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Historische Trouvaillen
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Sigmar Salzburg
20.09.2009 08.49
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Sinnvolle Rechtschreibung 1785

Ich lese gerade im Faksimile: „Dr. Karl Burney’s Nachricht von Georg Friedrich Händel’s Lebensumständen … Aus dem Englischen übersetzt von Johann Joachim Eschenburg, Professor in Braunschweig“ Berlin und Stettin 1785.

Nachfolgend einige damals (bis heute) übliche Schreibweisen, die jetzt nach zweihundert Jahren von den Kultusministern verboten wurden oder sinnlos zum Abschuß freigegeben:

… nicht eher, als bis ein berühmter Mann schon eine Zeitlang verstorben ist, fangen die Nachforschungen und Vermuthungen an. (III)

„Ich weiß gewiß, sagt Mattheson, wenn er dieses liest, wird er im Herzen lachen; denn äußerlich lacht er wenig. Insonderheit, falls er sich des Taubenkrämers erinnert, der mit uns damals auf der Post nach Lübeck fuhr…“ (X)

Er blieb eine Zeitlang zu Florenz, wo er die Oper Rodrigo verfertigte.(XVI)

Bei dem Kardinal Ottoboni, bey dem Händel sich sehr in Gunst setzte, hatte er zum öfteren Gelegenheit, den naturvollen, sanft fühlenden Corelli seine eigenen Stücke spielen zu hören. (XVI)

[Der Sänger Janson verfehlte die richtigen Töne] … so arg, daß Händel ihn aufs derbste anfuhr, in vier bis fünf Sprachen fluchte, und zuletzt in gebrochenem Englisch ausrief: „Du Schuft du, sagtest du nicht, du könntest vom Blatt wegsingen“? – „Ja, Herr Kapellmeister, sagte Janson, das kann ich auch; aber nicht gleich das erstemal.“ (XVI)

An einem Abend … hatte [Orchesterleiter] Dubourg eine Solostimme zu einer Arie zu spielen, und eine Cadenz ad libitum zu machen. Er irrte in verschiedenen Tonarten eine Zeitlang umher [und als er endlich beim Schlußtriller zurückfand, rief Händel zur Belustigung der Zuhörer:] „Willkommen zu Hause, Herr Dubourg!“ (XXXVII)

Er war zufahrend, rauh und entscheidend in seinem Umgange und Betragen; aber ohne alle Bösartigkeit und Tücke. (XLI)

Bey aller Rauhigkeit seiner Ausdrücke aber, und bey aller seiner Fertigkeit im Fluchen, welches damals mehr, als itzt, Mode war, verdient Händel doch das Lob eines redlichen und frommen Mannes. (XLIII)

Sonntags Abend fand er gewöhnlich den Schauspieler Quin in ihrem Hause, der, seiner natürlichen Rauhigkeit ungeachtet, ein großer Liebhaber der Musik war. Mrs. Cibber bat Händel’n gleich das erstemal, als Quin da war, sich ans Klavier zu setzen; und ich erinnere mich, daß er die Ouvertüre zum Siroe spielte, und uns alle durch die außerordentliche Nettigkeit entzückte, womit er die Gique am Schluß derselben spielte.(XLII)

In manchen Stük-ken …. (S.23)

[Fußnote des Übersetzers zu „Apostel“:] In unserem Tedeum heißen sie Zwölfboten, eine vor und zu Luthers Zeiten gewöhnliche Benennung der Apostel, die man nicht getrennt in zwey Worten schreiben sollte. E. [vergl. „Hohepriester“, reformiert: „Hohe Priester“] (S.24)

Eine gefällige wohlklingende Stimme … (S.42)

[Beim Erklingen der auf der Naturtrompete nicht rein spielbaren Quarte] … sah man Mißvergnügen auf jedem Gesichte, welches mir ungemein leid that, … (S.69)

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Sigmar Salzburg
23.05.2009 07.54
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… liebe genossen

In einer Glosse des ORF v. 12. Mai 2009 behauptet ein Marc Carnal, „genießen“ käme von „niesen“ und seit der Rechtschreibreform schriebe man „genießen“ mit „ß“. Beides ist natürlich völliger Unsinn:

Erst im Rahmen der Rechtschreibreform schreibt man 'genießen' mit sz*.
* Ich möchte an dieser Stelle der Süddeutschen Zeitung den Slogan
„Genießen – mit SZ“
zum Vorzugspreis anbieten

http://fm4.orf.at/stories/1602830/

Selbstverständlich sind seine unterleiblich betonten Anmerkungen in „neuer“ Großkotzschreibung verfaßt:

Schon die Idee eines Kitzels auf meinen glücklicherweise recht empfindlichen Schleimhäuten lässt mich meine Hände reiben, die ich mir selbstverständlich im Beisein Anderer beim geglückten Atemswegs-Cumshot vor die Nase halte.

Das einzig Interessante an dem Text ist darin das Zitat aus Konrad von Megenbergs „Buch der Natur“ von etwa 1350:

Diu nase ist ain sidel der smeckenden kraft der sêl, die derkent ainen smach vor dem andern. der nasen nutz ist auch, daz der mensch den âtem zeuht durch die nasen und daz er dâ mit niest und sich saubert von der wüestigkait des hirns. daz niesen geschiht von dem, daz sich in der luft wegt in dem hirn und die fäuhten auztreibt. ez ist auch ain unverschrôten weg des auswendigen lufts mit dem inwendigen nâtürleichen luft, der beslozzen in den behenden âdern, die entspringent in dem herzen und gênt auf in daz hirn. Dû scholt auch wizzen, daz des smackes sidel ist oben in der nasen …

So fern uns zeitlich dieser Text steht, gibt es doch in der Rechtschreibung auch beachtenswerte Konstanten.

Dem Schreiber des Textes ist das „ä“ durchaus bekannt, aber er denkt nicht daran, „auswändig“ „inwändig“ oder „behände“ zu schreiben. Erst 650 Jahre später fiel es unseren Schulpolitikern ein, per Erlaßdiktatur das letztere mit „e“ für strafbewehrt falsch zu erklären.

Die dem Süddeutschen nahestehende Schreibung „ain“ statt „ein“ wäre auch dem heutigen Hochdeutsch angemessener. Der Vereinheitlichungswahn der „Reformer“ wollte jedoch noch 1973 das „ai“ völlig aus der Rechtschreibung auszuschließen („Ein hei vorm bot des weisen keisers.“)

Die durchgängige Kleinschreibung des Mittelalters wurde zum Vorbild für Jakob Grimm, in dessen Nachfolge viele Germanisten auf den Reformzug der linken Bilderstürmer von 1968 aufsprangen, die das gleiche Ziel verfolgten. Daß nun das genaue Gegenteil als „die Reform“ verkauft wird, zählt zu den vielen Dreistigkeiten dieser Falschmünzertruppe.

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Sigmar Salzburg
19.02.2008 06.17
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Früher Anpassungseifer der Verlage

Gottfried Keller an Conrad Ferdinand Meyer

Hottingen 26 X 82
Verehrter Herr!

Indem ich Ihnen herzlich für Ihr schönes Geschenk danke, begrüße ich zugleich das glückliche Ereigniß; denn ein solches darf man und dürfen wir Alle das Erscheinen Ihrer Gedichte nennen. Obgleich es unverschämt scheint, dem, der das Verdienst hat, Glück zu wünschen, so thue ich dies dennoch, da es auch für das Verdienst ein schönes Glück ist, vollständig ausreifen zu können. […]
Mit einiger Schadenfreude hab' ich in Ihren Gedichten bereits bemerkt, daß die neue Orthographie in Ansehung des Th im Druck in die Brüche gegangen ist. Ich habe das gleiche Schicksal mit einer neuen Auflage der Zürch. Novellen, in der das arme h zum Teil exstirpirt, zum Theil stehen geblieben ist.
Ihr bestens grüßender
u ergebener
G. Keller

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gestur
22.06.2004 20.13
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Ludwig Boltzmann, österreichischer Physiker,

geb. 1844, gest. 1906, kinetische Gastheorie, Entropie, Boltzmann-Gleichung, Boltzmann-Konstante
Physiker haben es besser: Sie machen Experimente und / oder theoretische Überlegungen und leiten daraus Formeln ab. Eine Formel sagt mehr als viele Seiten Text. Verstehen brauchen sie nur Physiker und Physik-Studenten.

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Sigmar Salzburg
22.06.2004 14.36
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Boltzmann 1905

Vorhin im Zeitforum eingetragen von:

CarstenH – 22. Jun 2004 15:17 (#1887 of 1887)
Das Leben ist bunt…

forwort

ich musste mir in meinen lezten büchern di neue ortografi gefallen lassen, di zu erlernen ich zu alt bin; so möge man sich hir im forworte di neueste ortografi gefallen lassen. ich glaube, man soll di abweichungen fon der fonetik, wenn man si nicht ganz ferschonen will, dann schon alle hinrichten. wenn man dem hunde den schwanz nicht lassen will, schneide man in mit einem griffe ganz ab!

Wien, den 8. Juni 1905. Ludwig Boltzmann


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Sigmar Salzburg

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Reinhard Markner
16.06.2004 13.07
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Ahnungslos

„In der gesprochenen Sprache [. . .] gibt es Grade der Angemessenheit wie : 'Sehr üblich' -- 'üblich' -- 'weniger üblich' -- 'unüblich'. In der Rechtschreibung gibt es dagegen nur ein 'falsch' oder 'richtig'.“
Gerhard Augst : „Rechtschreibreform vor der Entscheidung ?“, in : Muttersprache 93 (1983), S. 95

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Sigmar Salzburg
10.04.2004 12.00
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Meyers Konversations-Lexikon 1897

Rechtschreibung
[längerer Artikel]
…J. Grimm wirkte auf die R. insofern keineswegs günstig ein, als er durch die Betonung der Abstammung der Wörter, überhaupt des historischen Standpunktes in der R. die mühsam errungene Einheit wieder gefährdete….
[Laufende Änderung der Rechtschreibung]
…Ungeachtet dieser Opposition hat sich doch durch die Macht der Schule und des Buchdrucks die neue R. rasch in weitesten Kreisen Bahn gebrochen, und es ist kaum zu bezweifeln, daß die nächste Generation nur nach der neuen R. schreiben wird. Doch ist der Wunsch wohl allgemein, die baldige Wiederholung einer derartigen Reform vermieden zu sehen.

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Walter Lachenmann
06.12.2003 20.30
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Die endlich errungene Einheitlichkeit ...

Über die deutsche Rechtschreibung klagte schon Jakob Grimm 1847: „Mich schmerzt es tief, gefunden zu haben, daß kein Volk unter allen, die mir bekannt sind, heute seine Sprache so barbarisch schreibt, wie das deutsche.“ Mit starker Übertreibung, denn sinnloser als die deutsche ist die französische und gar die englische gewiß. Grimm meinte wohl nur die damalige Regellosigkeit, nicht den Grad des Abweichens der Schrift vom Laut. Durch zwei amtliche „Orthographiereformen“ ist jetzt wenigstens der Zustand geschaffen, daß man „richtig“ schreiben kann, wenn man will, das heißt wenn man sich nach den amtlichen Beschlüssen und den entsprechenden Wörterverzeichnissen richtet. Daß unsre Klassiker und ihre Zeitgenossen meist sehr schwankend und nach heutigen Begriffen sehr unrichtig schrieben, ist bekannt. Beim Freiherrn von Stein komm vor „Crayß“ statt „Kreis“. Sicherlich hat sich die deutsche Rechtschreibung im Vergleich mit der des 18. Jahrhunderts wesentlich gebessert; schon die endlich errungene Einheitlichkeit ist ein Segen, selbst wenn dabei manches Unbegreifliche untergelaufen ist, so namentlich das ieren. Rechtschreiberische Eigenbröteleien in deutschen Wörtern sind nicht zu dulden, allenfalls mit Ausnahme solcher Fälle, in denen durch groß- und klein-Schreiben (Alle, alle) Mißverständnissen vorgebeugt werden kann. Von den Fremdwörtern dagegen soll es heißen: Schreibt zu, dies Wort ist vogelfrei! Je lächerlicher man sie schreibt, desto eher werden sie verschwinden; es ist ein Ärgernis, daß die Verfasser unsrer Wörterbücher der Rechtschreibung Tausende von Fremdwörtern mitaufnehmen. Ich habe nichts gegen axeptieren, echstirpieren, Milljöh, Nüankße, Fong, Fotöllch, Detalch, Ankßangbel, zumal da diese Schreibungen die Aussprache der meisten Fremdwortfreunde getreu wiedergeben.

Eduard Engel, Deutsche Stilkunst, 1918


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Walter Lachenmann

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Sigmar Salzburg
17.04.2003 11.04
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Lesebuch 1877

Germania,
Lesebuch für die oberen Klassen
evangelischer Schulen
von Karl F. Theodor Schneider
Schleswig 1877
Verlag von B. Meves & Co.

241 Aufsätze und Gedichte allgemeinbildender literarischer, biblischer, geschichtlicher, naturwissenschaftlicher und vaterländischer Art von unterschiedlichen Autoren, sogar einer über die Entdeckung und Berechnung der Geschwindigkeit des Lichts.

Prosa ist in Fraktur gedruckt, Poesie in Antiqua. Das ß besteht aus einem Lang-s mit eng folgendem Rund-s; das lange s wird, anders als in älteren Drucken, in der Antiqua nicht mehr verwendet.

Ein Blick auf die sonstige Rechtschreibung zeigt, wie berechtigt es ist, die „neue“ Rechtschreibung in Anführungszeichen zu setzen.


Vorwort.
Meiner Fibel mit dem Lesebuche für die Unterstufe, welche zuerst im Jahre 1864, und meinem Kinderfreunde, welcher zuerst 1873 erschien, lasse ich nunmehr das Lesebuch für die oberen Klassen gehobener Volksschulen folgen.
Ueber die Grundsätze, nach denen ein Lesebuch zu entwerfen ist, habe ich mich des Näheren in der Vorrede zu meinem Kinderfreunde geäußert, und es freut mich, daß dieselben von verschiedenen Seiten her Anerkennung gefunden. ...
In Betreff der Anordnung des Stoffes, die ich durchaus nicht für gleichgiltig ansehe, habe ich im Ganzen und Großen der geschichtlichen den Vorrang einräumen zu müssen geglaubt. Meine Germania ist, wie schon ihr Titel besagt, für evangelische Schulen berechnet; aber zu gleicher Zeit habe ich mich redlich bemüht, auch den Nichtevangelischen gegenüber unnöthigen Anstoß zu vermeiden. Und so wünsche ich denn, daß mein Buch in den Schulen, für die es bestimmt ist, unter der Leitung tüchtiger Lehrer dem Unterricht in der Muttersprache, in der Geschichte, wie in den Realien eine geeignete Grundlage darbieten, und zugleich hinüberleiten möge zu der selbstständigen Lectüre unserer deutschen Meister in Prosa und Poesie. ....
Schleswig, den 17. December 1876.
K. F. Th. Schneider

24. Arion
...
An wohlerworbnen Gaben
wie werd’ ich einst mich laben,
des weiten Ruhmes froh bewußt!“ –
...
er hat nicht allzuviel den Wogen,
den Menschen allzuviel vertraut.
...
So trägt der Sänger mit Entzücken
das menschenliebend sinn’ge Thier.
A. W. v. Schlegel
...
230. Schleswig-Holsteins geographische Lage und Bevölkerung
...
Wenn ein Theil auf den Anbau des meist fruchtbaren Landes eine lohnende Thätigkeit verwandte, so gab einem andern Schifffahrt und Handel eine Beschäftigung, die den Blick erweiterte, und oft zugleich reichen Ertrag gewährte.

232. Der Uebergang nach Alsen.
Am 26. Juni 1864 lief die Waffenruhe ab. Am 29. wurde Alsen genommen. ... „Solange man von Alsen sprechen wird, wird dieser Uebergang als ein tollkühnes Unternehmen gelten. Vielleicht barg diese Kühnheit das Geheimniß des Erfolges. ... Was sich wehrte, wurde niedergemacht, Andere gefangen genommen. Noch Andere wichen der Fohlenkoppel zu, wir hinterdrein, – ...“ Der Uebergang nach Alsen ist eine glänzend-rasche That gleich dem Düppelsturm. ... Noch drei Wochen lang währte der Krieg: der Limfjord wurde überschritten, die friesische Inselgruppe erobert; was aber in Wahrheit den Frieden dictirt, den Kopenhagener Trotz gebrochen hatte, das war der Alsentag.
Nach Fontane

N.B.: Als Teilnehmer erhielt auch mein Urgroßvater das „Alsenkreuz“ – und 140 Jahre später ist trotz UNO Krieg immer noch ein Mittel der Politik.

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Sigmar Salzburg

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Reinhard Markner
07.01.2003 12.15
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Garve und Adelung

Christian Garve
Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben, 1. Theil, Breslau 1792

»Der größte Vortheil, der durch [die Rechtschreibung] zu erhalten steht, muß von der, bey den guten Schriftstellern der Nation, bewirkten Gleichförmigkeit derselben herkommen. Nun ist aber in Dingen, welche die Vernunft, auf eine ganz einleuchtende und allgemein geltende Weise, aus Gründen nicht entscheiden kann, Uebereinstimmung der Menschen anders nicht möglich, als wenn sie sich freywillig einer Autorität unterwerfen, deren Aussprüchen sie auch dann folgen, wenn sie sie nicht durchaus billigen. Weil ich nun in Deutschland keinen | Mann kenne, der in Sachen der Sprache einen gegründetern Anspruch auf Autorität hätte, als Adlung [!]: so habe ich, jenem Grundsatze zu Folge, in den Fällen, wo ich zweifelhaft war, seine Vorschriften zu Rathe gezogen, und selbst da, wo er mich nicht überzeugte, ihm, aus Liebe zum gemeinen Besten, freywillig gehorcht. Ich wünschte, daß mein Beyspiel, oder diese meine Gründe von einem größern Gewicht wären, als ich natürlicher Weise erwarten kann, um die guten Schriftsteller Deutschlands zu einer ähnlichen Nachgiebigkeit zu vereinigen. Ich sehe wenigstens keinen andern Weg, zur Gleichförmigkeit in unserer Rechtschreibung, -- die doch immer ein wünschenswerthes Gut ist, weil sie die Verständlichkeit befördert, und die Störungen der Aufmerksamkeit für gewöhnliche Leser vermindert, -- zu gelangen, als daß alle, welche schreiben, in Fällen, wo bisher Verschiedenheiten der Ortographie [!] geherrscht haben, willkührliche Entscheidungen, die ihnen niemand als Gesetze | aufzudringen vermag, durch freywillige Befolgung zu Gesetzen zu erheben ; und daß sie einem Manne, der in Absicht vieler Sachen ihr Lehrer gewesen ist, in einigen auch blindlings folgen.« (S. XVII-XIX)

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Reinhard Markner
18.07.2002 21.04
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Unser Beitrag zum Hesse-Jahr

Hermann Hesse an einen Korrektor, Oktober 1946

Sehr geehrter, lieber Herr Korrektor

Da wir beide immer wieder aufeinander angewiesen sein und gemeinsame Arbeit zu leisten haben werden, kann es vielleicht nichts schaden, wenn ich einmal für eine Stunde von den beständigen kleinen Korrekturen, Zurechtweisungen und Erziehungsversuchen, die wir beide einer am andern zu üben gewohnt sind, absehe, und Ihnen etwas Prinzipielles über Ihre und meine Arbeit, das heißt über meine Vorstellung vom Sinn dieser Arbeit, von ihrer Funktion im Ganzen des Volkes, der Sprache, der Kultur zu sagen versuche. Sie wissen, daß es gut und freundlich gemeint ist, und werden mir dies auch dort, wo Sie meine Auffassung keineswegs teilen, zugestehen. [. . .]

Die gemeinsame Arbeit zwischen Autor und Korrektor beginnt ja erst dann, wenn der Autor seine größte und eigentliche Arbeit, das Schreiben seines Buches, längst getan hat. Eben darum neigt gelegentlich der Korrektor dazu, die ganze noch übrige Aufgabe, nämlich aus dem geschriebenen Manuskript ein gedrucktes Buch zu machen, einzig für seine eigene Aufgabe zu halten, von welcher der Autor möglichst ausgeschlossen werden müsse. [. . .] Es scheint ganz einfach zu sein. Der Autor hat seine Arbeit geleistet, man hat sie ihm abgenommen, mag er sich nun Ruhe gönnen, bis ein neues Manuskript seine Kräfte fordert! Warum soll er sich nun auch noch um den weiteren Prozeß der Buchwerdung kümmern, sich in Arbeiten mischen, die den Fachleuten zustehen? Das mag in manchen Fällen ja notwendig sein und als Ausnahme zugestanden werden, namentlich wenn der Autor noch jung und unerfahren ist und erst beim Anblick der vom Setzer überreichten Korrekturabzüge an manche Verbesserungen seines Textes zu denken beginnt, die ein Mann mit Erfahrung eben schon vor der Ablieferung des Manuskriptes in Ordnung bringt.

Völlig unnötig aber, so scheint es vielen und scheint es auch Ihnen, geschätzter Mitarbeiter, ist eine Einmischung des Verfassers in die Arbeit des Korrektors, sobald es sich gar nicht um das Drucken des Manuskriptes, sondern um den Neudruck eines älteren, schon seit Jahr und Tag gedruckt vorliegenden Buches handelt. [. . .] Sofern ich, der Autor, nicht eine Neubearbeitung dieser Texte unternehmen, sondern sie einfach in der frühern Gestalt neu gedruckt sehen will, sollte das doch wirklich ohne mich geschehen können und lediglich eine ziemlich mechanische Arbeit des Setzers und des Korrektors sein.

Ja, so sollte man denken. Und doch ist es nicht so. Wenn ich darauf verzichte, die Korrektur selbst mitzulesen und jeden Buchstaben des Textes genau zu prüfen, dann entsteht unter des Setzers und Ihren Händen ein Text, der zwar bei ganz oberflächlicher Prüfung der alte zu sein scheint, in Wirklichkeit aber vom Urtext in Dutzenden, nein in Hunderten von Kleinigkeiten abweicht.

Wenn in meinem Text etwa steht «Er öffnete die Türe weit . . .», dann haben Sie [. . .] aus der «Türe» eine «Tür» gemacht. Und damit haben wir schon einen der häufigsten Fälle jener Veränderungen genannt, die mein Text unter Ihrer und des Setzers Hand erleidet, eine jener hundert Stellen, die Sie verbessert zu haben glauben, während ich der Meinung bin, sie sei nicht verbessert, sondern verdorben worden. Es geht immer nur um scheinbar Winziges, um einen oder zwei Buchstaben [. . .]. Ich schrieb «Miethaus», und Sie machen «Mietshaus» daraus, ich schrieb «unsrem», und Sie drucken «unserem», und so fort, lauter winzige Kleinigkeiten, aber sie gehen in die Hunderte.

Wenn nun jemand Sie fragen würde, ob Sie wirklich und ernstlich daran glauben, der deutschen Sprache mächtiger und sicherer zu sein als Ihr Autor, so würden Sie ohne Zweifel diesen Gedanken weit von sich weisen. Sie würden sagen, eine solche Selbsteinschätzung liege Ihnen ebenso fern wie eine Geringschätzung des Dichters und seiner sprachlichen Potenz. Aber dichten sei dichten und drucken sei drucken, und es gebe nun einmal eine Norm und eine Konvenienz für Schreibweise und Interpunktion, und wenn der Dichter je nach seiner augenblicklichen Laune ein «e» oder «s» oder ein Komma setze oder weglasse, wenn er selber das einemal «heut», das andremal aber «heute», das einemal bei der gleichen Stelle in einem Satzbau ein Komma, das andremal einen Strichpunkt setze, dann sehe man ja, daß der Dichter selber seiner Zeichensetzung durchaus nicht so sicher sei, und es sei gut, wenn ein Korrektor darüber wache, daß diese äußerlichen Formen und Ausdrucksmittel einheitlich angewendet würden.

Und nun zitieren Sie, lieber Herr Korrektor, Ihren Hausheiligen und Ihr Gesetzbuch, den Duden.

Es kann nun sein, daß ich in mancher Einzelheit dem Duden Unrecht tue, das heißt daß ich bei ihm hier und dort eine Starrheit und Härte mehr vermute, als er wirklich enthält, ich kann das nicht kontrollieren, denn ich besitze keinen Duden und habe nie einen besessen. Nicht weil ich etwa eine Abneigung gegen Wörterbücher hätte, ich besitze ihrer manche, und eines von ihnen, das große Grimmsche Wörterbuch der deutschen Sprache, gehört zu meinen Lieblingsbüchern.

Ich bin auch nicht dagegen, daß es so etwas wie einen Duden gebe, eine Vorschrift für die Rechtschreibung und eine allgemeine Anweisung für den Gebrauch der Interpunktionen. In Zeitaltern, in denen alle schreiben und die meisten schlecht schreiben, sind solche Hilfsmittel durchaus notwendig und willkommen. Was ich gegen den Duden habe, ist nichts Prinzipielles; es ist gut und richtig, daß ein gewissenhafter Schullehrer seinem Volk bei Rechtschreibung und Interpunktion durch Ratschläge behilflich sei. Aber Duden, das wissen Sie ja, ist längst kein Ratgeber mehr, sondern ein unter einem scheußlichen Gewaltstaat allmächtig gewordener Gesetzgeber, eine Instanz, gegen die es keine Berufung gibt, ein Popanz und Gott der eisernen Regeln, der möglichst vollkommenen Normierung.
Vielleicht gibt auch Duden zu, daß man sowohl heut wie heute, sowohl Tür wie Türe, sowohl Miethaus wie Mietshaus sagen könne, ich weiß es nicht. Sie können es ja nachschlagen. Ich weiß nur, daß Ihre Setzer und Sie mir nicht erlauben wollen, von dieser herrlichen Möglichkeit Gebrauch zu machen und, je nach Bedarf, bald heut bald heute, bald hieher bald hierher, bald unsre bald unsere zu sagen. Dies ist es, wogegen ich mich wehre und wehren muß, denn es geht hier um Dinge, für welche es keinen Duden und keine staatliche oder berufliche Autorität gibt, und für die der Dichter und Schriftsteller allein die Verantwortung trägt.

Ob ich sage: «Schließ die Tür» oder, «Schließe die Türe», das ändert am Sinn des Satzes nichts. Es ändert aber anderes. Es ändert -- Sie brauchen den Satz nur laut zu sprechen -- den Rhythmus und die Melodie des Satzes vollkommen. Die beiden weggelassenen Buchstaben machen aus ihm etwas ganz und gar anderes, nicht was den sachlichen Inhalt angeht, den der Satz ausdrückt, sondern in bezug auf seine Musik. Und die Musik, und zwar ganz besonders die Musik der Prosa, ist eines der wenigen wahrhaft magischen, wahrhaft zauberischen Mittel, über welche auch heute noch die Dichtung verfügt. Diese winzigen Silben, hinzugefügt oder weggelassen, nötigenfalls unterstützt durch die Interpunktion, haben eine rein dichterische, vielmehr eine rein musikalische Funktion und Bedeutung. [. . .]

Und nun, wenn Sie mir bis hierher freundlich gefolgt sind; folgen Sie mir noch einen kleinen Schritt weiter. Stellen Sie sich bitte einen Augenblick lang vor, Sie wären Korrektor nicht in einer Druckerei für Literatur, sondern in einer Notendruckerei für musikalische Werke. Als Vorlage für den Druck hätten Sie irgend eine Partitur, einen Klavierauszug oder sonst ein Werk, sei es in der Handschrift des Komponisten, sei es in einem älteren Druck. Als Mitarbeiter hätten Sie den Notenstecher, und mit ihm gemeinsam hätten Sie als Wegweiser und Richtschnur einen musikalischen Duden, das Buch eines musikalischen Schullehrers also, das über die Gesetze und Mittel des musikalischen Ausdrucks, soweit er sich in Notenbildern wiedergeben läßt, Bescheid gibt, dessen Autor ein guter Kenner der musikalischen Sprache, jedoch kein Schöpfer und vielleicht auch kein wirklicher Freund und Versteher der musikalischen Meister ist. Sein Buch hätte die Aufgabe, Leuten als Berater zu dienen, welche Musik schreiben wollen, ohne die Gesetze, Gewohnheiten und Handwerksregeln dieser Tätigkeit ganz zu beherrschen. Das Fatale an diesem wohlgemeinten und sehr nützlichen Buche wäre nur, daß es in einem an Gehorsam gewöhnten Volk durch staatliche Autorität als unbedingt maßgebend eingeführt wäre.

Mit Ihrem nach seinem Musik-Duden gedrillten Notenstecher würden Sie nun also den Druck eines Notenwerkes beginnen. Sie würden verfahren, wie Sie beim Korrigieren einer Roman-Korrektur zu verfahren gelernt haben. Sie würden also im großen ganzen auf treue Wiedergabe der Vorlage, zugleich aber doch auf eine gewisse Beaufsichtigung und Normierung der Notenschrift bedacht sein.
Sie würden sich zum Beispiel niemals erlauben, einen ganzen Takt wegzulassen, wohl aber da und dort eine Viertel oder Achtel- oder Sechzehntelnote, oder Sie würden wenigstens da und dort, wo der Komponist Ihnen zu willkürlich vom Schema abzuweichen scheint, aus zwei Achteln ein Viertel machen, ein passend scheinendes Accelerando-Zeichen einfügen, ein unpassend scheinendes weglassen. Es wären lauter winzig kleine, von Duden erlaubte, ja gebotene Eingriffe, aber sie würden das Musikstück ganz erheblich vergewaltigen. Und in zehn oder zwanzig Jahren würde ein anderer Notendrucker dieses Stück nach Ihrer Version wieder neu abdrucken, vom Setzer wieder mit neuen, winzigen Eingriffen nach einem neuesten, revidierten Duden versehen. Dann würde eine dritte, vierte, zehnte. Neuausgabe dieses Musikstückes ungefähr so aussehen, wie ein großer Teil der wohlfeilen Klassikerausgaben unsrer Dichter in der Zeit vor der Wiederentdeckung des Verleger- und Herausgeber-Gewissens ausgesehen hat.

Ich erschrecke, Verehrter, über den Umfang; den das Briefchen, das ich Ihnen hätte schreiben wollen; mir Linier den Händen angenommen hat. Je älter ich werde, desto schwerer fällt mir das Schreiben, und je schwerer das Schreiben mir fällt, desto mehr Atem und Raum brauche ich, um über die unendlichen Möglichkeiten zu Mißverständnissen hinweg dennoch etwas wie Eindeutigkeit und Gültigkeit des Geschriebenen zu erreichen. Aber vielleicht war es nicht vergeblich; vielleicht träumen Sie nun des Nachts einmal von weggestrichenen Buchstaben, so wie ein Feldherr vielleicht gelegentlich einmal von gefallenen Soldaten träumt. Sie tun ihm dann vielleicht plötzlich leid, und vielleicht fragt er sich, ob ihr Opfer eigentlich wirklich unvermeidbar war.

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Walter Lachenmann
27.02.2002 15.35
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Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Der Eine hat eine falsche Rechtschreibung und der Andere eine rechte Falschschreibung.
(Georg Christoph Lichtenberg, 1742-1799)

Von demselben stammt auch der Satz:
»Es gibt eine wahre und eine förmliche Orthographie«,
aber was ist damit wohl gemeint?
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Walter Lachenmann

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Reinhard Markner
18.02.2002 18.36
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Bitte an Journalisten

„Buchstaben sind ja keine Laute, sondern Schriftzeichen, und es ist also gut, wenn man auf den ersten Blick erkennt, was das Zeichen bedeutet [. . .]" -- „Man kann es unsern periodischen Schriftstellern nicht oft genug zurufen : Gebt uns doch neue Ideen, und keine neue Orthographie !“

„Ueber die Orthographie in der Berliner Monaths-Schrift. Aus einem Briefe“, in : Litteratur- und Theater-Zeitung (Berlin) Bd. 3/1784, S. 58-60

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Reinhard Markner
31.12.2001 13.58
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Wider den Tollpatsch

»Wenn die Abstammung die Schreibart bestimmen soll, so kann es 1. nur die nächste, 2. die erweislich wahre, und 3. die allgemein bekannte thun, weil nur diese die allgemeine Verständlichkeit, die vornehmste Absicht der Sprache, befördern kann. [. . .] Unverzeihlich aber sind alle im Schreiben vorgenommenen Veränderungen, wenn sie sich auf sehr entfernte, ungewisse oder gar willkührliche und unbegründete Ableitungen stützen, wie ämsig für emsig von Ameise usw.«

Adelung : Deutsche Sprachlehre für die Schulen, 3. Aufl. 1795

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Reinhard Markner
26.12.2001 09.32
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Wilhelm Raabe, Das Horn von Wanza. Eine Erzählung, 1881

Der Neffe Grünhage fuhr mit dem seltsamen Wunsche des Greises heraus; aber die Tante Sophie zuckte weder die Achseln, wie er doch ein wenig erwartet hatte, noch lachte sie gar oder sagte wenigstens: das sieht dem alten Kinde ähnlich. Sie sagte einfach und ruhig:

»Das mußte er freilich auf dem Rathause und bei den Stadtverordneten anbringen. Dazu kann er leider die Erlaubnis nicht bei mir sich holen. Ja, das ist wahrhaftig ein Wunsch, den er noch auf dem Herzen haben konnte; und was mich anbetrifft, so tute ich da wahrlich mit ihm in ein Horn.«

»Ich habe auf dem Rathause nicht über den Meister Marten gelacht oder nur gelächelt; aber du wirst mir zugeben, liebe Tante -«

»Gar nichts gebe ich dir zu; und zu bedanken habe ich mich auch nicht, weil du so gut gewesen bist, über meinen besten Freund und den verständigsten Menschen in Wanza dich nicht zu mokieren.«

»Liebste, beste Tante, ich versichere --«

»Da sehe ich ihn stehen vor den beiden jungen neumodischen, gelehrten, ästhetischen Herren, wie er nicht mit der Sprache herauskam und doch so vieles für sich zu sagen hätte. Kind, Kind, ich will euch gewiß nicht das Recht nehmen, in den Tagen zu leben, wie sie jetzt sind, und auf sie zu schwören; aber manchmal meine ich doch, ein wenig mehr Rücksicht auf das Alte könntet ihr auch nehmen. Ich bin nur ein ungelehrtes altes Weib, wenn ich auch überflüssige Zeit gehabt habe, mich mit vielen Dingen zu beschäftigen, an die sonst wir Frauen nicht denken; -- eines habe ich jedenfalls gelernt, nämlich mit jedem Menschen möglichst aus seinem Verständnis heraus zu sprechen; und das will ich auch mit dir tun, mein lieber Sohn. Du bist ein Schulmeister oder willst einer werden und kommst mir also hier grade recht. Mit dem Dorsten ist in keiner Weise bei solchen Fragen etwas anzufangen, dem hilft höchstens nur noch eine gute, verständige Frau für sein eigen Leben in der Welt; und wer weiß, vielleicht wäre nach dem, was du mir von ihr erzählt hast, deine Schwester Käthe so 'ne Frau für ihn. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, sondern von Martens Wanzaer Tuthorn, das ein hochweiser Magistrat aus ästhetischen Gründen nicht mehr anhören konnte und gradeso für uns altes Volk den Naseweis spielte wie zum Exempel ihr Schulmeister jetzo mit der deutschen Muttersprache. Da lese ich fast alle Woche einmal davon in den Blättern, wie die in Orthographie oder Rechtschreibung, oder wie ihr es nennt, verbessert werden muß; und in Potsdam haben sie sogar einen Verein gebildet, der die i-Tüpfel abschaffen will. Lehren schreibt ihr ja jetzt wohl ohne h und Liebe ohne e und tut euch auf den Fortschritt, wie der Bürgermeister sagt, riesig was zugute. Ja freilich, Riesen seid ihr; aber ein paar in der alten Weise gedruckte Bände von Schiller und Goethe werdet ihr doch übriglassen müssen, und in denen lesen wir Alten dann weiter. Es ist mir lieb, daß du nicht lachst, mein Junge. Wenn ich auch nur ein ungelehrtes Frauenzimmer bin, so habe ich in meinem Leben Zeit gehabt, über allerhand Sachen nachzudenken, und dein verstorbener Onkel mit seinem ewigen Hohn und Lachen über unsere einheimischen Dummheiten ist mir auch ein guter Lehrmeister gewesen. Es mag an andern Orten vielleicht besser sein, aber hier in Wanza ist jedesmal, wenn von Geschmackssachen die Rede gewesen ist, grade das Gegenteil herausgekommen und die Welt nur noch ein bißchen nüchterner geworden. Das Nachtwächterhorn hatte aber nicht bloß hier in Wanza, sondern in jedwedem Orte in Deutschland einen guten, treuherzigen Klang. Dafür haben sie nun dem Marten Marten eine schrille Pfeife eingehändigt, um darauf seinen Kummer und die Stunden auszupfeifen. Freilich, freilich, viel richtiger und ästhetischer ist das und mit eurer neuen Orthographie und deutschen Sprachverbesserung ganz im Einklang. Ich bin nur eine alte Frau und kann mich also täuschen; aber -- Kind, Kind, scheinen tut es mir doch so, als ob die Welt von Tag zu Tag schriller würde und ihr es gar nicht abwarten könntet, bis ihr sie auf dem Markt, in den Straßen und auf dem Papier am schrillsten gemacht habt. Bist du wirklich schon satt, Bernhard?«

Er war gesättigt! Diesem jungen Philologen und angehenden deutschen Schulmeister war gottlob fürs erste der Appetit gestillt, und zwar nicht allein durch den über alles Lob erhabenen Wanzaer Kalbsbraten nebst Zubehör, den ihm seine Tante Grünhage vorgesetzt hatte. O, sie war wahrlich eine Musikantentochter, die Tante Sophie, und hatte auch die Tafelmusik nicht fehlen lassen.

Viel erregter, als das der Verdauung zuträglich sein soll, sprang der junge Gast vom Stuhle auf und rief in heller Begeisterung:

»Ich gebe dir nochmals mein Wort, Tante Sophie, ich habe nicht über den Meister Marten und seinen Herzenswunsch gelacht, und Dorsten hat's eigentlich auch nicht zustande gebracht. Im Gegenteil! -- Und du hast mir aus der Seele gesprochen! Ja, die Welt wird schriller von Tag zu Tag. Das Horn des Meisters Marten Marten haben sie abgeschafft, weil es ihnen viel zu sonor durch die Nacht klang, und aus der deutschen Sprache streichen sie nicht nur hier und da das h oder sonst einen Konsonanten, nein, am liebsten rissen sie ihr jeglichen Vokal aus dem Leibe, um nur den durcheinanderklappernden Klempnerladen, wozu sie doch schon Anlage genug hat, aus ihr fertigzumachen. Wie Johann Balhorn und nach ihm der Kandidat Jobs verbessern sie das Abc-Buch, indem sie dem biedern, ehrlichen Hahn davor die Sporen nehmen, aber ihm ein Nest mit einem von ihren faulen Eiern unter den Schwanz schieben. Und die heutigen Ohnewitzer scheinen sich das wirklich gefallen zu lassen.«

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