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Forum > Beispielsammlung über Sinn und Unsinn
Schulbücher
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Theodor Ickler
27.07.2003 06.42
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Verstehen und Gestalten (Oldenbourg)

Verstehen und Gestalten 10 für Gymnasien, Bayern. Hg. von Dieter Mayer und Gerhard Schoebe. Oldenbourg 1996. „1., die Rechtschreibreform berücksichtigende Auflage“
auseinandersetzen (18, 46, 50, 145)
spazierengehen (26)
im übrigen (43)
zuviel (47)
kennenlernen (51, 118, 153; aber auch getrennt: 66)
andersdenkende Jugendliche (53)
schwärzlichgrau (69)
sogenannte (nur so)
bankrott gehen (75)
reis-serisch (184)
Grösse (190)
langgesprochene – lang gesprochene (193 im Abstand von 6 Zeilen)
Freitag Nachmittag (197)
gleichlautende (196, 213)
Soll die Schreibung des Deutschen frei gegeben werden? (203)
außenstehende (220)
aufeinanderfolgende (222)

Kommas sind willkürlich getilgt:
dass Jugendliche lernen mit Gewalttaten richtig umzugehen (62)
Um die Brotkrümel auf dem Teller nicht sehen zu müssen macht die Frau das Licht aus. (129)
so wichtig ist andererseits Feingefühl es mit dem Begehren nach Kostensenkung nicht zu übertreiben (186)
Die Neuregelung strebt an die Rechtschreibung zu vereinfachen (225)
Das Komma als drittes Satzzeichen fehlt regelmäßig:
„Was fällt euch denn ein?“ schrie ich sie an. (17)
Auch nach hinweisendem Wort fehlt das neue obligatorische Komma manchmal:
dass sie sich etwas darauf einbilden diese zu besuchen (151)
Manchmal ist es am besten zu schweigen. (190)

Literarische Texte (Thomas Mann usw.) sind auf Neuschreibung umgestellt, z. B.: tat er ihr Leid (W. Borchert, S. 112)

Im Kapitel „Rechtschreibung“ werden als „jüngste“ Reformvorschlage die von 1994 vorgestellt: Apoteke, Rytmus usw. – Ungeklärt bleibt das Verhältnis zur tatsächlich angewandten Reform von 1996, deren Grundzüge im Anhang dargestellt werden. (Dort wird übrigens Sauerstoffflasche als Neuschreibung vorgestellt und außerdem die „neue Schreibweise der Konjunktion dass“ gelehrt – offenbar war den Verfassern die Reform noch nicht wirklich vertraut.) S. 194 wird die Legende von den 212 Rechtschreibregeln des Duden wiederholt. Zweimal wird der Rat gegeben, bei schwierigen Rechtschreibfällen eine andere Formulierung zu wählen. (195, 213) Das Unwürdige solcher Vermeidungsschreibungen wird offenbar gar nicht gesehen. Das paßt zur Gesinnung des Herausgebers Schoebe, der ja seine Kritik an der Neuregelung mit den Worten abschloß: „Ich werde der Norm folgen, weil sie die Norm ist.“

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Th. Ickler

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margel
14.04.2003 12.24
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Das ist der Fluch der Didaktik, die sich von einer dienenden Disziplin längst zu Hauptsache selbst entwickelt hat.
Didaktisch kann man alles begründen, womit man die Schülergehirne belästigt. Etwas vulgär könnte man auch sagen: Sie treibt es mit jedem.
Zur Lektüre sehr zu empfehlen: M.Gronemeyer, Lernen mit beschränkter Haftung/Über das Scheitern der Schule

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s.stirnemann
14.04.2003 09.03
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Gottfried Keller und das Verlangen

Keller war natürlich in allem möglichen befangen: wie wir heute es sind. Abgesehen davon war er, wie echte Dichter sind, vollkommen frei und unbefangen. Judith, von Theo Ickler erwähnt, ist ein schönes Beispiel. Ein anderes: Die „herrlich gewachsene“ Nonne Beatrix in der Legende „Die Jungfrau und die Nonne“, welche aus Verlangen das Kloster verläßt. Sie hat lange ihren Dienst als Küsterin getan, aber immer auch „das Horn der Jäger aus den Wäldern und den hellen Ruf der Männer“ gehört.

„Als sie ihr Verlangen nicht länger bezwingen konnte, stand sie in einer mondhellen Juninacht auf, bekleidete sich mit neuen starken Schuhen und trat vor den Altar, zum Wandern gerüstet. `Ich habe dir nun manches Jahr treu gedient,` sagte sie zur Jungfrau Maria,`aber jetzt nimm du die Schlüssel zu dir, denn ich vermag die Glut in meinem Herzen nicht länger zu ertragen.` Hierauf legte sie ihren Schlüsselbund auf den Altar und ging aus dem Kloster hinaus.“

Beatrix läßt sich vom Ritter Wonnebold aufs Pferd heben und mitnehmen: „So ruhte denn Beatrix mit ihm und stillte ihr Verlangen.“

Die Fußnote, welche Theo Ickler zitiert, ist also vollkommener Nonsens. Allerdings findet man solche Bemerkungen unabhängig von guter und schlechter Orthographie. Sie sind typisch für die Schule: Man muß etwas vermitteln, ohne daß man einen wirklichen Zugang und Interesse hätte, und behilft sich mit Trivialitäten. In der Mathematik läßt man Rechnungen rechnen, und die Schüler machen es, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun. Im Sprachunterricht gibt man die Regeln der Schulgrammatik weiter, im Literaturunterricht die Allgemeinplätze der zeitgenössischen guten Gesinnung. Im Geschichtsunterricht erzählt man nach, was man irgendwo notdürftig gelesen hat usf. Und immer sitzen die Schüler da und nehmen hin, was man ihnen gibt: es ist ja alles nicht relevant, abgesehen davon, daß man sich mit den Dingen Noten holen kann.
Und die Orthographie? Die neue Orthographie ist auch ein typisches Produkt der Schule. Besonders beteiligt daran ist, leider, die Zürcher Linguistik, deren Exponenten Sprachen bestenfalls aus öden Schulbüchern kennen und, angeödet vom öden Umgang mit öden Regeln, ein Gegengift suchten und das gefunden haben, was ihnen zu finden möglich war. Prof. Hans Glinz hat einmal als seine Maxime den Satz des Sokrates bezeichnet: „Ich weiß, daß ich nichts weiß“, welchen er, wer weiß warum, noch ins Lateinische übersetzen wollte: „Scio, ut nescio.“ Das ist ein Zeichen echter Dummheit: Nicht die, allerdings harten, Lateinfehler, sondern die Haltung, in der man jeden Einfall sogleich für druckreif hält und gar nicht auf die Idee kommt, die Probleme in Ruhe zu überlegen oder jemandem vorzulegen, der etwas von der Sache versteht. Glinz hat die Reform als „kleine Reform der Vernunft“ bezeichnet.
Und der schlechte Lehrer unterrichtet diese vernünftige neue Orthografie. Er findet es wichtig, daß Schüler, die kurz vor der Matura stehen, noch lernen, daß man nun in Briefen „du“ schreibt. Er findet es schön, systematisch und einfach, „ich habe Recht“ zu schreiben, und in absehbarer Zeit wird er es schön, systematisch und einfach finden, wieder „ich habe recht“ zu schreiben. Er findet es in Ordnung, daß man seit 1996 in tausend Fällen wieder zu den herkömmlichen Schreibweisen zurückgekehrt ist. Er bringt Akzeptanz dafür auf, daß Leute, die sich als Sprachwissenschaftler bezeichnen, unsinnige Ansichten über Wortbildung verbreiten, Schulmeister-Eselsbrücken vom Kaliber der ig/isch/lich-Regel. Er nimmt hin, was man ihm gibt, und gibt es weiter.
Warum?
Weil man so nichts denken muß. Weil man keinen eigenen Standpunkt haben muß. Weil man nicht selbständig sein muß.
Es kostet ja Zeit, Gottfried Keller zu lesen. Also nimmt man eine miserable Schulausgabe, die vollgestopft ist mit albernen Randglossen; Hauptsache, die Schulstunde geht vorbei.

Die neue Orthographie ist der Versuch, diese Atmosphäre der Schul-Öde auf die ganze Kultur auszuweiten. Wenn es gelingt, dann gute Nacht.

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stefan stirnemann
Tigerbergstr.10
9000 St. Gallen

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margel
10.04.2003 10.18
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Keller konnte kein Deutsch. Die Kretins, die sich Bearbeiter
nennen, haben seine Prosa endlich auf Vordermann gebracht.
Von Frauen und Erotik verstand er auch nichts (1.Fassung des „Grünen Heinrich“/Gritli ind den „Mißbrauchten Liebesbriefen“
u.v.a.). Die Kindsverderber, die man auf die wehrlosen Schüler losläßt, zeigen ihm mal, wo der Hammer hängt.
Und darum: Räuber und Mörder!
Wo bleibt das Jugendschutzgesetz?

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Theodor Ickler
10.04.2003 07.10
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Heiß

Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden und heißen Verlangen¹ ... .[S. 87]
Fußnote:
"¹ Keller ist hier noch ganz in den Rollenvorstellungen seiner Zeit befangen. Das Mädchen muss zurückhaltend, passiv sein, darf sein Verlangen nicht zeigen; der Mann hat die aktive Rolle.“

Könnte es sein, daß die beiden Herausgeber Keller mit Vrenchen verwechseln? Die sexuell „aktive“ Frau hat Keller durchaus zu gestalten gewußt (Judith), und sogar die Novelle ist erotischer als alles, was heute an direkt-vulgärem Zeugs produziert wird. Wie verdorben muß man sein, um die Kellersche Verherrlichung der Leidenschaft, die alle Konventionen sprengt, so zu verkennen?
__________________
Th. Ickler

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Sigmar Salzburg
10.04.2003 06.32
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Reihe: EINFACH DEUTSCH

Gottfried Keller
Romeo und Julia auf dem Dorfe
Verlag Ferdinand Schöningh 1999
Dieses Werk folgt der reformierten Rechtschreibung und Zeichensetzung ...."

Veränderungen des Textes gegenüber herkömmlicher Schreibung
nach der Grundlage von: http://gutenberg.spiegel.de/keller/seldwyla/romeo/romeo.htm
Nicht geprüft wurde, ob die „neue“ Rechtschreibung korrekt angewendet ist.

Herkömmliche Schreibweisen beibehalten:
Stengel, Tolpatsch, eine Handvoll Rüben, es sein eigen zu wissen

Veränderungen durch die „neue“ Rechtschreibung:
...
3. Großschreibung:
Beispiele:
Doch war sein Vater Manz nun der Erste von den beiden Feinden, ...
... und nichts Besseres wusste, dort eine Tracht Kartoffeln oder Kraut, und das Übrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen,
Aber statt sich zu antworten, fragten sie das Gleiche aufs Neue ...
(S. 42)
Aber nimm dich doch in Acht, Kind,
wenn das Wetter nur im Mindesten lieblich war
weil er ... das jugendliche Bedürfnis fühlte, im Ganzen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein.

und entließen sie auf das Wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens,
(S. 67)
dieser grüßte sie aber auf das Freundlichste
(S. 79) (s.a. §58 Regelwerk)

Die einzige Großschreibung in der Vorlage
... alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen Jahren wieder mit Glück
wird durch ständiges Aufblasen von unwichtigem „zum erstenmal“ u.ä. inflationiert: zum ersten Mal

„Morgen Abend muss ich also aus diesem Hause fort“

„Wie Recht hast du, dass du schon jetzt und hierher kommst!
„Du hast Recht, du würdest meinen ganzen Staat verderben ...


4. Kleinschreibung:
(Zitat damaliger [!] Tür- und Pfefferkuchensprüche)
Tritt in mein Haus, o Liebste!
Doch sei dir unverhehlt:
Drin wird allein nach Küssen
Gerechnet und gezählt.
...
Hab alles wohl erwogen:
In dir nur lebt mein Glück!
....
Wenn du dies Herz gegessen, vergiss dies Sprüchlein nicht:
Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht!


5. Trennschreibe:

An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weit_gedehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohl_bebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält, und über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige lange Äcker weit_hingestreckt gleich drei riesigen Bändern nebeneinander.

... und verkündeten auf den ersten Blick den sichern, gut_besorgten Bauersmann.

Es kam eine Ernte um die andere_ und jede sah die Kinder größer und schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen breit_gewordenen Nachbaren

von dem wohl_gekleideten und scheinbar glücklicheren Sali
und Sali sah in dies ihm so wohl_bekannte und doch so viel anders und schöner gewordene Gesicht. (S.35)
geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters_ ihn abzuschütteln, und
... und er fühlte sich so reich und wohl_geborgen wie ein Königssohn.
das ländliche, aber glänzende und wohl_bestellte Büffet
das wohl_geputzte Paar,
und erinnerten sich, wie wohl_gepflegte Kinderchen sie gewesen

... sodass dieses einige Paar nun auch einem Sternenbilde glich, welches über die sonnige Rundung der Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sicher_gehenden Pflugzüge ihrer Väter.

Es hatte nur ein einfaches Kleid an von blau_gefärbter Leinwand,
Rock von kirschrotem weiß_getüpfeltem Kattun
... und lag hoch_aufatmend an seinem Halse.
... er hob sie auf die hoch_gebettete weiche und duftende Ladung

Was aber zu_viel ist, ist zu_viel


6. Kommas:
ca. 65 hilfreiche Kommas weggelassen, davon 10 vor „und“, 34 vor „um ... zu“
ca. 44 nutzlose Kommas hinzugefügt, Typ: „Sieh mal!“, rief er
Beispiele:

Ich habe mich aber bedankt_das verwilderte Wesen für einen andern herzustellen_und sagte ...[S.8]
„Da könnte man eine schöne Geschichte anrichten!“, antwortete Manz, „wir haben so genug zu tun_diesem Geiger das Heimatsrecht in unserer Gemeinde abzustreiten, ...
[S.9]
Hiemit war die Mahlzeit und das Zwiegespräch der Bauern geendet, und sie erhoben sich_den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu vollbringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan entworfen hatten_mit den Vätern nach Hause zu ziehen, zogen ihr Fuhrwerk ...
[S.10]
Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildnis einige Zeit hingewandert, Hand in Hand, und sich daran belustigt_die verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen ...
[S.10]
Der Knabe mochte es aber immer noch für ein totes Wissen halten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot_den Kopf von der Kleie zu entleeren.
[S. 12]
So machten sie ein Grab und legten den Kopf_ohne die gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen_hinein und errichteten über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen.
[S. 12]
und er begnügte sich_für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu tun.
[S. 14, Zäsur intuitiv hinter „heute"]
Die meisten Menschen sind fähig oder bereit_ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn ...
[S. 15]
Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstbuben, ein Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hinaus_um das wilde Unkraut und Gestrüpp auszureuten und auf Haufen zu bringen
[S. 17]
Es machte ein Feuer_um das letzte Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß...
[S. 53]
... wenn sie in eine Amtsstube oder Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel, vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie_dieselbe säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo es erst dem kleinsten Söhnchen gestattet ist, sie zugrunde zu richten.
[S. 64]
Sie ließen es geschehen_ohne ein Wort zu sagen_und betrachteten es als einen Spaß, während es sie doch kalt und heiß durchschauerte.
[S. 85]

7. Ideologie

Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden und heißen Verlangen¹ ... .[S. 87]
Fußnote:
¹ Keller ist hier noch ganz in den Rollenvorstellungen seiner Zeit befangen. Das Mädchen muss zurückhaltend, passiv sein, darf sein Verlangen nicht zeigen; der Mann hat die aktive Rolle.

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Sigmar Salzburg

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Theodor Ickler
11.11.2002 13.44
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Diesterweg

ZAUBERLEHRLING 4: Richtig schreiben (v. Ute Steinleitner)

zwei, die zusammen gehören

Auf einer besonderen Seite wird gelehrt, daß man Wörter wie blühen ganz deutlich sprechen soll, damit man das „silbentrennende h“ hört. In Wirklichkeit wird aber dieses h auch bei deutlichster Aussprache gar nicht gesprochen. Das glauben bloß einige Grundschullehrer und manche ELtern.

Später wird den Schülern eingebleut, daß die Briefanrede klein geschrieben werden muß. Die Kinder erfahren nicht, daß der Bundeskanzler weiter hin groß schreibt, um seine Adressaten nicht vor den Kopf zu stoßen.
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Th. Ickler

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Matthias Dräger
05.06.2001 20.17
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Reform-Barbarismen im deutschen Lesebuch

Aus dem Nachrichtenarchiv hier ein Beitrag von Prof. Heinz-Günter Schmitz (vom 16. März 2001):

Die sogenannte Rechtschreibreform erweist sich in einem immer noch zunehmenden Maße als der von ihren Kritikern vorhergesehene große Missstand, als schwere Hypothek für die deutsche Sprachkultur. Dies zeigt sich mittlerweile unübersehbar im öffentlichen Sprachgebrauch, wo die „Neuregelung“ wegen ihrer bekannten Schwächen und Sinnwidrigkeiten entweder gar nicht oder nur in Teilen (und dazu noch in jeweils anderen Teilen) akzeptiert wird, so daß es zu einem  verwirrenden Nebeneinander und Vermischen der verschiedenen Schreibweisen gekommen ist. Höchst bedenklich ist die Entwicklung aber gerade auch auch in jenem Bereich, in dem die Reform zuerst – per Verordnung – eingeführt worden war: in der Schule. Über die Schule sollte sich die Neuschreibung  nach dem Willen ihrer Betreiber auch in der Allgemeinheit durchsetzen; nun wirkt sich umgekehrt das allgemeine Durcheinander nachteilig auch auf die Schule aus, erschwert das Erlernen und das Unterrichten der neuen Regeln und führt zu mehr Fehlern, auch solchen, die vorher kaum vorkamen. Zu dieser – im Vergleich zu früher – sehr viel ungünstigeren Lernsituation im Orthographieunterricht tragen nun aber auch noch die  Lehrwerke ganz erheblich bei:  Zum einen werden außer den Lehrbüchern und Textausgaben in „reformierter Rechtschreibung“  auch noch viele andere in der bisherigen Schreibung benutzt, wobei die letzteren an den meisten Schulen noch überwiegen. Zum andern aber – und das ist schwerwiegender – sind auch die ersteren keineswegs konsequent und einheitlich auf die Reformorthographie umgestellt.

   Dies zeigt sich besonders an den neuen Lesebüchern. So begegnen etwa -  und dieses Beispiel ist durchaus repräsentativ! – im Lesewerk „Tandem 9“  zwar alle älteren und daneben viele neuere Autoren wie u. a. Kafka, Döblin, Kästner, Peter Weiss, Rose Ausländer, Kunert in reformierter Rechtschreibung (ganz im Gegensatz zu den im Buchhandel greifbaren Texten dieser Autoren!). Zugleich aber findet man viele andere neuere Autoren wie u. a. von Horváth, Tucholsky, Brecht, Benn, Hesse, Frisch, Thomas Mann  in der bisherigen Schreibung, weil hier die jeweiligen Rechteinhaber der Umstellung nicht zugestimmt haben. Wenn – wie bei v. Horváth und Th. Mann – längere Prosaauszüge durch zusammenfassende Zwischentexte unterbrochen sind, stehen diese wieder in neuer Schreibung. Dieses ständige Wechselnmüssen zwischen den Orthographien hat selbst die Schulbuchredaktionen überfordert: Nicht selten finden sich daher beide Schreibweisen in ein und demselben Text in bunter Mischung, so z. B. in „Lesart 9“ u. a. bei Born, Bernhard, Botho Strauß oder Brecht.

   Betrachtet man nun einmal etwas genauer die orthographisch veränderten Texte in einigen Lesebüchern, so führen sie die vielbeklagte Rückschrittlichkeit und Widersinnigkeit der Reform wieder einmal klar vor Augen. Dies gilt insbesondere für die neuen Getrenntschreibungen, die dem Prozeß der Kompositabildung, der für die neuere deutsche Sprachgeschichte so kennzeichnend ist und den die bisherige Orthographie weitgehend nachvollzogen hatte, entgegengerichtet sind, ihn jedenfalls nicht mehr abbilden. Dies kann in manchen Fällen zu Verständnisproblemen führen, wie in dem Mörikegedicht „Er ist’s“, wenn nun nicht mehr  wohlbekannte Düfte (wie schon Mörike selbst wohlweislich schrieb), sondern wohl bekannte Düfte das Land streifen (Das lesende Klassenzimmer 6).

   Die Eindeutigkeit ist auch beeinträchtigt, wenn in Engelkes Lokomotivengedicht das lang gestreckte (statt langgestreckte) Eisen-Biest nun lang geduckt (statt langgeduckt) zum Sprunge liegt (Das lesende Klassenzimmer 7) oder  wenn es bei Kafka nun heißt, der Kaiser habe sich die Botschaft ins Ohr wieder sagen (statt wiedersagen) lassen (Lesebuch 10). Aber auch wenn das rein sachliche Verständnis durch den Kontext gewährleistet ist, ergeben sich durch die entsprechenden Eingriffe leichtere Bedeutungsverschiebungen (vor allem im konnotativen Bereich), die mit der – durch die Getrenntschreibung hervorgerufenen – Änderung von Wortbetonung und Satzmelodie in Zusammenhang stehen. So liest man z. B. – wohlgemerkt nur im Lesebuch, nirgendwo sonst in den betreffenden Werkausgaben -  bei Ebner-Eschenbach: Licht suchende statt lichtsuchende Äste, bei Böll: Bier trinkende statt biertrinkende Packer,  bei Brecht: das viel besungene statt das vielbesungene Byzanz oder – wiederum bei dem so überaus sprachbewußten Kafka – schwer wiegende statt schwerwiegende Entschlüsse und groß angelegte statt großangelegte Überlegungen (Deutschstunden 10 bzw. Das lesende Klassenzimmer 8). In einem kurzen Auszug aus der „Absonderung“ von Georges-Arthur Goldschmidt werden zahlreiche Partizialkomposita, die der große Stilist, Kenner und Liebhaber der deutschen Sprache mit Bedacht gewählt hat und die die Prosodie seiner Prosa deutlich bestimmen, kurzerhand  wieder zerschlagen: es heißt nun: mit wund gescheuerten (statt wundgescheuerten) Knien, übereinander stehende (statt übereinanderstehende) Fenster, am riesigen rot flammenden (statt rotflammenden) Horizont, braun umrandete (statt braunumrandete) Andachtsbilder, die Finger ... aneinander gepresst statt aneinandergepreßt hinzuhalten (Lesart 10).

    Man ermißt an diesen  Beispielen, was die Reform mit solchen Änderungen, die man nach der traditionellen Stillehre durchaus zu den Barbarismen zählen könnte, gerade literarisch anspruchsvollen Texten antut und weshalb gerade die Dichter sie so heftig ablehnen.

   Die Beispiele für die unsäglichen neuen Getrenntschreibungen, die sich ja auch im größten Teil der Presse tagtäglich finden (und das Sprachgefühl der meisten Autoren und Leser verletzen) lassen sich leicht vermehren. So liest man u. a.: Das hätte ... schief gehen ... können; der es fertig brachte; den Text ... auseinander nahm; das öffentliche Leben ... lahm gelegt; Wie viel bei Böll, eine Zeit lang bei Heißenbüttel, Acht geben, den Mund offen stehen lassen bei M.-L. Kaschnitz,  tief liegende Augen bei Schlesinger, fertig gestellte Wohnungen  bei Chr. Hein, Leid tun (in der Form es tut Leid) bei Goldschmidt und Ebner-Eschenbach; stehen bleiben bei Lenz , Strauß, Kunert  usw. usf – alles natürlich im Gegensatz zu den Originalfassungen! (vgl. die schon angeführten Lesebücher, außerdem: Deutschbuch 9).

    Aber auch die anderen, ebenso unsinnigen oder überflüssigen Änderungen der Reform sind  natürlich allenthalben  in den Texten der genannten Lesebücher zu finden, wie neben vielen anderen Beispielen: irgendjemand (für irgend jemand), überschwänglich, Nein sagen, gräulich, rau ohne h, wobei diese letztere, ganz besondere Marotte der Reformer sogar dazu geführt hat, daß Allerleirauh jetzt Allerleirau  heißen und einen Mantel von Rauwerk  tragen muß (Deutschstunden 5).

   Ein besonders ärgerlicher Reform-Barbarismus in vielen neuen Lesebüchern ist aber auch die Preisgabe der von den Autoren verwendeten Zeichensetzung: Von den neuen Freiheiten in der Kommasetzung -  von denen man außerhalb der Schule aus guten Gründen nichts wissen will – wird ausgiebig Gebrauch gemacht, was das Leseverstehen – gerade bei Schülern – nicht unerheblich erschwert. So hat man z. B.aus Brechts kurzer Erzählung „Die unwürdige Greisin“ nicht weniger als 13 Kommas, aus Robert Walsers einseitiger Geschichte „Der Beruf“ 10, aus Bölls bekannter Kurzgeschichte „Es wird etwas geschehen“ sogar 23 Kommas herausgestrichen (Lesart  9, Lesebuch 10)! Vor allem der  in den Lesebüchern häufig vertretene Siegfried Lenz muß mit rigorosen Kommastreichungen – aber auch noch mit vielen anderen Verschlimmbesserungen seiner Texte  - dafür büßen, daß er die Reform als „kostspieligen Unsinn“ bezeichnet hat: in seiner Kurzerzählung „Die Nacht im Hotel“ fehlen gleich 18 Kommas! Auch in Hofmannsthals „Reiselied“ war die  Kommaersparungswut der Schulbuchredaktionen sehr erfolgreich: in der vierzeiligen Anfangsstrophe konnten gleich drei von den vier Kommas eingespart werden!

   Ziehen wir ein kurzes Fazit, so ergibt sich sich folgendes: Die Reform-Lesebücher an den deutschen Schulen enthalten erstens Texte in der neuen Orthographie, die von der Öffentlichkeit entweder gar nicht oder doch nur in Teilen – mit mehr oder weniger großen Abstrichen – verwendet wird. Sie enthalten zugleich auch Texte in der bisherigen bewährten Orthographie, die zwar an den Schulen nicht mehr unterrichtet wird, aber in der Öffentlichkeit und in der Verlagsproduktion nach wie vor die Hauptrolle spielt. Sie enthalten drittens Texte, die eine bunte Mischung beider Orthographien bieten. Während das frühere deutsche Lesebuch – dies war immer ein nicht zu verachtender didaktischer Nebeneffekt der Lektüre – dem Schüler einen „natürlichen“ orthographischen Anschauungsunterricht bot, da ihm hier die zuvor gelernte, geübte und auch außerhalb der Schule überall gültige Rechtschreibung mit ihren immergleichen und so immer vertrauter werdenden Schriftbildern entgegentrat, kann das Reformlesebuch eben diese wichtige Hilfestellung nicht mehr leisten. Schlimmer noch! Da  es selbst das getreue Spiegelbild der allgemeinen orthographischen Verwirrung ist, trägt es nur zur orthographischen Verunsicherung der Schüler und damit auch wieder zur allgemeinen Verwirrung bei. Schließlich zeigte der Vergleich der orthographisch veränderten Lesebuchtexte mit ihren Originalfassungen wieder einmal, wie rückschrittlich, sprach- und sinnwidrig die Neuregelungen sind. Gerade die Betrachtung der Lesebücher macht deutlich, welchen wuchernden Schaden die selbsternannten skrupellosen Reformer der deutschen Sprachkultur zugefügt haben.


Heinz-Günter Schmitz
Germanistisches Seminar der Universität Kiel

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Walter Lachenmann
05.06.2001 15.59
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Preisgekrönt

Unter den »schönsten deutschen Büchern 2000« befindet sich u.a. »Neues ABC Buch« von Karl Philipp Moritz. Da es sich um ein für die Jugend bestimmtes Buch handelt, ist es in einer Variante der neuen Rechtschreibung gedruckt.

Der Verlag Antje Kunstmann ist ansonsten nach meiner Beobachtung gegenüber der neuen Rechtschreibung zurückhaltend. Jugendbücher in herkömmlicher Rechtschreibung sind angeblich im Buchhandel nicht mehr abzusetzen. Das sagen die Verleger von Jugendliteratur ihren Autoren, die dann entweder darauf verzichten können, weiterhin der Jugend ihre Geschichten zu erzählen, oder aber in den saueren Apfel beißen müssen.

Über den Einkauf der Bücher können die Buchhändler selbstverständlich nach eigenem Ermessen bestimmen. Aber sie meinen, sie dürften der Jugend fürderhin keine Bücher mehr in herkömmlicher Rechtschreibung zumuten. Weil die armen Opfer der Reformgegner darunter sehr leiden würden.

Nun könnte man ja sagen, Karl Philipp Moritz habe damals auch nicht in Duden-Orthographie geschrieben, so daß es auch eine Verfälschung gewesen wäre, ihn in unserer herkömmlichen Orthographie zu drucken.

Die mir vorliegende Seite aus dem Katalog enthält die Unterschrift: »Das offne Auge sieht in das Buch.«

Dürfte ein Kind so schreiben?

Das Buch ist übrigens optisch wirklich sehr schön.

Noch ein übrigens: übrigens hatte ich beim Blättern in den preisgekrönten Büchern den Eindruck, daß etwa ein Drittel bei der alten Rechtschreibung bleiben, darunter insbesondere wissenschaftliche Literatur (Medizin), aber auch die Verlage Suhrkamp, Hanser, Dumont und erfreulicherweise die Gutenberg-Gesellschaft in Mainz, deren Jahrbuch 2000 ebenfalls preisgekrönt wurde; einen vom Trennprogramm des Bürgermeisters der Stadt Mainz Jens Bügel hineingemogelten Trennfehler haben die Korrektoren leider übersehen: Buchdis-tribution.
Geht ja noch.
__________________
Walter Lachenmann

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Theodor Ickler
05.06.2001 14.14
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Wie Herr Denk schon vor längerer Zeit beobachtet hat, sind auch die klassischen „Hamburger Lesehefte“ auf Neuschreibung umgestellt und damit dem alsbaldigen Verfall preisgegeben. Außerdem wird natürlich der Text verfälscht. Zum Beispiel heißt es in Chamissos „Peter Schlemihl“ jetzt:
„Ich ließ nur einige Hand voll da liegen.“ (Chamisso benutzt das alte deutsche Wort „Handvoll“, aber das darf nicht länger sein!)
Aus der „behenden Erfindsamkeit“ wird eine „behände“. Das weckt ein wenig andere Vorstellungen, nämlich augstsche.
__________________
Th. Ickler

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