07.40
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Staatsräson

Zu dem im vorhergehenden Artikel dargestellten beispiellosen politischen Aufwand, begleitet von abwechselnden Konferenzen von 16 Ministerpräsidenten und 16 Kultusministern mit jeweiligem staatssekretariellem Anhang, zur Belemmerung eines ganzen Volkes mit der „Rechtschreibreform“ möge man immer im Hinterkopf behalten, was die Präsidentin der Kultuministerkonferenz, Johanna Wanka, zehn Jahre später laut „Spiegel“ zugegeben hat:

Seit fünf Jahren ist Wanka Wissenschaftsministerin in Brandenburg, im Jahr 2005 war sie Präsidentin der KMK. Sie war an der Reformdiskussion nie beteiligt und sollte das Projekt mit abwickeln. Den Ministerpräsidenten wäre am liebsten, wenn sie sich mit der Reform nicht mehr befassen müssten, sie irgendwie verschwände, aber es geht auch um Selbstachtung. Niemand will öffentlich eingestehen, dem Land eine Reform zugemutet zu haben, die sinnlos war, vielleicht sogar schädlich.

Wanka sitzt in einer Ecke des Restaurants Borchardt in Berlin und stochert in ihrem Essen. Sie redet über die Pisa-Studie, über das Problem mit der Hochschulfinanzierung. Sie macht eine kleine Pause. „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war“, sagt sie. Sie sieht auf ihren Teller: „Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“

Es ist ein erstaunlicher Satz. Es ist das Eingeständnis einer großen Niederlage.

Spiegel 2.1.2006

Nun sind die Regierenden froh, daß die Zeitungen und sonstigen Medien untertänigst bei der Dauer-Zwangsmissionierung der Bevölkerung mitwirken.

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Sigmar Salzburg
23.10.2011 09.39
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Konferenz der 16 Ministerpräsidenten am 25.-27.10.1995 in Lübeck

Den Länderchefs wird Labskaus serviert.
Lübeck – Die 16 Ministerpräsidenten kommen zum Gipfel nach Lübeck. Die Willy-Brandt-Allee wird zur Regierungsmeile… Alle 16 Jahre hat Schleswig-Holstein den Vorsitz inne und ist Gastgeber. Zuletzt tagten die Regierungschefs 1995 in Lübeck. Damals ging es um die Rechtschreibreform...
ln-online.de 23.10.2011

Der Spiegel schickte am 23.10.1995 einen großen Artikel voraus (beispielhaft in Reformschreibung):

Rechtschreibung

Neue Regeln: Jetzt oder nie

Die Reform der Rechtschreibung steht auf der Kippe, diese Woche entscheiden die 16 Länderchefs. In den Medien und in der Bevölkerung wächst die Stimmung gegen das umstrittene Reformwerk. Worum es wirklich geht, wissen noch immer nur wenige Bundesbürger. Der folgende Beitrag zeigt, wie sich die Reform auf Texte auswirken würde: Er ist nach den neuen Regeln geschrieben – abgesehen von den kursiv gesetzten Beispielen.


Es steht 50 zu 50, ob es zu einer Rechtschreibreform kommt.“ Größere Chancen gibt Sachsens Kultusminister Matthias Rößler dem Projekt nicht, das sieben Jahre lang vorbereitet wurde und seit einigen Wochen das meistdiskutierte Bildungs- und Schulthema ist.

Entschieden wird diese Woche in Lübeck von den Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer, wie es der thüringische Regierungschef Bernhard Vogel beantragt hat.

Nur selten war den Länderchefs ein Thema aus dem Bereich ihrer Kultusminister so wichtig, dass sie sich selbst damit befasst haben – wie mit der Öffnung der Hochschulen für möglichst viele Abiturienten.

Die Rechtschreibung steht zum ersten Mal auf der Tagesordnung der Regierungschefs, und vermutlich werden sie auch Details erörtern, die bis vor kurzem sogar ihren Kultusministern fremd waren.

In den vielen Artikeln, die in letzter Zeit über die Reform geschrieben wurden, standen immer wieder umstrittene Wörter wie Rytmus und Teke, Tron und Katastrofe. Noch immer wissen die meisten Deutschen nicht, dass es vor allem um ganz andere Neuerungen geht. Die wichtigsten: Es soll
* mehr getrennt als zusammen, mehr groß als klein
geschrieben werden,
* mehr Freiheit geben, Kommas zu setzen oder darauf
zu verzichten,
* ß häufig durch ss ersetzt werden (nach kurzem
Vokal),
* die Konjunktion daß künftig dass geschrieben
werden,
* s-t wie s-p getrennt und eine uralte
Pennäler-Parole annulliert werden („Trenne nie st, denn
es tut ihm weh“),
* erlaubt werden, Silben so zu trennen wie sie
gesprochen werden, also Chirurg neben (wie bisher)
Chir-urg, Inte-resse neben Inter-esse, Pä-dagoge neben
Päd-agoge,
* in einigen Fremdwörtern t durch z ersetzt werden,
substantiell wird substanziell, potentiell wird
potenziell, existentiell wird existenziell.

Erst wenn die Ministerpräsidenten die Reform gebilligt haben, kann die Konferenz der Kultusminister (KMK) wieder tätig werden.

Die Reform wäre gescheitert, wenn nur ein einziger Regierungschef sie ablehnte. Er würde seinen Kultusminister zum gleichen Votum verpflichten und die stets einstimmig entscheidende KMK könnte keinen Beschluss fassen.

Bis Ende vergangener Woche hatten sich die meisten Regierungschefs so wenig festgelegt wie Niedersachsens Gerhard Schröder, der das Thema intern _(* Am 28. September in den ) _(Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale. )

mit seinen Ministern erörtert hat. Das Kabinett sollte eine Vorlage des Kultusministers und Reformanhängers Rolf Wernstedt „zustimmend zur Kenntnis“ nehmen, Schröder ließ „zustimmend“ streichen: „Die Argumente für die Reform kann ich im Kopf nachvollziehen, aber nicht im Bauch.“

Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen hat in einer Presseerklärung weder Ja noch Nein zur Reform gesagt, sondern nur versichert, er stehe ihr „grundsätzlich mit Offenheit gegenüber“.

Aus Thüringens Hauptstadt Erfurt kamen konträre Signale. Vogels Versicherung, er wolle die Reform nicht verhindern, wirkte wie ein Lippenbekenntnis angesichts seiner gewichtigen Einwände: Die „erheblichen finanziellen Auswirkungen“ müsse man noch mal überdenken, die Bevölkerung sei „ziemlich unvorbereitet“, die Sache dürfe nicht „im Eiltempo durchgeboxt“ werden.

Sein Kultusminister Dieter Althaus hingegen ist zur Reform entschlossen: „Ich hoffe, dass sie kommt, und ich bin dafür, dass sie noch in diesem Jahr beschlossen wird.“ Er glaubt sich in dieser Hinsicht mit seinem Chef Vogel „völlig einig“.

Monatelang haben die Kultusminister die Rechtschreibreform verschlafen, seit sie im November 1994 auf einer Konferenz in Wien beschlossen wurde – schon endgültig von Österreich, der Schweiz und acht Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten, hingegen von der deutschen Delegation mit dem Vorbehalt, dass die KMK sie noch billigen müsse.

Aufgeschreckt wurden die Minister erst, als ihr bayerischer Kollege Hans Zehetmair drei Wochen vor der zunächst für den 28. September angekündigten KMK-Entscheidung einen Aufschub erzwang, in einem SPIEGEL-Gespräch (37/1995) letzte Änderungswünsche begründete und „einen gewaltigen medialen Donnerhall“ auslöste (so Zehetmair selber).

Nun wollen die Minister die Reform noch in diesem Jahr beschließen, obwohl die Zeit knapp geworden ist. Wie immer in Notfällen beauftragten sie eine Arbeitsgruppe mit Rettungsarbeiten. Diesmal leitet sie der Düsseldorfer Staatssekretär Friedrich Besch. Über einen Vorschlag dieser Gruppe, was an dem 270 Seiten starken Reformwerk noch geändert werden soll, will die KMK auf ihrer nächsten Sitzung am 30. November in Mainz befinden. Und im Dezember oder Januar soll dann in Wien ein Abkommen mit Österreich und der Schweiz unterzeichnet werden.

Ob es so weit kommt, hängt nicht nur davon ab, wie sich zuvor die 16 Regierungschefs entscheiden.

Die Vorsitzenden von fünf westdeutschen CDU-Landtagsfraktionen haben gefordert, dass alle Landesparlamente der Reform zustimmen müssten. Der Jenaer Juraprofessor Rolf Gröschner meint sogar, die Kultusminister dürften die Reform gar nicht per Erlass in Kraft setzen, vielmehr müsse jeder Landtag ein Gesetz beschließen; das lasse sich notfalls per Gerichtsentscheid erreichen.

Dazu Besch: „Wären 16 Gesetze notwendig, so wäre dies der Tod der Reform.“ Alle Kultusminister sind sich einig, „dass eine gesetzliche Ermächtigung nicht erforderlich ist, weil diese Neuregelung nur behutsam in den Schreibgebrauch eingreift“ – so Rosemarie Raab, Hamburger Schulsenatorin und derzeit KMK-Präsidentin.

Eine andere Gefahr schien in Bonn heraufzuziehen, als Bundeskanzler Helmut Kohl das Thema aufgriff und bei seinem Innenminister Manfred Kanther eine Kabinettsvorlage bestellte. Der Innenminister ist für die Amtssprache in den Bundesbehörden und deshalb auch für die Rechtschreibung zuständig. Kanther erklärte die Reform für notwendig: „Angesichts des langjährigen Vorlaufs ist ein ,Ausstieg'' der Bundesrepublik Deutschland nicht zu empfehlen.“ Der Kanzler war''s zufrieden, einstweilen jedenfalls.

Ungewiss ist, ob Österreich und die Schweiz deutsche Sonderwünsche hinnehmen werden. Die Nachbarn haben signalisiert, dass bei substanziellen Änderungen im nächsten Jahr neu verhandelt werden müsse. Die Reform würde dann auf die lange Bank geschoben. Insider sind überzeugt, dass sie entweder jetzt, also in diesem Jahr, oder nie zustande kommt.

Gefährdet wird das Projekt vor allem durch einen starken bundesdeutschen Trend: In den Medien und in der Bevölkerung breitet sich eine Stimmung gegen die Reform aus. Und Politikern fällt eine Entscheidung umso schwerer, je unpopulärer sie ist.

„Viele Kultusminister haben die Sprengkraft dieses Themas unterschätzt“, rügte Niedersachse Wernstedt seine Kollegen. Und Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel beobachtete in den letzten Wochen, „dass sich die Ansichten zusehends polarisieren. Die einen meinen, dass man all dies der Sprache nicht antun darf, den anderen geht die Reform nicht weit genug“.

Noch vor ein paar Monaten stand der Kölner Stadt-Anzeiger mit seiner strikten Ablehnung („Demontage der deutschen Schriftsprache“) ziemlich allein, neuerdings wird auch in anderen Blättern dafür plädiert, dass alles beim Alten bleibt.

Die Frankfurter Allgemeine ist umgeschwenkt. Nach der Konferenz in Wien ließ sie ihren dorthin entsandten Redakteur öffentlich erklären, seine Redaktion werde die Reform unterstützen. Auf Seite eins feierte die Zeitung den Wiener Beschluss als „Sieg der Eindeutigkeit, Verständlichkeit und Differenziertheit“.

Vorigen Monat aber ließ sie das Reformwerk von dem französischen Germanisten Jean-Marie Zemb auf einer Sonderseite zerpflücken („Diese Rechtschreibreform ist zu einem großen Teil Unfug“). Wenig später befand die Redaktion sogar: „Zwingend ist an dieser Reform nichts.“

Die meisten Deutschen konnten sich bislang kein eigenes Urteil bilden. Sie wurden nicht nur schlecht, sondern sogar falsch informiert.

Den Anfang machte Wolf Schneider, der ein halbes Dutzend Sprach-Bücher geschrieben hat und sich in der Rolle eines Deutschlehrers der Nation gefällt. Nach dem Wiener Kongress im November 1994 erläuterte er in der Woche die Reform an einigen Beispielen, die Hälfte war falsch.

Seit Schneider irrtümlich behauptete, statt Philosophie werde künftig Filosofie verlangt, macht dieses Schreckenswort die Runde.

In einer Broschüre des Dudenverlags, von der eine halbe Million Exemplare verschenkt, verkauft oder dem Duden beigeheftet wurden, wimmelt es auf den wichtigsten Seiten von sachlichen, irreführenden Fehlern.

Und niemand bot so viel Desinformation wie die Frankfurter Rundschau in zwei Sätzen:
" So lesen wir künftig Hegels filosofische "
" Fänomenologie als kaotisches Labyrint. Es ist eine "
" fantasievolle Metafysik, ein triumfales Alfabet des "
" Geistes, das alle Sympatie verdient. "

Außer Alfabet wird nichts davon vorgeschlagen und fantasievoll erlaubt schon der Duden.

Über die Kosten des Vorhabens werden astronomische Zahlen verbreitet. Die Reform erfordere „einen nur noch mit den Kosten der Wiedervereinigung vergleichbaren finanziellen Kraftakt“, fantasierte der Bundesverband für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik. Der Verband der Schulbuchverlage nannte bei einem KMK-Hearing 5 bis 10 Milliarden Mark als mutmaßliche Mehrkosten für Schulbücher und ging später auf 300 Millionen Mark herunter. Mit der Wirklichkeit haben diese Zahlen nichts zu tun.

Schulbücher kosten jährlich knapp 800 Millionen Mark und werden zu zwei Dritteln aus öffentlichen Kassen, zu einem Drittel von den Eltern bezahlt. Hessens Kultusminister Holzapfel glaubt, die Reform lasse sich, was die Schulen betrifft, „fast ohne Mehrkosten verwirklichen“.

Sein sächsischer Kollege Rößler hingegen „schließt nicht aus, dass wegen zu hoher Kosten auf die Reform verzichtet werden muss“. Rößler weiter: „Weil es nur um ein Reförmchen geht, kann man sich schon fragen, ob Aufwand und Nutzen im richtigen Verhältnis stehen.“

Präzise vermag niemand die Kosten der Umstellung im Voraus zu beziffern, aber sie dürften relativ niedrig sein.

Schulbücher haben im Allgemeinen eine Lebensdauer von drei bis fünf Jahren und bei diesem Rhythmus soll es in etwa bleiben. Deshalb ist für die Schulen eine Übergangszeit von vier Schuljahren vorgesehen. Käme man nicht zurecht, müsste man nach Meinung des thüringischen Kultusministers Althaus „die Übergangszeit strecken, von vier auf maximal zehn Jahre“. Sein Resümee: „Die Kosten sind zu bewältigen.“

Anders als die Schüler würden sich die älteren Deutschen nicht allmählich, sondern schnell umstellen müssen, wenn sie nicht die ganze Reform ignorieren wollen. Ein neuer Duden würde schon kurz nach einem KMK-Beschluss erscheinen, Redaktionen und Buchverlage würden wahrscheinlich alsbald ihre Texte nach den neuen Regeln schreiben und drucken.

Weil immer wieder primitiv wirkende Wörter wie Astma und Apoteke in den Zeitungen stehen, glauben viele, es werde nach der Reform eine verkehrte Welt geben – die Schlauen wären dann die Dummen. Typischer Leserbrief eines Deutschlehrers in der Süddeutschen Zeitung: „Weil viele etwas falsch machen, wird das Falsche zur Vorschrift erhoben.“

Aber eingedeutschte Fremdwörter ständen nur selten in Zeitungen und Büchern. Zumeist würden sie nur zusätzlich erlaubt, um sie „anzubieten“ – so die Idee der Reformer – und zu sehen, ob die alten Schreibweisen populärer bleiben oder sich die neuen allmählich durchsetzen. Es ist zwar, wie Germanist Zemb rügt, „ein Schildbürgerstreich, wenn man neue Varianten einführt und zugleich empfiehlt, davon keinen Gebrauch zu machen“. Aber nur Lehrer und Schüler müssten ihre Zeit damit verplempern. Die meisten Erwachsenen würden das gar nicht wahrnehmen.

„Die Veränderungen im Schriftbild würden meist kaum bemerkt werden“, meint der Göttinger Verleger Arndt Ruprecht, seit vielen Jahren Rechtschreibexperte des „Börsenvereins des Deutschen Buchhandels“, „Bücher im jetzt geläufigen Schriftbild würden deshalb allgemein nicht veraltet wirken.“

Schon gedruckte Sachbücher und Romane könnten noch jahrelang verkauft werden. Auch die Vorräte an Schullektüre, von Schillers „Tell“ bis Kafkas „Verwandlung“, würden nicht zu Makulatur. Ein Massendruck neuer Formulare wäre Geldverschwendung. KMK-Meinung: „Vorliegende Bestände können aufgebraucht werden.“

Wie notwendig die Reform ist, lässt sich an herkömmlichen Texten kaum erkennen, die wie dieser Beitrag nach den neuen Regeln geschrieben sind. Das wird erst deutlich, wenn man anhand von Beispielsätzen die komplizierten, _(* Bei der Schlussredaktion des neuen ) _(Regelwerks im Mannheimer Institut für ) _(deutsche Sprache. Sitzend: Peter ) _(Gallmann (Zürich), Burkhard Schaeder ) _((Siegen); stehend: Gerhard Augst ) _((Siegen), Klaus Heller (Mannheim). )

oft sogar unsinnigen Duden-Regeln mit den neuen vergleicht (siehe Kästen Seiten 102 und 103).

Vor allem Lehrer und Schüler hätten den Nutzen, wenn es nur noch halb so viele und bessere Regeln gäbe. Niedersachsens Kultusminister Wernstedt bedauert deshalb, „dass viele Erwachsene nur an sich und ihr eigenes Umlernen denken und nicht an die Kinder, denen die Reform Erleichterung und nicht Niveauverfall bringen würde“.

Viele Lehrer machen die gleichen Erfahrungen wie die Lehrerin an einer rheinischen Hauptschule, die für den SPIEGEL einer fünften Klasse einen relativ einfachen Text diktierte. 17 von 20 Mädchen und Jungen schrieben entscheitent oder endscheident, 14 schüttelten jemanden die Hand, ebenso viele wussten nicht, was bei körperlicher und seelischer Verfassung groß und was klein geschrieben wird. Es gab auch absulut, ehnlich und geferlich, Mänge statt Menge, henkt statt hängt. Der Durchschnitt: 11 Rechtschreib- und 6 Kommafehler, Note 4,9.

In Abitur-Arbeiten, die dieses Jahr an einem Düsseldorfer Gymnasium geschrieben wurden, stehen im Schnitt auf jeder Seite ein bis zwei Fehler, bei Teilnehmern eines Deutsch-Leistungskurses zum Beispiel Beeinflußung und Höhrer, vormuliert und gespührt.

Diese Misere an den Schulen ist den meisten Kultus-Chefs und den durchweg als Professoren tätigen Reformern fremd. Sonst hätten sie spätestens in der Schlussphase aus dem Reformvorschlag einige nicht praktikable Neuerungen entfernt.

Stattdessen haben sich die Kultusminister diskret darauf geeinigt, an den 112 neuen Regeln gar nichts und an den neuen Schreibweisen von Wörtern möglichst wenig zu ändern.

Und Bayerns Zehetmair, der schärfste Kritiker unter den Ministern, hat sich daran gehalten und seine Einwände auf drei Punkte reduziert:

Bei Fremdwörtern dürfe es keine Schreibweisen wie Alfabet und Apoteke, Rytmus und Reuma, Katastrofe und Diskotek geben.

Fehde dürfe nicht durch Fede, Frevel nicht durch Frefel, Thron nicht durch Tron ersetzt werden.

Und den kleingeschriebenen heiligen Vater, über den sich Zehetmair in seinem SPIEGEL-Gespräch entsetzte und der mittlerweile ein Knüller für Kabarettisten geworden ist, erklärt er zu einem Irrtum der Reformer: Dieser Papst-Titel gehöre in eine Gruppe nicht mit dem schwarzen Peter, sondern mit der Königlichen Hoheit.

Mehrere andere Neuerungen will Zehetmair hinnehmen, obwohl er sie für „absurd“, „falsch“ oder „weltfremd“ erklärt hat.

Die Arbeitsgruppe des Düsseldorfer Staatssekretärs Besch machte sich vorige Woche alle Einwände Zehetmairs zu Eigen. Mithin werden (wenn die KMK so beschließt wie Besch es ihr vorschlägt) nur Fremdwörter eingedeutscht, bei denen sich eine entsprechende Entwicklung schon angebahnt hat. So wird es Paragraf neben Paragraph, Diktafon neben Diktaphon, Geografie neben Geographie geben. Aber durchweg wird die neue Schreibweise nur zusätzlich erlaubt, in Zeitungen und Büchern werden diese Wörter geschrieben wie bisher.

Besch bestand auf einigen Änderungen, auf die Zehetmair verzichtet hatte. Die wichtigste: Es kommt nicht zu Packet, es bleibt bei Paket. Triftige Gründe sprechen gegen diese Neuerung (siehe Kasten Seite 108).

Auch anderen Unsinn entfernte die KMK-Arbeitsgruppe aus dem Reformwerk. Willkürlich hatte angemutet, wie die Reformer Konsonanten verdoppeln wollten. Karosse sollte zu Karrosse werden, aber Karussell sollte Karussell bleiben. Und eher platt- als hochdeutsch wirkten Pott statt Pot, Jackpott statt Jackpot.

All dies wurde gestrichen, und auch Zigarrette statt Zigarette wird es nicht geben. Aber dem Besch-Team fehlte der Mut auch noch zu verhindern, dass aus dem Tip ein Tipp wird – schwer zu begreifen, denn der Hit bleibt Hit und fit bleibt fit.

Kein Zweifel, nach der Besch-Revision ist das Reformwerk akzeptabler geworden. Die Regierungschefs werden Anfang dieser Woche informiert, bevor sie zu ihrer Tagung nach Lübeck aufbrechen – um die Chancen zu erhöhen, dass sie die Reform nicht kippen, sondern sich mit einer landesväterlichen Ermahnung an die Kultusminister begnügen, das Projekt behutsam zu verwirklichen.

Die meisten Neuerungen sind vernünftig und notwendig, einige weiterhin unsinnig oder überflüssig. Werden sie nicht auch noch entfernt, wird den Deutschen im Allgemeinen und den Schülern und Lehrern im Besonderen der Umgang mit den neuen Regeln und Wörtern unnötig erschwert.

Überfrachtet ist das Reformwerk mit einigen hundert Doppelschreibungen, die es nicht nur in der Übergangszeit, sondern auf Dauer geben soll; nur wenige sind sinnvoll. Vergebens haben Schulpraktiker bei einem KMK-Hearing 1993 gewarnt, zu viele Doppelschreibungen würden „bei Schülern zu Verunsicherungen führen und den Anschein der Beliebigkeit von Regeln erwecken“.

Keinen Sinn haben zum Beispiel die Doppel so dass und sodass, aufwendig und aufwändig, selbständig und selbstständig.

Bei ihrem intensiven Bemühen, „die gleiche Schreibung aller Wörter einer Wortfamilie sicherzustellen“, fehlte es den Autoren des Regelwerks offenkundig an Sprachgefühl.

Aus behende soll behände werden, weil das Wort mit Hand verwandt ist. Aber daran denkt niemand, der behende als Synonym für flink gebraucht. Künftig wäre das nicht mehr so frei möglich wie bisher, keiner dürfte noch Sätze wie diesen schreiben: „Sie eilte behänden Fußes davon.“

Wenn gräulich statt greulich eingeführt würde, wüsste man nicht, ob mit einem gräulichen Kleid dessen Farbe oder der Geschmack der Dame gemeint ist.

Und die Neuerer kümmerten sich sogar um Wortfamilien, die es gar nicht gibt. Aus verbleuen soll verbläuen, aus belemmert soll belämmert, aus Quentchen soll Quäntchen werden, weil das erste Wort mit blau, das zweite mit Lamm, das dritte mit Quantum verwandt sei. Nichts davon stimmt.

Angeblich hat sich im Laufe der Jahrhunderte der Irrtum verbreitet, die Wörter hätten diesen Stamm. „Volksetymologie“ nennen die Sprachforscher diesen Irrglauben, aber das Volk weiß davon nichts.

Allzu eifrig waren die Reformer bemüht, Fremdwörter zu integrieren. Sie schreckten nicht mal davor zurück, Holocaust einzudeutschen: zu Holokaust.

Am schwersten trifft es zusammengesetzte Wörter aus dem Englischen.

Was getrennt war, wird zusammengeführt: Bislang gab es wie im Englischen Centre Court, Blue Jeans, Big Band und Compact Disc, künftig soll es im Deutschen stattdessen Centrecourt, Bluejeans, Bigband und Compactdisc geben.

Hat ein Wort einen Bindestrich, so wird er entfernt: Bislang gab es Art-director und Chewing-gum, künftig soll es Artdirector und Chewinggum geben.

Hat ein Wort keinen Bindestrich, so bekommt es nun einen: Bislang gab es Playback und Countdown, künftig soll es Play-back und Count-down geben.

Da hilft es nicht, dass meist die alten Schreibweisen nebenher erlaubt bleiben sollen. Entscheidend ist, was in den Zeitungen und Büchern steht. Und da würde alles anders, nichts besser.

All dies, vom behänden Fuß bis zum Eindeutschen gängiger Anglizismen, ließe sich aus dem Reformentwurf entfernen, ohne dass eine einzige Regel geändert werden müsste.

Und was geschieht, wenn die Reform doch scheitert? Die Antwort der KMK-Präsidentin Rosemarie Raab:

„Dann würde es ganz sicher in den nächsten Jahren keinen neuen Reformvorschlag geben. Es würde auf sehr lange Zeit bei der äußerst unbefriedigenden heutigen Regelung bleiben, dass die Dudenredaktion darüber entscheidet, wie sich die Rechtschreibung verändert.“ Y

„Weil viele Fehler machen, wird das Falsche zur Vorschrift erhoben“

Vieles ist vernünftig, manches unsinnig oder überflüssig
[Grafiktext]

Groß- und Kleinschreibung
Zeichensetzung
Buchstaben

[GrafiktextEnde]

• Am 28. September in den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale. * Bei der Schlussredaktion des neuen Regelwerks im Mannheimer Institut für deutsche Sprache. Sitzend: Peter Gallmann (Zürich), Burkhard Schaeder (Siegen); stehend: Gerhard Augst (Siegen), Klaus Heller (Mannheim).

spiegel.de 23.10.1995

[Die Kursivierungen sind schon im originalen Spiegel-Scan verlorengegangen.]


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Sigmar Salzburg
19.07.2011 10.38
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Journaille

Zwei Tage nach dem Volksentscheid in Schleswig-Holstein erschien am 29.9.1998 in der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar von Cornelia Bolesch, der für die unter „fortschrittlichen“ Journalisten herrschende Reformverblendung und den demokratieverächtlichen Durchsetzungseifer beispielhaft war und wohl noch ist:

Sprachinsel zwischen den Meeren

Eines möchte man jetzt auf keinen Fall sein: Lehrer an einer Schule in Schleswig-Holstein. Seit zwei Jahren werden dort die Kinder bereits in der neuen Rechtschreibung unterrichtet wie in den anderen Bundesländern auch. Es galt eine großzügige Übergangsfrist, die den Wechsel von den alten zu den neuen Regeln erleichtern soll. Doch „das Volk“ hat dieser Politik jetzt einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im Norden muß künftig wieder die alte Rechtschreibung gebüffelt werden. Nur die notwendigen Bücher werden dazu fehlen.

Der glanzvolle Sieg der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ wird so zu einem markanten Beispiel für die Schattenseiten der direkten Demokratie. Denn die Missionare im Dienst der herkömmlichen Rechtschreibung haben sich offenbar nicht darum gekümmert, welche konkreten Auswirkungen ihre Abstimmung im Unterricht haben wird: Die neuen Schreibweisen dürfen nicht mehr gelehrt und geübt werden. Gleichzeitig wird es für Schleswig-Holstein aber fast nur Schulbücher mit der neuen Schreibweise geben ¹), weil die Verlage sich die Produktion erschwinglicher Sonderausgaben für ein einziges Bundesland nicht leisten können. Die Hauptlast dieser absurden Entwicklung tragen die Lehrer. Sie werden ihren Schülern zum Beispiel erklären müssen, daß der König nur in Schleswig-Holstein in einem Schloß wohnt, doch überall sonst in einem Schloss.

Die Hoffnung der Reformgegner, ihr Votum könne die neue Rechtschreibung in ganz Deutschland zu Fall bringen, scheint trügerisch. So haben sie mit einem unbarmherzigen Bürgervotum ihre Kinder im Land zwischen den Meeren auf eine Sprachinsel verbannt. Cob

¹) 10 Jahre später war noch die Hälfte der schuleigenen Schulbücher meiner Kinder herkömmlich gedruckt!

Auch ich hatte damals postwendend einen Leserbrief verfaßt und dabei die hinterhältige Denunziation „Missionare“ aufgespießt:

„Geradezu absurd wird der Kommentar, wenn er Gegner von Veränderungen der gewohnten Verhältnisse als Missionare einzustufen beliebt. Dieses Etikett trifft doch wohl eher für das kleine Häuflein ideologisch und quasireligiös motivierter Reform-Aktivisten zu, die seit langem Veränderungen der Rechtschreibung mit missionarischem Eifer betreiben und dafür selbst eine Beschädigung des Ansehens der Demokratie in Kauf nehmen.“

Das wird jetzt nochmals von Th. Ickler untermauert, der alte Zeugnisse der Arbeit der Reformersekte aufgespürt hat – zehn Jahre, bevor sie sich den Auftrag dazu von den Kultusministern „holen“ konnte:

„Man liest diese alten Dokumente mit sehr gemischten Gefühlen. Was für seltsame Zirkel es geschafft haben, die ganze deutsche Sprachgemeinschaft zu belästigen!“

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Norbert Lindenthal
23.06.2011 15.03
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Re: SPIEGEL v. 4.8.1997

Zitat:
Ursprünglich eingetragen von Sigmar Salzburg
… Jüngst griff selbst Kanzler Kohl das Zitat auf und ließ durchblicken, er halte von der Neuregelung „gar nichts“.

Ausgerechnet Helmut Kohl hier als Reformgegner zu installieren! Ende 1995, als Zehetmair als bayerischer Kultusminister die frischgedruckte Dudenauflage zum Altpapier beförderte, schwang sich Helmut Kohl zum großen Koordinator mit Gesprächen bis ins Frühjahr 1996 auf. Und ich schöpfte Mut, die nur so genannte Reform könne noch erkannt werden als das, was sie wirklich ist.

Ach, wenn doch Matthias Dräger (auch heute noch) seine ganz persönliche Geldpolitik mal offenlegen würde. Bertelsmann bekam 30 Pfennig je abgeschriebene Anschrift (von Reformgegnern), seine eigentlichen Helfer werden später vors Gericht geschleift.

Dieser Spiegelartikel könnte ob seiner enormen gesellschaftlichen Akzeptanz zum Angelpunkt einer verlinkenden Netzseite werden, wo zu den Hintergründen mehr zusammengetragen und deshalb auch klarergestellt werden kann. Dieses Internet von 2011 gab es 1997 noch nicht. 1997 gab es ein höchst erfolgreiches Volksbegehren in Schleswig-Holstein (über das im Spiegel nicht wirklich fair berichtet wurde).

Zum niedersächsischen dreistufigen Volksentscheid ist vieles, aber nicht alles gesagt. Wernstedt kann in diesem Spiegelartikel von 1997 noch als Edelmann dargestellt werden.


__________________
Norbert Lindenthal

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Sigmar Salzburg
23.06.2011 14.04
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SPIEGEL v. 4.8.1997

In die Falle gelaufen

Von Saltzwedel,

Ratlose Eltern, empörte Autoren, Verleger vor dem finanziellen Ruin – die Neuregelung der deutschen Orthographie ist zur teuren Groteske verkommen. Ob der anschwellende Volkszorn das unausgegorene Regelwerk zu Fall bringt oder nicht, das Chaos ist schon jetzt perfekt.

[Bild]
Peter Gallmann (Zürich), Gerhard Augst und Burkhard Schaeder (Siegen), Klaus Heller (Mannheim) und Ministerialrätin Helene Lipowsky bei der Feinabstimmung des Reformpapiers im März 1995.

Wenn Wolfgang Grudda abends heimkommt, wartet auf ihn neuerdings noch eine besondere Arbeit. „Benedikt kommt demnächst in die dritte Klasse, er ist eine ziemliche Leseratte“, sagt der Familienvater aus einem Nest bei Iserlohn. „Und ich kann keine schlüssige Antwort geben auf seine Fragen, warum denn die Lehrerin etwas anderes lehrt, als es in den Büchern und Heften der Schulbibliothek und des Elternhauses geschrieben steht. Die Antwort 'Weil die Politiker das so wollen' akzeptiert er nicht.“

So beugt Grudda senior sich schon mal übers Schulheft und korrigiert mit seinem Sohn „die Fehler, die ihm im Laufe des Tages von den Lehrern vermittelt wurden“ – manchmal hat der Junge die Unstimmigkeiten vorher selbst entdeckt. Glück für Benedikt: Noch unternimmt seine Lehrerin, die dem Erlaß ihres Kultusministers wie viele Kollegen mehr gefügig als begierig folgt, nichts gegen die Familien-Opposition. Immerhin ist Vater Grudda Elternvertreter der Klasse und will demnächst in der Schulpflegschaft gegen die neuen Regeln „aktiv werden“.

Hilde Barth hat diesen Schritt schon getan. Zweimal bereits wurde die Lehrerin aus Reutlingen vom Schulrat zu einem „Dienstgespräch“ einbestellt, nur weil sie sich weigert, nach Rechtschreibregeln zu unterrichten, die amtlich ohnehin erst vom 1. August 1998 an gültig sein und bis dahin zudem noch nachgebessert werden sollen. „Die Eltern ärgern sich schwarz. Die sagen: 'Das ist doch jetzt schon alles überholt'", meint die Reformgegnerin, der bei weiterer Weigerung ein Disziplinarverfahren, ja sogar Berufsverbot drohen könnte.

Ob ein Buchhändler seinen Job verliert, weil er Kunden vom neuen Duden abrät, oder ein Beamter der hannoverschen Bezirksregierung Amtsschreiben mit einem Stempel versieht, daß „auf Grund der unklaren, unübersichtlichen und nicht mehr über- und durchschaubaren Lage“ in Sachen Orthographie „keine Korrektur“ mehr stattfinde: Kaum ein Tag vergeht, an dem die Rechtschreibreform nicht neue Grotesken hervorbringt. „Die Situation ist verkorkst“, sagt Wolfgang Balk, Chef des Deutschen Taschenbuch Verlages in München, dessen Lektoren seit kurzem ihre „Junior“-Reihe mit Schreibungen von „dass“ bis „Känguru“ ausstatten müssen.

In Schulen und Verlagsstuben, Buchhandlungen, Werbebüros und Setzereien, überall bestätigt sich, was Skeptiker seit langem erwarteten: Statt Klarheit zu schaffen, hat die Rechtschreibreform Verwirrung und Unmut gestiftet – in einem Ausmaß, das ihren geplanten Nutzen schon jetzt deutlich überwiegt. Nach den widersprüchlichen Urteilen von Wiesbaden und Weimar haben viele Reformgegner Hoffnung geschöpft, daß das Regelwerk bald dort landen werde, wo es für sie seit seinem Beschluß Ende November 1995 ohnehin besser gleich geendet hätte: auf dem Müll.

Doch selbst die eifrigsten Aktivisten hatten unterschätzt, welche Mühe es kosten könnte, aus verhaltenem Ärger eine Welle des Protests zu machen. Was 1954 noch als Slapstick-Nummer vorüberhuschte – damals verschwand ein Reformvorschlag nach wenigen Tagen öffentlichen Hohngelächters wieder in den Schubladen –, hat sich diesmal zur Staatsaffäre entwickelt.

Hauptgrund für das veränderte Szenario ist, daß die Gegner der neuen Orthographie sich sammelten, als es schien, daß an ihrer Einführung schon nicht mehr zu rütteln sei. Erst mit der „Frankfurter Erklärung“ Anfang Oktober 1996, in der Privatleute, Publizisten und vor allem viele Schriftsteller sich gegen die schon im Juli international besiegelte Neuordnung wandten, kam der Widerspruch in Gang. Das Papier gegen die "überflüssige, aber milliardenteure“ Aktion, entworfen von dem Weilheimer Deutschlehrer Friedrich Denk, stellte alle vorherigen Einwände in den Schatten (SPIEGEL 42/1996).

Zwar hatte etwa die konservative FRANKFURTER ALLGEMEINE schon lange zuvor Experten gegen sprachgeschichtlich fragwürdige und pädagogisch halbherzige Lösungen des Regelwerks aufgeboten. In einer Artikelserie wies der schlagfertige Pariser Linguist Jean-Marie Zemb schließlich sogar Tag für Tag auf Unstimmigkeiten der sogenannten (oder, nach neuer Schreibung, „so genannten“) Reform hin. Aber erst Denks Aufruf, ausgelöst durch das Entsetzen seines Sohnes über die Neusprech-Schreckensvisionen in Orwells Roman „1984“, ließ viele Sprachfreunde prüfen, welche Neuerungen überhaupt anstanden.

Ursprünglich hatten die seit Jahren tagenden Experten das Gestrüpp grammatikalischer Sonderfälle zurückschneiden wollen – am liebsten bis zur gemäßigten Kleinschreibung. Amtlich blieb von den Entwürfen übrig, daß vor allem

* mehr getrennt als zusammen (Rad fahren statt radfahren) und mehr groß als klein (Schuld geben statt schuld geben) geschrieben werden solle;

* Kommata freier gesetzt werden könnten;

* ß nach kurzem Vokal in ss ausgetauscht werden solle (dass statt daß);

* s-t wie s-p getrennt werden müsse (Wes-te statt We-ste) und

* überhaupt möglichst stets so getrennt werden solle, wie die Silben gesprochen würden (Zu-cker statt Zuk-ker, da-rauf statt dar-auf).

Doch so plausibel die Vorschläge auf den ersten Blick aussahen, bald zeigte sich, daß der Regelkompromiß mehr Zweifelsfälle schuf, als er schlichtete. Schlimmer noch: Häufig ersetzte das Reformwerk die gewachsene Ausdrucksvielfalt durch Einerlei, störte – vor allem mit der Komma-Freiheit – die Sicherheit beim Lesen und kappte bedenkenlos historische Wurzeln.

Um Schreibweisen wie „Buklee“, „Grislibär“, „nummerieren“, „Zierrat“, „platzieren“ oder „Tollpatsch“, allesamt ohne Rücksicht auf die Herkunft dieser Wörter beschlossen, tobte zunächst der heftigste Streit. Der Konsonantenstau in „Flanelllappen“ oder „Flusssand“ ließ Sprach-Ästheten in „Stresssituationen“ verfallen.

Aber auch die Trennregeln schmerzten heftig. Kürzlich vermutete ein Leser der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, dank der neuen Freizügigkeit würden wohl bald „Tee-nager alla-bendlich Obst-ruktion“ betreiben. Von erlaubten Möglichkeiten wie „Altbauer-haltung“ raten selbst Experten ab.

Schwerer jedoch als solche Zankäpfel (die manch tumbes Computer-Trennprogramm bereits ungeniert als Zan-käpfel serviert) wiegen Fälle, in denen Mißverständnisse möglich werden. Sätze wie „Ich rate ihm zu helfen“, „Er sah den Spazierstock in der Hand tatenlos zu“ oder „Sie suchte den etwas ungenauen Stadtplan in der Hand ein Straßenschild“ beweisen, daß Kommata nach Gusto rasch das Durcheinander „vol-lenden“ könnten.

Wirr wirken auch die Regeln für Getrennt- und Zusammenschreibung. Zwar dürften „frisch gebackene Eheleute“ – wie sie laut der Reform geschrieben werden müssen – nur von Kannibalen für leckere Schmorbraten gehalten werden. Doch wer die offiziellen Formen „wieder herrichten“ und „wiederherstellen“, „hintenüberfallen“ und „vornüber fallen“ vergleicht, kann an Vereinfachung nicht mehr glauben. Auf Schritt und Tritt ertappten die Kritiker das Wörterwerk bei solcher Konfusion. Kein Wunder, daß sie es als „mies gemacht“ empfanden (so die einzig erlaubte Schreibweise), während sich die Reformer, entgegen ihren Vorgaben, miesgemacht fühlten.

Klein beigeben mochten die Professoren und Kultusminister deshalb noch lange nicht – schließlich war das Reformwerk amtlich und wirtschaftlich längst zur Planungsgröße geworden. Wie Chefredakteure, die für Hitlers angebliche Tagebücher viel Geld ausgegeben hatten und schon deshalb nicht an eine Fälschung glauben konnten, reagierten die Reform-Betreiber aus den Kultusministerien abwiegelnd: Der „demokratische Entscheidungsprozeß" sei „im ganzen deutschsprachigen Raum abgeschlossen“.

Doch ihre Gegner ließen sich durch den Obrigkeitston nicht schrecken. Unterstützt von den meisten großen Literatur-Verlegern wie Diogenes, Suhrkamp, Hoffmann und Campe, Aufbau, Hanser oder Reclam, die ihren Dichtergrößen kein Komma amputiert sehen wollen, prüften sie systematisch, wie der verordnete Neuschrieb zu stoppen wäre. Inzwischen laufen, neben einer noch im Juni bekräftigten „Untersagungserklärung“ namhafter Schriftsteller (SPIEGEL 23/1997), gleich fünf Anträge auf Volksbegehren – in Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Wichtiger als die langwierigen Plebiszit-Verfahren ist, daß so gut wie alle bekannteren Bonner Politiker sich inzwischen von dem Reformwerk distanzieren. Nachdem Mitte Mai im Haushaltsausschuß des Bundestages eine klare Mehrheit die neuen Regeln abgelehnt hatte, sieht Detlef Kleinert, FDP-Abgeordneter aus Hannover, beste Chancen für seinen Gruppenantrag gegen die neue Orthographie, über den im Herbst der Bundestag abstimmen soll.

Kleinerts Parteichef Wolfgang Gerhardt und FDP-Fraktionschef Hermann Otto Solms halten die Reform sowieso für mißglückt – wie SPD-Fraktionsführer Rudolf Scharping und Bildungsminister Rüttgers (CDU), aber auch Hamburgs Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi oder CDU-Doyen Alfred Dregger („Verarmung der Sprache“). Ausgerechnet bei einem Besuch in Schanghai gab Bundespräsident Herzog zu Protokoll, daß ihm die Orthographie-Änderung samt der Aufregung darüber "überflüssig wie ein Kropf“ vorkomme. Jüngst griff selbst Kanzler Kohl das Zitat auf und ließ durchblicken, er halte von der Neuregelung „gar nichts“.

Mit ihrem späten Abrücken vom Kultusminister-Beschluß folgen Bonns Größen einer lange bekannten repräsentativen Befragung, worin über 70 Prozent der Deutschen neue Schreibgewohnheiten für unnötig erklärten – in einer Ted-Umfrage der BILD-Zeitung vom Donnerstag plädierten gar über 90 Prozent dafür, die Reform zu kippen. Aber den Politikern dürfte auch das Durcheinander zu denken gegeben haben, das seit fast einem Jahr unter deutschen Sprachlexika herrscht.

Kaum war im Frühsommer 1996 abzusehen, daß die Länder der Reform zustimmen würden, nahmen Wörterbuch-Hersteller sich des neuen Bestsellerthemas an – da der Duden dank der Neuregelung sein Monopol für Maßgeblichkeit verlieren würde, hatten sich gleich mehrere Redaktionen auf das frei verfügbare Sprachmaterial gestürzt. Schon einen Tag nach Besiegelung des Reformtermins warf Bertelsmann sein 1000-Seiten-Werk „Die neue deutsche Rechtschreibung“ auf den Markt.

Inzwischen jedoch, nach Rekordgewinnen vor allem für Duden, Bertelsmann und ein besonders preisgünstiges Aldi-Wörterbuch, ist der Katzenjammer bei den Käufern groß. Tausende von Unterschieden, vermuten nicht nur Reformgegner, gibt es zwischen den konkurrierenden Nachschlagewerken. Jede Redaktion scheint die Regeln anders interpretiert zu haben, sofern sie sich nicht aus purer Eile vertat.

162 Differenzen von Duden- und Bertelsmann-Version stellte im Juni die FAZ in einer Tabelle gegenüber. Selbst einzelne Auflagen desselben Werks unterscheiden sich, weil laufend nachgebessert wurde – in Fremdworten wie „Dolce Vita“, aber auch so normalen Wörtern wie „ein für allemal“ (Duden: „ein für alle Mal“) oder „blaumachen“ (Bertelsmann: „blau machen“). Der Absatz neuer Duden-Wörterbücher liegt hinter den Zahlen früherer Jahre, so verunsichert sind die Käufer.

„Die einheitliche deutsche Rechtschreibung ist dahin“, resümiert Theodor Ickler, 53, das babylonische Wortgewirr. Der Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Erlangen-Nürnberg hat soeben ein Buch herausgebracht, in dem er mündigen Lesern rät, sich mit der „staatlichen Zwangsbewirtschaftung der Sprache“ nicht länger abzufinden. Titel des deftigen, beispielprallen Bändchens: „Die sogenannte Rechtschreibreform – ein Schildbürgerstreich“ (Leibniz Verlag; 19,80 Mark).

Wie treffend der Vergleich ist, zeigt sich auch daran, daß bereits eine eigene Kommission der Reformer die Widersprüche in den Wörterbüchern untersucht. Bis zum offiziellen Start der neuen Schreibweisen am 1. August 1998 soll alle Unklarheit behoben sein, erklärte vergangene Woche der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Rolf Wernstedt (SPD) aus Niedersachsen. Bestenfalls kann das nur heißen, daß jeder Käufer eines neuen Wörterbuchs irgendwann noch in einer umfangreichen offiziellen Ergänzungsliste blättern muß, um Schreib-Klarheit zu gewinnen.

Die aber wäre sofort nötig – meinen zumindest die Schulbuchverleger. Bis Mitte dieses Jahres waren schon mindestens 50 Millionen Mark in die Umstellung ihrer Bücher geflossen; kippte die Reform Ende dieses Jahres, wären Lagerbestände im Wert von 200 Millionen Mark Makulatur. Der Cornelsen Verlag, einer der Riesen im Lernmittelfach, hat schon 10 von geschätzten 20 bis 30 Millionen Mark für den Neusatz ausgegeben, auf eigenes Risiko und ohne irgendwelchen Extra-Umsatz. Auch Michael Klett aus Stuttgart rechnet mit etwa 15 Millionen Mark für eine Umstellung, deren Planung „wild und unorganisiert“ gewesen sei – Verluste durch das Zögern der Kundschaft nicht eingerechnet.

„Die Verlage sind alle in die Falle gelaufen“, sagt Georg Enzian vom Verlag Ferdinand Schöningh, „und die öffentliche Hand pfeift sich was.“ Erwiese sich die Umstellung als rechtswidrig, dann befürchtet Enzian sogar, daß manche Schulbehörde ihre neu erworbenen Lehrmittel kostenlos in herkömmlich geschriebene zurücktauschen will. Juristen des Verlagsverbandes prüfen unterdes, ob bei einem Reformstopp Klagen auf Schadensersatz Aussicht hätten.

In jedem Fall wird die „subventionierte Legasthenie“ der neuen Regeln (so jüngst Übersetzer und Kolumnist Harry Rowohlt) das mit Abstand teuerste Kultur-Lehrstück der Nachkriegszeit werden. Vielleicht bleibt sie eines Tages sogar als rührender Stolper-Schritt in die globalisierte, entstaatlichte, individualisierte Welt in Erinnerung. Oder sie bestätigt umgekehrt, was um 500 vor Christus der konservative Konfuzius lehrte:

„Wenn die Begriffe nicht klargestellt sind, dann treffen die Worte nicht das Richtige. Wenn die Worte nicht das Richtige treffen, dann kann man in seinen Aufgaben keinen Erfolg haben, dann können Ordnung und Harmonie nicht blühen ... Wenn Ordnung und Harmonie nicht blühen, dann sind die Strafen nicht gerecht. Wenn die Strafen nicht gerecht sind, dann weiß das Volk nicht mehr aus noch ein.“

spiegel.de 4.8.1997

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Sigmar Salzburg
29.05.2011 11.27
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1973 – Die Reformer proben die Machtergreifung

Der „Spiegel“ berichtete am 2.4.1973 wohlwollend über die laufende erste Angriffswelle auf die bewährte Rechtschreibung („der keiser isst opst, der apt al“), die ein halbes Jahr später am baden-württembergischen Kultusminister Wilhelm Hahn scheitern sollte. Als die Kleinschreibersekte auf dem langen Marsch zwanzig Jahre später die Ministerien wieder im Griff hatte, ihre „gemäßigte“ Kleinschreibung bei der Kungelei aber zu einer „unmäßigen“ Großschreibung mutiert war, priesen sie ihr Machwerk dennoch als „noch nie … wissenschaftlich so sorgfältig begründet“. – Der größte Humbug wurde 2006 widerstrebend zurückgenommen, der Rest belästigt die Deutschtradition noch heute.

„Spiegel“ v.2.4.1973:

KLEINSCHREIBUNG

Busen als Beweis

Für eine gemäßigte Kleinschreibung setzen sich immer mehr Pädagogen, Politiker und Privatleute ein. Deutschlands Orthographie-Papst Professor Grebe empfahl, schon vor einer Reform klein zu schreiben.


Um das „kostbare Gut der deutschsprachigen Schreibung“ sorgen sich der Frankfurter Verleger Heinrich Scheffler und viele andere Mitbürger. Sie zetern über „verschwörerische“ Aktivitäten für Kleinschreibung, die anscheinend urplötzlich in der Bundesrepublik eingesetzt haben und derzeit geradezu grassieren.

Und fast alle, die an groß geschriebenen Hauptwörtern festhalten wollen, klammern sich auch an einen Busen. Das sekundäre Geschlechtsmerkmal dient den Konservativen als Beweisstück: Ob jemand Trost an einer Schönen Brust oder an einer schönen Brust suche, sei ein Unterschied, der dem Leser nur mittels Großschreibung aufgehe.

Die Neuerer hingegen empfehlen einem derart geschwollenen Stil kalte Umschläge. Eine Aussage, die man nur mit Großbuchstaben geschrieben verstehe, sei ohnehin schlechtes Deutsch.

Mit derartigen Argumenten liefern sich Groß- und Kleinschreiber in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen erbitterte Gefechte, seit die Deutsch-Dozenten an den Pädagogischen Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen sich im letzten Sommer für eine Rechtschreib-Reform eingesetzt haben. Sie fordern die „gemäßigte Kleinschreibung“: Zunächst sollen Grundschüler lernen, nur noch Satzanfänge und Eigennamen groß zu schreiben.

Der Vorschlag beflügelte Politiker aller Parteien. In zahlreichen Landtagen brachten Abgeordnete klein geschriebene Anfragen ein: ob und warum nicht endlich die gemäßigte Kleinschreibung eingeführt würde.

Im Februar hängte sich der Deutsche Germanistentag mit großer Mehrheit an die Kleinschreib-Welle an. Mitte März einigte sich die gemeinhin kontrovers gestimmte Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Vorab-Entscheidung, jetzt sei ein „günstiger Zeitpunkt“ für die ersehnte Reform erreicht. Nur sei „ein gemeinsames Vorgehen in den Ländern mit deutscher Sprache nach wie vor erforderlich“.

Eine Woche später, am 24. März, wurde nahe am Bodensee, in Tuttlingen, ein „internationaler Dachverband zur Vereinfachung der Rechtschreibung in den deutschsprachigen Ländern“ gegründet. Reformfreunde aus Österreich und der Schweiz vereinten sich mit dem Tuttlinger Gastgeber, der „aktion kleinschreibung“.

Der Vorsitzende der Tuttlinger Kleinschreiber, der Realschullehrer Wilhelm Werner Hiestand, 30, ist über den Erfolg „unserer Bürgerinitiative“ selber überrascht: „Unser Verein wurde im Mai 1972 hauptsächlich von Lehrern gegründet, die es gründlich satt haben, tagtäglich neue Unterrichtszeit für das Einpauken sinnloser Rechtschreibregeln zu opfern“

Statt dessen opfern sie nun erheblich mehr Stunden für die Reform. In knapp zehn Monaten gewannen sie über 300 zahlende Mitglieder, von denen gut zwei Drittel Lehrer sind. Und sie dokumentierten die Nachteile der seit 1901 verbindlichen Rechtschreibung, der selbst Fachgelehrte ohne „Duden nicht gewachsen sind, mit empirischen Daten:

* 96 Prozent aller Lehrer sind überzeugt, daß ihre Schüler die Groß- und Kleinschreibung nicht beherrschen.

* 20 bis 50 Prozent aller Rechtschreibfehler beruhen auf Unkenntnis der Regeln für Groß- und Kleinschreibung.

* Es gibt 78 Regeln für die Groß- und Kleinschreibung, 83 Regeln zum Zusammen- oder Getrenntschreiben, 50 Regeln zum Bindestrich, 20 Regeln zur Silbentrennung, 20 zum Apostroph.

* Das willkürliche Groß und Klein rührt aus den Anfängen der Buchdruckerkunst her, als die Meister nach Lust und Laune einzelne Wörter mit einem Großbuchstaben beginnen ließen. Als vor 200 Jahren dann die ersten Regeln eingeführt wurden, richteten sich die Reformer nach dem damals Üblichen.

So erstaunt es heute auch niemanden, daß Grundschüler weitaus häufiger für Rechtschreibung als etwa für Rechnen die Note „mangelhaft“ bekommen und deshalb auch sitzenbleiben. Dazu der langjährige Leiter der Hamburger Schülerhilfe, Dr. Walter Barsch: „Wegen Sachkunde bleibt niemand sitzen, obwohl Sachkunde wohl das wichtigste Fach in der Grundschule ist.“

In Hamburg dürfen daher seit dem letzten Jahr Grundschüler wegen mangelhafter Rechtschreibleistungen nicht mehr sitzenbleiben.

Dem Hamburger Schulsenator Günter Apel (SPD) ist selbst das noch zu wenig. Vorletzte Woche forderte er seine KMK-Kollegen zu einer „unmißverständlichen Willenskundgebung“ für die Kleinschreibung auf; die Orthographie-Regeln seien nicht mehr haltbar.

Apel: „Kinder, die nicht begreifen, warum sie „radfahren“ klein und „Auto fahren“ groß schreiben sollen, denken richtig und normal. Erwachsene, die ihnen diese Regeln eintrimmen, verbiegen das logische Denken der Kinder.“

Konservative Rechtschreiber wittern hinter so logischen Gedankengängen den „verschwörerischen Eifer“ von lichtscheuen Revoluzzern -- so Karl Korn, Kultur-Monument der „FAZ“. Korn weiß, was dabei herauskommt: „In dreißig Jahren würden die gewaltigen Reservoire unserer Bibliotheken umgedruckt werden müssen.“

Solcher Unsinn, apodiktisch vorgetragen, verunsichert selbst viele Reformer. Sie trauen sich daher auch nicht, die radikale Kleinschreibung zu fordern, obschon sie heimlich „so schreiben. Denn rationell (durch den Fortfall aller Großbuchstaben) ist allein diese Schrift, die aus Fernschreibern und Computern kommt und trotzdem verstanden wird.

Verluste müßten freilich Verlage hinnehmen, die ihren Stehsatz nicht mehr benutzen könnten. Und daher lauschen Verleger gern den Tiraden der Konservativen und ihres Korn, der die deutsche Rechtschreibung schlechthin für „nicht reformierbar“ erklärt.

Aber die Erkenntnis, daß nahezu alles außer Korn -- erneuert werden kann, sickert gleichwohl durch und beseelt selbst einen Deutsch-Nestor vom Kaliber des Professors Paul Grebe. Der Gelehrte, der lange Jahre die Mannheimer „Duden“-Redaktion geleitet hat und dabei zum Orthographie-Papst avancierte, will nicht länger auf eine amtlich verordnete Reform warten.

In Tuttlingen empfahl Grebe den Schreibreformern, sie sollten sich schon jetzt in ihrem privaten Schriftverkehr der gemäßigten Kleinschreibung befleißigen.

spiegel.de 2.4.73

Dagegen steht die Einsicht des ehemaligen Reformers Prof. Peter Eisenberg in einem Vortrag am 22.1.2007:
„Innerlich gab es überhaupt keinen Grund, die deutsche Orthographie zu reformieren – auch nicht übrigens die Großschreibung der Substantive abzuschaffen, das ist ne ganz gute Sache.“
[Heiterkeit, Beifall]

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Sigmar Salzburg
29.05.2011 10.02
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Kultusminister Wilhelm Hahn (1909 -1996)

Auf dem hiesigen „Nachrichtenbrett.de“ gibt es einige Schätze, die schwer zu heben sind, z.B. der folgende (gekürzte) Artikel, den ich daher hier noch einmal heraushebe: Das in der WELT v. 23.11.1973 veröffentlichte Interview, das Dankwart Guratzsch mit dem damaligen baden-württembergischen Kultusminister Hahn geführt hatte. Nach dem offenkundigen Versagen der Kultusminister seit 1996 kann sein Verdienst nicht genug gewürdigt werden, den ersten Angriff auf die bewährte traditionelle Rechtschreibung abgewehrt zu haben. Die sonst geschwätzige Wikipedia schweigt darüber bis heute.

Zu früh auf Grün geschaltet
WELT-Gespräch mit Kultusminister Wilhelm Hahn


DIE WELT: Herr Prof. Hahn, waren die Kultusminister gut beraten, als sie beschlossen, die Wiesbadener Empfehlungen von 1958 wiederaufzunehmen?

Prof. Hahn: Ich möchte dazu sagen, daß der Beschluß der Kultusminister vielfach überinterpretiert worden ist. Es war so, daß wir sehr kurzfristig vor die Frage gestellt wurden, ob wir bereit wären, für eine Korrektur der derzeitigen Regeln in der Rechtschreibung grünes Licht zu geben. Und sämtliche Kultusminister waren wohl der Meinung, daß es eine ganze Reihe von Regeln gibt, die unsinnig oder außerordentlich kleinlich sind, daß es also wirklich einer gemäßigten Korrektur bedarf. Dagegen waren wir nicht der Meinung, daß die Grundsätze beziehungsweise auch die Einzelvorschläge des Wiesbadener Programms tatsächlich so realisiert werden sollten...

DIE WELT: Dennoch haben die Kultusminister ihren Beschluß einstimmig gefaßt – wie reimt sich das zusammen?

Prof. Hahn: Ich gebe zu, daß wir unvorsichtig darin gewesen sind. Das Wiesbadener Programm ist in keinem Augenblick durchgesprochen worden, es ist auch nicht verlesen worden, es ist auch nicht irgendwie inhaltlich beraten worden. Wir waren zeitlich einfach nicht in der Lage, uns mit dieser Frage, die ja doch sehr weitreichend und tiefgreifend ist, auseinanderzusetzen, und von seiten der CDU-Kultusminister und wahrscheinlich auch einiger anderer dürfte der Beschluß wohl nur so verstanden worden sein, daß über diese Frage weiter verhandelt werden soll. Aber wir haben uns auf keinen einzelnen Punkt festgelegt. Zu den inhaltlichen Fragen haben wir in Wirklichkeit noch gar nicht Stellung genommen.

DIE WELT: (...) Haben die Kultusminister damit gerechnet, daß die Reaktionen der Öffentlichkeit so heftig sein würden, und wie werden sie darauf reagieren?

Prof. Hahn: Damit haben die Kultusminister bestimmt nicht gerechnet, weil sie eigentlich nur die Debatte wieder in Gang bringen wollten. Und ich bin der Meinung, daß so, wie die Dinge sich entwickelt haben, es dringend notwendig ist, daß die Kultusministerkonferenz auf einer ihrer nächsten Zusammenkünfte die Frage wiederaufnimmt und nun zu einer inhaltlichen Diskussion des Problems kommt...

DIE WELT: Ist es verantwortbar, ganz bestimmte Erwartungen an eine Rechtschreibreform zu reizen, ehe es gründliche Reihenuntersuchungen mit wissenschaftlich haltbaren Ergebnissen über die Folgen gibt?

Prof. Hahn: Ich glaube, daß, nachdem die Sache so virulent geworden ist und plötzlich in der breiten Öffentlichkeit auch Interesse findet und nachdem auch eine Reihe von ganz unsachlichen Argumenten in den Vordergrund gerückt werden, unter Umständen auch politische Dinge, die in Wirklichkeit mit der Sache gar nichts zu tun haben – ich glaube, daß es dringend notwendig ist, die Diskussion auf eine wissenschaftliche Basis der Sprachwissenschaft und der Lesepsychologie zurückzuschrauben und von daher das ganze Problem neu zu überdenken.

(Anm.: Wilhelm Hahn war Kultusminister von Baden-Württemberg; die Wiesbadener Empfehlungen gehören in die Tradition der „gemäßigten Kleinschreibung“. – Th. I.)

nachrichtenbrett WELT v. 23.11.1973

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Sigmar Salzburg
13.05.2011 09.30
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Druck und Drohung von oben

Die gelernte Sozialarbeiterin Ingrid Stahmer war in der Berliner Großen Koalition unter CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen von 1995 bis 1999 militante SPD-Schulsenatorin. Ein winziges Detail in einer Fernsehdiskussion erhellt das Klima der Reformdurchsetzung 1997 (nach NürnbergWiki).

Klaus Deterding, promovierter Germanist, Literaturwissenschaftler, Gesamtschulrektor und Schriftsteller, Leiter der Berliner Bürgerinitiative „Wir sind das Rechtschreibvolk!“ war zur Diskussion geladen mit Schulsenatorin Stahmer, Prof. Rolf Gröschner und dem Gast Prof. Peter Eisenberg in „Pro und contra RechtschreibDeform“ („Berliner Platz“ des SFB am 3.5.1997).


Eisenberg: „Diese Reform ist sprachwissenschaftlich unhaltbar und gehört ‚auf den Müll’!“ Der Moderator fragte Deterding, ob er diese Meinung teile. Deterding bejahte. Daraufhin zischte die Oberschulrätin ihm zu: „Das werden Sie bereuen!

nuernbergwiki.de

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Sigmar Salzburg
02.03.2010 12.23
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Focus 24.02.1997

RECHTSCHREIBUNG
Angriff aufs dritte F
Warum Grundgesetzkommentator Rupert Scholz (CDU) die Reform für verfassungswidrig hält

Von Ulrich Reitz

Ein richtiger deutscher Professor macht keine halben Sachen. Und so erklärt Rupert Scholz, immerhin Grundgesetzkommentator, die Rechtschreibreform kurzerhand für illegal: „Die Reform kann so nicht realisiert werden. Das wäre verfassungswidrig.“

Ein Generalangriff des Vize-Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag auf die Länder. Sie beschlossen die neuen Regeln in der Kultusministerkonferenz, verständigten sich mit Österreich und der Schweiz und ließen die Reform schließlich vom Bundeskabinett abnicken.

Die Länder berufen sich auf ihre Kulturhoheit. Scholz widerspricht: „Die Rechtschreibreform fällt in die Kompetenz des Bundes – und zwar kraft Natur der Sache.“ So habe auch das Bundesverfassungsgericht entschieden. Es gehe bei der Sprache um ein „grundlegendes Identitätsmerkmal des gesamten deutschen Volkes – wir haben ja auch nicht 16 Deutschländer“.

Konsequenz: „Der Bund ist zuständig und nicht die Länder.“ Hat Scholz recht, hätte Innenminister Manfred Kanther (CDU) den Ländern schon längst in die Parade fahren müssen. Jedenfalls läßt der konservative Rechtsprofessor die Initiative seines liberalen Kollegen Detlef Kleinert weit hinter sich. Der will mit seinen Anhängern praktisch nur durchsetzen, daß der Bund sich in seiner Amtssprache an die alten Regeln hält.

Die Reformmuffel kommen mit ihren Einwänden spät, was sie auch zugeben. CSU-Chef Theo Waigel: „Es ist spät, aber noch nicht zu spät.“ Grund für die Initiativen ist grassierender Volkszorn und die sich immer weiter verbreitende Furcht, die Rechtschreibreform könnte Wählerstimmen kosten.

Deswegen soll der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair, ein Verfechter des neuen Regelwerks, auf Geheiß von Ministerpräsident Edmund Stoiber in dieser Woche in der Kultusministerkonferenz wenigstens die Zumutungen (z. B. Schifffahrt, Portmonee) eliminieren.

Ob die Proteste einen großen Verfassungskonflikt um die Grenzen des Föderalismus ankündigen, ist offen. Wohl dem, der da die Gelassenheit des Bundespostministers besitzt. „Ich verwende das alles nicht mehr“, winkt CSU-Minister Wolfgang Bötsch ab. „Das ist die Gnade der frühen Geburt.“

focus.de 24.02.1997

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Sigmar Salzburg
19.09.2009 07.41
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Nachtrag: Der Spiegel 41/1998 nach dem Volksentscheid

RECHTSCHREIBREFORM

„Ihr spinnt ja“

Wes-terland trennt sich wieder We-sterland:
Per Volksentscheid haben die Schleswig-Holsteiner das Recht
auf die alte Rechtschreibung erstritten.


Das bißchen Chaos hat sich Gerhard Augst, 59, schon immer gewünscht. „Zwei Rechtschreibungen nebeneinander“, schwärmte der mächtigste deutsche Sprachwissenschaftler, das wär' was: „Dann wird doch mal deutlich, daß Rechtschreibung nicht so etwas Sakrosanktes ist, wie uns in den letzten 40 Jahren vorgegaukelt wurde.“
Nun ist der Wunsch erfüllt. Im schleswig-holsteinischen Norderstedt, hart an Hamburgs Stadtgrenze, kann der Chef der Reformkommission beim Institut für Deutsche Sprache zugucken, wie es geht.
Im Deutschunterricht der Grundschule Glashütte herrscht diffuse Milde wie sonst nur in der Religionsstunde. Wie, um Himmels willen, trennt man Hustensaft?
Die Kinder in Klasse 4 b klatschen zu den Silben rhythmisch in die Hände. Nützt nichts, Julia, 9, schreibt entschlossen an die Tafel: „Hu-stensaft“.
„Das ist früher richtig gewesen“, sagt freundlich Lehrerin Hildegart Schmidt. Da galt: Trenne nie „st“, denn es tut ihm weh.
Also gut: nun Hus-tensaft.
Das ist schon besser, zur Zeit jedenfalls, weil es der reformierten Rechtschreibung entspricht. Aber auch wieder nicht, weil nach den Herbstferien der Hustensaft in der 4 b entgegen allem, was in den Schulbüchern steht, wieder wie früher vor dem „s“ getrennt werden muß.
So steht es im „Umsetzungserlaß zur Altschreibung“ aus dem Kieler Kultusministerium, der zur Zeit nicht nur in der 4 b, sondern von allen 312000 schleswig-holsteinischen Schülern noch korrekt als „Umsetzungserlass“ zu buchstabieren ist.
Umsetzen muß Schleswig-Holsteins Kultusministerin Gisela Böhrk (SPD) das fatale Ergebnis vom Wahlsonntag. Die Mehrheit, 56,4 Prozent, hat der Landesregierung aufgegeben, die seit zwei Jahren an den Landesschulen verbindliche Neuschreibung wieder zurück zu reformieren.
Die „eigentlichen Verlierer“ des basisdemokratischen Aufbegehrens seien die Kinder, empörte sich die Kieler Schulministerin Böhrk. „AbsurdesTheater“, wütet der Verband der Schulbuchverlage, dessen Druck-Erzeugnisse nun im Land zwischen den Meeren kaum noch verwendbar sind.
Der Alleingang des kleinen Bundeslandes gegen die Rechtschreibreform, die seit dem 1. August im gesamten deutschsprachigen Europa durchgesetzt ist, hat nun keineswegs die „Signalwirkung“, die der Lübecker Initiator der Volksinitiative, Matthias Dräger, sich verspricht. Statt dessen freuen sich die Reformer über einen „Asterix-Effekt“: Gegen die wehrhafte Rotte im Norden schließen sich die Reihen der Linguisten nur noch fester.
Mit Verweis auf die Interessen der Kinder und die Notwendigkeit einer bundeseinheitlichen Orthographie ist es nun nicht mehr schwer, das wirre Reformwerk zum nationalen Anliegen zu erheben: Die übrigen Länder haben ausnahmslos deutlich gemacht, daß sie den mühsam errungenen Reformkonsens um der 312 000 schleswigholsteinischen Schüler willen keinesfalls verlassen wollen.
„Pädagogisch unverantwortlich“, so ließ die Kultusministerkonferenz verlauten, wäre es, jetzt erneut an eine Reform zu denken.
Pädagogisch unverantwortlich ist aber auch das neue Doppelschreib. „Wenn sich

[Bild]
Rechtschreib-Rebell Dräger, Gegnerin Böhrk
Asterix und die Linguisten

ein Junge aus Kiel nach der Schule in München um einen Ausbildungsplatz bewirbt, erhält er die Antwort, er könne ja nicht mal richtig Deutsch schreiben“, fürchtet die Kieler Regierungschefin Heide Simonis (SPD). Und in der 4 b in Norderstedt liegt das Problem noch näher. Nur über die Straße beginnt das Hamburger Staatsgebiet. Und in der Hansestadt, wo viele Norderstedter Schüler ihre Freunde haben und wo viele Eltern arbeiten, gilt natürlich Neuschreib.
Was auch in Norderstedt über die deutsche Orthographie gelehrt wird, es hat nun stets den Makel, daß es nebenan nicht gilt. Wenn nichts richtig richtig und nichts richtig falsch ist – wozu da noch lernen?

[Bild]
Deutschunterricht in der Grundschulklasse 4 b in Norderstedt:
Nichts richtig richtig, nichts richtig falsch


Die Rechtschreibung, sagt der Norderstedter Schulleiter Wolf Goos, müsse vor allem „gebrauchsfähig“ sein. Für „Verschrobenheiten“ seien Schüler und Lehrer zu schade.
Verschroben genug ist der Streit, der in Schleswig-Holstein nun um die Umsetzung des Volkswillens losgeht. Per Schnellbrief wird Ministerin Böhrk ihre Lehrer anweisen. In Schleswig-Holstein soll künftig die ältere Orthographie gelehrt, die neue nur geduldet werden, in Restdeutschland aber ist es umgekehrt.
Vorkämpfer Dräger von der Initiative „Wir gegen die Rechtschreibreform“ hat schon eine Klage vor dem Verwaltungsgericht gegen den Kieler Toleranzerlaß angedroht: Die neue Rechtschreibung dürfe nicht mal geduldet werden, sie müsse ersatzlos verschwinden.
Der Wortlaut des Rechtschreibgesetzes, das der Landtag in den nächsten Wochen ratifizieren muß, ist auf Drägers Seite. 830000 Bürger [genauer:885511] haben für folgenden Text gestimmt: „In den Schulen wird die allgemein übliche Rechtschreibung unterrichtet. Als allgemein üblich gilt die Rechtschreibung, wie sie in der Bevölkerung seit langem anerkannt ist und in der Mehrzahl der lieferbaren Bücher verwendet wird.“
In ihrer Not hat die Kieler Kultusministerin schon beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels anfragen lassen, ob sich denn absehen lasse, wann das Land vom Fluch des Dräger-Gesetzes erlöst werden könne und die Bücher-Mehrheit auf der Seite der neuen Schreibweise angekommen ist.
Das sieht schlecht aus. Friedhelm von Notz vom Verlagsausschuß des Börsenvereins findet das deutsche Buchwesen „überhaupt nicht geeignet für eine Schiedsrichterrolle“. Notz kennt seine Klientel: Er könne die Verlage kaum verpflichten, Rechenschaft über den Reformstand in der deutschen Literatur abzulegen. „Die werden sagen, ihr spinnt ja wohl.“ Und die Orthographie in allen 800000 lieferbaren Titeln zu checken, sagt Notz, dazu habe niemand Zeit.
Verfassungsrechtler in Kiel wittern schon eine Chance: Ein Gesetz, das unüberprüfbare Voraussetzungen enthält, ist unklar und damit verfassungswidrig. Doch das hätte den Juristen eher einfallen müssen: Die Landesverfassung sieht ein rechtliches Vorprüfungsverfahren für Volksgesetzentwürfe vor. Der Rechtschreibentwurf hat das Verfahren ohne Beanstandung passiert.
Heide Simonis, die kaum einem Krach aus dem Wege geht, hat schon laut darüber nachgedacht, das unliebsame Gesetz „einfach durch ein neues zu korrigieren“. Schließlich kann die rot-grüne Mehrheit im Landtag – Volk hin, Volk her – beschließen, was sie will.
Darf das Parlament mit seiner Gesetzgebungsmacht unliebsame Plebiszite einfach kippen? Im Wortlaut der Landesverfassung findet sich keine Sperrklausel zugunsten des Volkes. Der Hamburger Staatsrechtsprofessor Hans-Joachim Koch warnt jedoch: „So ein Hase-und-Igel-Spiel wäre gegen den Geist der Verfassung.“ Und auch Simonis sieht: „Die Folge wäre vermutlich eine erneute Klage. Und das Spiel geht so lange, bis die Schleswig-Holsteiner der Lächerlichkeit preisgegeben sind.“
Die Initiative, so diskutieren Kieler Regierungsjuristen, könnte allenfalls von den Eltern schleswig-holsteinischer Schüler ausgehen. Sie könnten Verfassungsklage erheben und rügen, ihre Elternrechte und die Grundrechte ihrer Kinder seien verletzt, wenn die Kleinen im Deutschunterricht unbrauchbaren Orthographie-Schrott lernen müssen.
Tatsächlich hat das Bundesverfassungsgericht im Juli erst Verfassungsbeschwerden gegen die Rechtschreibreform zurückgewiesen und in diesem Zusammenhang Bedenken gegen unterschiedliche Schreibregelungen in unterschiedlichen Ländern weggewischt: Das „Ausscheren eines Beteiligten aus dem Kreis derer, die sich zuvor auf gemeinsame Regeln und Schreibweisen verständigt haben“, sei „nicht notwendig“ verfassungswidrig.
Nicht notwendig, aber vielleicht dennoch. Die Karlsruher Passage, in Schleswig-Holstein als Ermunterung für den Alleingang verstanden, steht in einem rechtlichen Zusammenhang, der gar nichts mit dem Grundrechtsschutz der betroffenen Bürger zu tun hat.
Das Gericht stellte vielmehr Erwägungen darüber an, ob das gesamte Thema Rechtschreibung möglicherweise der Länderkompetenz entzogen und vom Bund zu regeln sei. Die Gefahr, daß ein Land mal an den Regeln herumbastelte, so der Ratschluß der Richter, mache die Materie noch nicht zur nationalen Angelegenheit.
Die Chaostheorie des Sprachverbesserers Augst hat damit ebensowenig ihren Segen bekommen wie das real existierende Chaos zwischen Nord- und Ostsee.
Eine Chance, wenn sie wollen, hätten auch die anderen, die reformtreuen Länder. Sie könnten, ebenfalls vor dem Bundesverfassungsgericht, die Falschschreiber aus Kiel zum Umkehren zwingen. Der Grundsatz, daß im Bundesstaat nicht ein Land das Zusammenleben unterm nationalen Dach obstruieren darf, ist als ungeschriebene Verfassungsnorm anerkannt. Fraglich ist allerdings, ob der Krieg ums „ß" und ums Komma wirklich die nationale Fallhöhe erreicht hat.
Viel Neigung, sich den Streit aufzuladen, besteht in den übrigen Ländern ohnehin nicht. „Das ist nun ein Problem von Schleswig-Holstein“, heißt es süffisant im Münchner Kultusministerium.
In Wahrheit ist es ein Problem für Bonn. Der historisch beispiellose Fall, daß sich die Länder im Überschwange ihrer Kulturkompetenz hoffnungslos verheddert haben, könnte zur Mutprobe für Gerhard Schröders Kulturchef Michael Naumann werden.
Naumann läßt keinen Zweifel daran, daß er staatlich reglementierte Rechtschreibung für ebenso unsinnig hält wie den Versuch, eine Gegenreformation per Volksgesetz durchzusetzen: „Die Kultusministerkonferenz wird sich wohl oder übel noch einmal damit beschäftigen müssen.“
Und wenn die nicht will, wird man ihr bonnerseits Beine machen: „Ermutigend und motivierend“, sagt Naumann, könne die Regierung schon auf die föderale Willensbildung Einfluß nehmen.
Von der Rechtschreibung, fordert der künftige Bundeskulturminister, habe der Staat künftig „die Finger zu lassen“. Wie das Volk schreibe, schreibe es, und wie es schreibe, habe schließlich erfolgreich über Jahrzehnte „pfadfinderisch der Duden verfolgt“.
„Tor und Tür“ werde er aufreißen, um die Rechtschreibung wieder dorthin zu bringen, wo sie mal war. „Und schreiben Sie Thür meinetwegen mit h!“

DER SPIEGEL 41/199

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Detlef Lindenthal
18.09.2009 18.47
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Re: Vor zehn Jahren


Das Hamburger Abendblatt schrieb am 16. 9. 1999:

Auf die besondere Rolle der CDU, die erst vor der Sommerpause ihre Haltung zum Volksentscheid geändert und damit den Weg zu seiner einvernehmlichen Aufhebung frei gemacht hatte, wies der CDU-Abgeordnete Jost de Jager hin. Die Ausgangssituation habe sich geändert. Die CDU bleibe bei ihren Bedenken gegen die Rechtschreibreform, aber eine dauerhafte Insellage Schleswig-Holsteins dürfe es nicht geben.
Und dabei hätte Herr de Jager doch nur bei seinem Kollegen Wulff in Niedersachsen anzurufen und sich für demokratische Politik zu verabreden und festzustellen brauchen, daß Schleswig-Holstein gar keine Rechtschreibinsel ist. Und schon wäre die Reformisten-Insel noch kleiner gewesen.
__________________
Detlef Lindenthal

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